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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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und feuchten Orte. Daher unterlasse man in einem Garten nicht, jedes lange auf einer Stelle gelegene Brett aufzuheben, wenn man nicht die Schnecken entbehren will, die sich hier unfehlbar auf der Unterseite des Brettes finden werden. Man kann daher mittels solcher, gewissermaßen als Fallen an dunkle, feuchte Stellen gelegter Bretter die Schnecken anlocken und fangen. „In Laubhölzern pflegt der Boden gewöhnlich mit einer Decke von abgefallenem Laub, Moos, Steinen und abgebrochenen Astchen bedeckt zu sein. Hier halten sich auch eine große Menge Schnecken auf, die man mit Bequemlichkeit sammeln kann, wenn man zuerst die Oberseite dieser Decke und die niederen Pflanzen absucht und dann das Laub wegräumt, um sich der unter ihm lebenden Schnecken zu bemächtigen. Dabei unterlasse man nicht, jeden etwas großen Stein umzuwenden, weil manche Schnecken besonders gern unter denselben leben. Oft find solche Steine oder alte Baumstöcke mit einer dichten Moosdecke überzogen; diese kann man mit leichter Mühe in großen Polstern abnehmen und so manches Schneckchen entdecken, das hier im Verborgenen lebt. „Weil wir einmal noch im Walde sind, so dürfen wir nicht vergessen, die alten, halbverfaulten Stöcke, die oft hier stehen, oder alte hohle Bäume genau zu untersuchen. In und auf ihnen leben viele Schnecken, namentlich Klausilien, Pupa und Vertigo. Von recht alten Stöcken oder alten Bäumen läßt sich, namentlich bei feuchter Witterung, die Borke leicht in großen Schalen ablösen, und auch hier, in dem engen Raume zwischen Borke und Holz, lebt manche seltene Schnecke, namentlich aus der Gattung Vertigo und Carychium. Hat man Gelegenheit, felsige Gegenden zu durchsuchen, so wird man meist durch manche hübsche Schnecke belohnt. Vorzüglich kommen auf der Abend- und Morgenseite, die gewöhnlich am längsten feucht sind, und in den Ritzen, zumal wenn diese mit etwas Moos und Flechten bekleidet und von herabtropfendem Wasser befeuchtet sind, viele Schnecken vor, vorzüglich einige Arten aus den Geschlechtern Helix und Clausilia.“

Wir gehen nun etwas näher auf die untergeordneten Gruppen und einzelne ihrer Repräsentanten ein, zunächst auf die Schnirkelschnecken (Helicidae). Sie bilden mit einigen anderen Familien die Abteilung der Stylommatophoren, durch welchen Namen die Stellung ihrer Augen auf der Spitze der beiden hinteren, hohlen und einftülpbaren Fühlhörner bezeichnet wird. Alle besitzen ein spiraliges, geräumiges, zur Aufnahme des ganzen Körpers geeignetes Gehäuse, welches übrigens in allen möglichen Gestalten von der fast flach tellerförmigen bis zur spitz und lang turmförmigen wechselt. Man hat etwa 4600 lebende Arten beschrieben, von denen über 1600 auf die jetzt in zahlreiche Untergattungen aufgelöste Gattung Helix kommen. Von den im mittleren Europa am meisten verbreiteten

Arten hat uns Helix pomatia (Wein bergschnecke, s. Tafel „Landschnecken“, Fig. 10) oben schon beschäftigt. Jedermann kennt das große, kugelige, bauchige, gelbliche oder bräunliche Gehäuse, welches die Konchyliologen „bedeckt durchbohrt“ nennen, indem der enge, in die Achse hinein sie erstreckende Nabel durch eine Verbreiterung des Spindelrandes bedeckt ist. Sie ist in ihrem Vorkommen keineswegs an die Weingärten gebunden, obwohl sie im Frühjahr den Knospen der Reben großen Geschmack abgewinnt und dadurch erheblichen Schaden anrichten kann, sondern findet sich überall in trockneren, vorzüglich hügeligen Gegenden, wo Gräser und Buschwerk gedeihen. Wegen ihrer Größe und ihres Nutzens ist fie von ihren Gattungsgenossen am häufigsten Gegenstand der Beobachtung und Forschung gewesen. Sie gehört zu denjenigen Arten, welche im Herbst, nachdem sie sich am liebsten unter einer Moosdecke 1 Fuß tief in die lockere Erde eingegraben, ihr Gehäuse mit einem soliden Kalkdeckel verschließen. Von diesem zieht sich das Tier noch ziemlich weit in die Schale zurück, indem es den

Zwischenraum durch eine oder einige dünne Häute quer abteilt. Während dieser wenigstens 6 Monate dauernden Zeit innerster Beschaulichkeit ist der Atmungsprozeß und die Thätigkeit des Herzens nicht unterbrochen. Der Kalkdeckel hat zwar keine Offnung, welche man bei einigen anderen Arten bemerkt hat, wohl aber ist er so porös, daß durch ihn und durch die übrigen dünnen Häute hindurch der notwendige Gasaustausch stattfinden kann. Man denke nur, um einen Vergleich zu haben, daß auch das Hühnchen während seiner Entwickelung im Ei durch seine Schale hindurch mit der atmosphärischen Luft im Gasaustausche steht. Aber wie bei allen Winterschlaf haltenden Tieren, ist auch bei der Weinbergschnecke und ihren Schwestern die Atmung eine geringere. Nach einer Reihe von schönen, wenn auch nicht allzu warmen Märztagen fand ich den Pulsschlag noch sehr unregelmäßig, 12— 13 Schläge in der Minute, während die Zahl nach dem Winterschlafe sich auf 30 erhebt. Jedenfalls ist aber in der eigentlichen Winterzeit die Herzthätigkeit eine viel geringere. Ja ein englischer Beobachter behauptet, daß mitten im Winter das Herz gänzlich zu schlagen aufhöre und der Kreislauf unterbrochen würde, und ein deutscher Naturforscher, Barkow, der sich eingehend mit den Erscheinungen des Winterschlafes der Tiere beschäftigt hat, sagt, daß zwar die Pulsationen des Herzens nicht gänzlich aufhörten, daß aber der Lungensack geschlossen sei und die Atmung nicht stattfinde. Ich meine, daß auch das Atmen nie vollständig unterbrochen ist. Der Mageninhalt, mit welchem sich das Tier für den Winter einsargt, wird noch verdaut, dann aber füllt sich der Magen mit einem bräunlichen Brei, mit Galle. Die Wärme des April und Mai weckt die Lebensthätigkeit; das Herz schlägt lebhafter, und ohne Zweifel wird das Tier durch das gesteigerte Atembedürfnis, gewiß auch durch einen rechtschaffenen Hunger getrieben, sich mit dem Fuße gegen die häutigen Deckel zu legen. Dieselben werden nicht durchstoßen, sondern leicht abgeweicht, und auch das Abheben des Kalkverschlusses der Mündung erfordert keine besondere Kraft. Er ist mit der Mündung nicht verwachsen, sondern bildet einen flachen Pfropfen mit glattem, gut schließendem Rande.

Die nächsten Tage und Wochen nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf benutzt unsere Schnecke, um sich an den jungen Gräsern und Kräutern gütlich zu thun. Erst in den feuchten Tagen des Mai und Juni geht sie zur Begattung über, ein mit den sonderbarsten Vorbereitungen und den auffallendsten begleitenden Umständen verbundener Akt. Ergötzlich spricht Johnston von den Übertreibungen hinsichtlich der Rolle, welche der Liebespfeil dabei spielen sollte. Er sagt: „Wenn verliebte Dichter vom Kupido, von seinem Köcher und seinen Pfeilen singen, so gebrauchen sie Ausdrücke, welche einige ernsthafte Naturforscher geglaubt haben, buchstäblich bei der Beschreibung der Liebesverhältnisse einiger unserer Gartenschnecken (Helix pomatia u. a.) anwenden zu können. Die Jahreszeit treibt sie zur Vereinigung, und das verbindende Paar nähert sich, indem es von Zeit zu Zeit kleine Pfeile aufeinander abschießt. Diese Pfeile sind einigermaßen wie ein Bajonett gestaltet; sie stecken in einer Höhle, Köcher, an der rechten Seite des Halses, aus welcher sie abgeschossen werden sollen, wenn die Tiere noch 2 Zoll voneinander entfernt sind; und wenn die Pfeile ausgetauscht, so sind die Neigungen gewonnen und eine Hochzeit ist die Folge.“ Allerdings gehört der Pfeilschuß mit in das Vorspiel, bildet aber erst die Schlußszene der ersten Abteilung. Eröffnet wird dieselbe häufig durch eine Art sehr schneckenhaften Rundtanzes, indem die beiden Tiere in immer kleiner werdenden Kreisen umeinander herumkriechen. Oft jedoch ist, wie Johnston sagt, die Art der Bewerbung weniger förmlich. Haben sie sich erreicht, so legen sie sich mit den Fußsohlen platt aufeinander, indem sie sich aufrichten und das Ende der Sohle gegen die Erde stemmen. Dabei sind die wellenförmigen Bewegungen der Fußmuskeln besonders stark. Nun berühren sich die Fühler, immer und immer wieder sich aus- und einstülpend; auch mit den Lippen betasten

sie sich, sodaß Swammerdam es mit dem Schnäbeln der Tauben vergleicht. Nach diesen und anderen Vorbereitungen und durch gewisse Bewegungen treten auch die Pfeile hervor, welche, wenn alles richtig von statten geht, gegenseitig in die Geschlechtsorgane eindringen, häufig aber daneben die Haut durchbohren oder auch herabfallen, ohne irgend ein Ziel erreicht zu haben. Es geht daraus hervor, daß die Bedeutung der Liebespfeile für den Begattungsakt, dessen wichtigster Teil nun erst beginnt, jedenfalls eine sehr geringe ift, und daß sie auch kaum als Reizorgane betrachtet werden können.

Die Eier der Weinbergschnecke haben 3 Linien Durchmesser und werden von einer weißen, mit Kalkkristallen imprägnierten und darum festen Schalen umgeben. „Diese Eier werden in großer Menge in kleine Erdhöhlen gelegt, welche die Schnecken dazu selbst bilden. Der Vorderkörper wühlt sich, soweit er sich aus der Schale hervorstrecken kann, in weiche feuchte Erde hinein und bildet fo ein rundes 1 — 1 ½½ Zoll tiefes Loch, dessen Offnung oben stets vom Schneckenhause verschlossen bleibt, und so hineingestreckt legt die Schnecke im Verlaufe von 1— 2 Tagen ihre 60— 80 Eier. Dann scharrt fie das Loch mit Erde zu und ebnet den Boden darüber, so daß das Eiernest, wenn man nicht bald nach dem Legen die lockere Erde dort noch erkennt, schwer zu finden ist.“ (Keferstein.) Die Entwickelung im Ei nimmt etwa 26 Tage in Anspruch. Einige Züge der Entwickelung der Landpulmonaten sollen unten bei der Ackerschnecke mitgeteilt werden. Bis tief in den Herbst hinein sind sie sehr gefräßig, um mit Eintritt der Kälte sich zum Winterschlaf anzuschicken.

Die Weinbergschnecke ist seit alten Zeiten im mittleren Deutschland, besonders zur Fasching- und Fastenzeit, eine beliebte Speise gewesen. In der Schweiz und in den Donau-gegenden züchtete und mästete man sie in eignen Gärten. Doch ist die gute Zeit vorüber, wo in der Gegend von Ulm die Helix pomatia durch eigne Schneckenbauern in diesen Gärten gehegt und jährlich über 4 Millionen in Fässern zu je 10,000 Stück im Winter auf der Donau hinunter bis jenseit Wien ausgeführt wurden. Von Eßlingen aus wurden noch im Jahre 1891: 10,000 gehegte Deckelschnecken, das Tausend zu 12 Mark, zum Verkaufe ausgeboten. In Steiermark, wo sie auch in ziemlicher Menge gegessen werden, sammelt man sie einfach im Herbst ein, nachdem sie sich bedeckelt haben, und bewahrt sie zwischen Hafer auf. Natürlich trocknet derselbe während des Winters etwas zusammen, was die Leute damit erklären, die Schnecken verzehrten denselben. Wie das durch den Deckel hindurch geschehen könne, wußte man mir freilich nicht anzugeben. Man ißt sie in dortiger Gegend einfach nur abgekocht; sehr delikat schmecken sie mit feinen Kräutern feingehackt und gedünstet. So behandelt wird das Ragout in den eignen Schalen der Schnecken serviert.

Im südlichen Deutschland grenzt an den Verbreitungsbezirk der Weinbergschnecke derjenige der vorzugsweise dem Süden Europas angehörigen gesprenkelten Schnirkelschnecke (Helix adspersa). Sie ist etwas kleiner, ihr Gehäuse dem der vorigen ähnlich, gebändert und mit weißen oder gelblichen flammigen Sprengseln bedeckt und wie damit bespritzt. Sie ist ein wichtiges Nahrungsmittel der niederen Volksklassen des südlichen Europa, besonders Italiens. In den offenen Garküchen der größeren Städte wird sie in Kesseln gesotten, und ich habe in Neapel oft mein Geschick gepriesen, daß ich nicht die Brühe zu trinken brauchte, welche der Lazzarone zu seiner reichlichen, um eine kleine Kupfermünze gekauften Portion zubekam, und die er als ein köstliches Naß aufsog. Die Beobachtung des Verkaufes solcher allverbreiteten, nur die Arbeit des Einsammelns und die einfachste Zubereitung kostenden Lebensmittel macht es begreiflich, welch ein großer Reiz dort im Müßfiggehen und Betteln liegt. Ein paar Soldi für den Mittagstisch treibt ein geschickter Bettler doch auf; dafür hat er nicht nur Fleisch und kräftige Brühe, sondern

zum Nachtische ein großes Stück Wassermelone, welche neben den brodelnden Schneckenkesseln mit wahrer Virtuosität ausgeboten werden. Schon im Altertum wurden aber außer dieser noch verschiedene andere, zum Teil eingeführte Arten gezüchtet und gemästet. Wie Plinius erzählt, beschäftigte sich zuerst ein gewisser Fulvius Lippinus kurze Zeit vor dem pompejanischen Kriege mit der Schneckenzucht, und je in besonderen Ställen wurden die weißen Schnecken aus der Gegend von Reate gehalten, die besonders großen illyrischen, die durch ihre Fruchtbarkeit ausgezeichneten afrikanischen und die hochgeschätzten solitanischen. Ja sogar einen Teig aus Most, Weizenmehl und anderen Bestandteilen hatte er ersonnen, um fette, schmackhafte Schnecken auf die Tafel zu bringen. Welche ausländische Arten gezogen wurden, ob darunter etwa der und jener Bulimus und eine oder die andere Achatina aus Afrika, läßt sich nicht angeben. Doch scheint nach Kobelts Bemerkung die von den Römern so hochgeschätzte Cochlea maxima illyrica die Helix secernenda gewesen zu sein, eine inDalmatien gemeine Verwandte unserer Weinbergschnecke, welche noch heute dort als Leckerbissen gilt. In Venedig verspeist man vorzugsweise die kleinere Helix pisana, welche in ungeheuern Mengen auf den Dünenpflanzen sich aufhalten. „Diese niedliche Schnecke hat die Gestalt der gewöhnlichen Gartenschnecke, ohne jedoch ihre Größe ganz zu erreichen; dabei ist sie etwas genabelt, die Mündung inwendig rosenfarbig, die äußere Schale aber weiß mit gelbbraunen Bändern, welche beinahe an jeder einzelnen Schale wieder verschieden, bald wie Notenlinien fortlaufend, bald wie Laubwerk nach oben und unten ausgeschweift, bald aus Punkten und Querstrichen zusammengesetzt, oft sehr lebhaft, oft blaß sind oder ganz fehlen. Diese Schnecken werden in großer Menge nach Venedig gebracht, dort abgesotten, mitsamt der Schale mit gehacktem Knoblauch und Ol in großen Schüsseln angemacht und den ganzen Sommer durch auf allen Plätzen verkauft.“ (Martens.) „Durch ganz Italien find, außer der Helix adspersa, H. naticoides und H. vermiculata als Speise gesucht. H. naticoides, die in Süditalien allenthalben la Tapa-data, die Zugedeckelte, heißt, wird besonders geschätzt, ist aber nicht leicht zu sammeln. Diese Schnecke liegt nämlich fast das ganze Jahr hindurch zugedeckelt einige Zoll tief in der Erde; erst nach den schwereren Herbstregen kommt fie heraus, um schon im Februar wieder zu verschwinden. Nimmt man das Tier in die Hand, so stößt es mit einem sehr vernehmlichen Geräusche eine ganze Menge Schaum aus der Atemöffnung aus, so daß sie vollständig davon umhüllt wird. Mir ist keine andere Landschnecke bekannt, die mit einer ähnlichen Schutzwaffe versehen wäre; leider wird diese ihrer Besitzerin dem Hauptfeinde, dem Menschen gegenüber, zum Verderben, denn man sieht den Schaum schon von weitem und hört das Geräusch einige Schritte weit. „Auch in Neapel spielen die Landschnecken noch eine Hauptrolle. Hier ist es besonders Helix ligata, die aus den Apenninen zum Verkauf gebracht wird; doch findet man auch die schon früher genannten Arten, die in ganz Italien gegessen werden, und ganz besonders bringt man hier die kolossalen Helix lucorum von Monte Gargano zu Markte. Jedem Fremden fallen die Maruzzeä ins Auge, die mit einem gemauerten Feuerherde auf dem Kopfe die Straßen durchziehen und ihre Ware ausrufen. Der Herd ist mit Blumen geziert, und ringsum sind Stücke Brot angespießt. Kommt ein Kunde, so wird der Herd vorsichtig heruntergehoben, der Händler nimmt ein Stück Brot und schöpft dann aus dem brodelnden Kessel die bestimmte Quantität Schnecken darauf.“ (Kobelt.)

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