All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 71 of 170
Clio flavescens. Etwas vergr.

Limaeina. Clioideen. Nordische Clio. e

Die Gattung Pneumodermon gleicht im wesentlichen Clio, nur hat fie am Kopfe zwei mit Saugnäpfen besetzte Stiele, welche ganz in den Kopfteil des Tieres in eine taschenförmige Einstülpung zurückgezogen werden können. Auch finden sich am Hinterende faltige Hautanhänge, welche als Kiemen dienen, oder statt derselben (bei Pneumodermon ciliatum des Mittelmeeres) ein stark entwickelter Wimperkranz. Gegenbaur entdeckte in der Haut dieser Tiere zahlreiche kleine Drüsen, von deren Ausscheidung sie zu ihrem Schutze Gebrauch machen. „Reizt man einen frisch eingefangenen Pneumodermon, dessen Hautdrüsen man durch ihre weiße Färbung noch als gefüllt erkennt, mittels einer Nadel und dergleichen, so überzieht sich alsbald die ganze Körperoberfläche mit einer trüben, zuweilen weißlich erscheinenden Hülle, einer Art Membran, die fetzenweise von der Oberfläche des Tieres sich abziehen läßt. Oft auch bildet das ausgetretene Sekret keine solche zusammenhängende häutige Masse, sondern hüllt anfänglich das Tier in eine leicht opalisierende Wolke ein, welche dann rasch sich zu Boden senkt und verschwindet. In\NSN Man kann dieses Experiment in Intervallen von 2—6 Minuten mehrere Male wiederholen, doch ist jedesmal das spätere von einem ge: ———N== ringeren Erfolge begleitet, und zuletzt währt,0 =—g gAR —AN- SSNh N es sogar stundenlang, bis die Drüsen wieder —NVIQ N? pd\ mit hinreichender Sekretmasse gefüllt sind. Ob dieses Drüsensekret nicht auch aus einem Auswurfsstoffe des Körpers sich gebildet, oder ob seine Ausscheidung als Verteidigungsmittel diene, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden; vielleicht ist beides der Fall; daß es 2 zur Verteidigung verwendet wird, lehrt nicht z.Ze=SO—ů nur die Entleerung desselben bei der leisesten | Berührung der Haut mit einem fremden Körper, sondern vorzüglich folgende oft gemachte Beobachtung. Wenn es sich traf, daß Pneumodermen mit gefräßigen Firolen (d. h. Ptero- Fast reife Larve von Pneumodermon. Stark vergrößert. trachea) oder beutelustigen Phyllirhoen (Nacktkiemer) in einem und demselben Gefäße sich befanden, so kam es bald zu einer Jagd auf die schwächeren Pneumodermen, die trotz ihrer Gewandtheit ihren Gegnern nicht entgehen konnten. So oft nun einer der Räuber einem der geängsteten Tiere zu nahe kam und es mit dem geöffneten Hakenapparat zu packen suchte, hüllte sich der Pneumodermon in eine Wolke, der nacheilende Räuber hielt wie erschreckt dann inne, und der Verfolgte gewann einen Vorsprung, um wenigstens für einige Zeit zu entrinnen. Freilich war dies Mittel kein beständig wirkendes, denn bald begann die Verfolgung von neuem, nach mehrfacher Wiederholung desselben Versuches versiegte die Absonderung des schützenden Sekretes, und der Stärkere erhaschte endlich die oft entgangene Beute.“

Die Saugnäpfe samt ihren Stielen sind gewöhnlich eingezogen und die Tiere sind schwer zu veranlassen, den ganzen Saugapparat hervorzustrecken. Gegen baur konnte niemals ein Festsaugen an irgend einen Gegenstand beobachten.

Die Entwickelung von Pneumodermon ist nicht nur von derjenigen der übrigen Ruder: schnecken abweichend, sondern unterscheidet sich überhaupt von der aller übrigen Schnecken.

Faſt reife Larve von Pneumodermon. Stark vergrößert.

Die im Meere frei umherschwimmende Larve ist anfangs gestreckt cylindrisch und mit drei Wimperreifen umgeben, wodurch sie lebhaft an die Larven vieler Ringelwürmer erinnert. Der erste Wimperreif entspricht dem Segel der übrigen Weichtiere. Die vorstehend abgebildete Stufe ist aus einer viel späteren Zeit. Statt des Segels sehen wir die beiden Flossen k, vor diesen die mit Saugnäpfen besetzten Stiele e. Zwischen ihnen erhebt sich der Kopfteil d mit der Mundspalte b. Zu beiden Seiten derselben bemerken wir zwei mit Häkchen besetzte Zapfen c, ebenfalls eine Eigentümlichkeit der ausgewachsenen Pneumodermen. Im gewöhnlichen Zustande der Ruhe sind diese Zapfen wie Handschuhfinger eingestülpt. Wenn sie ausgestülpt und starr aufgerichtet sind, eignen sie sich als Verteidigungs- und Angriffswaffen, doch liegen über ihren Gebrauch direkte Beobachtungen nicht vor. Bei allen Arten verschwindet der mittlere Reifen a, bei den meisten auch der dritte a“, an dessen Stelle dann die Kiemenlappen treten.

Fügen wir nun noch einige Mitteilungen über das Leben der Flossenfüßer im allgemeinen hinzu. Sie sind über alle Meere, vom Eismeer bis zum Aquator, verbreitet und vorzugsweise auf dem hohen Meere anzutreffen. Ihr Vorkommen an den Küsten, z. B. bei Nizza und Messina, ist vorzugsweise durch Meeresströmungen bedingt. Im Mittelländischen Meere wurden sie zwar vielfach mitten am Tage an der Oberfläche des Meeres gefangen, dennoch können die meisten Nacht- oder Dämmerungstiere genannt werden, und namentlich scheint in den südlichen Breiten ihr Erscheinen an das Verschwinden des direkten Sonnenlichtes geknüpft zu sein. Der französische Naturforscher d'Orbigny, der fie anhaltend in den tropischen Meeren beobachtete, erzählt, daß er nie so glücklich gewesen, ein einziges Exemplar bei Tage zu fangen. „Aber“, sagt er, „gegen 5 Uhr abends, bei bedecktem Himmel, fangen 2 oder 3 Arten, besonders Hyalea, in ihren eigentümlichen Verbreitungsbezirken an, an der Wasseroberfläche zu erscheinen. Kommt nun die Dämmerung, so kann man in großen Massen die kleineren Arten der verschiedenen Kielfüßer und Flossenfüßer erhalten. Die großen Arten erscheinen aber erst, nachdem die Nacht sich völlig herabgesenkt. Dann zeigen sich die Pneumodermen, die Clionen und die großen Arten der Cleodoren. Einige Arten, z. B. Hyalea balantium (jetzt Balantium als Gattung) im Meerbusen von Guinea, kommen sogar nur bei ausnehmend dunkeln Nächten. Bald darauf verschwinden in der Reihe, wie sie gekommen, die kleinen Arten; die großen thun desgleichen, und etwas später, gegen Mitternacht, bemerkt man nur noch einzelne Individuen, welche den Rückzug versäumt haben. Eins und das andere ist wohl auch bis gegen Morgen geblieben; aber nach Sonnenaufgang sucht das Auge sowohl an der Oberfläche als bis zu der Tiefe, wohin es dringen kann, vergeblich nach einem Flossenfüßer. Jede Art richtet sich in ihrem Erscheinen und Verschwinden nach bestimmten Stunden oder vielmehr nach bestimmten Graden der Dunkelheit.“ D'Orbigny glaubte aus diesen Gewohnheiten schließen zu müssen, daß jede Art in einer bestimmten Tiefe sich aufhalte, wo die Lichtstärke bis zu einem gewissen Grade ab: geschwächt sei. Jede Art würde an der Oberfläche erscheinen, wenn hier ungefähr dieselbe Dunkelheit herrschte, die, wenn die Sonne über dem Horizont ist, über jener Zone ausgebreitet wäre, wo das Tier sich aufhält. Wenn die Pteropoden die ganze Nacht an der Meeresoberfläche blieben, könnte man mit Rang glauben, sie erschienen mit Sonnenuntergang, um in den oberflächlichen Schichten ihre Nahrung zu suchen, oder auch wegen des Atmungsbedürfnisses. Aber es ist nicht einzusehen, warum sie in der einen Stunde der Nacht ihre Nahrung leichter finden sollten als in der anderen, oder warum sie, da sie den

größten Teil des Tages tief im Wasser atmen, nötig haben sollten, des Abends weiter oben Luft zu schöpfen. Viel natürlicher ist die Aufstellung, die Pteropoden steigen nach und nach aus der Tiefe nach oben, um so lange wie möglich in demjenigen Lichte zu sein, welches bei Tage in der Zone ihres Aufenthaltes herrscht. Die Einwendung, die man gegen diese Ansicht noch machen könnte, daß doch unmöglich bei so geringer Ausbildung oder sogar dem gänzlichen Mangel der Gesichtswerkzeuge gerade die Empfindlichkeit gegen das Licht jene Gewohnheiten der nächtlichen Lebensweise verursachen könnte, ist hinfällig, da, wie wir an zahlreichen Beispielen der niederen Tierwelt und der Pflanzenwelt auf das deutlichste sehen, die Lichtempfindlichkeit durchaus nicht von dem Vorhandensein und der Vollkommenheit der Gesichtswerkzeuge abhängt. Lichtscheu und Verkümmerung der Augen gehen Hand in Hand. Hinsichtlich der Entfernung des Vorkommens der Pteropoden von den Küsten Südamerikas fand der französische Naturforscher, daß sie auf der Seite von Chile und Peru der Küste nie näher kamen als etwa 10 Meilen. Auf der atlantischen Seite hielten sie sich in noch größerer Entfernung. Wir haben schon erwähnt, daß die Pteropoden der gemäßigten und, fügen wir hinzu, der nördlichen Meere nicht so skrupulös gegen Licht sowohl als gegen das Land sind. Die Pteropoden können sich nur durch ununterbrochene Bewegung ihrer Flossen, ähnlich den Flügelschlägen der Schmetterlinge, vorwärts bringen oder auf einer und derselben Stelle erhalten. Die Flossen arbeiten unausgesetzt mit großer Leichtigkeit und Geschicklichkeit, und je nach ihrer Stellung schreitet das Tier geradeaus fort, steigt oder sinkt, wobei der Körper immer aufrecht oder leicht geneigt bleibt. Mitunter dreht er sich auch um sich selbst oder kann anscheinend ohne Bewegung seine Stelle behaupten. Letzteres vermögen jedoch nur sehr wenige Arten, und die allgemeinste Bewegung ist schmetterlingsartig. Wenn sie während ihrer Bewegung durch die Erscheinung eines fremden Körpers oder durch einen Stoß an das Gefäß, in dem man sie aufbewahrt, beunruhigt werden, so schlagen sich die Flügel übereinander oder werden, wie bei Hyalea, eingezogen, und das Tier läßt sich zu Boden sinken. Die Hyaleaceen schwimmen schneller als die Cleodoren, sehr langsam die Pneumodermen und Clionen. Die Pteropoden sind, wie aus der Untersuchung ihres Mageninhaltes hervorgeht, Fleischfresser; außer verschiedenen Weichtieren stellen sie den in unzählbaren Mengen die oberen Meeresschichten bevölkernden Krebschen nach. Zweite Ordnung. Die Hinterkiemer (Opisthobranchia). Auf den bunten Wiesen der faden- und baumförmigen Algen, der blätterigen Algen und der gröberen Tange, auf dem reizenden, unter Wasser getauchten Pflanzenteppich, der unser Auge schon so oft entzückte, wenn wir von dem langsam vorwärts getriebenen Boote aus den Meeresgrund betrachteten, finden wir noch Scharen von Weichtieren, welche meist durch ihren nackten Körper an unsere Wegschnecke erinnern, aber gewöhnlich auch durch zierlicheren Bau, vielgestaltige, als Kiemen dienende Anhänge sowie durch Farbenschmuck den Preis vor jenen erringen. Obwohl die Anzahl der bekannten Arten der Hinterkiemer, über welches Namens Bedeutung gleich zu reden sein wird, kaum 1000 betragen dürfte, zeigt der Bau ihres Körpers,

ihre Form und Lebensweise doch sehr beträchtliche Unterschiede und Abstufungen, da einerseits höchst vollständig entwickelte Sippen zu ihnen zählen, welche an die früher abgehandelten Ordnungen sich eng anschließen, anderseits in ihnen der Weichtiertypus sich seiner Eigenheiten mehr oder weniger entäußert und unter anderem Übergänge zu den Plattwürmern mit gänzlichem Mangel innerer und äußerer Kiemen nicht zu den Seltenheiten gehören. Indem ich der trefflichen Zusammenstellung Bronns folge, gebe ich zunächst im wesentlichen seine allgemeine Charakteristik der Ordnung. Wir haben dafür schon so manche Anknüpfungspunkte aus dem Vorangegangenen gewonnen.

Die Hinterkiemer (Opisthobranchia) sind Meeresschnecken, deren wesentlichste und beständigste Merkmale in der Wasseratmung, in der Lage der Vorkammer und des

3»)NNn 2Ban

Gefäßsystem von Pleurobranchus aurantiacus.

von den Kiemen das Blut bringenden Gefäßstammes hinter der Herzkammer und in ihrem Zwittergeschlecht beruhen. Fast ausnahmslos find fie von gestreckter Form und nackt. Nur bei einem kleinen Teile werden wir schildförmige oder gedrehte, aber nie die Vollständigkeit des Gehäuses der Vorderkiemer erreichende Schalen finden. Sie tragen fast ausnahmslos ein Paar Fühlhörner und am Munde ein Paar Lippentaster oder auch eine, dem Segel der Larven gleichwertige Hautausbreitung. Von der inneren Organisation ist für uns zum Verständnis der jetzt fast allgemein gültigen systematischen Benennung ein etwas näheres N Eingehen auf die Kreislaufs- und Gefäßsystems-Verhältnisse angezeigt. Die obenstehende 6 Figur ist der meisterhaften anatomischen Beschreibung des Pleurobranchus von Lacaze— Duthiers entnommen und stellt zur Versinnlichung des Gefäßsystems einen senkrechten Durchschnitt jenes Tieres dar, dessen nähere Bekanntschaft wir unten machen werden. Ohne weiteres ergibt sich p als die Sohle. Die Mundöffnung ist a, bedeckt von einem segelförmigen Lappen c, über welchem der Fühler. Die lang gestrichelten Adern find die Venen », welche das Blut zur Kieme bringen; aus dieser fließt es in das Herz. Diese Lage nun ist die entge gengesetzte von der, welche die Vorderkiemer charakterisierte, und folgt daraus die Bezeichnung der neuen Abteilung als Hinterkiemer von selbst. Wir können auch gleich hier noch einer anatomischen Eigentümlichkeit gedenken, welche unsere Ordnung mit den meisten anderen Weichtieren gemein hat, und von welcher die an einem Individuum oft so sehr wechselnde äußere Erscheinung abhängt: des direkten Zusammenhanges des Blutgefäßsystems mit der Außenwelt. Auf der schematischen Abbildung des Pleurobranchus ist mit g die Offnung eines Ganges bezeichnet, welcher dem Blute direkt Wasser zuführt, und wodurch die gleich den Höhlungen eines Schwammes den Rücken und Fuß durchziehenden Blutgefäße nach Belieben des Tieres gefüllt und entleert werden können. Obwohl nun dies das Grundschema des Kreislaufes der meisten Hinterkiemer

Gefäßſyſtem von Pleurobranchus aurantiacus.

ist, so entfernt sich doch ein Zweig der Ordnung gar sehr davon, indem er gar kein besonderes Atmungswerkzeug mehr besitzt und die bloße nackte Rückenhaut dessen Stelle zu vertreten hat. Das Nervensystem ist in der Regel wohl entwickelt. Der wichtigste Teil, der Schlundring, besteht meist aus drei durch Nervenstränge verbundene Ganglienpaaren, von denen die Hauptnerven für die Sinneswerkzeuge, die Mantel- und Fußpartie abgehen, und mit denen in der Regel noch einige kleine Nervenknötchen in Verbindung stehen, von wo aus die inneren Mundteile und der Verdauungskanal mit den sie beeinflussenden feinen Nervenfädchen versorgt werden. In der Entwickelung der Augen treten die Hinterkiemer sowohl gegen die Lungenschnecken und die meisten Vorderkiemer als gegen die Kielfüßer zurück, wie es mit ihrer kriechenden und auf die Pflanzennahrung gerichteten Lebensweise zusammenhängt. Nur bei wenigen Arten werden wir die Befähigung zum Schwimmen mittels flossenartiger Ausbreitungen des Fußes finden.

Continue reading
Page 71 of 170