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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Bei der großen Schönheit jo vieler Schneckengehäuse und Muschelschalen, bei der Sauberkeit, welche mit ihrer Aufbewahrung verbunden sein kann, ist es begreiflich, daß der Sammeleifer der Naturliebhaber der vorigen Jahrhunderte sich vorzugsweise auf die Konchylien warf. Aber schon im vorigen Jahrhundert geißelte der gelehrte Gegner Linnes, der Stadtsekretär Klein in Königsberg, die Gedankenlosigkeit vieler dieser Dilettanten. „Die meisten“, sagt er, „freuen sich ohne Urteil (sine philosophia) an der unglaublichen Mannigfaltigkeit der Konchylien, spielen damit und verlangen nach ihnen, wie die Knaben nach Nüssen und die Reichen nach Kleinodien. Die wenigsten denken über die Grundzüge der

Naturgeschichte nach. Wer etwas sorgfältiger zu Werke geht, etikettiert seine Gehäuse, wie die Holländer, mit einem hübschen Namen: vor der Schwierigkeit einer Beschreibung schrecken sie zurück. Denn so viele Gestalten, so viele Farbenverschiedenheiten, so viele Teile des Gehäuses bestimmt in entsprechenden Worten auszudrücken, das übersteigt die Kräfte eines solchen gewöhnlichen Naturforschers (vulgaris philosophi).“ Viel schwieriger noch sei es, die eigentlichen Artenunterschiede aufzufinden; ohne Gründlichkeit mache man neue Arten und wärme den so und so viele Male schon gekochten Kohl immer wieder von neuem auf. Der würdige Klein könnte noch heute seinen Zorn über die unberufenen Speziesmacher ausgießen.

Erste Ordnung.

Die Ruderschnecken (Pteropoda).

Wenn die Bewohner des Binnenlandes mit dem Worte „Schnecke“ sogleich die Vorstellung eines auf breiter Sohle kriechenden, mit deutlichem Kopfe ausgestatteten Weich: tieres verbinden, so sind wir durch das Vorangegangene schon vorbereitet, diese von den sogenannten typischen Formen entlehnte Vorstellung mannigfach modifizieren zu müssen. Wir wissen, daß das Tierreich und seine einzelnen Abteilungen nicht nach einem fertigen Schema geschaffen sind, sondern daß Übergänge vom Niedrigeren zum Höheren, vom Unentwickelten zum Entwickelten stattfanden, und daß es mehr oder weniger von der Willkür des Betrachters abhängt, welche Stufe in diesem Formenreichtum er festhalten will, um daraus gewisse Merkmale zu gewinnen, nach denen man jene größeren Abteilungen, die Klassen z. B., zu charakterisieren versucht, während in der Wirklichkeit nichts stabil ist und fast ebenso viele Ausnahmen als Regeln zu sein scheinen.

Eine solche die Regel Lügen strafende Ausnahme sind nun auch die sogenannten Flossenfüßer oder Ruderschnecken, „an Kopf, Fühlern, Fuß, meist an den Kiemen und oft auch am Mantel noch unausgebildete Kriechschnecken“, wie Bronn sie bezeichnet. Wer muß dabei nicht an das Messer ohne Klinge, welchem der Griff fehlte, denken! Wenn wir uns den Schneckenkopf als einen durch Mund und Lippen, Fühler und Augen kenntlichen, äußerlich hervortretenden, oft ganz deutlich von einem Halse abgesetzten Körperteil vergegenwärtigen, so trifft diese Eigentümlichkeit für die neue Ordnung nicht mehr zu. Nur die Mundöffnung gibt die Stelle an, wo der Kopf beginnen sollte; auch 2 oder 4 unvollständige Fühler dienen zur Orientierung. Eine im einzelnen durchgeführte Vergleichung der inneren Organe mit den gleichnamigen Teilen der anderen Ordnungen zeigt überall die gesuchten Anknüpfungspunkte; etwas wesentlich Neues sind aber die seitlichen flügelförmigen oder flossenförmigen Anhänge, welche bald am vordersten Kopfteile des Körpers, bald etwas weiter rückwärts in der Gegend entspringen, welche dem Halse der übrigen Schnecken gleichwertig ist und den Seitenteilen des Schneckenfußes entsprechen. Es sind dünne häutige Lappen, von sich kreuzenden Muskelfasern durchzogen, welche wie die Flügel der Schmetterlinge auf und nieder, häufig auch fast ebenso schnell bewegt werden können und ihren Trägern bei den Fischern des Mittelmeeres den treffenden Namen Farfalle di mare (Seeschmetterlinge) verschafft haben.

Wir erwähnen für ihre allgemeine Charakteristik nur noch, daß sie im Bau ihrer Fortpflanzungsorgane sich eng an die Zwitterschnecken anschließen, und daß ihre zarte Körperbeschaffenheit und ihre Flossen sie auf das offene Meer weisen. Wie sie sich dort

gebärden, soll erst unten, nachdem wir einzelne kennen gelernt, zusammengefaßt werden oder auch bei der Beschreibung der Arten kommen. Unser Führer wird, wie bei den Kielfüßern, hauptsächlich Gegenbaur sein, dem wir meist wörtlich folgen. N

Die Familie der Hyaleaceen wird durch zwei bis zur Basis voneinander getrennte Flossen charakterisiert, welche mit dem Unterteil ihres Außenrandes mit dem Mittellappen, einem dem Fuße der übrigen Schnecken entsprechenden Organe, mehr oder weniger verschmolzen sind. Der Leib wird von einer dünnen hornartigen oder kalkigen Schale umgeben, in welche das Flossenpaar vollständig eingeschlossen werden kann. Die Gattung Hyalea hat ein ziemlich kugeliges Gehäuse mit enger Mündung und seitlichen Spalten, in deren Grunde die Kiemen liegen. Aus diesen tiefen Einschnitten, in welche sich die Schalenmündung seitlich fortsetzt, treten jederseits zwei beträchtliche Larven her: vor, welche sich teils auf die Bauch-, teils auf die Rückenfläche des Tieres herumschlagen und, solange das Tier am Leben ist, einen Überzug der Schalenoberfläche bilden. Obwohl die Hyaleaceen, wie alle Flossenfüßer, in ihrem Schlund: ringe ein wohl entwickeltes Zentralnervensystem besitzen, fo find fie doch nur kärglich mit Sinneswerkzeugen versehen. Sicher nachgewiesen sind nur Gehörorgane, die als runde, mit Kristallen von kohlensaurem Kalk erfüllte Bläschen auf den Schlundganglien liegen.

Verlängerte Gehäuse mit weiter Offnung und ohne Seitenschlitz besitzen Cleodora und Creseis. Die Schale der ersteren ist kantig, die der letzteren drehrund. Ihr Mantel hat nur einige wenige Fortsätze, welche sich aber nicht über die Schale schlagen. Auf den kurzen, im Nacken des Tieres sich erhebenden Fühlern sitzen punktförmige Augen. „Die Eier der Pteropoden aus der Gruppe der Hyaleaceen werden in einfache glashelle Schalen gelegt, welche 0,2—0,3 Linie Durchmesser und eine oft bis zu mehreren Zollen sich erhebende Länge besitzen. Die Schnüre i selbst werden nicht nach Art anderer Meergastropoden an feststehende orte en Körper, wie Steine, Seepflanzen 2c., befestigt, sondern bleiben, wenn sie 5 gelegt sind, dem Spiele der Fluten überlassen, wo sich die Embryonen entwickeln, um sogleich nach Verlassen der Eierschnur die pelagische Lebensweise der Eltern fortzusetzen.“ Es gelang Gegenbaur während seines Aufenthaltes in Messina, mit der im Dezember beginnenden kühleren Jahreszeit bei täglicher Erneuerung des Wassers längere Zeit hindurch eine Anzahl Pteropoden in Glasgefäßen zu halten, die ihn immer reichlich mit Eierschnüren versorgten. Dadurch ließ sich feststellen, daß Hyalea tridentata binnen 2 Tagen gegen 200 Eier legte, Hyalea gibbosa 60—80, ebenso viele ein paar Cleodoren. Nachdem der Embryo sich vorn mit einer Wimperschnur umgeben und hinten eine feine Schale abgesondert hat, durchbricht er am siebenten oder achten Tage seiner Entwickelung seine spezielle Eihülle und sucht sich, in der engen Röhre der Eierschnur auf und ab wirbelnd, seinen Ausweg ins Freie, um dort sein Schwärmstadium als Larve zu beginnen. Der

Wimperkranz am Vorderteil wird allmählich oval und erhält zwei Einbuchtungen, wodurch zwei Lappen entstehen, die uns schon bei anderen Gastropoden als die Segellappen bekannt geworden sind. Sehr ausgebildet ist das Segel bei den oft in unzählbaren Mengen im Meere beisammen befindlichen Larven der Creseis, gebildet durch zwei tief eingebuchtete Lappen.

Die Familie der Cymbuliaceen ist abgegrenzt durch die Ausdehnung der mit breiter Basis entspringenden Flossen sowie durch den Besitz einer flachen, aus durchsichtiger Substanz gebildeten inneren Schale, welche im normalen Zustande von einem dünnen Mantellappen vollständig bedeckt ist; derselbe ist aber so äußerst zart und zerreißbar, daß nur selten vollständig gut erhaltene Exemplare zu bekommen sind. Meist geht während des Einfangens ein Teil dieser Schalenhülle verloren, streift sich in Fetzen ab, und dann bewirken einige kräftige Flossenbewegungen eine weitere Ablösung, die bald eine gänzliche Trennung des Tieres von seiner Schale nach sich zieht. Dies geschieht um so leichter, als der eigentliche Körper zwar in der Schalenhöhlung liegt, jedoch ohne jede weitere Be— e—cx festigung. Die durchgehends glashelle Schale selbst ist wie ein weicher Knorpel und gehört nach ihrer chemischen Beschaffenheit in die Reihe der chitin⸗ Tiedemannia neapolitana. Natürliche Größe. haltigen Körper, welche zwar vorzugsweise bei den Gliedertieren auftreten, jedoch auch hier und da bei den Würmern, Weichtieren und anderen niederen Tieren auftauchen.

Eine zu den Cymbuliaceen gehörige, durch ihre Körperform sehr interessante Gattung ist Tiedemannia. Gegenbaurs Beobachtungen betreffen die Tiedemannia neapolitana. Der Körper a (j. obige Abbildung) bildet ein flaches Oval, ist vorn stark gewulstet und läuft, nach hinten dünner werdend, in einen flachen Rand aus. Es wird diese Gestalt durch eine allseitig vom Mantel des Tieres umflossene glashelle Schale bedingt, welche bei der geringsten Verletzung des Mantels sich sogleich auflöst und dann von der früheren Körperform nur noch spärliche Andeutungen zurückläßt. Die Flossen b sind vollständig miteinander verwachsen. Der von der Mitte des tief eingeschnittenen Vorderrandes der Flossen sich erhebende Fortsatz 6, welcher gegen 2½ em lang wird und mit zwei Lappen endigt, ist der Rüssel des Tieres. Er liegt in der Ruhe und beim Schwimmen nach hinten gebogen, oft die Mitte der Flossen berührend. Wird das Tier gereizt, oder macht es in der Gefangenschaft starke Anstrengungen, so erhebt es sich und kann sich auch langsam nach vorn richten. Im ganzen kommt ihm aber nur eine äußerst geringe Beweglichkeit zu. Fast das ganze Tier ist durchsichtig und macht sich im Meere nur durch seine Bewegungen bemerkbar. Die dunkelbraune Eingeweidemasse ist wie bei Cymbulia in einen spitzen „Kern“ vereinigt und schimmert durch die Leibeshülle.

Tiedemannia neapolitana. Natürliche Größe.

Mehrere Arten der Tiedemannien haben in ihrem Mantel gelbe und braune Flecke, welche in derselben Weise sich ändern, wie die jo merkwürdigen Chromatophoren der Kopf-füßer, und überhaupt in jeder Beziehung jenen Gebilden gleichzustellen sind. Gegenbaur jagt darüber: „Bei längerer aufmerksamer Beobachtung einer lebenden Tiedemannia bemerkt man, wie Mantel und Flossenrand anstatt der großen braunen Flecke nur feine schwarze Punkte besitzen, und wie nach einiger Zeit eine allmähliche Vergrößerung dieser Punkte auftritt, wie zugleich ihre Farbe etwas heller wird, bis sie endlich in die braunen runden Flecke sich umgewandelt haben, deren früheres Verschwinden zuvor vielleicht rätselhaft erschien. Am frappantesten ist die Beobachtung dieser Erscheinung unter dem Mikroskop, wo man das schönste Chromatophorenspiel vor sich zu haben glaubt. Die Farbenzelle nimmt oft die bizarrsten Gestalten an. Die Schnelligkeit der dabei thätigen Kontraktion ist äußerst verschieden und währt von einer halben Minute bis zu dreiviertel Stunden und mehr.“

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Zu den mit Schale versehenen Sippen gehört auch Limacina, und zwar ist ihr Gehäuse schneckenförmig gewunden, eine sie von allen übrigen Gattungen trennende Form. Ein Dutzend Arten aus den verschiedensten Meeren sind beschrieben, keine in jo anziehend, wie Limacina arctica von der grönländischen Küste,

ö0 deren Treiben Otto Fabricius in folgender Weise schildert: „Ihres = „ Gehäufes bedient fie fih als Boot, und indem fie ihre erhobenen Flügel fortwährend bewegt, rudert sie trefflich. Dabei verhält sich das offene Ende der Schale als Vorderteil, das entgegengesetzte als —. — Hinterteil, während der Rand des Gewindes die Stelle des Kieles

———E — vertritt. Nie jedoch habe ich beobachten können, daß das Tier einen — ———. Körperteil wie ein Segel über die Oberfläche des Wassers hervorgestreckt hätte. Ist es ermüdet, oder wird es berührt, so zieht es

N die Ruder ein, begibt sich ganz in das Gehäuse und sinkt auf den Grund, eine kurze Zeit ausruhend auf dem Kiel, dem Schnabel oder dem Scheitel, nie aber auf dem Nabel. Rudernd steigt sie in schräger Clio flavescens. Etwas vergr. Richtung wieder in die Höhe, worauf sie dann an der Oberfläche geradeaus sich bewegt.“ Fabricius gibt ausdrücklich von dieser Limacina arctica an, daß sie Walfischaas und Walfischfraß genannt werde und die Hauptnahrung des Finnfisches (Balaenoptera boops) und des Grönlandwales (Balaena mysticetus) ausmache.

Die nun folgenden Clioideen haben einen nackten, meist spindelförmigen, mit einem deutlich geschiedenen Kopfe versehenen Körper, an dessen Halsteil ein Flossenpaar sitzt. Charakteristisch ist auch ein zwischen beiden Flossen auf der Bauchseite entspringender, meist hufeisenförmiger Anhang, der samt einer zuweilen vorkommenden zipfelartigen Verlängerung als die umgewandelte Kriechsohle der anderen Schnecken erscheint.

Mit diesen Worten ist die eine große Gattung Clio (s. obenstehende Abbildung) begrenzt, mit dem negativen Zusatze, daß bei ihr keine mit Saugnäpfen versehenen Arme vorhanden ind. Die Tierchen werden 1—3 cm lang und können, wenn sie sich plötzlich senken wollen, die Flossen faltig einziehen und dann häufig mit jenem dem Fuße zu vergleichenden Bauchanhang und dem ganzen Kopfteile in den Hinterleib einstülpen. Von allen Arten wird am häufigsten die nordische Clio (Clio borealis) genannt, überaus gemein im Grönländischen Meere und die gewöhnliche Nahrung mehrerer Raubfische, der dreizehigen Möwe und auch jener Wale, die wir eben als Hauptvertilger der Limacina arctica nannten.

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