Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Beim Beginn der gegenwärtigen Epoche unseres Erdteiles, als die jetzt lebenden Arten, nach Bourguignats und Kefersteins Ansichten eben geschaffen waren, nach unserer Meinung sich schon zu ihrem noch heutigen Aussehen entwickelt hatten, war der Norden Afrikas eine zu Spanien gehörige Halbinsel; eine Meerenge von Gibraltar gab
es nicht, und das Mittelmeer hing mit dem Ozean durch die große Wüste zusammen, damals ein weites Meer. Zu dieser Zeit waren auch die Hochebenen von Algerien von großen salzigen Binnenseen eingenommen, welche nach und nach ausgetrocknet sind und ihr jetziges Aussehen angenommen haben. Während des allmählichen Austrocknens ging auch die Akklimatisation jener Uferschnecken vor sich. Daß diese tiefen Veränderungen des Aufenthaltsortes keine bedeutenden Umwandlungen im Nußeren der betreffenden Arten im Gefolge gehabt, während wir doch bei vielen Landschnecken sehr auffallende Varietätenbildungen nach der Verschiedenheit der Standorte treffen, ist merkwürdig. Es darf aber nicht übersehen werden, daß, wenn man die spanische Molluskenfauna mit der algerischen zusammenstellt, sich zwar eine fast vollständige Übereinstimmung findet, wodurch diese algerische Tierwelt als ein bloßer Anhang der spanischen erscheint und Spanien als das „Schöpfungszentrum“, dessen Strahlen einst auch über die „Halbinsel“ Algerien sich ausbreitete, daß aber, sagen wir, zahlreiche spanische Arten in Algerien nur durch sogenannte „analoge Arten“ vertreten sind. Verbindet man mit diesem Ausdrucke keinen weiteren Gedanken, als Bourguignat, nämlich, daß gewisse spanische Arten zwar nicht selbst in Algerien vorkommen, wohl aber durch ihnen systematisch sehr nahe stehende Formen repräsentiert sind, so ist damit sehr wenig gesagt, weil bloß ein thatsächliches Verhältnis umschrieben wird. Man erklärt aber die Thatsache, wenn man mit den Anhängern der Umwandlungslehre annehmen darf, daß eine der beiden analogen Formen eine wirkliche, durch klimatische Verhältnisse und Anpassung hervorgerufene Abzweigung der anderen ist, oder daß beide direkt von einer dritten Form abstammen. Die Wissenschaft ist noch lange nicht in der Lage, diesen Beweis der Abstammung immer wirklich antreten und führen zu können; wenn aber die Forschung von diesem Gedanken sich beseelen läßt und an Stelle des Wunders das Begreifliche setzen zu können hofft, wird die Wissenschaft selbst dadurch erhoben und das Interesse an den Erfolgen der Wissenschaft im großen Kreise ihrer Freunde gefördert. Übrigens will wohl auch Bourguignat die Sache nahezu so aufgefaßt wissen, indem er an einer anderen Stelle zugibt, daß eine Schnecke, welche von ihrem gebirgigen Ausgangspunkte in die Ebene hinabsteigt, im Laufe der Jahrhunderte solchen modifizierenden Einflüssen unterworfen sein könne, daß die Neuerungen, welche sich an ihr bemerklich machen, nach und nach sich fixieren und das bilden, „was man thatsächlich eine (neue) Art nennt“.
Wir halten diese höhere Auffassung des Tierlebens für so ungemein wichtig und in unserer Aufgabe durch die gegenwärtigen Streitfragen der Zoologie für so geboten, daß wir für die darauf bezüglichen scheinbaren Abschweifungen von unserem nächsten Thema mehr als entschuldigt zu sein glauben.
Ohne der Verbreitung der Lungenschnecken über die ganze Erdoberfläche nachzugehen, wollen wir wenigstens im Anschluß an das oben Angeführte den Charakter der großen, uns am meisten interessierenden europäisch-asiatischen Provinz nach Keferstein angeben. „Diese größte aller Pulmonatenprovinzen umfaßt ganz Europa, Afrika nördlich vom Atlas, Nordägypten, Kleinasien, Syrien, Persien, Asien nördlich vom Himalaja und die sich zur Mitte Chinas hinein erstreckenden Gebirge: sie nimmt also die ganze nördliche Alte Welt bis fast zu 30 Graden nördlicher Breite ein. Durch kein Hindernis beschränkt hat sich eine typisch gleiche Pulmonatenfauna über dies ungeheure Gebiet ausgebreitet, und wie der Ural fast für keine Tierordnung eine natürliche Grenze bildet, jo vermochten auch die Alpen, der Balkan und der Kaukasus der Verbreitung der Pulmonaten keinen wesentlichen Widerstand zu leisten. Von Inseln gehören zu dieser Provinz, außer den im Mittelmeere belegenen, Großbritannien und Irland, die in einer früheren Zeit unserer Jetztschöpfung ohne Frage mit dem Kontinent zusammenhingen, und Island, während Grönland
sich näher an Amerika anschließt, und Japan, soweit man es beurteilen kann, eine selbständige Provinz bilden muß. Von den warmen Klimaten Algeriens erstreckt sich unsere Provinz also durch die Länder gemäßigter Temperatur bis zu den kältesten Gegenden Lapplands und Nordsibiriens, und es ist klar, daß durch die großen Klimaunterschiede eine große Verschiedenheit der Reichhaltigkeit der Pulmonatenfauna bedingt sein muß. Finden wir aber auch in den Mittelmeerländern an 800 Pulmonaten, in Deutschland nur 200, in Norwegen nur 50, in Lappland endlich nur 16 und im äußersten Norden Sibiriens nur etwa 5 Arten, jo erweisen sich doch bei genauer Betrachtung die Pulmonatenfaunen jener kälteren Länder nur als verarmte Faunen der wärmeren, und können deshalb ebensowenig einen Anspruch auf Selbständigkeit erheben, als die Faunen der salzarmen Ostsee im Verhältnis zu denjenigen der Nordsee. Jene deutschen Pulmonaten trifft man nämlich auch fast alle in Italien, alle norwegischen und lappländischen auch in Deutschland, und wir sehen daher im Süden nur neue Arten hinzukommen, während die nordischen auch dort ausdauern, im Norden dagegen treffen wir fast nur Arten, die wir auch aus dem Süden schon kannten, ohne dabei aber zugleich spezifisch nordische Arten zu finden. Natürlich finden an den verschiedenen Stellen dieser ungeheuern Provinz große Unterschiede in der Reichhaltigkeit der Fauna und in geringerem Grade auch in der Zusammensetzung derselben statt, aber wesentlich tritt uns doch eine wunderbare Gleichförmigkeit entgegen, und wir erstaunen, unter den Pulmonaten des Amurgebietes drei Viertel, unter denen Tibets noch die Hälfte auch in Europa verbreiteter Arten zu finden.“
Aus Bourguignats ergänzenden minutiösen und deshalb höchst wertvollen Vergleichungen geht dann weiter hervor, daß für Europa die Alpenkette der Ausgangspunkt der Verbreitung gewesen. Wir haben uns nicht vorzustellen, wie man aus Kefersteins Worten entnehmen könnte, daß die europäischen Lungenschnecken alle als getrennte Arten im Süden der Alpen entstanden seien und dann ihre Reise über die Alpen angetreten hätten, sondern die Wanderung ging von den Alpen aus. Die ursprüngliche Verbreitung über das Alpengebiet selbst lassen wir auf sich beruhen. Jedenfalls liegt es in der klimatischen und geologischen Beschaffenheit der mitteleuropäischen Ebenen und nordeuropäischen Ländermassen, daß die Zahl der sich dorthin ausbreitenden Arten eine geringe blieb und sich durch Anpassung nicht vermehrte, wogegen die viel gefurchten Südabhänge der Alpen und die viel gegliederten sich anschließenden südlichen Länder jene Bedingungen zur Umwandlung und Vervielfältigung der Arten in hohem Maße darboten. Wenn trotzdem diese südeuropäischen Lungenschnecken noch lange nicht die verhältnismäßige Mannigfaltigkeit der Pulmonaten auf den Westafrika gegenüberliegenden Inselgruppen erreicht haben, so lassen sich dafür wissenschaftliche Gründe anführen, ohne daß man mit den Schöpfungshypothesen den Knoten zu durchhauen braucht. Deuten wir nur an, daß bei der äußerst geringen Konkurrenz aus anderen Tierklassen der Kampf um das Dasein von den Schnecken von Madeira, den Limnäaceen und anderen kaum gekämpft zu werden brauchte, während die südeuropäische Tierwelt jeden Schritt sich gegenseitig abgewinnen mußte, und daß dabei die Lungenschnecken eine sehr passive Rolle zu spielen verurteilt waren.
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 23
Pierte Ordnung. Die Kielfüßer (Heteropoda).
Begegneten uns die Lungenschnecken ausschließlich auf dem festen Lande oder in den süßen Gewässern, sind die Hinterkiemer mit wenigen Ausnahmen an die Pflanzenwelt des Meeres gefesselt, so führt uns eine neue Abteilung der vielgestaltigen Schnecken, wie früher schon die Ruderfüßer, wieder auf das hohe Meer. Ganz nackt oder mit zarten, durchsichtigen Schalen versehen, ist der Körper der Kielfüßer von gallertiger, durchsichtiger Beschaffenheit, worin sie sich noch zahlreichen Bewohnern der offenen See anschließen, und wodurch sie zu den anziehendsten Erscheinungen der Weichtierwelt werden.
Es handelt sich vor allem um das Verständnis ihrer Form und derjenigen Eigentümlichkeiten, welche ihnen den Wert einer eignen Ordnung verleihen, und woraus sich einige Besonderheiten ihrer Lebensweise von selbst ergeben. Obschon wegen ihres Vorkommens im weiten Ozean, wo der reisende Naturforscher gewöhnlich nur unter den größten Unbequemlichkeiten seinen Studien obliegen kann, wohl noch eine gute Anzahl unbeachtet und unbeschrieben geblieben ist, stehen sie jedenfalls anMenge und Mannigfaltigkeit der Bildung weit hinter den beiden ersten Ordnungen zurück.
Ihnen schließt sich am nächsten die Familie der Atlanten, wesentlich aus der Gattung Atlanta bestehend, an, Tierchen von einigen Millimeter Durchmesser, welche man auf den ersten Anblick für Schnecken erklären wird. Dafür spricht das spiralige Gehäuse, auf dessen Rücken sich eine feine Platte als Kamm erhebt, und in dessen weite Mündung sich das Tier ganz zurückziehen kann. Darauf weist das Tier selbst, soweit es, um zu fressen und sich zu bewegen, aus der Schale hervortritt. Gerade aber an diesen Teilen zeigen sich auch sehr charakteristische Abweichungen. Der Kopf ist in eine Schnauze verlängert, an deren Ende die Mundöffnung. An dem oberen, scheitelartigen Teile dieses Kopfabschnittes zeigen sich in und an dem fast wasserklaren Tiere wichtige Teile des Nervensystems, nämlich die oberen Schlundganglien, welche sich mit dem Gehirne der höheren Tiere vergleichen lassen, und ferner die vornehmsten Sinneswerkzeuge, die Gehörbläschen, die hoch entwickelten Augen und vor diesen die Fühler. Erinnern wir uns nun, daß bei manchen Bauchfüßern der ersten Ordnungen die Sohle entweder durch Längsoder durch Querfurchen getrennt ist und dadurch zu eigentümlichen Bewegungsweisen geschickt wird, so wird uns gleich klar werden, daß es nur eines Schrittes weiter bedurft hat, um bei Atlanta und den übrigen Kielfüßern aus der Kriechsohle einen ganz anders gestalteten und anders arbeitenden Körperteil zu machen. Wir sehen statt des breiten, meist unmittelbar mit dem Kopfe zusammenhängenden Fußes der anderen Schnecken einen vom Kopfe ganz abgebuchteten und in drei Abschnitte zerfallenden Teil. Der erste dieser Abschnitte ist seitlich zusammengedrückt und bildet das für die Schwimmbewegungen wichtigste Instrument, den Kiel. Er ist sehr beweglich, kann nach rechts und links geneigt werden, und mit seiner Hilfe rudert das Tier, etwa in der Weise, wie man oft ein Boot nur durch ein Ruder vom Hinterteile aus fortbewegt werden sieht. Gleich hinter dem Kiele befindet sich ein Saugnapf, mit dessen Hilfe unsere Tiere sich entweder am Grunde, in der Regel aber wohl nur an Gegenständen, welche im Meere frei schwimmen, namentlich Tangen, vor Anker legen können. Die dritte, hintere Abteilung ist bei Atlanta ebenfalls sehr entwickelt, der Schwanz mit dem flachen hornigen Deckel auf dem Rücken, welcher wie bei anderen Schnecken die Schale schließen kann. Auf die nähere innere
Beschaffenheit der Atlanta und ihrer Ordnungsgenossinnen gehen wir um so weniger ein, als die Übereinstimmung mit den übrigen Schnecken eine sehr große ist. Diese Übereinstimmung erstreckt sich auch auf die Entwickelung. Die Larve von Atlanta besitzt ein besonders entwickeltes Wimpersegel mit ausgeschweiften Lappen. Die Vorderkiemer gehen nun aus diesem gemeinsamen Larvenstadium in einen ihrem Aufenthalt angemessenen gröberen und mehr widerstandsfähigen Zustand über; die Kielfüßer dagegen, dem erdigen Element fern bleibend, sind zeitlebens scheinbar zarte, träumerische, poetische Naturen.
Die Atlanten kommen in allen heißen und gemäßigten Meeren in großer Menge vor. Am besten bekannt, namentlich durch Gegenbaurs treffliche Untersuchungen, sind die beiden Arten, welche mit vielen anderen Tieren des offenen Meeres gar oft durch Sturm und Strömung in die Meerenge von Messina getrieben werden, Atlanta Peronii, mit schwach horngelb gefärbter, etwas biegsamer, und Atlanta Keraudrenii, mit fast glasheller, spröder Schale. Der Durchmesser der größten Gehäuse beträgt bei jener 9, bei der letzteren 10 mm. Ihre Bewegungen werden vermittelst der Flosse und des deckeltragenden Schwanzes ausgeführt und zwar, wie bei sämtlichen Kielfüßern, indem der Rücken des Tieres nach unten gekehrt ist. Auch unsere Wasserschnecken nehmen, sobald sie sich frei im Wasser und an der Oberfläche halten wollen, vermöge der Schwere des Ein-geweidesackes und der Schale diese Stellung an. Keferstein, welcher die Atlanten lebend beobachtete, sagt, daß die Bewegungen derselben den Eindruck des Flatterns machten, welches die Pteropoden (s. unten fünfte Ordnung) mit ihren flügelartigen Rudern ausführen. Auf heftige Bewegungen folgen ein— Atlanta Peronii. 7mal vergrößert. zelne Pausen, so daß ihr Ortswechsel auf hüpfende, stoßweise Art geschieht. Über den Gebrauch des an der Flosse befindlichen Saugnapfes, mit dem sie sich befestigen, sagt derselbe: „Im Gefäße aufbewahrt, beobachtet man sie leicht in dieser Stellung und bemerkt, daß diese Befestigung ziemlich stark ist. Im freien Meere hängen sie sich in dieser Weise an Seetang oder anderen frei schwimmenden Gegenständen fest, wie die Blutegel, nach Adams Ausdruck.“
Wenn die Atlantaceen beunruhigt werden, oder sich tiefer senken wollen, so ziehen sie sich ganz in die Schale zurück; das Tier birgt zuerst den Kopf, dann folgt die sich zusammenfaltende Flosse und zuletzt das Hinterende des Körpers, welches mit dem Deckel einen vollkommenen Verschluß bildet.
Wie alle Heteropoden sind die Atlanten getrennten Geschlechtes und beide Geschlechter äußerlich nur durch das Vorhandensein gewisser äußerlicher Kopulationsorgane als Männchen oder durch den Mangel derselben als Weibchen unterscheidbar, da der Saugnapf, der bei anderen Gattungen nur Eigentum des Männchens, hier auch den Weibchen zukommt. Auf die Angabe eines Forschers, daß bei Atlanta die Weibchen in entschiedener 23*