Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
dort ihre Eier ab. Berührt man einen Pleurobranchus, oder hebt man schnell den Stein auf, unter dem er sich befindet, so kugelt er sich zusammen und läßt sich fallen. Für den Sammler ist dies insofern von Vorteil, als es bei der großen Zartheit des Tieres ganz unmöglich wäre, es unverletzt von den Steinen und aus deren Spalten herauszunehmen, wenn es, wie so viele andere Mollusken, sein Heil im festen Ansaugen suchte. Die Begattungszeit der im Hafen von Mahon beobachteten Pleurobrancheen fiel in den Juli und August und es schien unserem Gewährsmann, als ob jedes Individuum mehrere Bänder Laich absetzte. Es befestigt den Anfang des Bandes an einem seicht liegenden Steine und kriecht dann um diesen Anfangspunkt spiralig herum, indem es eine schleimige, bandförmige Laichmasse von sich gibt, die ungefähr einer Uhrfeder gleicht. Das Band ist etwa 1 cm hoch und orangengelb.
Das Mittelmeer und südlichere Ozeane bergen noch einige dem Pleurobranchus sich anschließende Deckkiemer, so Pleurobranchaea, welche unter anderem durch die völlige Abwesenheit einer Schale von Pleurobranchus abweicht, dessen Rückenschild wenigstens ein Schalenrudiment besitzt. Die durch einen überaus dicken Fuß ausgezeichnete Umbrella hat dagegen den kleinen Mantel von einer fast ganz ebenen, im Zentrum mit einem kleinen schiefen Spitzchen versehenen Schale bedeckt. Die mehrere Zoll lange Umbrella mediterranea kommt auch im Adriatischen Meere, bis Lissa wenigstens, vor.
Zahlreicher als die Deckkiemer ist die Unterordnung der Nacktkiemer, Schnecken, welche zwar als Embryonen und im Larvenzustande mit einer zarten Schale versehen sind, dieselbe aber in früher Jugend verlieren und im ausgebildeten Zustande ganz nackt sind, ohne irgend ein inneres Schalenrudiment. Wenn sie überhaupt Kiemen haben, und dies gilt von der Mehrzahl, so find dieselben ganz unbedeckt und erscheinen als quasten-, baumz, blattförmige Anhänge der Rückenhaut. Wir vertrauen uns nun wieder der Führung von Meyer und Möbius, welche die Repräsentanten von vier der wichtigsten Familien in Bild und Wort in dem schon oben benutzten Werke geschildert haben.
In der Familie der dorisartigen Nacktkiemer oder Dorididen stehen die federförmigen oder blattförmigen Kiemen um die in der Mitte des Hinterrückens befindliche Afteröffnung herum und bilden trotz dieses prosaischen Mittelpunktes eine lieblich aussehende Rosette.
Die Sippe Doris ist wohl eine der artenreichsten und enthält zugleich die größten Nacktkiemer. Der Körper ist länglichrund, oben gewölbt. Der Mantel überzieht Rücken und Kopf und greift über den Fußrand hinweg. Alle Arten besitzen auf dem Vorderrücken Fühler, Rückenfühler genannt, welche in eigne Höhlen zurückgezogen werden können; auch ist ihre Haut mit eigentümlichen, bestimmt geformten Kalkabsonderungen durchwirkt.
Die Tracht der weichwarzigen Sternschnecke (Doris pilosa) ergibt sich aus nachfolgender Abbildung (S. 312). Dieser und den beiden anderen bei Kiel lebenden Arten fehlen die Mundfühler. Die Rückenfühler zeigen die bei vielen Nacktkiemern vorkommende Eigentümlichkeit, daß sie mit schrägen Falten besetzt sind. Den Namen hat man dieser Doris daher gegeben, weil die Rückenfläche mit kegelförmigen, ungleich großen Papillen besetzt ist. Bei der gelben Varietät sind die Papillen die hauptsächlichsten Träger des körnigen, gelben Farbstoffes, während bei einer braunen Varietät dieselben noch außerdem einen körnigen braunen Farbstoff enthalten. Das bis über 20 mm lange Tier wurde von dem Hamburger Zoologen im Frühling und Herbst auf Tangen und Seegras in sand- und steingründigen Teilen der Kieler Bucht gefangen und Wochen hindurch in Aquarien mit Furcellaria,
Ceramium und Zostera, also einigen der gewöhnlichsten Seepflanzen gehalten. Dort legte sie auch im September und Oktober ihre Eier in wasserhell durchsichtigen Schleimbändern ab.
Neben ihr erscheint die rote Sternschnecke (Doris proxima), deren Rücken ebenfalls Warzen trägt, deren Färbung aber rot ist. Sie wird über 25 mm lang. Sie ist weniger lebhaft als die vorige und hält sich im Aquarium gewöhnlich ruhig an der Wand oder auf Seegras. Einige Exemplare, die in ein Aquarium, das für Tiere von den Bornholmer Küsten eingerichtet war, gesetzt wurden, blieben in dem sehr schwach gesalzenen Wasser ebenso gesund wie im Wasser von Kiel.
Eine dritte in den nördlichen europäischen Meeren weitverbreitete Art ist Doris muricata, die rauhe Sternschnecke, von durchscheinender weißer oder gelbweißer Rückenfarbe und orangengelben Fühlern, deren Rücken mit keulenförmigen, stumpf abgerundeten Warzen besetzt ist.
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Weichwarzige Sternschnecke (Doris pilosa). Stark vergrößert.
Zu den größeren Arten gehört die bräunliche Doris tuberculata des Mittelmeeres, deren Rücken mit vielen kleinen Wärzchen bedeckt ist. Sie wird gegen 8 em lang.
Von der vorstehenden Gattung entfernt sich die Griffelschnecke (Ancula) durch das Vorhandensein von zwei Fortsätzen vorn am Kopfe (Vorderfühler) und die nach vorn gerichteten griffelförmigen Fortsätze am Grunde der Hinterfühler, welch letztere nach ihrem Bau den Rückenfühlern der Doris entsprechen. Die Kiemen stehen in einem Kreisbogen vor dem After, und neben ihnen erheben sich keulenförmige, etwas flachgedrückte Anhänge. Den oben er: wähnten Seebezirken gehört die weiße Griffelschnecke (Ancula cristata, s. Abbild. S. 313) an, deren Grundfarbe ein durchscheinendes Milchweiß ist. Ihr zarter Körper ist eine überaus zierliche Erscheinung zwischen den grünen und braunen Seepflanzen, worauf sie in hübschen Krümmungen und unter steten Biegungen ihrer Fühler und Schwankungen der Kiemen und Kiemenanhänge mit ziemlicher Lebhaftigkeit herumkriecht.
Eine dritte Gattung der Dorididen ist die Hörnchenschnecke (Polycera). Ihr Körper ist gestreckt, vorn abgerundet, hinten zugespitzt. Das Hauptkennzeichen sind die längeren Warzen am Kopfe und neben den Kiemen, die am Stirnrande wie Hörnchen vorspringen. Die eine der bei Kiel vorkommenden Arten, Polycera ocellata, gabzu einer interessanten Erwägung über ein Speziesmerkmal Veranlassung. Alle Polycera-Arten der britischen
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Küsten, darunter auch Polycera oceliata, haben in der Haut kleine Kalkstäbchen. Die auffallendste Verschiedenheit der in der Kieler Bucht vorkommenden Exemplare der Polycera ocellata von den Exemplaren der Nordsee ist der Mangel jener Kalkkörper. „Wenn einzelne Kalkkörper“, fahren Meyer und Möbius fort, „in Exemplaren von Polycera ocellata, welche auf dem Wege zwischen der offenen Nordsee und der Kieler Bucht wohnen, gefunden werden sollten, so würde die Meinung, daß aus dem Besitze oder Mangel derselben keine spezifischen Verschiedenheiten abzuleiten seien, eine sichere Stütze gewinnen. Und diese haben wir auch zu unserer nicht geringen Freude am zweiten Pfingsttage 1863 im Fänö⸗Sund gefunden. Kaum war nach einer kalten Morgenfahrt von Assens aus der Anker gefallen und unsere Jacht im Sonnenschein unter dem Schutze hoher Buchen in Ruhe gelegt, so wurde das Grundnetz ausgeworfen. Schon der erste Zug brachte uns von
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Weiße Griffelschnecke (Ancula eristata). Stark vergrößert.
Kiel her wohlbekannte Tiere zu Tage, darunter auch Exemplare von Polycera ocellata, die aber meistens auffallendere gelbe Flecke auf einer dunkleren Grundfarbe als die Kieler Exemplare trugen. Alle hatten Kalkstäbchen in der Haut, auch die bleichfarbigen, welche auf tiefem Grunde gefischt wurden. Ist vielleicht ungleicher Salzgehalt die Ursache der Verschiedenheit? Dieses zu denken, liegt sehr nahe; doch spricht gegen eine solche Annahme der Mangel von Kalkkörpern in Exemplaren aus einer kleinen Bucht von Samsö, die der salzreichen Nordsee noch näher liegt als der Kleine Belt. Wir halten besonders die starke Strömung in dem Großen und Kleinen Belt für eine wichtige Bedingung der größeren Ahnlichkeit ihrer Fauna mit der Nordseefauna, denjenigen Tierformen gegenüber, welche die ruhigen Buchten des westlichen Ostseebeckens bewohnen.“
Lassen wir die Ursachen des Vorhandenseins oder des Mangels jener Kalkkörperchen beiseite und halten wir uns an die Thatsache. Wir sehen eine Eigenschaft, welche eine Art mit allen übrigen Arten ihrer Sippe teilt, unter uns unbekannten Einflüssen schwinden; wir sehen eine Varietät entstehen, zu deren Artwerdung weiter nichts als eine vollständige Isolierung von dem Verbreitungsbezirk der Stammart gehören würde. Denn das Vorhandensein der Kalkkörperchen setzt doch eine sehr eingreifende und eigentümliche Thätigkeit der Hautzellen voraus, welche mindestens so viel Beachtung verlangt als tausend
Weichtiere. Zweite Klasse: Bauchfüßer; zweite Ordnung: Hinterkiemer. andere Kleinigkeiten, nach welchen in der niederen Pflanzen⸗ und Tierwelt Arten unterschieden zu werden pflegen. Die niederen Tiere werden uns noch des öfteren solche frappante Beispiele der Nichtstichhaltigkeit der sogenannten Artmerkmale bringen. Die Neigung der Rückenhaut zu warzenförmigen oder anders gestalteten Ausstülpungen ist bei einigen Gattungen so gesteigert, daß sie wiederum zu einer eigenen Familie sich gruppieren, den Äolididen, deren Atmungsorgane eben jene Rückenanhänge und Rückenpapillen sind. Unter ihnen zeichnet sich Dendronotus durch die symmetrisch geordneten baumförmigen Anhänge aus. Die weitverbreitete gemeine Bäumchenschnecke (D. arborescens)
Gemeine Bäumchenschnecke (Dendronotus arborescens). Vergrößert. ist eine der schönsten Nacktschnecken. Sie erreicht eine Länge von fast 3,5 cm und macht sich auch durch die fleischrote Grundfarbe leicht bemerklich. Ihr Körper ist sehr schlank, nach hinten allmählich zugespitzt. Ihre größte Zierde sind aber die Bäumchen, deren ein Halbkreis von 7—9 nahe über dem Vorderrande des Kopfes und 5—6 Paare längs des Rückens stehen. Auch die Fühler haben einen sich verzweigenden Stamm, in welchen sie zurückgezogen werden können. Der Fuß ist schmäler als der Rücken und beim Kriechen auf ebenem Boden vorn gerade abgestutzt. Seine Seitenkanten ziehen sich oft so eng aneinander, daß er als ein scharfer Kiel erscheint. Sie zieht das Klettern auf den dünnen Zweigen der Algen dem Kriechen am Boden vor. Oft geht sie bis an die äußerste Spitze des Zweiges hinaus, hebt den freien Vorderkörper in die Höhe und wendet ihn, wie eine Spannraupe, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, um nach einem festen Gegenstande zu suchen, worauf sie ihren Weg fortsetzen kann. Meyer und Möbius sahen die Bäumchenschnecken seltener als andere Nacktkiemer an der Aquarien-wand ruhig sitzen. Dann halten sie sich nur mit schmaler Fußleiste fest und lehnen sich mit einer Seite gegen die Wand. Schwimmen sie an der Oberfläche, so nimmt der Fuß bald seine größte Breite an, bald nähern sich dessen Seitenkanten einander, und die Sohle bildet eine Furche. Beim Schwimmen hängen die Rückenbäumchen schräg auswärts nach unten; kriecht die Schnecke mit gestrecktem Körper gerade aus, so neigen sie sich leicht hinterwärts; windet sich der Leib, so treten sie nach allen Richtungen auseinander. Unsere Beobachter fassen daher mit Recht den Eindruck, den Form und Bewegungen auf sie machten, dahin zusammen, daß die schlanke Körperform, die zarten, leicht schwankenden Bäumchen auf dem
Rücken,die milde Färbung und die leichten, anschmiegenden Bewegungen die Bäumchenschnecke zu einem der reizendsten Seetiere machen. Bei Kiel wurde sie am häufigsten im Winter auf den Bäumen angetroffen, die zur Miesmuschelzucht im inneren Teile der Bucht aufgestellt sind, und sie hielt sich gut in Aquarien, angefüllt mit verfaulenden und frischen Pflanzen. Sie ist aber überhaupt ziemlich gemein an den nordischen Küsten, und ich selbst habe sie an den Färöern gefunden.
Die Angabe des englischen Zoologen Grant, daß Dendronotus arborescens schwache Töne hervorbringe, konnte von den Hamburger Naturforschern nicht bestätigt werden, da jedoch auch über eine andere Nacktschnecke (Aeolis punctata) dieselbe Behauptung vorliegt, so scheint doch etwas an der Sache zu sein. Man vermutet, daß die harten Mundwerkzeuge diese Töne hervorbringen.
Die artenreiche, den Stamm der Familie bildende Gattung Aeolis, Fadenschnecke, hat ihr vornehmstes Kennzeichen in den auf dem Rücken stehenden symmetrisch geordneten
Breitwarzige Fadenschnecke (Aeolis papillosa). Natürliche Größe.
Papillen, welche auch ein hohes physiologisches Interesse wegen ihres Baues erwecken. In jede Papille erstreckt sich nämlich ein Schlauch, der nach seiner ganzen Beschaffenheit als ein Teil der auf diese merkwürdige Weise auseinander gelegten Leber erscheint und unten mit dem baumförmig verzweigten Nahrungskanal zusammenhängt. Nach oben aber in der Papille kommuniziert der Leberschlauch mit einem Behältnis, angefüllt mit Nesselzellen, winzigen Bläschen, aus denen ein nesselnder Faden ausgepreßt werden kann, und welche wahrscheinlich in Massen durch die Endöffnung der Papillen entleert werden, um als Verteidigungs- oder Angriffsmittel zu dienen.
Von den Aeolis-Arten der Kieler Bucht ist von Meyer und Möbius die ausführlichste Schilderung der großen Aeolis papillosa, der breitwarzigen Fadenschnecke, zu teil geworden, welche dort über 5 em lang wird, an den britischen Küsten aber in Riesenexemplaren von 15 cm lebt. Das Äußere des Tieres mit den in schrägen Quer: reihen stehenden Papillen gibt die Abbildung. Die Grundfarbe ist meist graubraun. Ihre Lebensweise ist nach jener Schilderung folgende: Sie kriecht langsam und sitzt häufig still. In der Ruhe hält sie sich verkürzt, zieht gewöhnlich die Hinterfühler nieder und läßt die Papillen schlaff abgeplattet und gekrümmt übereinander liegen. Die Spitzen der Fußlappen und des Hinterkörpers treten nur unter den Papillen vor, wenn sie ausgestreckt kriecht. Wird sie auf den Rücken gelegt, so zieht sie die Fußränder dicht zusammen, kugelt sich wie ein Igel und bedeckt selbst die Bauchseite mit Papillen. An die Oberfläche, um zu schwimmen, geht sie seltener als andere Fadenschnecken. Ihre Nahrung sind Tierstoffe; besonders