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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Wahre amphibiotische Tiere sind die Litorina-Arten oder Strandschnecken. Das Tier hat eine kurze runde Schnauze und lange fadenförmige Fühler, welche die Augen ebenfalls außen am Grunde tragen. Das dickrandige, porzellanartige Gehäuse ist im allgemeinen von kugeliger Gestalt. Es sind über 100 Arten aus allen Meeren bekannt, welche

die meiste Zeit oberhalb des Wasserspiegels in jener Uferzone zubringen, welche nur von der Flut oder gar nur von den springenden Wellen beim Hochwasser erreicht wird. Johnston sagt: „Die an der britischen Küste gemeinen Litorina-Arten scheinen in der That solche Stellen vorzuziehen, wo sie nur vom Hochwasser bedeckt werden können, und ich habe Myriaden Junge davon in Felshöhlen einige Fuß hoch über dem höchsten Flutstande gesehen. Gleichwohl sind ihre Atmungsorgane, wie immer, nur Kiemen, und es scheint nicht leicht, hierbei sich nicht an die Unwahrscheinlichkeit der Lamarckschen Hypothese zu er: innern und zu fragen, warum diese Weichtiere, so begierig nach Luft, doch während ihres Aufenthaltes in derselben noch keine Lungen wie die Schnirkelschnecken bekommen und sich ganz aufs Land begeben haben; warum ihre Schalen noch nicht leichter geworden, um ihnen mehr Behendigkeit der Bewegung zu gestatten, warum ihre am Grunde der Fühler gelegenen Augen sich noch nicht zu größerer Höhe erhoben haben, damit sie die Landschaft übersehen und deren Gefahren vermeiden können.“ Lamarck, gegen welchen der ironische Angriff des Engländers sich richtet, ist der Urheber der Umwandlungslehre, welche durch Darwin erweitert und wissenschaftlich begründet wurde. So wohlfeil wie Johnston kann man sich aber jetzt nicht mit Lamarck abfinden. Gesetzt, Tiere, welche durch Kiemen Wasser atmen, sollen sich im Laufe der Zeiten zu Luftatmern umwandeln, so kann dies auf zwei Wegen geschehen. Der einfachere Fall, der hier vorliegt und der auch bei den Landkrabben, den Asseln und anderen Krebsen in ausgezeichneter Weise verwirklicht ist, wird darin bestehen, daß die ehemaligen Atmungsorgane ihre Form nicht ändern, sondern daß ihre Oberfläche eine nicht näher zu beschreibende andere Beschaffenheit bekommt, wodurch das ehemalige Wasseratmungsorgan der Form nach Kieme bleibt, in der That aber Kieme und Lunge zugleich oder ausschließlich Lunge geworden ist. Auch den umgekehrten Fall haben wir oben schon kennen gelernt (S. 346), wo verschiedene Arten der luftatmenden Gattung Limnaea sich ohne merkliche Umänderung ihrer Lungenhöhle der Wasseratmung angepaßt hatten. Erst im anderen Falle, der viel schwieriger ist, gesellt sich zur physiologischen Anpassung auch eine morphologische, d. h. auch die Gestalt und den gröberen, in die Augen fallenden Bau betreffende. Überhaupt aber darf man sich in der Lamarck— Darwinschen Anschauung nicht durch diejenigen Querfragen beirren lassen, welche sich auf Dinge beziehen, welche man vorläufig mittels jener Annahme nicht erklären kann, sondern man muß sich an die Thatsachen halten, welche dadurch auf ihren Grund und Zusammenhang zurückgeführt werden. Die Uferschnecken sprechen also, was die Atmung und deren Organe betrifft, gerade für die außerordentliche Anpassungsfähigkeit derselben. Auf die Frage aber, warum die Litorinen nicht auch leichter geworden und ihre Augen nicht allmählich auf die Spitzen der Fühler gestiegen, antworten wir ganz ruhig, daß wir das nicht wissen, daß wir aber in diesem Nichtgeschehensein durchaus keinen erheblichen Einwand gegen die Umwandlungs- und Abstammungshypothesen erblicken.

Wie oben gesagt, halten sich also die Litorinen wenig unterhalb, oft sogar oberhalb der Flutmarke auf, wo sie bei längerem Ausbleiben des Wassers in mehr oder minder große Unthätigkeit und Schlafsucht verfallen. Es scheint sogar, als ob einzelne Arten sich oberhalb der Wasserhöhe in einen Winterschlaf begeben könnten. Wenigstens erzählt Gray, daß viele Individuen der Litorina petraea und einige einer anderen Art an der eng: lischen Küste in diesem Zustande zubringen. Er fand sie einige Fuß über dem Bereich der höchsten Herbstgezeiten an den Felsen befestigt. Der Fuß war gänzlich zurückgezogen; ein häutiger Rand füllte den Zwischenraum zwischen dem Fels und der äußeren Lippe der Schale aus, die Kiemen waren bloß feucht und der Kiemensack von jener ansehnlichen Menge Wassers entleert, welche bei solchen Tieren dieser Art darin vorhanden ist, die mit ausgebreitetem Fuße am Felsen hängen. Gray beobachtete die Tiere in diesem

Erstarrungszustande über eine Woche. In Seewasser gelegt, gewannen fie in einigen Minuten ihre volle Thätigkeit wieder.

Eine der gemeinsten und am weitesten verbreiteten Strandschnecken ist Litorina litorea. „Sie lebt im flachen Wasser an Blasentang, Steinen und Pfahlwerk. Sie sitzt oft über dem Wasser an Steinen und Pfählen längere Zeit auf einem Flecke. Wenn sie wieder ins Wasser hinunterkriecht, so nimmt sie Luft mit. Wird sie bald nach dem Untertauchen gestört, so kommen Luftblasen aus dem Wasser heraus. Ihre Bewegungen sind langsam. Wenn sie kriecht, so arbeiten die beiden Hälften ihrer Fußsohle abwechselnd. Während sich die rechte Hälfte nach vorn und hinten ausdehnt, verkürzt sich die linke durch gegenseitige Annäherung der beiden Enden. Dabei bildet sich hinten eine Falte, vorn tritt die Sohle mit wechselnden Wölbungen vor. Ein mittelgroßes Exemplar hatte, während es an der Glaswand eines Aquariums bald auf-, bald abwärts kroch, eine mittlere Geschwindigkeit von 0,5 mm in der Sekunde. Es würde demnach in der Stunde einen Weg von 1,s m zurücklegen, also ungefähr eine Menschenlänge weit fortkriechen. „Die Nahrung der gemeinen Strandschnecke besteht aus Pflanzen- und Tierstoffen. Wir sahen sie in Aquarien Blasentang fressen. Hier weidet fie aber auch die Überzüge von mikroskopischen Pflanzen und Tieren ab, die Spuren ihrer Radula— (Zungen-) Arbeit als Zeichnungen an der Glaswand zurücklassend. In England werden diese Schnecken in Austernbetten geworfen, damit sie den Grund von Seepflanzen reinigen. Hier werden Pflanzen dadurch schädlich, daß sie die Ablagerung von Schlamm veranlassen. In unseren

Aquarien sahen wir gemeine Strandschnecken auch Lich der uferschnecke (Litorina litorea). Vergr. rohes Fleisch von Säugetieren fressen. „In Holland wird die gemeine Strandschnecke gegessen, wie schon Swammerdam in der „Bibel der Natur‘ berichtet. Auf dem Fischmarkt in London werden vom März bis August wöchentlich gegen 2000 Bushel (zu je 46,13 Liter) und in den übrigen 6 Monaten wöchentlich ungefähr 500 Bushel umgesetzt.“ (Meyer und Möbius.)

Die gemeine Strandschnecke ist eins der am weitesten verbreiteten Weichtiere der nördlichen Halbkugel. In der Ostsee geht sie, nach den Angaben von Meyer und Möbius, bis an die Ostküsten von Bornholm und Rügen. Weiter östlich wird auch ihr der Salzgehalt des Wassers zu gering. An den Küsten von Schleswig-Holstein und Dänemark ist sie gemein. Sie lebt im Weißen Meere, und im Atlantischen Ozean kommt sie von Grönland und Nordostamerika bis nach Portugal vor. Auch aus dem Adriatischen Meere kennt man sie. d Die Eier unserer Litorinen bestehen aus der kleinen Dotterkugel und einer beträchtlichen Masse Eiweiß, dessen äußere Schicht zu einer Art von Eischale erstarrt. Ein Haufe solcher Eier wird von einer eiweißartigen gallertigen Masse zusammengehalten und an Tang oder Felsen angeklebt. Die Jungen erreichen schon im Ei eine weit vorgeschrittene Entwickelung, und bei manchen Arten findet ein Lebendiggebären statt. So erzählen Meyer und Möbius, daß die Litorina obtusa vom Frühjahr bis in den Herbst lebendige Junge gebiert, und daß noch im November im Aquarium neben einer alten Schnecke eine Schar junger Tiere angetroffen wurde.

Die den Litorinen nahestehende Gattung Lacuna hat ein kurzes Schalengewinde mit breiter flacher innerer und scharfer Außenlippe. Am Tiere wolle man an unserer Abbildung

den kurzen abgestumpften Kopf, die pfriemenförmigen Fühler und die beiden langen bandförmigen Fortsätze auf dem Fußrücken bemerken. Von der Lebensweise der an den europäischen und nordamerikanischen Küsten heimischen Lacuna divaricata machen Meyer und Möbius Mitteilung. „Sie ist eine sehr lebhafte Schnecke. Wirft man sie auf den Rücken, so kommt sie schnell wieder aus ihrer Schale hervor, dehnt sich aus, so weit sie kann, hängt den Vorderkörper nach der Seite und arbeitet mit den ausgestreckten Fühlern. um das Übergewicht auf eine Seite zu bringen. Die Fühler legen sich oft auf dem Boden an, um mit vorwärts zu helfen. Sie schwimmt auch gern hängend an der Oberfläche. Schnell untergetaucht, nimmt sie in dem hohl gekrümmten Fuße eine Blase Luft mit, die von Schleim umflossen if. Da fi) beim Kriechen die Seitenhälften des Fußes abwechselnd vorwärts schieben, so gleitet die Schnecke schwankend fort. Hierbei arbeiten immer

Gebänderte Häubchenschnecke (Lacuna divaricata). Vergrößert.

auch die Fühler lebhaft, indem sie sich bald bis an die Schale zurückbiegen, bald wieder wie eine Peitsche vorwärts schlagen.“ Das Tier lebt in den Regionen des Seegrases und nimmt nach Lovéns Beobachtung, wenn es braune Tange frißt, eine grüne, wenn rote Tange, eine rosenrote Färbung an.

Eine in den Sammlungen sehr beliebte Konchylie ist die Perspektivschnecke (Solarium), deren kreiselförmiges Gehäuse mit einem so tiefen Nabel versehen ist, daß man alle Windungen sieht. Obgleich einige 20 Arten in den tropischen Meeren vorkommen, ist weder über ihren Bau noch über ihre Lebensweise etwas Genügendes bekannt.

Einige Familien nähern sich zwar durch die Luftatmung und die Beschaffenheit ihres Atmungsorganes den Lungenschnecken, schließen sich aber nach ihrem sonstigen Bau und unter anderem durch die Trennung der Geschlechter den Vorderkiemern an. Man nennt fie Netzkiemer (Neurobranchia), da fie, wie gejagt, atmosphärische Luft durch ein Netzwerk von Gefäßen an der Decke der Atemhöhle atmen. Alle besitzen eine gewundene Schale, verschließbar durch einen Deckel. Ihr Mund ist oft in eine lange Schnauze ausgezogen, der Kopf trägt zwei Fühler. Alle leben auf dem Lande, besonders in feuchten

Gebänderte Häubchenſchnecke (Lacuna divaricata). Vergrößert.

Tropengegenden Am zahlreichsten find die Kreismundschnecken (Cyelostomidae), welche von den anderen Neurobranchien durch die eigentümliche Beschaffenheit ihrer Reibeplatte und des Deckels sich unterscheiden. Von der Hauptgattung Cyclostoma sind zwar über 1½% Tausend Arten beschrieben, davon kommen jedoch nur einige wenige in Frank: reich, der Schweiz und dem südlichen Teile des mittleren Deutschland vor. — Die häufigste unter diesen immerhin seltenen Schnecken, die zierliche Kreismundschnecke (Cyclostoma elegans, Tafel „Landschnecken“, Fig. 13), verdankt ihren Zunamen der allge: meinen Eigenschaft aller ihrer Gattungsgenossinnen, ein elegantes Gehäuse zu besitzen, welches bei ihr noch durch sehr regelmäßige erhabene Spirallinien und sehr feine, von jenen unterbrochene Querstreifen zierlich gegittert ist. Es wird 10--15 mm hoch. Wir finden bei Roßmäßler eine genaue Beschreibung der Eigentümlichkeiten dieses Wundertieres, wie er es nennt. „Das Tier ist äußerst scheu. Bei der leisesten, ihm ungewöhnlich dünkenden Berührung zieht es sich schnell in das Gehäuse zurück und verschließt es mit dem sehr festen, harten Deckel. Die Fühler sind durchaus nur kontraktil, nicht retraktil (zusammenziehbar, nicht zurückziehbar), denn es ist nicht die etwas abgestumpfte Spitze, welche bei dem Einziehen zuerst verschwindet, sondern die Basis der Fühler, und wenn dieselben ganz zusammengezogen sind, so sitzt die stumpfe Spitze auf der Stirn neben dem Auge auf. Die ringförmigen Runzeln der Fühler erleichtern auch das Zusammenziehen derselben ungemein. Die an der äußeren Basis der Fühler sitzenden Augen sind nicht ganz klein und glänzend schwarz. — Wenn das Tier, an einem feuchten Glase fortschreitend, die Feuchtigkeit aufsaugt, so scheint dabei viel Luft mit eingesogen zu werden, denn die in den Mund geschlürfte Flüssigkeit teilt sich wie in einem heftigen Strudel in zahlreiche Bläschen. Der ganze Kopf oder Rüssel ist oben sehr scharf und regelmäßig ringförmig gerunzelt, unten um die Vertiefung des Mundes herum mehr netzaderig-runzelig. „Viele behaupten, daß das Fortschreiten dieses merkwürdigen Tieres durch abwechselndes, spannmessendes Ansaugen des Rüssels und der Sohle geschehe. Es hat aber damit eine andere Bewandtnis. Allerdings ist beim Fortschreiten (denn man kann es ein wahres Schreiten nennen) der Rüssel durch Ansaugen mit thätig, aber nur untergeordnet. Die zwei wurstförmigen Wulste, in welche die Sohle durch eine tiefe Längsfurche geteilt ist, agieren wirklich wie zwei Füße. Wenn sich das Tier an der inneren Seite des Glases bewegt, kann man sich davon deutlich überzeugen. Sitzt das Tier ruhig, so sind beide Wülste an das Glas festgedrückt, und man bemerkt die teilende Furche nur als eine Längslinie. Wenn es aber weiter will, so wird allmählich der eine Wulst vom Glase gelöst, etwa um eine Linie vorgestreckt und dort auf das Glas festgedrückt; hierauf wird der andere Wulst gelöst, nachgezogen, zugleich etwas über den vorigen hinausgeschoben und wieder festgedrückt, und somit ist ein Schritt (eigentlich zwei) zurückgelegt. Diese Bewegung geht aber ziemlich langsam vor sich, und es steht das Tier an Schnelligkeit den Schnirkelschnecken weit nach. Was nun die Thätigkeit des Rüssels hierbei betrifft, so ist nicht zu leugnen, daß das Tier beim Gehen sehr häufig mit demfelben auf der Fläche, auf der es hinkriecht, sich festsaugt und dadurch das Gehen erleichtert, allein wesentlich scheint seine Funktion dabei nicht zu sein, da ich auch oft Schritte der beiden Wülste thun sah. Beim Schließen des Gehäuses mit dem Deckel, der beim Gehen hinten auf dem Fuße liegt, verfährt es wie andere Deckelschnecken, d. h. es bricht die Sohle unten in die Quere zusammen, so daß die beiden Sohlenhälften aufeinander zu liegen kommen, und zieht sich dann zurück, wobei notwendig der Deckel in die Mündung paßt. „Hinsichtlich seiner Lebhaftigkeit habe ich in meinen Behältern das Gegenteil von den Schnirkelschnecken beobachtet, es find nämlich alle meine Cyklostomen denTag über munter und lebendig, ruhen dagegen in uam wohlverschlossenen Gehäuse des Abends.“

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