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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Fortpflanzungsorgane sind zwitterig. Die Eier werden zahlreich in einer schleimigen Hüllmasse abgesetzt. In dieser durchlaufen sie ihre Furchung und bleibt der mit Hilfe von Wimpern kreisende Embryo bis zur Larvenform. Diese ist durch das uns bekannte Wimpersegel, eine das ganze Tierchen aufnehmende Spiralschale und einen Deckel tragenden Fuß ausgezeichnet. So beschaffen tritt die Larve aus dem Laiche hervor, schwimmt frei herum, wirft dann Deckel und Schale ab und beginnt nun ihren Fuß zu gebrauchen, der allmählich zur breiten Sohle wird und im Anfang gesondert ist, später mehr oder weniger mit dem übrigen Körper verschmilzt.

In Bronns Verzeichnis der Hinterkiemer sind nicht weniger als 122 Gattungen, auf 26 Familien verteilt, aufgeführt, wobei natürlich das Bedürfnis nach Übersicht auf eine Teilung der Ordnung in Unterordnungen dringt. Es liegt auf der Hand, daß man bei der Wichtigkeit der Atmungswerkzeuge, und weil ihre Lage und Form leicht zu konstatieren sind, immer und immer wieder behufs systematischer Verwertung auf sie zurückkommt. „Diese Schneckengruppe“, sagt Bronn, „bietet in sich eins der schönsten Beispiele einer aufsteigenden Reihe durch Trennung der Arbeit, Entwickelung selbständiger Organe, Konzentrierung und Internierung ihrer Stellung bei fortschreitender Vervollkommnung der Organisation, zumal in den Kiemen dar. Den Anfang bildet die scheiben-, kiemen-, gefäßund selbst herzlose Rhodope. Zuerst funktioniert die Rückenhaut, dann vergrößert fie ihre Berührungsfläche mit der Luft durch Bildung verschiedenartiger Anhänge; diese verästeln und verzweigen sich selbst noch weiter und werden zu wirklichen Kiemen, indem sie im Inneren regelmäßige Zuleitungs- und Ableitungsgefäße und Gefäßnetze aufnehmen;⸗die über den ganzen Rücken verteilten Kiemen konzentrieren sich um den After, suchen dann unter dem Mantelrande Schutz, zuerst längs beider Seiten des Körpers, und beschränken sich dann auf die rechte Seite, wo sich allmählich eine Vertiefung zu ihrer Aufnahme, eine seichte Kiemenhöhle mit noch weiter Offnung bildet. Andernteils entwickelt sich die Spiralschale zum Schutze und zur Aufnahme des Tieres immer mehr, indem sie aus einer rudimentären, inneren hornigen eine äußere wird.“

Wir haben durch diese treffenden Worte unserer Darstellung vorgegriffen. Sie drücken das Resultat einer genauen Musterung der ganzen Reihe der Hinterkiemer aus, wenn man, wie naturgemäß, mit den niedriger organisierten beginnt. Nach der Anlage dieses Werkes ist uns leider dieser Gang nicht erlaubt, wir haben aber auch hier nicht unterlassen wollen, darauf hinzuweisen, wie zur eigentlichen geistigen Durchdringung dieses Teiles der lebenden Welt das Aufsteigen vom Niederen zum Höheren eine innere Notwendigkeit ist. Jene höheren Hinterkiemer, deren Kiemen „unter dem Mantelrande Schutz gesucht“ haben, kann man Deckkiemer oder Seitenkiemer nennen. Der erste Name ist vorzuziehen, indem bei

allen Familien dieser Abteilung die Kiemen mehr oder weniger bedeckt, aber nur bei einer entschieden an der Seite liegen.

Die Familie der Bullaceen besteht aus Gattungen, bei welchen die Kiemen auf dem Rücken sitzen und vom Mantel bedeckt werden. Fast alle besitzen eine äußere Schale, oft so groß, daß sich das Tier vollständig darin bergen kann. Wir haben an den europäischen

Küsten einige ausgezeichnete Repräsentanten und wollen zuerst an der gemeinen Kugelschnecke (Acera bullata) der Ost⸗ und Nordsee und des Mittelmeeres ihre Eigentümlichkeiten kennen lernen. Unser Führer ist das Prachtwerk, welches Meyer und Möbius über die Hinterkiemer der Kieler Bucht herausgegeben haben, und dessen Wort und Bild wir unten über die Nacktkiemer vielfach benutzen werden!.

Das Tier von Acera ist fast walzenförmig verlängert; der Kopf ist niedergedrückt und vorn abgestumpft. Der Fuß hat große abgerundete Lappen, welche den größten Teil der Schale bedecken können. Am Hinterende des Mantels ist ein fadenförmiger Anhang. Dieser Faden entspringt von dem Mantelrande, tritt aus dem hinteren Schalenspalt hervor und kann sich ausdehnen und zusammenziehen. Über seinen Nutzen liegen keine Beobachtungen vor. Jedenfalls erinnert er an den Schwanzanhang der Pterotracheen. Die Schale ist dünn, hornartig, elastisch und eiförmig. Die großen Exemplare vorliegender Art strecken sich beim Kriechen bis auf 40 mm Länge aus. Ihr mächtig entwickelter Fuß dient nicht bloß zum Kriechen, sondern auch zum freien Schwimmen. Ruht das Tier am Boden oder kriecht es, so sind die freien Seitenplatten des Fußes in die Höhe geschlagen und bedecken nicht nur die Seiten des Körpers, sondern auch den Mittelrücken und einen Teil der Schale, ja ihre Ränder legen sich noch übereinander. Wenn man die Schnecke aus dem Wasser nimmt oder sie beunruhigt, so verkürzt sie den ganzen Körper so sehr, daß ihn

5 Man hätte denken sollen, daß diese beschränkte Lokalität eines schon salzarmen Meeres, weder durch Küstenentwickelung noch durch Strömungen und andere der Tierwelt günstige Bedingungen bevorzugt, keine besondere und interessante Ausbeute geben würde. Ganz das Gegenteil! Die beiden Naturforscher haben zuerst alle physikalischen Verhältnisse der Kieler Bucht, soweit sie irgend einen Einfluß auf das Tierleben ausüben, gründlichst untersucht und ein höchst anziehendes und lehrreiches Bild der Küstenbeschaffenheit, des Grundes, der Zusammensetzung und Temperatur des Wassers ꝛc. gegeben. Sie belehren uns, indem sie uns an den Schleppnetzexkursionen teilnehmen lassen, wie die Verteilung der Tiere stattfindet und von welchen Umständen sie abhängt, welche Pflanzen vorherrschen, und wie die Tiere sich auf diesem Bezirk, wo die größten Tiefen 10 Faden betragen, nach wohlgeschiedenen Regionen sondern.

der Fuß ganz umhüllen kann. Dann bildet das ganze Tier eine weiche, schleimige Kugel, aus welcher der schützend zusammengezogene Fuß weiter nichts als nur noch ein kleines Dreieck von der Schale hervorsehen läßt. Daher ihr Name.

Die Lebensweise der Kugelschnecke ist nach Meyer und Möbius' Beobachtungen folgende. Die größten Exemplare wurden im Winter und Frühjahr gefangen. Im Juli fischten die beiden häufig kleine, nur 3—5 mm lange Tiere und viele leere und mittelgroße Schalen zwischen faulem Seegras, woraus sich entnehmen läßt, daß die Kugelschnecke von einem Frühling bis zum nächstfolgenden leben mag. Sie gehört im Kieler Busen da, wo schlammiger, seegrastragender Grund ist, zu den gemeinsten Tieren und liebt vorzüglich die Region des abgestorbenen Seegrases, das die Fischer Rottang nennen. Hier findet sie an den braunen faulen Blättern reichliche Nahrung. Im Aquarium frißt sie außer diesen auch Fleisch. „Die Kugelschnecke ist“, fahren die Beobachter fort, „fast immer in Bewegung. Sie kriecht am Boden hin oder an der Wand des Aquariums hinauf. Zuweilen hängt sie auch etwas krumm zusammengezogen an der Oberfläche. Beim Kriechen hebt und senkt sie den Kopf und biegt sie den Vorderkörper nach rechts und links. Mit dem unteren Teile des Fußes schieben sich auch die emporgeschlagenen Flügel desselben vorwärts, so daß die Schale, worauf fie liegen, abwechselnd mehr frei und darauf wieder mehr bedeckt wird. Geschieht dieser Wechsel lebhafter als gewöhnlich, so schickt sich die Kugelschnecke zum Schwimmen an, einer eigentümlichen, überaus anziehenden, aber seltenen Bewegung, die man ein Fliegen im Wasser nennen möchte. Die gelbe Schale gleitet immer schneller und weiter vor⸗ und rückwärts, der Vorderkörper macht rhythmische Biegungen, die Fußlappen werden abgelöst und wieder angezogen, immer weiter und immer kräftiger, bis endlich ihre Niederschläge den ganzen Körper vom Boden abstoßen. Das Tier fährt nun, bald rechts oder links, bald vor⸗ oder rückwärts schwankend, immer höher im Wasser empor und schwebt in den anmutigsten Stellungen mitten in seinem klaren Element. Sind diese Bewegungen aufs höchste gesteigert, jo macht der Fuß in einer Sekunde 2—8 kräftige Schläge, wobei er sich in dem Grade vom Körper abzieht, daß er eine nach unten konkave Fläche bildet. Damit gleichzeitig biegt sich der Vorderkörper entweder vor- oder rückwärts. Während dies geschieht, sinkt das Tier jedesmal ein wenig, fährt aber beim Niederschlag des ausgespannten Fußes darauf plötzlich wieder schräg in die Höhe. „Nachdem solche lebhafte Bewegungen einige Minuten angehalten haben, werden die Schläge schwächer; die Schnecke sinkt langsam tiefer; zuweilen erhebt sie sich, ehe sie den Boden berührt, noch einmal durch einige starke Schläge, jedoch nicht mehr zu ihrer früheren Höhe; die Kräfte werden matter, sie sinkt zu Boden, schlägt nur noch die Fußlappenränder in die Höhe, lüftet sie noch einigemal, legt sie dann über der Schale ruhig zusammen und fängt endlich wieder an zu kriechen.“ |

Die Verfasser dieser sehr anschaulichen Schilderung meinen, daß vielleicht die Begattungslust des Frühlings zu diesen Bewegungen anreizt, da gerade im Februar, wo sich die Tiere zur Begattung aufsuchen, sie öfters schwimmend angetroffen wurden. Im Aquarium legten die Kugelschnecken schon vom Januar an Eier; im Kieler Busen fanden Meyer und Möbius den Laich im Mai und Juni in solchen Mengen am Seegrase, daß sie ganze Hände voll Schnüre aus dem Schleppnetz nehmen konnten.

Die Eischnüre find drehrund, 2—3 mm dick, von sehr verschiedener Länge und bald spiral gelegt, bald in unregelmäßigen Windungen hin und her und übereinander gebogen. Eine nicht ganz 8 em lange Schnur enthielt 1050 Eier.

Über die Methode des Fischens und Sammelns sagen die genannten Forscher: „Die Bewohner des Grundes fischen wir mit einem Schleppnetz, dessen Gestell aus zwei parallel durch einen Bogen und eine Schneide verbundenen, ungefähr 2 Fuß langen Eisen—

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 20

stäben besteht. Jener 1¼ Fuß breite und / Fuß hohe Bogen und die Schneide bilden die Offnung des Netzbeutels, der an allen Gestellteilen befestigt ist. Anfangs hatten wir einen engmaschigen Fischernetzbeutel; jetzt benutzen wir dazu groben, für Wollstickereien gebräuchlichen Stramin, der bei genügender Haltbarkeit sich durch engere Maschen auszeichnet. Seiner Anwendung verdanken wir erst die Entdeckung mancher kleinen Tiere unseres Gebietes, besonders nachdem wir auch auf den Gedanken gekommen waren, den feinen Schlamm der Thalrinne der Bucht aus dem Netze in ein Haarsieb zu schöpfen und unter der Wasserfläche so lange wegzuspülen, bis die kleinen Schlammbewohner frei werden. „Ist das Schleppnetz mit Pflanzen angefüllt, so schütten wir den ganzen Inhalt in ein flaches Faß, um ihn hier zu durchsuchen. Zarte rote Algen werden in Glashäfen mit klarem Wasser verteilt und später, wenn sie sich ruhig ausgebreitet haben, wiederholt nach Tieren durchmustert. „Es ist auch zweckmäßig, die Seepflanzen in Schüsseln unter wenig Wasser einige Stunden ruhig stehen zu lassen. Dann kriechen die meisten Schnecken heraus und versammeln sich an der Oberfläche, während sich die Würmer am Boden des Gefäßes im Dunkeln verbergen. Manche Würmer, die im Moder wohnen, versammeln sich in ganzen Knäueln unter leeren Muschelschalen, die mit ihnen aus dem Grunde kamen, wenn man den ausgesiebten Fang in flachen Schüsseln ins Helle stellt. „Im flachen Wasser, wo die Seepflanzen bis nahe an die Oberfläche wachsen, kann der Kätscher zum Fang von Schnecken angewendet werden. Die Steine, woran an der Mündung der Bucht Seetange wachsen, läßt man vom Boote aus mittels Haken vom Grunde in die Höhe heben, nimmt sie in das Boot und sucht ihre Bewohner ab. Wenn die Fischer Muschelpfähle aufziehen, um die Miesmuscheln abzupflücken, lassen sich, selbst wenn der Hafen mit Eis bedeckt ist, Rissoen, Aolidien, Dendronotus, Seesterne und Polypen sammeln. In den Monaten, wo keine Miesmuscheln geerntet werden, ist das Aufziehenlassen von Muschelpfählen kostspieliger als das Mieten eines Bootes zur Schleppnetzfischerei, welche auch in der Regel eine weit reichlichere und mannigfaltigere Ausbeute als die Muschelpfähle liefert. „Bei niedrigem Wasser ist das Absuchen der trocken gelegten Steine, das Aufgraben des Sandes nach Muscheln und Würmern und das Durchsuchen der Lachen nach kleinen Krustern und Schnecken lohnend. „Zur Abfischung der Oberfläche dient ein kleiner flacher Kätscher aus sehr feinem Tüll und ein Beutel aus eben solchem Zeuge, welcher um einen hölzernen Ring gespannt ist. Dieser hängt hinten am Boote, jener wird an einem kurzen Stabe in der Hand gehalten, während das Boot sanft und langsam fortgleitet. Der Inhalt beider wird wiederholt in einer Schüssel abgespült und dann mit dem Mikroskop untersucht. „Zum Aufpumpen des Wassers aus der Tiefe wenden wir eine kleine Saugpumpe aus Kupfer an, woran ein langer Gummischlauch mit viertelzölliger Wanddicke und halbzölliger Offnung befestigt ist. Das untere Ende des Schlauches ist durch ein kegelförmiges Gefäß von Kupfer verschlossen, dessen Boden feine Löcher hat, durch welche nur kleine Körper in die Röhre eindringen können. Das aufgepumpte Wasser fließt in einen Beutel von feinem Tüll, der im Wasser hängt, damit zarte Tiere nicht durch den Anschlag an das Gewebe verletzt werden. Der Anwendung dieser Pumpe verdanken wir die Entdeckung lebender Foraminiferen im Kieler Hafen. „Tiere, die wir längere Zeit lebend erhalten wollen, bringen wir in Glashäfen, ver-schließen diese mit Tüll und setzen sie in ein Hutfaß. Dies ist eine kleine Art Fischkasten von Kahnform, der ein wagerechtes Brett mit Löchern enthält, in welche die Glashäfen hineinpassen. Solange unser Fahrzeug vor Anker liegt, schwimmt das Hutfaß mit den

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