All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 80 of 170

Herbst des folgenden Jahres wieder auferweckt wurden. Doch auch eine große Bulimus- Art, welche von Valparaiso nach London gebracht wurde, in Watte gewickelt und in eine Schachtel eingepackt, lebte nach einem Schlafe von 20 Monaten wieder auf. Von verschiedenen südlichen Helix-Arten wird Ahnliches berichtet.

In der Familie der Limaceen (Limacea) können wir alle diejenigen Lungenschnecken vereinigen, welche den Eindruck von „Nacktschnecken“ machen, also in der That entweder ganz schalenlos sind, oder verborgen im Mantelschilde auf der vorderen Rückengegend eine kleine Kalkplatte besitzen oder endlich auch ein kleines, aber nur den geringsten Teil des Körpers bedeckendes Gehäuse tragen. Unsere Weg- und Ackerschnecken sind allbekannte Mitglieder dieser Gruppe. Sie schließt sich in diesen zuletzt genannten Arten aufs engste

, 0, IM) \ , N

— — —— 5 75 —— ———

Rote Wegschnecke (Limax rufus). Natürliche Größe.

an die Heliciden an, mit denen sie unter anderem in der Bildung der Zunge und der Lage der Lungen- und Geschlechtsöffnung vollständig übereinstimmt. Im Schilde, das ist in dem verkürzten, die Lungenhöhle bedeckenden Mantel, liegen entweder nur unzusammenhängende Kalkkörper oder ein Schalenrudiment in Form einer Kalkplatte. Die ersteren Arten hat man Arion, die letzteren Limax im engeren Sinne genannt. Die besonders in Laub- und nicht trockenen Nadelwäldern lebende Waldschnecke (Arion empiricorum) wird gegen 5 Zoll lang und zeigt mannigfache Farbenabstufungen von schwarz bis rotgelb (s. Tafel „Landschnecken“, Fig. 14 u. 15). Man liest zwar oft, daß gerade diese Schnecke von dem Volke als Hausmittel gegen allerlei, besonders zehrende Krankheiten angewendet würde, allein trotz vielfacher Berührungen mit den Landleuten habe ich mich nie von einer wirklichen medizinischen Benutzung des Tieres überzeugen können, ebensowenig wie von der der anderen Nacktschnecken. Von diesen erreicht die große Wegschnecke (Limax maximus,

Fig. 5) dieselbe Größe wie die Waldschnecke. Sie pflegt schwarz gefleckt grau zu sein und ist an dem weißlichen faltigen Kiele des Hinterendes kenntlich. Auch sie lebt nur einzeln, ohne Schaden anzurichten. Dagegen ist die kleine, kaum zolllange Ackerschnecke (Limax agrestis, Fig. 3), von grauer Farbe, mit schwarzen Fühlern, zuzeiten ein höchst gefährlicher Verwüster der Saaten und Gemüse. Sie paaren sich die ganze gute Jahreszeit über, und jedes Tier soll den Sommer über mehrere 100 Eier legen. Man findet die Eier besonders im Schatten am Fuße von Gartenmauern, nur lose verdeckt und in

Rote Wegſchnecke (Limax rufus). Natürliche Größe.
  1. Bulimus montanus. 9. ‚Helix personale, 14. Orangerote Varietät der Wegschnecke. 5. Graue, gefleckte Nacktschnecke. (Arion) 10 Große Weinbergschnecke (Helix pomatia) Arion empiricorum.) 15. Schwarze Varietät der Wegschnecke. (Arion empiricorum)
  1. Bil montanus.. 1A. Orangerote Varietät der Wegschnecke. 5. Graue, gefleckte Nacktschnecke. (drion) 10. Große Weinbergschnecke (Helix pomatia) | (4rionL ernpiricorum.) 8 1 5. Schwarze Varietät der Wegschnecke. Aron, empiricorum,)

[illegible artist signature] König

LANDSCHNECKEN

Haufen von einigen 20 Stück. Ich habe vor Jahren die Entwickelungsgeschichte dieses Tieres beobachtet. Eine höchst merkwürdige Stufe dieser Entwickelung ist diejenige, wo der Embryo zwar schon in großen Umrissen die Schneckenform angenommen, aber unter anderem noch kein Herz und keine Blutgefäße hat. Es ist aber schon eine Blutflüssigkeit vorhanden, und diese wird durch die Zusammenziehungen eines blasenförmigen Schwanzanhanges von hinten nach vorn und in umgekehrter Richtung durch die Zusammenziehungen einer Dotterblase getrieben. Eine merkwürdige Einrichtung ist auch ein provisorisches Harnorgan des noch im Ei eingeschlossenen Embryos, welches sich mit den sogenannten Wolffschen Körpern, den embryonalen Harnorganen der Wirbeltiere vergleichen läßt. Noch innerhalb der Eihaut nimmt das Junge die vollständige Schneckenform an und belehrt uns, wie überhaupt bei allen Lungenschnecken nach der Geburt eine wesentliche Metamorphose nicht stattfindet. Jene provisorischen Organe, die zusammenziehbare Schwanzblase und die Urniere, sind schon vor dem Auskriechen vollständig verschwunden, indem an ihre Stelle das Herz und die eigentliche Niere getreten sind.

Ich möchte an diesem Beispiel darauf hinweisen, wie sehr relativ diese geläufigen und scheinbar so ganz bestimmten Bezeichnungen „Entwickelung mit Verwandlung“ und „Entwickelung ohne Verwandlung“ sind. Die Ackerschnecke macht ohne Frage im Ei eine Verwandlung durch, da sie dort im Besitze von Organen, äußeren und inneren ist, welche sie auf ihrer eigentlichen Lebensreise nicht mehr braucht, ebenso wie die Kaulquappe später nicht mehr ihren Ruderschwanz benötigt. Unter solchem Gesichtspunkt erscheint die Scheide— ö

wand, welche nach dem Ur⸗ Testacella haliotidea. Natürliche Größe. teil der systematischen Zoologen durch die Eihaut zwischen der Entwickelung mit und ohne Verwandlung ausgespannt sein soll, als unwesentlich. Eine der schönsten europäischen Nacktschnecken ist Amalia mariginata, von rotgrauer Farbe, dicht schwarz punktiert und gefleckt und mit hellgelbem Rückenstreifen. Das Tier, das 10 em lang wird, fehlt in einem großen Teile Deutschlands. „Sie ist“, bemerkt Cleßin, „an sehr kalkreichen Boden gebunden und findet sich daher nur innerhalb der Kalkgebirgsformation, während sie in den Urgebirgen (Schwarzwald, Böhmerwald, in den sächsischen und schlesischen Gebirgen) fehlt. Ebenso wurde sie in der großen norddeutschen Ebene nicht beobachtet.“ Sie kann übrigens leicht übersehen werden, da sie nur bei der allerfeuchtesten

Witterung aus ihren Verstecken zum Vorschein kommt. Eine zweite Art (Amalia gagates) ist südeuropäisch und findet sich in Deutschland nur im Neckarthal bei Stuttgart.

Bei Testacella ist die Gestalt des Körpers ziemlich wie bei Limax, der Eingang zur Lungenhöhle und der After befinden sich aber am hinteren Ende des Körpers, bedeckt von einem sehr kleinen Mantel, der eine ovale Schale mit einem kleinen Gewinde enthält. Die Nachrichten über die Lebensweise dieser Tiere, von denen sich eine Art, Testacella haliotidea, im südlichen Frankreich findet, hat Johnston zusammengestellt. Von den Wegeschnecken abweichend, gräbt sich Testacella in den Boden ein und wird der Schrecken des Regenwurmes, von welchem sie zehrt. Diese Lebensweise ist von entsprechenden Veränderungen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 22

Testacella haliotidea. Natürliche Größe.

in der Organisation begleitet. Ihr Körper ist mehr walzenförmig als der der Wegeschnecke; statt eines nur auf einen Teil des Halses beschränkten Mantelschildes ist der ganze Körper in eine dicke, lederartige Haut eingeschlossen, um ihn vor zufälligem Druck zu schützen und hinreichende Kraft beim Graben zu gewähren. Die ausgeprägteste Verschiedenheit aber findet man in den Verdauungsorganen. Im Munde ist keine hornartige, gezahnte Kinnlade, noch eine häutige, dornige Zunge; aber zwischen zwei senkrechten Lippen entspringt ein sehr kleiner walzenförmiger Rüssel, und zu dessen Bewegung ist ein Muskel vorhanden, welcher den merkwürdigsten Teil in der Zusammensetzung dieses Geschöpfes ausmacht. Groß und walzenförmig und sich längs des ganzen Bauches erstreckend, ist er an der linken Seite des Rückens durch ein Dutzend sehr deutlicher fleischiger Streifen befestigt, fast senkrecht zum Hauptmuskel des Körpers. Die Größe und Stärke dieses Muskels zeigt seine vorzügliche Wichtigkeit an, und seine Thätigkeit ist zweifacher Art. Wenn die Testacella die Nähe einer Beute gewahr wird, so ist es notwendig, dieselbe zu überraschen und unerwartet zu ergreifen. Denn der Regenwurm, einmal in Bewegung gesetzt, ist weit schneller als sein Feind. Aber der Vorteil des letzteren besteht darin, daß er mittels jenes Muskels den Rüssel plötzlich auszuschnellen im stande ist, welcher in einem Augenblick an dem Gegenstande seiner Absicht festsitzt. Er wird dann durch dieselbe Muskelvorrichtung zurückgezogen, indem er das sich zerarbeitende Opfer seiner Wildheit festhält. Ein Beobachter, Sowerby, war erstaunt, wie Testacella scutulum, ein Tier, das im allgemeinen in seinen Bewegungen so langsam ist, nach Entdeckung seiner Beute mittels der Fühler aus seinem weiten Munde sogleich eine weiße, kerbige, zurückgezogene Zunge (Rüssel) her-vorstieß und außerordentlich rasch damit einen Regenwurm, viel größer und von anscheinend stärkerer Kraft als es selbst, ergriff und festhielt, so daß er auch mit der äußersten Anstrengung ihm nicht mehr zu entgehen im stande war.

  • Eine äußerst interessante Gattung von Nacktschnecken, um deren Erforschung sich be:- sonders Semper verdient gemacht hat, ist Onchidium. Alle Arten haben am Kopfe stehende Augen ganz von der Beschaffenheit, die dieselben bei allen ihren Verwandten haben, aber die meisten haben daneben noch auf ihrem nackten, lederartigen Rücken Augen, welche ganz anders wie sonst die Augen der Weichtiere, nämlich ähnlich wie die der Wirbeltiere, gebaut sind. „Es ist klar“, sagt Semper, „daß diese Augen irgend eine wichtige Bedeutung für das Leben ihres Trägers haben müssen. — Während meiner langjährigen Reisen in den Tropen waren mir diese Augen unbekannt geblieben; aber aus anderen Gründen hatte ich der Lebensweise der Onchidien eingehende Aufmerksamkeit geschenkt. Sie leben aus: schließlich am Ufer des Meeres oder der Brackwassersümpfe; hart am Rande des Wassers kriechen sie entlang, sich zwischen Spalten der Felsen und unter großen Steinen verbergend. Zugleich mit ihnen leben an denselben Stellen zahlreiche Exemplare zweier Fischgattungen, Periophthalmus und der ihm nahe verwandte Boleophthalmus; sie hüpfen mit großen Sätzen am Strande fort und suchen offenbar hier nach ihrer Nahrung, welche außer Insekten vorzugsweise aus Arten von Schnecken besteht. Dies gibt, wie mir scheint, einen allerdings zunächst nur hypothetischen Aufschluß über das Vorkommen jener Rückenaugen. Die Onchidien sind entsetzlich langsame Tiere, gänzlich unfähig, zu entfliehen oder rasch sich inSpalten zurückzuziehen. Sie fressen ganz ausschließlich Sand, den sie mit ihrem Maule in den Schlund in ähnlicher Weise hineinzuschaufeln wissen wie die Seewalhen unter den Echinodermen; natürlich verdauen sie nur die dem Sande des Meeres beigemengten organischen Nahrungsbestandteile. Sie müssen sich also, um die ihnen zusagende Nahrung zu finden, oft den Blicken der am Meeresufer ungemein rasch dahineilenden Fische (und anderer Feinde wohl auch noch) aussetzen. Entfliehen aber können sie nicht; ein Haus,

in das sie sich, wie viele andere exponiert lebende Schnecken, zurückziehen können, besitzen sie ebensowenig; sie haben weder Stacheln noch Kiefer, mit denen sie sich allenfalls verteidigen könnten, und die Augen auf ihren Rücken, welche allein im stande sind, sie vor einer herannahenden Gefahr zu warnen, sind unfähig, ihnen zugleich den nötigen Schutz zu geben. Kurz, auch mit den Aagen scheinen sie rettungslos ihren Verfolgern übergeben zu sein. Das wäre nun freilich sehr wunderbar, wenn sich hier und auch nur in dieser Gattung allein Augen entwickelt haben sollten, ohne daß diese sie in den Stand setzten, sich ihrer zum wirklichen Vorteil zu bedienen; denn zum Aufsuchen ihrer Nahrung, des direkt unter ihrem Maule liegenden Sandes, bedürfen sie doch wahrlich nicht der Augen auf ihrem Rücken, mit welchen sie wohl in den Himmel, aber nicht auf die Erde unter sich sehen können. „Sollen also die Augen von irgend welchem Nutzen für die Schnecke sein, so müssen diese daneben noch wirkliche Waffen besitzen, und solche sind in der That bei allen den Arten vorhanden, welche solche Augen tragen. Die Haut ihres Rückens ist über und über besäet mit kleinen Drüsen, deren Inhalt nicht eigentlich flüssig, sondern vielmehr eine Art von Konkretion zu sein scheint, und deren Ausführungsgang ungemein fein ist, so daß man ihn nur schwer erkennt. Außerdem ist der letztere noch durch einen Ringmuskel dicht umgeben, so daß dieser durch seine Zusammenziehung die Drüsenöffnung leicht zu schließen vermag. Schwache Kontraktionen der Haut, wie sie beim Kriechen notwendig eintreten müssen, können somit nicht die kleinen Sekretkugeln aus der Haut herauspressen; diese Schnecke kann nicht weinen. Gesetzt aber, es nähere sich ihr ein unerwartet und in großen Sätzen daherkommender Periophthalmus; dieser erhebt sich dabei, wie ich häufig gesehen habe, mehrere Zoll hoch in die Luft und wird so oft genug von weitem schon einen Schatten auf den Rücken der langsam einherkriechenden Schnecke werfen und sie natürlich heftig erschrecken. Diese hat ihre zahlreichen Augen (ich habe bei einem Exemplar mit Bestimmtheit 98 gezählt) nach allen Richtungen aufwärts gerichtet; nun erblickt sie plötzlich den Fisch oder seinen Schatten, ebenso rasch zieht sich der ganze Körper zusammen und drückt nun von allen Seiten mit großer Kraft auf die in der Haut steckenden Drüsen. Gesetzt, diese Kraft reichte hin, um die kleinen Kügelchen von Sekret aus den engen Ausführungsgängen der Drüsen hervorzupressen, so würden jene notwendig mit der entsprechenden Gewalt aus der Drüsenöffnung hervorgeschleudert werden; statt an der Haut des Rückens herabzufließen, werden sie zu Hunderten oder Tausenden in die Luft geschleudert werden, dem verfolgenden Fisch entgegen; dieser nun, seinerseits erschreckt, getroffen von dem Sprühregen der kleinen, vielleicht auch ihm schädlichen Geschosse, wendet sich ab und die Schnecke ist gerettet.“

Continue reading
Page 80 of 170