Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Den Wellhörnern reiht sich die Gattung Fischreuse (Nassa) mit tiefem Ausschnitt am Kanal und faltiger Spindel an. Für uns ist die gegitterte Fischreuse (Nassa reticulata) am wichtigsten, jo genannt von dem durch tiefe Längs- und Querfurchen fast regelmäßig genetzten Gehäuse. Ihre Lebensweise ist sehr genau von Meyer und Möbius geschildert. „Die Fischreusen sind Fleischfresser. Wir haben gesehen, daß sie
lebendige Seesterne anfielen und sich nicht durch die Krümmungen derselben vertreiben ließen. Wenn Fleisch ins Aquarium geworfen wird, so wittern sie es sehr schnell, denn sie setzen sich in der Nähe und in der Ferne sofort in Bewegung, um es zu suchen. Diejenigen, die nahe an der Oberfläche des Wassers sitzen, wenden sich abwärts; andere, die im Begriffe sind, nach oben zu kriechen, kehren um. Manche heben den Fuß von der Glaswand ab und lassen sich zu Boden fallen. So sind sie mit einem Male der gewitterten Speise ein großes Stück näher gerückt und setzen dann kriechend ihren Weg weiter fort. Die: jenigen, die im Schlamme des Bodens verborgen sind, heben den Grund in die Höhe, wühlen sich hervor und kriechen auf das Fleisch los. „Das Organ, mit dem die Fischreusen das Fleisch wittern, scheint das Atemrohrzu sein. Sie strecken es aus und bewegen es nach allen Seiten. Sie gehen nicht geraden Weges auf das Fleisch zu, sondern weichen bald links, bald rechts ab, ja fie wenden zuweilen sogar um, merken aber dann bald, daß sie sich von der gewitterten Speise entfernen, und schlagen den früheren, näher führenden Weg wieder ein. Alle ihre Bewegungen lassen schließen, daß fie nicht durch Lichtreize geleitet werden, sondern durch einen anderen Reiz, der sich wie riechende Subftanzen verbreitet und ähnlich wie diese auf ein Sinnesorgan einwirkt. In dem Augenblicke, wo die Schnecke zum erstenmal das Fleisch berührt, fährt eine Zuckung durch die Fühler und das Atemrohr. Der Rüssel, ein hellroter Schlauch, kommt aus dem Munde hervor und bohrt sich in das Fleisch ein. Bald sind alle Fischreusen des ganzen Aquariums in dichtem Gedränge um das Fleisch versammelt. Jede behauptet ihre Stelle, nur die emporgehaltenen Atemrüssel schwanken hin und her. „Zuweilen bedient sich die Fischreuse ihres Fußes, um Nahrung zu ergreifen und festzuhalten. Eine Nassa hatte eben ein Stück Fleisch gefunden, als auch ein Palaemon squilla (ein Garneelenkrebs) hinzukam und dasselbe mit seinen Scheren anfaßte. Da um: klammerte sie die Masse mit dem Fuße und ließ es nicht wieder los, obgleich Palaemon lange dabei blieb und mitfraß.“ f |
Wenn wir oben sagten, daß wahrscheinlich auch bei den anderen Arten von Buecinum die Entwickelung der wenigen Jungen auf Kosten der größeren Menge der Eier vor sich gehe, sowird man darin durch die Wahrnehmung bestärkt, daß dasselbe auch bei anderen Schnecken geschieht. So bei der dem Buccinum nahe verwandten und denselben Verbreitungsbezirk mit ihm teilenden Pur-
pura lapillus. Man findet die Eikapseln dieses Bauchfüßers ebenfalls an
Eikapseln von Steinen und anderen Gegenständen angeheftet. Sie gleichen einer kleinen WTauren. Flasche, welche mit ihrem dünnen Halse befestigt ist. Jede Kapsel ist hermetisch verschlossen und gefüllt mit einer wasserklaren, zähen Flüssigkeit, worin 500— 600 Eier schwimmen. Auch von ihnen, wie gejagt, erreicht die große Mehrzahl ihr ideelles Ziel nicht, sondern ist das Futter für einzelne Bevorzugte.
Alle zur Sippe gehörigen Arten zeichnen sich durch Langsamkeit und Trägheit aus, und unsere Purpura lapillus gehört zu denjenigen, welche tage- und wochenlang an einer und derselben Stelle sitzen bleiben. Nach Steenstrups Beobachtungen geht diese Faulheit noch weiter bei einigen kleinen Formen, die man auf den Stämmen und Asten der
Fächerkoralle (Gorgonia flabellum) und anderen westindischen Gorgonien findet. Sie behaupten hartnäckig ihren Platz und drücken den Mantelrand so fest an die Aste der Koralle, daß sie selbige ganz umfassen, während die Baur oberflächliche Lage der Gorgonie die Schale umwächst, bis schließlich nur ein kleines Loch zur Kommunikation zwischen Schnecke und Außenwelt übrigbleibt. Ahnlich, wie diese Arten auf den biegsamen Horn: korallen, lebt eine andere (Purpura madreporarum) auf den indischen Steinkorallen.
Im wesentlichen ist aber dieses Verhalten kein anderes, als wie wir Seite 370 von der Mützenschnecke mitgeteilt haben. Nun gibt es aber zwei der Purpura ganz nahe stehende Gattungen, welche, sich festsetzend, die merkwürdigsten Umwandlungen erleiden, Magilus und Rhizochilus. Anfangs frei, werden sie nicht nur seßhaft, sondern es geht mit ihrem Gehäuse auch eine solche Formveränderung vor, daß ihre Ernährungs- und Lebensweise dadurch völlig umgestaltet wird. Wir folgen der Beschreibung, welche Steenstrup von diesen Verhältnissen gegeben. Die Jungen von Rhizochilus Antipathum gleichen den Purpura-Schnecken so vollständig, daß man sie mit jüngeren Exemplaren mancher Arten derselben verwechseln kann. Das Gehäuse der sich eben festsetzenden Tiere von 15 mm Länge hat die hierneben abgebildete Form. Die längliche Mündung ist nach oben hin abgerundet, nach dem kurzen Kanale zu spitz, und die beiden Lippen sind ganz einfach, bis zur Anheftung, wo Junges Exemplar dann sowohl die äußere als die innere sich zu verlängern und die Zweige aan le der Korallen zu umfassen beginnen. Betrachtet man dagegen den späteren bn Zustand nach der Anheftung, so ist eine merkwürdige Veränderung mit dem Mündungsteil des Gehäuses vor sich gegangen, besonders durch das eigentümliche Verhalten der Lippen. Dieselben sind aufgewulstet und haben einen oder mehrere Zweige der Hornkoralle umfaßt, sich dabei einander genähert, und durch die fortgesetzte Kalkabsonderung hat das Tier gleichsam seine eigne Schalenöffnung zugemauert. Mitunter haben sich mehrere Exemplare so nahe bei einander angesiedelt, daß eins durch des anderen Schale seine Mündung teilweise verschließt. Dieser Verschluß nach der Anheftung ist natürlich kein vollständiger; es bleibt die Kanalöffnung, und von hier aus wächst eine Röhre hervor, welche große Ahnlichkeit mit einer Wurmröhre (von Serpula) hat. Da die Hornkorallen, wie wir später sehen werden, aus einer festeren Achse und der dieselbe umgebenden weicheren, korkartigen oder fleischigen Substanz bestehen, so muß diese letztere berücksichtigt werden, wenn man sich mit Steenstrup ein vollständiges und anschauliches Bild vom Leben des Rhizochilus verschaffen will. Denn wenn schon die jungen Rhizochilen auf den mit tierischer Masse umgebenen Antipathesbüschen leben und sich später auf den noch in diesem Zustande befindlichen Korallenstöcken ansiedeln, so wird natürlich die weiche Rindenschicht des Polypen von wesentlichem Einflusse auf die parasitischen Schnecken sein. Obgleich dem % nde a: 105 dänischen Naturforscher nur getrocknete Antipathesstöcke zu Ge— e er bote standen, ließ sich das Verhältnis doch mit Sicherheit feststellen. Alle darauf haftenden Rhizochilen waren mit der eingetrockneten weicheren Polypenmasse überzogen. Indem also die Rhizochilusschnecke sich festgesetzt hat, wird sie nach und nach von den wachsenden und sich ausbreitenden Polypen bedeckt, und in dem Maße, als dieselben sich über ihr aufschichten, verlängert die Schnecke jene Röhre und führt nun in jedem Falle ein von den übrigen Verwandten sehr abweichendes Leben, welches näher zu schildern einem künftigen Beobachter vorbehalten ist.
Ein ähnliches und doch auch wieder eigentümliches Verhalten zeigt die andere oben genannte Sippe Magilus, welche nur in einer einzigen Art im Roten Meere vorkommt. Magilus ist eingesenkt in die Blöcke der Steinkorallen. Während aber bei Rhizochilus nur der Kanal zu einer engen Röhre verlängert wird, zieht sich hier die ganze Mündung
in eine weite Tüte aus. Das ursprüngliche Gehäuse und der untere Teil der Tüte füllen sich allmählich mit Kalk aus, und das Tier rückt in der sich verlängernden Röhre vor, gleichen Schritt haltend mit der fi ausdehnenden Koralle. Wie nun Rhizochilus nicht isoliert steht, sondern sein Schmarotzerverhältnis durch die auf den Madreporen lebenden Pur pura-Arten gleichsam vorbereitet wird, jo ist auch der Übergang von den frei lebenden Schnecken zum Magilus antiquus kein jäher, sondern wird durch die Sippe Leptoconchus vermittelt. Auch diese Tiere leben im Inneren von Steinkorallen, ihr Gehäuse wächst aber nie zur Röhre aus. Leptoconchus ist also gewissermaßen der Jugendzustand von Magilus.
Die artenreiche Sippe Murex, Leistenschnecke, hat den Außenrand mit einem Umschlage oder Wulst umgeben, der beim Wachstum auf den Windungen in Gestalt wulstiger, faltiger oder zackiger Längsbinden zurückbleibt. Mindestens drei Reihen solcher Wülste verlaufen bis zur Spitze des Gewindes. Von den lang bestachelten Arten und mit sehr langem Kanal ist Murex brandaris im Mittelmeer gemein. Er lebt auf Schlammboden und wird in großen Massen gesammelt und zu Markte gebracht. Einen mäßig langen, gebogenen Kanal und nur stumpfe Höcker auf den Wülsten hat Murex trunculus, ebenfalls eine der häufigsten, auf felsigem Grunde lebenden Schnecken des Mittelmeeres.
Bei Gelegenheit der Murices oder Stachelschnecken kommt Rumph auf die sogenannten Meernägel oder Onyxe, nämlich die Schalendeckel, zu sprechen. Wir wollen der Kurio: sität halber einige Anführungen machen, woraus die sonderbaren Geschmacksrichtungen alter Zeiten hervorgehen. „Man nennet einen solchen Unguis oder Nagel einen Onyx marina, und ist durch ganz Indien ein bekanntes Räucherwerk, indem es zu allen Räucherpulvern die Hauptingredienz ausmacht. Ich rede von solchen Räucherpulvern, welche bei den Arzten Thymiamata genannt werden, und womit man auf glühenden Kohlen räuchert. Unter solchen nun macht der Unguis die Hauptingredienz aus, wie die Aloe unter den Pillen. Es hat zwar der Meernagel an und für sich keinen angenehmen Geruch; denn wenn man ihn in grobe Stücken zerbricht und auf Kohlen leget, so gibt er erstlich einen Geruch, wie die gebratene Garneele, bald hernach aber neiget sich der Geruch auf Bernstein, oder, wie Dioscorides will, auf Bibergail, mithin ist doch der Geruch, so lange man ihn alleine räuchert, nicht gar zu lieblich; menget man ihn hingegen unter ander Räucherwerk, so gibt derselbe erst den anderen Sachen eine männliche Kraft und Dauer. Denn da mehrenteils alles Räucherwerk aus solchen Hölzern, Harzen und Säften bestehet, welche einen süßen, blumenartigen und starken widerigen Geruch haben, jo muß man den Meer: nagel darunter mengen, um den Geruch kräftig und dauerhaft zu machen. Man möchte also diesen Meernagel mit dem Baß in der Musik vergleichen, welcher, so lange er allein gehört wird, nicht angenehm klingt, aber unter anderen Tönen eine reizende Übereinstimmung gibt, und die Töne standhaft macht.“ Wenn wir unter den vielen Rezepten noch das auswählen, daß die indischen Quacksalber ein wenig vom Onyx des Murex ramosus auf einem Steine reiben, „und geben solches wider die Kolik und Bauchgrimmen zu trinken, auch gebrauchen sie den Rauch davon wider die Mutterbeschwerung, jedoch muß man sie im letzteren Falle etwas hart braten oder brennen“, so werden wir uns glücklich schätzen, heute die Schneckendeckel weder als Parfüm noch als Medizin gebrauchen zu müssen.
Ein viel wichtigerer und interessanterer Gegenstand, welcher sich an die Naturgeschichte von Purpura und Murex anknüpft, ist die Purpurfarbe, über deren Gewinnung und Eigentümlichkeiten eine ganze Litteratur existiert, ohne daß es zu einer genügenden Klar: heit gekommen wäre, bis vor längerer Zeit Lacaze-Duthiers die Angelegenheit durch seine ausgezeichneten Untersuchungen zu einem Abschluß gebracht hat. Als dieser Natur: forscher im Sommer 1858 im Hafen von Mahon mit Hilfe eines Fischers allerlei Seetiere
aufsuchte, bemerkte er, daß sein Gehilfe seine Kleidungsstücke zeichnete. Er machte die rohen Buchstaben und Figuren mit einem Stückchen Holz, die Züge erschienen zuerst gelblich. „Es wird rot werden“, sagte der Fischer, „sobald die Sonne wird darauf geschienen haben.“ Dabei tauchte er das Holz in die zähe Absonderung des Mantels, den er von einer Schnecke abgerissen hatte, und welche sogleich als Purpura haemastoma zu erkennen war. Der Zoolog ließ auch seine Kleider auf der Stelle zeichnen und machte alsbald die weitere Bemerkung, daß bei Einwirkung der Sonnenstrahlen sich ein höchst unangenehmer und penetranter Geruch entwickelte und eine sehr schöne violette Farbe zum Vorschein kam. Dies war die Veranlassung zu weiteren von dem schönsten Erfolge gekrönten Nachforschungen, denen wir folgen.
Bekanntlich hat man schon längst aufgehört, sich des von Schnecken gelieferten Purpurs als Färbemittel zu bedienen. Dagegen wissen wir aus den Schriftstellern der Griechen und Römer, daß die Purpurgewinnung ein großer Industriezweig war, und daß nur die Großen und Reichen sich wegen der Kostbarkeit des Stoffes den stolzen Namen der Bepurpurten (purpurati) beilegen konnten. Heute sehen wir nur an abgelegenen Inseln und Küsten einzelne arme Leute ihre Wäsche mit dem unauslöschlichen Purpur zeichnen, der im Altertum, als die metallischen und anderen Farben der modernen Chemie unbekannt waren, einen um so höheren Wert haben mußte, als seine Tinten und seine Eigenschaft der Unauslöschlichkeit eben von der Sonne hervorgerufen und bedingt wurden. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts beschäftigte sich der berühmte Beobachter der Insekten, Réaumur, an der Küste von Poitou mit den Purpurschnecken. Auch er fand, daß die Substanz violett färbe, erkannte aber merkwürdigerweise nicht, daß das Hervortreten der Farbe vom Lichte abhänge, sondern glaubte, daß der Luftzug dabei im Spiele sei. Ahnliche und andere Irrtümer begingen andere Schriftsteller, unter deren Mitteilungen sich sogar die Angabe findet, daß die Purpurfarbe von einem Fische herstamme, während ein anderer aussagt, eine von den Hirten gefundene Muschel gebe sie.