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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Nach demselben Beobachter hat in Palermo der Verbrauch von Landschnecken die größte Ausdehnung in Italien. „Bei meinen Ausflügen auf den Monte Pellegrino“, erzählt er, „begegneten mir immer eine Menge Schneckensammler, deren Körbe mir mitunter eine ganz schöne Ausbeute gewährten. Die Leute sind mit einem kurzen, krummen Eisen bewaffnet, mit dem sie die spärliche Erde zwischen den verwitterten und durchlöcherten

Kalksteinklippen umgraben. Die reichste Ausbeute liefern die halb mit Erde ausgefüllten Löcher in den Felsen selbst. Hier liegen Helix vermiculata, naticoides und die, wie es scheint, auf den Pellegrino beschränkte H. Mazzullii in Menge beisammen. Letztere sehr geschätzte Art sitzt aber außerdem noch in weit größerer Menge in den Felsen selbst verborgen, in Löchern, die sie sich nach den Beobachtungen von Doderlein selbst bohrt. Es ist dies eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Lebensweise der Schnecken. Der weißgraue Kalkstein des Pellegrino enthält nämlich einzelne leichter verwitterbare Partien, und infolge davon sind die Blöcke, aus denen seine ganze Oberfläche besteht, in der seltsamsten Weise durchlöchert und zerfressen. Besonders häufig findet man durchgehende Gänge, oft einige Fuß lang, aber nur wenige Zoll weit. An der Decke dieser Höhlen, also an Punkten, wo jede Mitwirkung des Regens ausgeschlossen ist, findet man eine Anzahl senkrechter Gänge in den Stein eingebohrt, meist ziemlich kreisrund und bis zu mehreren Zoll tief, so daß der Stein einer kolossalen Bienenwabe gleicht. In der Tiefe dieser Gänge sitzen immer Schnecken, namentlich Helix Mazzullii, außerdem aber auch, und zwar noch häufiger, H. sicana, mitunter eine Menge aufeinander in derselben Höhle. „Es schien mir anfangs vollkommen unglaublich, daß es den Schnecken möglich sein sollte, diese Löcher zu bohren. Eine Folge der Verwitterung können diese aber unmöglich sein, schon ihrer Lage wegen; außerdem sind sie aber auch innen vollkommen glatt. Für eine zufällige Erscheinung treten fie zu häufig und zu regelmäßig auf, und ihre Dimensionen entsprechen genau denjenigen ihrer Bewohner. Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß die Schnecken sich selbst im Laufe vieler Generationen diese Löcher gebohrt haben und noch immer bohren. Wenn ich nicht irre, hat auch ein französischer Konchyliologe an der französischen Westküste ähnliche, von Helix hortensis gebohrte Löcher beobachtet. „Ich möchte noch bemerken, daß sich die in den Löchern lebenden Exemplare durch eine mehr verlängerte, kegelförmige Gestalt vor den frei lebenden auszeichnen. Man kann getrost behaupten, daß Helix Mazzullii nur durch diese Lebensweise zu einer von KH. adspersa verschiedenen Art geworden ist. Die frei lebenden Exemplare treten dieser ihrer Stammart wieder sehr bedenklich nahe und lassen H. Mazzullii als eine lokale Varietät erscheinen, die aber durch ihre veränderte Lebensweise konstante und bedeutende Unter: scheidungsmerkmale gewonnen hat.“ Da haben wir also wieder einen Beleg zu Goethes Ausspruch: „Die Weise des Lebens, sie wirkt auf alle Gestalten mächtig zurück.“

Mit der Weinbergschnecke (vergl. die Tafel, Fig. 10) haben noch drei größere, sehr gemeine Arten fast denselben Verbreitungsbezirk, wovon die meisten unserer deutschen

Leser sich in ihrer nächsten Umgebung werden überzeugen können. Die gefleckte Schnirkelschnecke oder Baumschnecke (Helix arbustorum) ist in der Grundfarbe kastanienbraun und mit zahlreichen unregelmäßigen strohgelben Stricheln besprengt. Der Mundsaum ist immer mit einer glänzend weißen Lippe belegt. Das Tier ist blauschwarz mit lichterer Sohle und hält sich in Gärten, Vorhölzern und Hecken an schattigen feuchten Orten, am Boden und an niedrigen Pflanzen auf. Durch ungemein viele Varietäten des Gehäuses ist die Hainschnirkelschnecke (Helix nemoralis, s. Tafel „Landschnecken“, Fig. 6 und 7) ausgezeichnet; auch ist das lebhaft zitronengelbe oder braunrote Gehäuse sehr leicht an dem dunkelkastanienbraun gefärbten Mundsaume und der Mündungswand zu erkennen. Die Konchyliologen zählen von dieser den Gärten sehr schädlichen Art einige 40 Varietäten auf. Die dritte im Bunde ist die Gartenschnirkelschnecke (Helix hortensis,

Fig. 1 und 2), deren Gehäuse in Form, Färbung und Zeichnung von der vorigen Art nicht verschieden ist; nur ist es in der Regel etwas dünner und der Mundsaum fast

stets rein weiß. Trotz ihres Namens findet sie sich nur selten in Gärten, und trotz der vielen genauen Beschreibungen über die Farbenabänderungen sind die eigentlichen entscheidenden Beobachtungen über das Ineinandergehen und Ständigwerden der Varietäten und Abarten der beiden zuletzt genannten doch noch zu machen, obgleich Roß mäßler schon vor etwa 40 Jahren dazu aufgefordert. „Es würde die darauf zu verwendende Mühe gewiß lohnen, was auch von dem sehr häufigen Vorkommen dieser beiden Arten unterstützt werden würde, zu erforschen, wie sich hinsichtlich ihrer zahlreichen Varietäten die Jungen zu den Eltern verhalten, ob alle Schnecken einer Brut hierin übereinstimmen, und ob sie mehr dem Vater oder mehr der Mutter gleichkommen. Man müßte dann Schnecken, die man bei der Paarung findet, sammeln, einzeln in zweckmäßig vorbereitete Behälter bringen und die erhaltenen Eier in einem entsprechenden naturgemäßen Zustande warten und pflegen. Letzteres würde freilich einige Schwierigkeiten haben, die jedoch nicht unbesiegbar sind, wie auch die Erfahrung gelehrt hat. Die beiden vornehmlichsten dabei zu beobachtenden Vorsichtsmaßregeln sind, die Erde in den Behältern immer mäßig feucht zu erhalten und keine übeln Gerüche darin aufkommen zu lassen. Vor kurzem hatte ich auch, soviel ich weiß, als der erste, die Gelegenheit, die Begattung einer Helix nemoralis mit einer kleinen gelben Helix hortensis zu beobachten. Die von mehreren Schriftstellern aufgestellte Behauptung, daß die Farbe der Gehäuse sich nach der Bodenbeschaffenheit richte, und daß sie z. B. auf einem mergelhaltigen Boden rot anstatt gelb würden, hat sich mir nicht bestätigt.“ Das sind, wie man sieht, Vorschläge zu Versuchen, deren Ausführung den zoologischen Gärten unserer Tage zufallen würde, welche jedoch auch jeder in Muße lebende Naturliebhaber unternehmen kann. Ihre Resultate würden gerade jetzt von der strengeren Wissenschaft mit großem Interesse vernommen und verwertet werden.

Nicht bei allen Mitgliedern der Gattung Helix ist der Mundsaum der Schale einfach geschwungen, bei manchen auch einheimischen (z. B. bei der Maskenschnecke, Helix personata, s. Taf. „Landschnecken“, Fig. 8 u. 9) ist fie stark eingefaltet und verengert jo den Eingang.

  • Die nächst ftarfe Gattung ist Bulimus (Vielfraßschnecke.) Das Tier ist nicht wesentlich von Helix verschieden; das Gehäuse meist länglich bis turmförmig, mit länglicher Mündung. Von den über 1000 bekannten Arten, welche in der Lebensweise sich den Schnirkelschnecken eng anschließen, gehören nur einige Europa an, und in Deutschland ist die Gebirgs-Vielfraßschnecke (Bulimus montanus, s. Tafel „Landschnecken“, Fig. 4) die häufigste; die meisten sind tropisch, besonders südamerikanisch. Der Gattungsname, der jemanden bedeutet, der ochsenmäßig frißt, wurde zuerst einer in Cayenne vorkommenden Art, dem Bulimus haemastomus, dem Rosenmund, gegeben, welche sich durch eine besondere Gefräßigkeit unangenehm macht; die übrigen verdienen ihn nicht mehr und nicht minder wie die meisten anderen Schnecken. Sehr merkwürdig ist das regelmäßige Abstoßen der Spitze des Gewindes bei dem dem südlichen Europa angehörigen Bulimus decollatus; dieselbe fällt ab, nachdem das Tier sich aus derselben nach vorwärts gezogen und den verlassenen Raum, ähnlich wie Nautilus, durch eine quere Scheidewand abgeschlossen hat. Über die Lebensweise der Bulimen, sofern es nicht in den allgemeinen, schon mitgeteilten Zügen enthalten, ist kaum etwas hinzuzufügen. Ob es wahr ist, daß in einigen Teilen Englands der kleine Bulimus acutus und die ebenfalls kleine Helix virgata für die Schafmast von Bedeutung sind, lassen wir dahingestellt. Das Gras sei so kurz, die Menge der Schnecken so erstaunlich, daß es ganz unmöglich für die Schafe sei, ersteres abzuweiden, ohne zugleich die letzteren massenhaft zu verspeisen. „Als das wohlschmeckendste Hammelfleisch“, sagt Borlase, „wird das des kleinsten Schafes betrachtet, welches gewöhnlich auf Gemeindegründen weidet, wo der Sand kaum von grünem Rasen bedeckt und das Gras

außerordentlich kurz ist. Aus diesem Sande kommen kreiselförmige Schnecken von ver: schiedener Art und Größe hervor, alte und junge bis zu den kleinsten, kaum dem Ei ent-schlüpften. Diese verbreiten sich in der Ebene früh am Morgen und bieten, während sie unter dem Tau selbst ihre Nahrung suchen, den Schafen ein sehr gut mästendes Futter dar.“

Noch mehr auf den Süden sind die Achatschnecken (Achatina) beschränkt, Tiere mit spitzem, zusammengedrücktem Fuße, sonst ebenfalls wie Helix. Das Gehäuse unterscheidet sich von dem des Bulimus namentlich durch die freie, unten abgestutzte Spindel. Aus dem mittleren Deutschland, und von da über Frankreich und bis Schweden sich verbreitend, ist nur die kleine, drei Linien hohe Achatina lubrica bekannt, welche sich unter Steinen, Moos, überhaupt an feuchten Orten aufhält. Überhaupt sollen die meisten Arten

Maurische Achatschnecke (Achatina mauritiana). Natürliche Größe.

die Nähe des Wassers lieben. Sie gehören vorzugsweise dem tropischen Afrika und Amerika an, darunter die größten und schönsten Landschnecken, wie Achatina immaculata, mauritiana (s. obige Abbildung) und perdix. Daß die letztere unter den von den Römern gezüchteten und gemästeten Arten sich befunden, ist eine nicht wahrscheinliche Annahme.

Sehr wasserbedürftig find die meisten Arten der Bernsteinschnecke (Succinea, s. Abbild.S. 335, Fig. 2), wie man schon aus ihrer dünnen, mit wenigen Windungen und großer Mündung versehenen Schale schließen kann. Ihre Gebundenheit an das feuchte Element ist jedoch nicht gleichmäßig, sondern richtet sich genau nach der relativen Weite der Schalenmündung. Succinea Pfeifferi, mit der größten Mündungsfläche, ist stets in unmittelbarer Nähe des Wassers und geht häufig ins Wasser, um nach Art der Limnäen herumzuschwimmen. „Eine gleiche Vorliebe für den Aufenthalt im Wasser zeigt die mit relativ kleinerer Schalenmündung versehene Succinea amphibia nicht. Zwar ist auch bei ihr das Bedürfnis nach Feuchtigkeit ein sehr großes zu nennen, indem fie hin und wieder den Wohn: ort mit der nahe stehenden Succinea Pfeifferi teilt und nicht häufig sehr weit über die äußerste Grenze des Schilf- und Wasserpflanzenwuchses hinausgeht. Indessen besucht sie auch noch die einige 30 Schritt davonstehenden Sträucher und Bäume. Ein noch größerer Unterschied in der äußeren Gestalt findet sich zwischen den beiden genannten Artentypen einerseits und der mit relativ kleinster Mündung versehenen Suceinea oblonga anderseits. Wir haben hier

Mauriſche Achatſchnecke (Achatina mauritiana). Natürliche Größe.

eine Erdschnecke vor uns, die im Gegensatz zu den beiden anderen Formen hoch ins Gebirge hinaufgeht und dort gewöhnlich in der Nähe der Bäche, sehr häufig aber auch an weit davon entfernten trockenen Ortlichkeiten vorkommt.“ (Döring.)

Auch die fleischfressenden Glas schnecken (Vitrina) mit kleiner, dünner, durchsichtiger Schale, die zum Teil von einem Mantelfortsatz bedeckt wird, mögen hier ihre Stelle finden, da uns die einheimischen Arten dasselbe Verhältnis in Lebensweise und Schalenform zeigen wie die Bernsteinschnecken. „Die kleinste Mündung zeigt Vitrina pellucida (s. unten Fig. 1), die größte V. elongata. Während die letztere und die ihr nahe stehenden Formen stets nur in sehr feuchten Wäldern, meistens zwischen dem Moose und der Bodendecke am Ufer der Bäche vorkommen und überhaupt während der heißen Sommermonate sich tief in der Bodendecke verbergen, kommt V. pellucida sehr häufig an weit ungünstigeren Lokalitäten vor, an Ortlichkeiten, die bei regenlosem Wetter den ganzen Tag hindurch der Sonnenhitze ausgesetzt sind.“ (Döring.)

Im Gegensatz zu diesen ziehen zwei andere Gattungen die trockenen, besonders die kalkigen Gebirgsgegenden der Alpen und des südlichen Europa den feuchteren und ebeneren Wohnsitzen vor. Die Moosschraube (Pupa) enthält keine über 25 mm hohe Arten, die meisten sind nur 10—15 mm lang, nicht NY wenige fast mikroskopisch. Ihre U 2 17 Schale ist eiförmig oder cylindrisch, die Mündung meist mit Zähnen. Obgleich auch die Oberfläche der Schale sehr variabel ist, glatt, ge— WW ( a

streift oder gerippt, prägt sich doch schnecke (Suceinea e ieee die walzenförmige Gestalt des Gehäuses der Vorstellung leicht ein. Dasselbe ist der Fall mit den noch zahlreicheren Arten von Clausilia (Schließmundschnecke), deren linksgewundenes Gehäuse sich durch seine zahlreichen Umgänge und die schlanke gestreckte, aber stumpfe Spitze auszeichnet. Hinter der Mündung befindet sich ein eigner Deckelapparat, das sogenannte Schließknöchelchen. Es ist eine am freien Ende verbreiterte Platte, welche mit inem elastischen Stiele an die Spindel angewachsen ist. Zieht das Tier sich tiefer in das Gehäuse zurück, so legt sich das Knöchelchen vermöge der Federung des Stielchens als Deckel vor; tritt die Schnecke dagegen hervor, so wird die Platte in eine entsprechende Vertiefung an die Spindel gedrückt. Von den Klausilien kennt man fast 400 lebende Arten. Sie sind schon im mittleren Deutschland verbreitet, und ist hier eine der gemeinsten die bauchige Schließmundschnecke (Clausilia ventricosa, s. Tafel „Landschnecken“, Fig. 11, 12), das Klausilienland par excellence ist aber Dalmatien, wo man einige der gemeineren Arten auf Schritt und Tritt an den Felsen und trockenen Mauern findet. Am häufigsten sind sie in der Nähe der sparsamen Gewässer und Quellen dieser steinreichen Provinz. Sie erscheinen am massenhaftesten nach erfrischendem Regen und werden zum Überwinden der Hitze und Trockenheit durch die besonders enge Mündung der Schale, also die möglichst verminderte Verdunstungsfläche, befähigt. Obwohl alle Landschnecken auch außer ihrer Schlafzeit, wenn sie verpackt sind und aus Mangel an Nahrung monatelang in ihrem Gehäuse zurückgezogen und gegen die Außenwelt gewöhnlich durch eine dünne Deckelhaut abgeschlossen ohne Nachteil für ihr Leben ausdauern können, so zeichnen sich doch besonders die Klausilien durch ihre Zähigkeit aus. Wohl verbürgt ist, daß die im Mai in Dalmatien gesammelten Exemplare von Clausilia almissana erst im

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