Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
liebt fie Aktinien (Seeanemonen). Kleinere Exemplare der Actinia plumosa greift fie am Fußrande an und frißt ein halbmondförmiges Loch hinein, das sie immer mehr vergrößert. Endlich legt fie den ausgedehnten Mund um den ganzen Rest der Beute herum und vertilgt ihn allmählich ohne äußerlich sichtbare Schlingbewegungen. Eines Nachmittags saß eine große Aeolis papillosa bei einer Actinia plumosa, die fast jo dick wie sie selber war, und senkte ihren Mund in deren Fußrand ein. Sie hatte ihr Mahl noch nicht lange angefangen, so kroch eine zweite und endlich noch eine dritte heran, um teilzunehmen. Nach 4 Stunden war alles verzehrt und keine Spur mehr von der Aktinie zu sehen. Die Ham: burger Forscher halten es für wahrscheinlich, daß die bei der Beute beschäftigten Aeolis den fernen Genossen durch den Speichel, wel: R a 1 6 chen sie beim Fressen absondern, das leckere
NT ee, Mahl verraten. Oft hielten Tiere, welche
Ns a zur Beobachtung aus dem Aquarium ge: . nommen wurden, kleine Aktinien im Maule, N welche sie fahren ließen, aber bald wieder N v2 ergriffen. Beim Aufsuchen der entschlüpf⸗ 0 a ten Beute leisten die Vorderfühler gute )) Dienfte. Sie tasten hin und her und zucken heftig zurück, wenn sie darauf stoßen. Solche =NTN Zuckungen machen sie nicht, wenn sie auf eine —.= I ä andere Aolidie oder auf den Boden des Gefäßes stoßen. Hatten die Fühler den Fraß berührt, so stülpte sich der Mund alsbald darauf los. Während des Fressens ist der Körper verkürzt und ruht. Die Papillen sind gelockert und man möchte sagen behaglich gekrümmt. Über die Fortpflanzung der breitwarzigen Fadenschnecke wird folgendes mitgeteilt: Einige seit Mitte Januar im Aquarium lebende Tiere legten im Februar Eier an die Glaswand. Diese sind kugelförmig; n der Dotter ist weiß oder schwach rötlich.
Schleierschnecke (Thetys fimbria). Natürliche Größe. Sie bilden eine Schnur mit hohen und kurzen wellenförmigen Biegungen, die nicht in einer Ebene liegen, sondern in einer Cylinderfläche gekrümmt sind, so daß sich die Wellenberge der Schnur nach einer Seite gegeneinander neigen. Die Schnur liegt in einem wasserklaren Schleimbande, dessen dünner freier Rand sich mitten durch die gebogene Wellenlinie hinzieht wie die Achse durch einen Cylinder. Durch diesen Rand wird das ganze Band an Pflanzen, Steinen und anderen Dingen befestigt. Am 15. März legte ein Exemplar eine Schnur in einer länglichen Spirale von drei Windungen ab. Am 2. Mai legte ein großes Tier eine Schnur ab, deren Eierzahl wenigstens 60,000 betrug.
Ein paar andere weit verbreitete Arten find Aeolis Drummondii und alba. Letztere, die weiße Fadenschnecke, ist so zarthäutig, daß die inneren Teile an vielen Stellen deutlich durchscheinen, und daß das ganze Tier, wenn es auf Seegras hinkriecht, einen grünlichen Schein annimmt. In einzelnen Eischnüren wurden 40,000 Eier gezählt, der allzustarken Vermehrung ist aber schon dadurch eine Schranke gesetzt, daß die beiden genannten Tiere neben anderer Fleischnahrung die Eier ihrer eignen Arten nicht verschmähen.
Wir müssen hier, unsere bisherigen Führer verlassend, die Beschreibung einer in der Nordsee nicht vorkommenden und nur dem Mittelmeergebiet angehörigen Nacktkiemenschnecke einschalten, welche durch die Stellung der Kiemen vielfach an Dendronotus erinnert, aber durch das große, kreisförmig abgerundete Kopfsegel, welches aus den Schwimmlappen des Larvenzustandes hervorgeht, ein sehr eigentümliches Aussehen erhält. Das ist die oft 30 cm lang werdende Schleierschnecke (Tethys fimbria). Von ihren Manieren hat Grube eine sehr anschauliche Schilderung geliefert, entworfen nach einem Exemplar, das ihm in Triest von einem Fischer gebracht wurde. „Es war“, sagt er, „ganz lebenskräftig und mit allen jenen seitlichen Rückenanhängen versehen, die man einst als Parasiten dieses Weichtieres beschrieben und abgebildet hat. Sie waren fast birn- oder rübenförmig aufgebläht, am Grunde etwas eingeschnürt, durchaus paarig, dicht vor den Kiemen längs der Seiten des Rückens gestellt, nach hinten an Größe abnehmend, wie Ruder ausgespreizt und wurden auch so bewegt. Der Leib, ebenfalls aufgebläht, fast farblos und durchsichtig wie die Kiemen, wundervoll abstechend gegen die an der Spitze blaßroten, mit dunkel-, fast schwarzrotem Mittelfleck versehenen Anhänge und die schwärzlich unregelmäßig weiß geränderten Augenflecken der Oberseite, warf sich, auf dem Rücken liegend, unablässig und mit einer gewissen Grazie hin und her, wobei er sich so stark einkrümmte, daß das Körperende die Seitenränder des Segels berührte. Das große Segel war fast ganz aufwärts und zurückgeschlagen, sein gefranster Rand nach hinten umgebogen und die Seitenränder der ganz hohl gemachten Fußscheibe einander so genähert, daß zwischen ihnen kaum eine schmale Furche übrigblieb oder sie sich sogar berührten. In dieser Lage glich das Tier einem Hammer, an dem das verkürzte Segel das Eisen, der Leib den Stiel vorstellte; sobald es jedoch ruhiger wurde, breitete sich der Fuß in Gestalt einer ovalen, tiefen Schüssel aus, deren Seitenränder höher als Vorder- und Hinterrand waren. Es phosphoreszierte lebhaft im Dunkeln, und die Phosphoreszenz trat sowohl dann ein, wenn ich dasselbe berührte, als auch, wenn ich nur die Hand in seinem Wasserbecken bewegte. Trotzdem, daß ich ein paar Stunden darauf, nachdem mir das seltene Tier gebracht war, das Seewasser erneuerte, und das Becken, in dem das Tier seine Bewegungen ausführte, nicht eben klein war, erlosch über Nacht sein Leben: am andern Morgen waren seine Anhänge, obwohl sie ihre Farbe noch behalten hatten, abgefallen und regungslos. Wer diese Tethys und ihr stürmisches Hin- und Herwälzen nur einmal gesehen, wird nicht mehr so beschränkend, wie dies gewöhnlich geschieht, den Begriff des Phlegmas mit dem Charakter der Molluske verbinden.“
Daß ein so großes, an das reinste Wasser des offenen Meeres gewöhntes und sehr atembedürftiges Weichtier in engem Behältnis nur einige Stunden ausdauert, ist nicht zu verwundern. Selbst in den großen Aquarien mit ununterbrochenem Wasserwechsel überleben die Tethyen selten einige Tage der Gefangenschaft. Einmal ist der Nahrungsmangel daran schuld. Ich habe in Neapel, wo während der Wintermonate dem Aquarium sehr häufig Tethyen eingeliefert wurden, darunter wahre Prachtexemplare von 1 Fuß Länge, nie gesehen, daß sie etwas zu sich nahmen. Vor allem aber litten sie durch das Anstoßen und Antreiben an die Wände der Wasserstuben, ein Los, was alle Weichtiere des hohen Meeres mit der Tethys teilen. Anfänglich machen sie sich durch kräftige Bewegungen, wobei der Körper von einer Seite zur anderen schwankt, frei, aber schon nach Stunden tritt eine auffällige Ermattung ein, sie können den Strömungen, durch welche die Bassins in Verbindung stehen, nicht Widerstand leisten, werden an die Steine angedrückt und kleben hilflos in den Ecken. 1
Mit Elysia treten wir nun in den Kreis derjenigen Gattungen, bei welchen die Kiemen als besondere Anhangsorgane mehr und mehr zu schwinden anfangen. Man begreift unter
Elysia diejenigen Arten, deren Kopf nicht deutlich vom Rumpfe geschieden ist, und an deren Körperseiten zwei Hautlappen entspringen, welche sich hinten vereinigenund als Atmungswerkzeuge dienen. Man schließt dies daraus, daß ein oder einige stärkere Blutgefäße sich vom Rücken her hineinbegeben und darin sich in feinere, für das Respirationsgeschäft geeignete Aderchen auflösen. Die zwei auf dem Kopfe stehenden Fühler sind der Länge nach zusammengerollt und daher oben und an der Seite geöffnet. Vom Mittelmeer bis zum
Nordseegebiet findet sich die wundervoll geschmückte grüne Samtschnecke (Elysia viridis). Wir sehen aus der auch unserem Prachtwerk entnommenen Abbildung, daß die charakteristischen Hautlappen mitten über dem Fuße verschmolzen find. Werden fie in ge wöhnlicher Haltung aufrecht getragen, so steigt ihr freier Rand eine kurze Strecke schräg an und fällt dann weniger geneigt bis zum Hinterende ab. Der Saum der Hautlappen
Grüne Samtschnecke (Elysia viridis). Vergrößert.
ist abgerundet und ungefähr halb so dick wie die Fühler. Die Hauptfarbe des Kopfes, der Fühler, des Vorderrückens und der äußeren Flächen der Hautlappen ist ein samtweiches Schwarz, das bald in Grün, bald in Braun überspielt; die Hauptfarbe des Fußes ist olivengrün. Dazu kommen aber schneeweiße Flecke und überall in der Haut verteilte metallisch glänzende, grünblaue und rotweiße Pünktchen. Die letzteren Farbeneffekte werden, wie erst eine hundertfältige Vergrößerung zeigt, durch zartwandige Zellen hervorgebracht, aus deren Innerem das feurigste Smaragdgrün und das schönste Saphirblau hervorstrahlt. Noch zwei andere Arten von kleinen Zellen geben einen silberigen oder lebhaft kupferigen Glanz.
Bei seinen Bewegungen nimmt dieses schöne Tierchen sehr verschiedene Formen an. Am Boden hinkriechend streckt es sich gewöhnlich gerade aus und gleitet verhältnismäßig schnell vorwärts. Kriecht die Schnecke an der senkrechten Wand des Aquariums, so braucht sie oft auch die Hautlappen mit einem Teile der Sohle gleichzeitig, um sich festzuhalten; ja sie windet manchmal den Körper schraubenförmig, während sie kriecht, so daß entgegengesetzte Körperseiten zugleich die Bahn berühren. Sie sondert sehr viel Schleim ab, der sich, wenn man die Haut mit einem Stäbchen oder Pinsel berührt, in langen Fäden über das Wasser herausziehen läßt. An solchen Schleimfäden hängen zuweilen diese Schnecken mitten im Wasser frei. | | 45 Obschon wir sehr wohl wissen, daß Farbenbeschreibungen ohne das entsprechende farbige Bild keinen rechten Sinn haben, können wir uns doch nicht versagen, um die Lust nach diesen köstlichen, leicht zu fangenden und in der Gefangenschaft zu beobachtenden Tierchen
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noch mehr zu wecken, den Breslauer Zoologen Grube auch noch sprechen zu lassen. „Unter anderen entdeckte ich“, sagt er, „bei St. Nicolo (auf der Insel Cherso im Guarnero) eine neue Elysia (E. splendida) von so seltener Schönheit, daß ich in wahres Entzücken ausbrach. Ich sah anfänglich nur in einer tiefen, dem Lichte nicht ganz zugänglichen Steinhöhlung einen bewegten Wechsel von tiefem Schwarz, Hellblau und Orange, bis sich dann herausstellte, daß hier, vom Meerwasser bedeckt, das ihren Reiz noch erhöhte, mehrere dieser kleinen, nur 3—4 Linien langen und 2 Linien breiten Nacktschnecken nebeneinander herum: krochen. Erst beim Hervorkommen der einzelnen ließ sich genauer die Verteilung der Farben ermitteln. Der Leib und seine großen, mantelartig emporgeschlagenen Seitenlappen waren samtschwarz, der äußerste Rand derselben und die Mundpartie orangengelb, aber auf der Außenseite jener Lappen, die sich aufs zierlichste in großwellige Falten legten, zog unterhalb des orangengelben Saumes ein breites ultramarinblaues Band und unter diesem wiederum ein schmälerer, in Intervallen anschwellender lichtgrüner, unten fast silberiger Längsstreifen hin, unter dem dann noch eine Längsreihe ähnlicher Pünktchen zum Vorschein kam. Das Orangeband ging hinten in das entsprechende der anderen Seite über, das blaue war unterbrochen. Dazu stach nun aufs schönste ein weißer, länglich runder Fleck zwischen den Fühlern und ihre weiße Innenseite ab, während diese Organe im übrigen selbst schwarz und an ihrer Spitze blau gefärbt waren. Sie maßen den vierten Teil der Totallänge und wurden bald nach hinten gelegt, bald ganz auseinandergespreizt, bald ihre Spitze graziös in eine flache Spirale von einem Umgange gewunden.“ Soweit Grube.
Wir aber verweilen noch kurz bei einem Tiere, das uns noch mehr als Elysia in seiner ganzen Erscheinung an die Strudelwürmer erinnert. Es ist die Sippe Pontolimax
Breitköpfige Lanzettschnecke (Pontolimax capitatus). 20 mal vergrößert
(Familie Pontolimacidae), dem besondere Fühler und Kiemen gänzlich fehlen. Der Körper ist gestreckt, der Kopf seitlich ausgedehnt, und seine Seitenränder tragen einen Hautkamm.
Die über den größten Teil des europäischen Meerdistriktes verbreitete breitköpfige Lanzettschnecke (Pontolimax capitatus), wird 8 mm lang. In der Mitte des Rückens hat sie einen Buckel, zwischen diesem und dem Kopfe eine Einsenkung. Der größte Teil des Rückens hat eine braune Grundfarbe mit eingestreuten hellgelben Punkten. Der erwähnte Buckel ist gelb. Die kleine Schnecke findet sich in allen Jahreszeiten auf Seegras in geringeren Tiefen und wurde wiederholt monatelang in kleinen Gefäßen mit allerhand Algen erhalten. Sie kriecht langsam auf den Pflanzen oder an der Gefäßwand hin, hängt sich an der Oberfläche des Wassers auf und kriecht bisweilen auch bis über die Wasserfläche in die Höhe. Sie zieht sich, berührt, kurz zusammen und ist deshalb leicht zu übersehen, wenn sie mit Pflanzen aus dem Meere gehoben wird.
Dritte Ordnung.
Die Tungenschnecken (Pulmonata).
Alle Landschnecken und der größte Teil der die süßen Gewässer bewohnenden Schnecken atmen Luft. Der Mantel bildet in der Nackengegend eine Höhle, in welche durch eine bei den rechtsgewundenen und bei den nackten Wegeschnecken rechts liegende Offnung die Luft eintritt, und an deren oberer, dem Mantel angehörigen Wandung sich ein dichtes Netz von Blutgefäßen ausbreitet. Man sieht diese Lungenöffnung bei jeder ungestört kriechenden Schnecke. Sie verengert sich und verschwindet, wenn man das Tier berührt und ins Gehäuse treibt; es dauert aber nicht lange, nachdem es sich zurückgezogen, so erscheint die Offnung wieder in der Nähe des Spindelrandes. Natürlich müssen die im Wasser lebenden Lungenschnecken zum Atmen an die Oberfläche kommen, und sie ersticken wie die Landschnecken, wenn man sie ihr Atembedürfnis nicht auf diese Weise befriedigen läßt. Die Atemnot tritt bei den unter Wasser gehaltenen Tieren bald ein, und sie schnappen unter Aufsperren des Lungeneinganges nach Luft, wiewohl bei dem weniger lebhaften Atmungsprozeß der Tod besonders bei den Wasser-Lungenschnecken nicht so bald erfolgt.