Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die wenigen bekannten Arten von Nautilus gehören den tropischen Meeren an. Aber einst, in den früheren vorweltlichen Perioden von der sogenannten silurischen Formation an bis lange nach jener Periode, aus welcher die mächtigen Steinkohlenlager stammen, hatten die nautilusartigen Cephalopoden die ausschließliche Herrschaft, und noch erstaunen wir über ihre Mannigfaltigkeit, welche die der jetzt lebenden Mitglieder dieser Klasse weit übertrifft. Es sind gegen 1600 fossile Arten beschrieben.
Zweite Klasse.
Die Bauchfüßer (Gastropoda).
Das Bild der Langsamkeit und der langweiligen Bedächtigkeit steht vor uns, ein Tier, mehr Bauch als Kopf, mühsam auf platter Sohle kriechend, auf dem Rücken das unsymmetrische spiralige Gehäuse schleppend, und darin einen Eingeweidesack. Wer zum katurmystizismus neigt, kann auch mit Gustav Carus „etwas Mystisches in den eignen langsamen Bewegungen der Schnecken“ finden und Goethe citieren, der Mephistopheles auf dem Blocksberg sagen läßt:
„Siehst du die Schnecke da? sie kommt herangekrochen, Mit ihrem tastenden Gesicht Hat sie mir schon was abgerochen; Wenn ich auch will, verleugn' ich mich hier nicht!“
Uns darf aber die Schnecke zunächst gar nichts weiter sein als der nichts weniger als geheimnisvolle, allgemein bekannte Repräsentant einer nur von den Insekten an Mans nigfaltigkeit und Zahl der Arten übertroffenen Tierklasse, welche innerhalb des großen Kreises der Weichtiere durch bestimmte Merkmale sich auszeichnet. Daß die Schnecke ein Gesicht hat, ist richtig. Das Sehvermögen setzt einen Kopf voraus, und wegen des Besitzes eines mehr oder minder deutlich ausgeprägten Kopfteiles hat man die Schnecken auch wohl Kopfträger (Cephalophora) genannt. Sie stimmen darin, wie wir schon wissen, mit den Cephalopoden überein, deren Arme wiederum einen eigenartigen Charakter abgeben. Daß aber das Vorhandensein des Kopfes für unsere Schnecken etwas besonders Wichtiges ist, geht aus der oberflächlichsten Vergleichung mit einem Muscheltier hervor, an welchem man vergeblich nach einem Kopfe suchen wird, und welche infolge davon auch eine weit niedrigere Stellung einnehmen und in ihren Lebensäußerungen bekunden. Auch der Schneckengang ist höchst charakteristisch. Er beruht auf der Bewegung der eigentümlichen Sohle oder des Fußes, einer länglichen Muskelscheibe, welche besonders auffallend bei den nackten Schnecken als Bauch erscheint, und welcher die Schnecken den nicht minder häufig gebrauchten Namen der Bauchfüßer (Gastropoda) verdanken. Obgleich die mit Hilfe dieses Organs ausgeführten Bewegungen im allgemeinen sehr langsam sind, so findet doch innerhalb dieser Langsamkeit eine Abstufung statt: je schmäler und länger der Fuß, desto geschwinder die Bewegung, und umgekehrt. Die den Fuß bildenden Muskeln verlaufen vorzugsweise der Länge nach. Man sieht, wenn man eine Schnecke an einem Glase kriechen läßt, „wie durch eine Reihe wellenförmiger Erhebungen und Senkungen, die sich auf der Sohle vom Schwanze gegen den Kopf hin fortpflanzen und nach Swammerdams Ausdrucke den Wogen des Meeres gleichen, der Bauchfüßer in gleichmäßiger Weise sich vorwärts bewegt, indem er, wenn eine Landschnecke, seinen Pfad mit einem silberglänzenden Streifen von Schleim bezeichnet, den er ausschwitzt, um die rauhen Teile seines Weges sich weniger empfindlich zu machen. Wer hätte nicht schon die Landschnecke auf ihrer Wanderschaft be: obachtet? Und die Wasserbewohner bewegen sich genau auf dieselbe Weise, ob sie nun auf dem Boden des Meeres dahinkriechen oder die steilen Felsgehänge erklimmen oder in ihren Höhlen zwischen Seegras und Korallen herumirren.“ (Johnston.) Endlich können wir an allen unseren Land- und Wasserschnecken wahrnehmen, wie auch der Mantel, jenes für alle Weichtiere so wichtige Organ, in dieser Klasse ein besonderes Gepräge angenommen hat. Sei es, daß er bei den gehäustragenden Schnecken vorn eine dicke Falte bildet, welche 19%
wie ein Kragen sich über den Kopf ziehen kann und hinten in eine Art von Bauchsack zur Aufnahme eines großen Teiles der Eingeweide übergeht, oder sei es, daß er bei den meisten Nacktschnecken von der allgemeinen Körperbedeckung sich nicht auffallend abhebt: nie ist er | auf der Bauchseite geschlossen. |
Wie nun aber der Kopf und die an ihm befindlichen Teile, die Augen z. B., in ge wissen niedrigen Abteilungen kaum als ein besonderer Körperabschnitt erkennbar sind, oder jene Teile fehlen, so sind auch die inneren Organe in ihrer Ausbildung den größten Schwankungen unterworfen, wie solche weder in der höheren Klasse der Kopffüßer noch in derjenigen der tiefer stehenden Muscheln vorkommen. Den größten Bestand hat die Zunge und der Darmkanal, neben dem Schlundringe und den immer sehr ausgebildeten Fortpflanzungsorganen. Diese vielen Variationen des Baues berühren uns so weit, als an sie wesentliche, die äußere Form betreffende Umwandlungen geknüpft sind, und damit verändertes Vorkommen und Lebensweise in Verbindung stehen. Die meisten Zweige des Baumes der Schnecken sind dem Wasserleben zugewendet, und wiederum der größte Teil davon dem Meere angehörig. Sie bevölkern in ihm alle Zonen von der Flutmarke an bis in die Tiefe und die Höhe des offenen Meeres. Keine der Meerschnecken hat sich über die Kiemenatmung erhoben; die Lungenatmer der Klasse sind Bewohner des süßen Wassers und des Landes, und es hat sich ganz besonders in diesem starken Aste die größte Akkommodationsfähigkeit gezeigt. In dieser Beziehung sind die Schnecken, wenn man will, höher gestiegen als die Kopffüßer, welche von der ältesten uns bekannten Zeit ihres Auftretens bis jetzt verhältnismäßig geringe Fortschritte ihrer Organisation gemacht haben. Allerdings ist bei den Schnecken der wahre Fortschritt, d. h. eine der körperlichen, in der Luftatmung sich aussprechenden Vervollkommnung parallele geistige Entfaltung, auch nicht eingetreten: unsere Landschnecken sind auf ein Haar so beschränkt, als die dem salzigen Element getreu gebliebene Hauptschar.
Was die Schnecken nützen und schaden, wie sie sich und andere Tiere befehden, alle diese und ähnliche Dinge lassen sich besser im einzelnen nachweisen. Zum Verständnis der Beschreibungen müssen wir uns aber näher mit dem Gehäuse bekannt machen. Es ist schon davon die Rede gewesen, daß das Gehäuse aller Weichtiere sich nicht mit dem lebendigen Knochen der Wirbeltiere vergleichen lasse, sondern eine bloße Aus- und Abscheidung und damit eine tote Masse sei. Alle Schalen sind jedoch nicht bloße unorganische Massen, sondern haben eine tierische Grundlage, wie man auf zweierlei Weise beobachten kann. Betrachtet man in der Entwickelung begriffene Eier gehäustragender Schnecken oder Muscheln unter dem Mikroskop, so sieht man die Schalen anfänglich als häutige, biegsame Ausbreitungen, welche sich mehr und mehr vom Mantel abheben. Die oberste Schicht wird zur Oberhaut, die bei sehr vielen Schalen alsbald wieder sich abreibt, jedoch bei einer Reihe von Schnecken und Muscheln, z. B. bei unseren Flußmuscheln, sehr deutlich wenigstens an den Rändern der Schalen ist. Die unter dieser Oberhaut liegende, aus kleinen kästchenartigen Hohlräumen bestehende Schicht erfüllt ihre blasenförmigen Teile nach und nach mit kohlensaurem Kalke, und es folgt aus dieser Entstehungsweise von selbst, daß, nachdem die Kalkanfüllung der Hohlräume vollendet, die feineren Teile der inneren Schalenschichten als prismatische oder rhomboidale Körperchen erscheinen. Die Oberhaut wird nur an den freien Mantelrändern gebildet; nachdem aber auf der übrigen Mantelfläche eine solche verkalkte Zellenschicht sich abgestoßen, bildet sich eine neue, und auf diese Weise verdickt und ergänzt sich die Schale. Da die Farben der Konchylien nur in der äußersten Lage des Kalkes enthalten sind und von dem Mantelrande ausgesondert werden, so ergibt sich daraus, daß verletzte Schalen zwar von innen her ausgebessert und verstopft, aber nie wieder vollständig ausgeglichen und angefüllt werden können, und daß die ausgebesserten Stellen
ungefärbt bleiben. Der Versuch ist leicht an einer Gartenschnecke zu machen, ohne daß man dem Tiere wehe thut. Der andere Weg, sich von der tierischen Grundlage des Weichtiergehäuses zu überzeugen, ist einfacher. Man braucht nur ein Schalenstück in eine verdünnte Säure zu legen, so wird der Kalk aufgelöst und das organische Fachwerk bleibt zurück. Man sieht dann, daß nicht der Kalk, sondern die tierische Grundmasse dem Gehäuse die Gestalt gibt. Sind die Hohlräume und Häutchen, in und zwischen denen der Kalk sich ablagert, besonders dünn, so bekommen die Schalen den perlenartigen, irisierenden Glanz. „Wenn solche Schalen verwittern“, sagt Gray, „so trennen sie sich in viele dünne blätterige Schuppen von perlgrauer Farbe und silberartigem Glanze. Die Chinesen wissen dies und benutzen diese Teilchen der zerfallenen Plakunen, einer Muschel, als Silber in ihren Wasserfarbengemälden. Ich habe selbst dieses Silberpulver, welches Reeves mit nach England gebracht, mit gutem Erfolge zum Malen von Fischen angewendet. Es ist nicht ganz so glänzend wie gepulvertes Blattsilber, bietet aber den Vorteil dar, an der Luft sich nicht zu verändern.“
Die Hauptmasse aller Weichtierschalen ist kohlensaurer Kalk; sein Anteil bewegt sich bei unseren einheimischen Schnecken und Muscheln von etwas unter 92 bis über 98 Prozent, während die organische Substanz von ¼ bis über 5 Prozent, je nach Art und Bodenbeschaffenheit, beträgt.
Ich ersuche nun den Leser, ein Gehäuse einer unserer größeren Schnecken, etwa der Weinbergsschnecke, zur Hand zu nehmen, um sich an ihm sowie an dem abgebildeten Durchschnitte des Gehäuses vom gewellten Kinkhorn einige notwendige Vorkenntnisse: 5 b 7 eech Stellt man dieses Haus mit chschnitt uten Naturlich Orga. der Spitze zu sich gewendet vor sich hin, so liegt der scharfe, gebauchte Rand der Mündung zur Rechten; hält man dasselbe so vor sich, daß die Spitze in die Höhe, die Mündung gegen das Gesicht gewendet ist, so sieht man die Umgänge von rechts nach links hinablaufen. Man nennt ein solches Gehäuse rechtsgewunden. Was ein linksgewundenes ist, folgt von selbst. Die allermeisten spiraligen Schneckenhäuser sind rechtsgewunden. Es kommen aber unter manchen in der Regel rechtsgewundenen Arten auch umgekehrt gewundene Exemplare vor, und gerade unter den Weinbergsschnecken findet man dergleichen nicht selten. Die Konchyliensammler fahnden natürlich auf solche Ausnahmen, und Johnston erzählt in seiner Einleitung in die Konchyliologie eine sehr gute, hierauf bezügliche Geschichte. Sein Freund Pratt kannte einen französischen Naturforscher, der sich bemühte, eine Brut verkehrt gewundener Schnecken zu erhalten, um sie an Raritätensammler mit Vorteil zu verkaufen. Er wußte sich ein lebendes Paar zu verschaffen und erzeugte damit eine ansehnliche Familie, deren Mitglieder von Geburt an alle verkehrt gewunden waren, alle links, Revolutionisten vom Eie an. „Auf ungefähr 20,000 rechtsgewundene Weinbergsschnecken (Helix pomatia), bei denen die Kontrolle möglich ist, wegen des Massenverbrauchs als Delikatesse in Süddeutschland,
er
Osterreich und Frankreich, kommt (wenigstens im Rhonebassin) eine linksgewundene, die man in Wien als Schneckenkönige besonders teuer an Liebhaber verkauft. Ein solcher König hat die Geschlechtsöffnung links hinter dem Fühlhorn, das Atemloch links unter dem Haufe, mit ihm den After und dicht daneben den Nierenporus.“ „Leider“, fährt Simroth, im Widerspruch mit der eben mitgeteilten Angabe von Pratt fort, „fehlen noch die Versuche darüber, ob sich solche Abnormitäten vererben und durch Zusammenpaarung zweier Könige eine linksgewundene Kaffe erzeugen läßt. Für die Clausilien (Schließmundschnecken) hat die Natur die Aufgabe gelöst. Denn in Siebenbürgen kommen von derjelben Art sowohl rechts- wie linksgewundene Stücke vor, aber beide find nach verschiedenen Thälern isoliert. Die alten brahmanischen Inder stellten ihren Wischnu, den Gott (Schöpfer und Erhalter), meist mit vier Armen dar, deren einer die heilige Muschel, das Tschankahorn, hält. Diese ist eine linksgewundene Turbinella pyrum oder T. rapa. Noch jetzt wird mit solchen Exemplaren, die bei der Verarbeitung der Schnecke zu mancherlei Zierat gelegentlich gefunden werden, ein gutes Geschäft gemacht. 1882 wurde eine für 250 Rupien (500 Mark) in Kalkutta von einem Gläubigen erstanden.“ Turbinella pyrum und T. rapa, die Opfer- oder Tschankahörner, stehen bei den Hindu überhaupt in großem Ansehen, auch wenn sie rechts gewunden sind. Man verfertigt aus ihnen Arm- und Fingerringe, die nach dem Tode ihres Trägers in einen heiligen Fluß geworfen werden und die kein Hindu wieder an sich nehmen darf.
An der uns zugekehrten Mündung unserer Helix pomatia unterscheiden wir nun den Mundsaum als den ganzen Umfang der Mündung, und an ihm die äußere Hälfte als Außenlippe oder auch rechte Lippe von der inneren Hälfte oder inneren Lippe. In unserem Falle gehen diese Lippen ununterbrochen ineinander über und durch eine Um: biegung der inneren wird eine bei sehr vielen Gehäusen offene Vertiefung, der Nabel, bedeckt. Alle Windungen oder Umgänge, welche sich über der letzten erheben, bilden zusammen das Gewinde. Sie legen sich bei der Weinbergsschnecke so aneinander, daß, wenn man das Gehäuse in der Richtung von dem Scheitel nach der Mündung durchsägt, man eine wirkliche Achse oder Spindel sieht, welche zu einer eingebildeten oder mathematischen wird, falls die Umgänge fi gar nicht berühren, wie bei der Wendeltreppe. Die Weinbergsschnecke und die meisten ihrer zahlreichen Verwandten verschließen die Mündung ihres Gehäuses nur während des Winterschlafes mit einem Deckel. Um einen bleibenden Deckel zu sehen, müssen wir uns, wenn wir nicht am Meere wohnen, eine Sumpfschnecke (Paludina) verschaffen. Sie trägt auf dem Rücken des Fußes eine hornige Scheibe, viele andere Schnecken eine Kalkscheibe, an welcher man, wie an den Gehäusen, die Umgänge und jährlichen Ansätze bemerkt. Überhaupt aber ist, wie von Martens sich ausdrückt, da, wo Luft und Wasser sich wechselweise verdrängen, der Deckel das einfachste Mittel, sich vollständig in die für Flüssigkeiten undurchdringliche Schale zurückzuziehen, diese wasserdicht zu schließen und so, mit Unterbrechung aller Thätigkeit, durch die miteingeschlossene Feuchtigkeit ihr Leben bis auf günstigere Zeiten zu fristen. Es besitzen ihn also unter anderen alle Strandschnecken. |