Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Gläsern im Wasser daneben. Es taucht so tief ein, daß die Gläser stets unter dem Wasser sind. Soll gesegelt werden, so ziehen es zwei Mann in die Höhe und B es auf Deck, bis das Fahrzeug wieder vor Anker geht. „In solchen mit Tüll oder Leinwand überbundenen Glashäfen bringen wir unsere Tiere in Körben, deren Raum in Fächer abgeteilt ist, auch lebendig nach Hamburg, um sie zu weiteren Untersuchungen in Aquarien zu halten.“
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Von der verwandten Gattung Cylichna, mit freier Schale, gehört Cylichna truncata, die abgestutzte Becherschnecke, den Nordischen Meeren und auch der Kieler Bucht an. Wir erfahren, daß diese kleine Schnecke, welche sich ganz in ihre 5 mm lang werdende Schale zurückziehen kann, ziemlich lebhaft auf Gras und Pflanzen hinkriecht, sich gern im Bodensatz des Aquariums vergräbt und an tiefen, schlammigen Stellen der Kieler Bucht nicht selten ist. Der dritte und letzte, aus dieser Bucht in die Hamburger Aquarien versetzte Deckkiemer ist Philine aperta, die offene Seemandel, einer Gruppe angehörig, wo die Schale gänzlich vom Mantel umhüllt wird, die Seitenränder des Fußes ausgedehnt und verdickt sind und der Kopf fühlerlos ist. Die Art der Ostsee, um welche es sich hier handelt, und welche von der norwegischen Küste an bis ins Adriatische Meer gefunden wurde, kommt kriechend ausgestreckt dort bis 20 mm lang vor. Die dünne, schwach eingerollte und weitmündige Schale ist milchweiß, etwas durchscheinend und perlmutterglänzend. Diese Eigenschaft, in den schönsten roten und grünen Interferenzfarben zu glänzen, erhält sie dadurch, daß mit den feinen Anwachsungs— Offeneaperta). SeemandelSchale von (Philineunten. linien sich sehr feine, nur mit scharfen Lupen bemerkbare Linien kreuzen, und daß die Schale außerdem von dichtstehenden feinen, nur mit dem Mikroskop bemerkbaren Poren bedeckt ist. Das Tier ist auf dunkelm Grunde durchscheinend milchweiß oder gelbweißmit undurchsichtigen weißen Punkten. Gegen Ende Juli legten einige kurz zuvor gefangene Seemandeln Eier. Diese sind in frei liegende, eiförmige, wasserhelle Schleimmassen eingebettet. Im Kieler Busen bewohnt das Tier tiefe, modergründige Stellen; in den Aquarien ist es am Tage fast immer im Schlamme verborgen. Einige größere Exemplare, welche die Beobachter in einem großen Aquarium monatelang nicht gesehen hatten und längst für gestorben und zersetzt hielten, kamen unverhofft wieder zum Vorschein. Seitdem wurden sie in kleinen Gefäßen, deren Bodensatz leicht zu durchsuchen ist, gehalten. Gewöhnlich sind sie in ihrem Schleim und in Schlamm, der an diesem festhängt, eingehüllt. In der Nacht kriechen sie an der Wand des Aquariums in die Höhe, wenden aber um und verbergen sich wieder unter dem Schlamme, wenn sie beleuchtet werden. Sie sind also, gleich vielen Tieren, welche wie sie keine Augen besitzen, mit einem Vermögen der Lichtempfindung ausgestattet. Dies besagt nur, daß gewisse Hauer en vom Lichte in anderer Weise als vom Dunkel affiziert werden.
In den Zaubergeschichten der römischen Kaiserzeit kommt wiederholt der Seehase (Aplysia depilans, s. Abbild. S. 308), von den Römern Lepus marinus genannt, vor. Apulejus hatte eine reiche Witwe geheiratet, und der Verdacht und Beweis, daß hierbei Zauberei im Spiele, fiel deshalb auf ihn, weil er einen Fischer bezahlt hatte, damit er ihm jene Tiere verschaffe. So viele Tage, als der aus dem Meere genommene Seehase noch lebte, quälte sich das Opfer, dem die Ausscheidung des Tieres beigebracht war. Noch heute nennen 20³
die Fischer dieses übel beleumundete Tier den Seehasen, an einigen Küstenstrecken Englands auch Seekuh. Der Kopf dieser äußerlich ganz nackten Schnecke rechtfertigt diese Benennung. Er trägt vier Fühler, zwei platte dreieckige, welche fast horizontal vorgestreckt werden und den Weg und die Nahrung betasten, und zwei aufrecht stehende, welche täuschend einem Paar löffelförmiger Hasenohren ähnlich sehen. Vor den letzteren liegen die Augen. Auf der Mitte des Rückens befindet sich das Mantelschild, in welchem eine schwach gewölbte, entweder ganz hornige oder auch kalkige Schale enthalten ist, und welches hinten in eine kurze Röhre sich fortsetzt. Durch diese gelangt das Wasser zu der Kieme. Die äußeren Enden derselben ragen gewöhnlich rechts unter dem Schildrande hervor. Sie aber und der größte Teil des Rückens können durch zwei flügelartige Hautfortsätze bedeckt werden, mit welchen das Tier gewöhnlich, wenn sie aufrecht stehen, undulierende Bewegungen ausführt. Die Angabe,
Seehase (Aplysia depilans). Natürliche Größe.
daß die Seehasen mit Hilfe dieser Lappen auch schwimmen könnten, ist wohl unrichtig; dazu sind die Tiere viel zu plump und die Lappen zu wenig ausgedehnt. Wenn man die Seehasen, ohne sie zu stören, über die Steine und Tange hingleiten sieht, so erscheintihr Körper voll und prall. Sowie man aber ein Exemplar anfaßt und in ein Gefäß setzt, so verliert es nicht nur das den Körper schwellende Wasser, sondern zugleich eine dunkelviolette Flüssigkeit, welche sich gleichmäßig im Wasser verteilt und in solcher Menge aus den Mantelrändern aus: geschieden wird, daß das Tier sich darin den Blicken entzieht. Bei der großen Verbreitung und Beliebtheit, welche seit einigen Jahren sich die Anilinfarben erworben, dürfte es von Sn: teresse sein, anzuhören, was ein Chemiker, Ziegler, über die Beziehungen der Ausscheidung der Seehasen zu diesen Farbstoffen sagt. Er nennt die Stoffe ein flüssiges Anilinrot und Anilinviolett von hohem Konzentrationsgrade, und dieser Anilinfarbstoff sei für die Tiere eine zweifache Verteidigungswaffe, insofern sie durch das Ausspritzen desselben das Wasser trüben und dadurch sich vor ihren Feinden zu verbergen im stande sind; dann aber, weil diese Farbe die giftigen Eigenschaften des Anilins besitzt und einen dem Mollusk eigentümlichen, widrigen Geruch entwickelt. Der berühmte französische Konchyliolog Forrussac hat schon im Jahre 1828 darauf aufmerksam gemacht, wie rasch sich der gedachte Farbstoff zersetzt, sobald er von dem Tiere ausgespritzt worden ist, und er bemerkt, daß sich diese Zersetzung verzögern und selbst gänzlich verhindern läßt, wenn man der Flüssigkeit etwas Schwefelsäure zusetzt. Da der Seehase an den portugiesischen Küsten in solchen Mengen vorkommt,daß, wenn die Tiere durch einen Sturm an das Gestade geworfen werden, durch ihre Fäul⸗ |
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nis die Luft so verpestet wird, daß die Umwohner die Entstehung epidemischer Krankheiten befürchten, so würde es, meint der genannte Chemiker, leicht sein, den Farbstoff im großen Maßstabe zu gewinnen; denn es gibt Exemplare der Seehasen, welche bis zu 2 g reiner, trockener Farbe geben. Die chemischen Reaktionen der Abscheidung der Seehasen ließen die Annahme als berechtigt erscheinen, daß diese tierischen Farben wirkliche Anilinfarbstoffe seien, gleich denen, welche man künstlich aus Benzol erzeugt. Von Aplysia depilans, dem großen, Fuß lang werdenden Seehasen der europäischen südlichen Küsten, habe ich viele Exemplare in Händen gehabt, niemals aber ein Brennen an den mit ihm in Berührung gekommenen Hautstellen, noch den exzessiven, ekelerregenden Geruch gespürt, der dem Seehasen zum Vorwurf gemacht wird. Er ist offenbar besser als sein Ruf und verdient nicht seinen Namen depilans, der „haarscherende“, indem sogar die Haupthaare des ihn Berührenden ausfallen sollen. Einige tropische Arten scheinen allerdings zu nesseln.
Nicht bloß die äußere Gestalt und die Nahrung der Aplysien verlockt zum Vergleich mit pflanzenfressenden Säugetieren, auch ihr aus mehreren Abteilungen bestehender Magen erinnert lebhaft daran. Die Speiseröhre öffnet sich in einen weiten häutigen Pansen, aus welchem die Nahrung in den zweiten Magen gelangt. Hier wird die Verdauung unterstützt durch eine weitere Zerkleinerung des Gefressenen, indem die muskulösen Wandungen mit vielen kleinen knorpeligen, pyramidalischen Körperchen bewaffnet sind, welche offenbar als Magenzähne, wie die ähnlichen Organe bei den Krebsen, wirken. Auch in der dritten kleineren Abteilung wirkt in ähnlicher Weise ein Hakenbesatz der Wände. Der vierte Magen endlich hat die Gestalt eines DBlinddarmes. Bei dem Bedürfnis nach massenhafter, meist aus gröberen Tangen bestehender Nahrung, findet man den Seehasen auch fast unausgesetzt auf der Weide. Unsere Aplysia depilans, s. Abbild. S. 308, hält sich oft so hoch am Strande auf, daß sie bei der Ebbe in kleinen, sie kaum benetzenden Pfützen zurückbleibt; sie steigt aber auch in mehrere Faden Tiefe.
Apluysia bildet den Kern einer Familie, welche vorzugsweise die heißen Meere bewohnt. Eine ihr nahestehende Gattung jener Zonen ist Dolabella, darunter die 20—25 cm lange Dolabella Rumphii, welche sich durch die Lage des Schildes auf dem abgerundeten Hinterende und die darin enthaltene ganz kalkige Schale unterscheidet.
Als Unterscheidungszeichen der Pleurobrancheen, zu denen wir nun kommen, von den Aplysiaceen kann man kurz angeben, daß bei der neuen Familie die Kiemen nicht von einem besonderen Schilde bedeckt sind, sondern frei unter dem einfachen Mantelrand in der von diesem und dem Fuße gebildeten Furche sitzen. Durch eine meisterhafte Monographie ist uns von den wenigen, diese Familie bildenden Gattungen Pleurobranchus am beiten bekannt. Sie behandelt vor allem den im Mittelmeere lebenden Pleurobranchus aurantiacus, wir haben jedoch leider nicht von dieser Art uns eine Abbildung verschaffen können, sondern müssen unsere Beschreibung an die Abbildung (S. 310) einer Art aus der Südsee anknüpfen, Pleurobranchus Peronii, mit deren Zergliederung einst der große Cuvier sich beschäftigte. Die Pleurobrancheen haben einen im Umriß ungefähr eiförmigen Körper. Von oben betrachtet, gleicht er einer abgeflachten Scheibe, an welcher sich der gewölbte Rücken wie ein fleischiges Schild erhebt. Unter dem Vorderrande dieses Mantelschildes entspringen zwei hohle Tentakeln, welche aus einer sich zusammenrollenden dünnen Lamelle bestehen. Noch weiter unten, aber noch über dem Munde, befindet sich ein dreiseitiger Hautlappen, welcher vorn breiter als hinten ist. Die Augen stehen am Grunde der Fühler und erscheinen als zwei sehr kleine schwarze Punkte. Wenn das Tier sich zusammen—
zieht, so verschwindet die rechts liegende Kieme unter dem Rande des Rückenschildes. Bei den im Mittelmeere lebenden Arten Pleurobranchus aurantiacus und P. ocellatus ist der Fuß nicht so breit wie das Rückenschild, über dessen Rand er in der abgebildeten Art nach allen Seiten hinausragt. Sein vorderes Ende geht über die Mundöffnung hinaus, welche man zwischen ihm und dem oben erwähnten dreiseitigen Lappen oder Segel findet.
Wenn der Pleurobranchus in Bewegung ist, so schmiegt er sich allen Unebenheiten der Körper an, über die er hinzieht; seine Gewebe sind so weich, was sich fast von allen Nacktschnecken sagen läßt, daß sie ihm fast in jedem Augenblicke die allgemeine Form zu verändern gestatten. In diesem Zustande sind auch immer die Fühler, das Mundsegel und die Kieme entfaltet. Wir wissen, daß das willkürliche Aufblähen des Körpers der Mollusken von der Aufnahme von Wasser abhängt. Lacaze-Duthiers vergleicht das Schild und den Fuß des Pleurobranchus mit Schwämmen, welche so gefüllt und wieder ausgedrückt werden können, daß das Körpervolumen um das Zwei- und Dreifache sich ändern kann. Das Entleeren der schwammigen Organe geschieht namentlich bei unsanften Berührungen, und ein besonders empfindliches Organ dafür ist jenes über dem Munde befindliche Segel. Wenn das Tier kriecht, senkt es diesen Teil und schiebt ihn langsam über die Oberfläche der Körper hin, auf denen es sich bewegt. Das Aussehen des Tieres ist währenddem ein sehr eigentümliches, indem das Segel alsdann wie eine Art unter dem Vorderrande des Rüssels entspringender zweiter, Rüssel erscheint. Die äußerste Empfindlichkeit des: selben erklärt sich aus dem Reichtum an Nerven, mit Pleurobranchus Peronii, von oben. Natürl. Größe denen das Segel ausgestattet ist. Wenn nun letzteres ganz offenbar das eigentliche Tastwerkzeug ist, so kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, daß die eigentlich so genannten Fühler für das Tier wohl eine andere Bedeutung haben mögen, zumal sie nach rückwärts gebogen getragen werden und man sie nie etwas wirklich betasten sieht. In der That hat auch schon ein englischer Naturforscher die Fühler der Mollusken als Geruchswerkzeuge angesprochen. Diese Vermutung gewinnt bei den Pleurobrancheen um so mehr an Wahrscheinlichkeit, als hier dieses Organ aus einem zusammengerollten Blatte besteht und eine Röhre bildet, welche oben und am Grunde offen ist, und durch welche mit Hilfe der mikroskopischen Wimperhärchen fortwährend ein Wasserstrom zieht. Es entspricht damit in hohem Grade den Anforderungen, die an ein Witterungs- oder Geruchsorgan nach den Erfahrungen der vergleichenden Anatomie zu stellen sind.
Über das Vorkommen der von ihm beobachteten Arten teilt Lacaze-Duthiers folgendes mit. Bei Ajaccio auf Corsica fand er auf den Felsen den Pleurobranchus ocellatus. Derselbe ist sehr leicht kenntlich an den lebhaften weißen Flecken auf der braunen, mit Rot gemischten Grundfarbe. Dagegen herrschte in Mahon auf den Balearen die orangenfarbige Art (Pleurobranchus aurantiacus, j. Abbild. S. 302) vor, von den spanischen Fischern Colorados genannt. Sie waren leicht und in Mengen zu erlangen, wenn man nahe am Ufer und in geringer Tiefe die Steine umwendete, wo die Tiere ruhig saßen, Eier legend oder sich begattend. Auch in der Gefangenschaft hielten sie sich sehr gut und fuhren fort in ihren auf reichliche Nachkommenschaft zielenden Beschäftigungen. Obschon an ihrem natürlichen Aufenthaltsorte die Verstecke suchend, waren sie nicht besonders lichtscheu; sie kamen oft bis an den Rand des Wassers in den Gefäßen und legten vorzugsweise