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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Andere Versuche bezogen sich auf das Wie der Tonempfindungen. Sollten die Krebse ähnlich wie Menschen hören, so ließ sich voraussetzen, daß die in Länge und Dicke verschiedenen Hörhaare auch nur von verschieden hohen Tönen in Schwingungen würden versetzt werden. Auch dies konnte im Einklang mit den berühmten Untersuchungen von Helmholtz über das Hören im allgemeinen bestätigt werden.

Im Anschluß hieran sei erwähnt, daß manche Krebse Töne von sich geben. Gewisse Krabben (Gattung Oxypoda) haben am vorletzten Gliede ihres rechten Scherenbeines eine feilenartige Leiste, mit der sie an einer anderen scharfkantigen Leiste des zweiten (vom Rumpfe aus gerechnet) Gliedes desselben Beines hinstreichend einen piependen Ton erzeugen, und manche Garneelenarten machen ein für ihre Größe bemerkenswertes knipsendes Geräusch.

Als Tastorgane dürften im allgemeinen die feinen, haarförmigen Fortsätze anzusehen sein, welche sich zwar an den meisten Gelenkverbindungen und freien Rändern der Körper: teile bei sehr vielen Krebsen, aber besonders an den Fühlern vorhanden finden. Bei gewissen Formen von Tiefseegarneelen (Nematocarcinus) find die Fühler außerordentlich lang, 3—-4mal jo lang als der Körper, auch die Beine find bedeutend verlängert und alle diese Anhänge mit einem System feiner, bisweilen beträchtlich langer und abermals mit sekundären Wimperchen (z. B. bei einer von Chun aufgefundenen Form des Mittelmeeres, Sergestes magnificus) besetzten haarförmigen Fortsätzen versehen, welche den Tieren, ob fie nun auf dem Boden stehen oder im Wasser schwimmen, bez. schweben, die Erjchütte-rungen des Wassers, wie einer Spinne die ihres Netzes, aus ziemlich weitem Umkreise übermitteln werden. Blinden Formen von Tiefseekrebsen wird durch solche großartig entwickelte Spür- und Tastorgane gewiß das mangelnde, weil unnütze Gesicht reichlich und sehr zweckentsprechend ersetzt. Ahnlich, wenn auch in weit geringerem Grade, ist auch bei

dem blinden Flußkrebs der Mammuthöhle in Kentucky (Cambarus pellucidus) in höher entwickelten Empfindungsborsten am Kopfende und sonst am Körper Ersatz, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, für das fehlende Sehvermögen geboten. Bei einer blinden Assel aus italienischen Grotten (Tithanetes feneriensis) ist der ganze Körper mit Tasthaaren bedeckt.

Weitaus die Mehrzahl der Krebse ist getrennt geschlechtlich, nur bei bloß sessilen oder sessilschmarotzenden Formen, wie es die Wurzelfüßer und die Fischasseln sind, finden sich Zwitter; jedoch tritt in einigen Fällen (bei Floh- und Muschelkrebsen) neben einer geschlechtlichen auch noch eine ungeschlechtliche Fortpflanzung auf.

Geschlechtlicher Dimorphismus gilt bei den Krustaceen als Regel, und oft sind beide Geschlechter in ganz bedeutendem Maße körperlich verschieden entwickelt. Bei den langschwänzigen Zehnfüßern sind die Männchen meist größer, wehrhafter und stärker als die Weibchen. Dies kommt bei kurzschwänzigen zwar auch vor, in der Regel ist es hier aber umgekehrt, und sind die Weibchen oft beträchtlich (bei einem Muschelwärter, Pinnotheres pisum, z. B. dreimal!) größer als die Männchen und bei manchen Rankenfüßern und parasitären Asseln, bei denen neben Zwittertum doch auch, wie wir später sehen werden, Trennung der Geschlechter auftritt, wird das Mißverhältnis viel größer und sinken die Männchen zu auf oder bei den Weibchen schmarotzenden Zwergen herab.

Sehr häufig sind im männlichen Geschlechte Organe, namentlich umgestaltete Gliedmaßen zum Fassen der Weibchen und Festhalten derselben während der Begattung, in besonderer Weise umgestaltet. Ebenso sind die Männchen oft im Besitze höher entwickelter Sinnes- und Bewegungsorgane zum Aufspüren, Verfolgen und Einholen der Weibchen. Selten finden sich bei einer- und derselben Krebsart zweierlei Formen von Männchen. Auch Unterschiedein der Färbung der Geschlechter treten durchaus nicht oft auf, so aber doch z. B. bei Wasserflöhen, bei denen die Männchen unter Umständen durch prächtige Schmuckfarben ausgezeichnet sein können.

In der Zahl überwiegen teilweise, wie das ja so häufig in der Tierreihe ist, die Männchen bedeutend über die Weibchen, in anderen Fällen verhält sich dies und in noch höherem Grade umgekehrt und ist dann das Vorhandensein von Jungfernzeugung entweder vielfach schon nachgewiesen oder steht zu vermuten.

über die Begattung der Krebse wissen wir nicht gerade allzuviel, doch dürfte dieselbe häufig ein recht stürmischer Akt sein, wie sich aus oft so bedeutend entwickelten Faß- und Klammerorganen der Männchen schließen lassen dürfte, die kaum notwendig wären, wenn die Weibchen ein besonders entgegenkommendes Wesen zeigten.

Meist wird der männliche Zeugungsstoff den Weibchen in Gestalt von Schläuchen an die äußere Geschlechtsöffnung geheftet, und Huxley beschreibt nach den Beobachtungen zweier Franzosen, Chantram und Gerbe, den Vorgang so, daß das Männchen das Weibchen dabei mit den Scheren faßt, es auf den Rücken wirft und während einer ziemlich langwierigen Prozedur die Samenpatronen an sie befestigt. Indessen scheinen nicht bei allen Krebsen derartige Patronen appliziert zu werden: bei den Gespenstasseln (Caprellidae) z. B. sollen die Männchen, ähnlich etwa wie die der Spinnen, die Samenfeuchtigkeit mittels modifizierter Gliedmaßen ohne weiteres an die weiblichen Geschlechtsöffnungen schmieren. Bei einem auch in manchen anderen Punkten merkwürdigen Flohkrebs (Goplana polonica) haben die Weibchen die beiden Geschlechtsöffnungen ziemlich weit auseinanderliegend, jedenfalls so weit, daß ein einzelnes Männchen nicht mit beiden sich zugleich zu beschäftigen vermag, und in der That sollen auch zwei Männchen zusammen hier als Gatten fungieren können. |

Was nun den Bau der Geschlechtsorgane selbst betrifft, jo find sowohl Hoden und Eierstöcke als deren Ausführungsgänge fast immer symmetrisch auf beide Körperhälften

verteilt, nur bei den Hüpferlingen oder Kopepoden machen die letzteren immer, die Geschlechtsdrüsen häufig eine Ausnahme. Auch bei einfacher oder durch Schmarotzertum bedingter Sessilität treten, abgesehen vom Zwittertum, mancherlei besondere Veränderungen im Bau der Geschlechtsorgane auf. Die äußeren Genitalöffnungen liegen auf der Unterseite meist in beträchtlicher Entfernung vom After, sehr häufig in der Grenzregion vom Kopfbruststück und Schwanz. Von Hilfsapparaten der eigentlichen Geschlechtsorgane finden sich bei den weiblichen Krustaceen oft Bläschen zur Aufnahme des Samens (receptacula seminis), bei den männlichen oft stilett- oder papillenförmige Hilfsorgane für die Begattung, welche meist aus umgekehrten Gliedmaßen hervorgehen.

Die Mehrzahl der weiblichen Krebse ist mit besonderen Hilfsapparaten zur Brutpflege versehen. Sehr allgemein sind besondere Drüsen vorhanden, welche entweder die Schalen der Eier oder einen besonderen Kitt absondern, mit welchem dieselben an den Körper der Mutter befestigt werden. Diese Befestigung findet an verschiedenen Stellen des Hinterleibes, besonders an seinen oft hierzu besonders umgestalteten Gliedmaßen, statt und betrifft die einzelnen Eier oder Gruppen derselben, welche unregelmäßige Träubchen darstellen oder aber von einer Hülle umgebene, eigenartig gestaltete Pakete sind. Bei manchen For: men finden sich besondere Bruträume, gebildet durch umgestaltete Extremitäten oder Kiemenblätter, oder aber es werden solche Bruträume durch Modifikationen der Rückenschale hervorgebracht. Bei den kurzschwänzigen Zehnfüßern ist der Hinterleib der Weibchen, welcher auf der Unterseite die Eier trägt, eben weil er als eine Art Deckel für die Brut dient, wesentlich breiter als bei den Männchen, und Carrington und Lovett behaupten, man könne aus der Art, wie die Eier am Schwanz der Mutter befestigt wären, auf deren Lebensweise schließen; wahrscheinlich meinen sie hiermit, daß die Verbindung bei schwimmenden Formen eine innige ist wie bei kriechenden und laufenden. Die Muschelkrebse machen übrigens von der ziemlich allgemein gültigen Regel, daß die Weibchen der Kruster ihre Eier mit sich herumschleppen, mehrfach Ausnahmen. So läßt fie Candona einfach in das Wasser fallen, Cypris legt sie an Wasserpflanzen, und Notodromus monachus klebt sie in regelmäßigen Reihen an Steinen fest.

Die Eier namentlich der größeren Krebsarten sind selbst bei nahe verwandten oft sehr verschieden, so daß man diese danach bestimmen kann. Die Verschiedenheit betrifft kaum die Gestalt, wohl aber die Farbe und Größe. Was die Färbung der Eier betrifft, so soll dieselbe unter Umständen wie die des Muttertieres je nach der Umgebung und dieser entsprechend sich verändern, wie ein japanischer Forscher, Ishikawa, beobachtet hat. Die Größe derselben ist außerordentlich verschieden und steht fast immer im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Zahl, wie ja das in der Tierreihe eine fast allgemein durchgehende Erscheinung ist. Das hat verschiedene Ursachen. Einmal kann die Mutter wenig Feinde haben, wenn ihr Panzer zu hart ist, um fie zu einem angenehmen Bissen zu machen, wie wahr: scheinlich bei manchen der sogenannten Bärenkrebse (und zwar der Gattung Galathea), oder wenn sie versteckt, etwa in Sand und Schlamm eingebohrt lebt (3. B. aus den Gattungen Callianassa, Gebia stirhynchus). So hat eine 3 Zoll lange Axius stirhynchus größere

Eier als eine 18 Zoll lange Languste (Palinurus quadricornis). Dann aber kommt sehr viel darauf an, in welchem Zustande die Jungen das Ei verlassen. Je mehr Nahrungsstoff in dem Ei vorhanden ist, um desto selbständiger werden aus ihm hervorgehende Junge sein, und ein um so größerer Prozentsatz derselben wird der Wahrscheinlichkeit nach das fortpflanzungsfähige Alter erreichen. So liegt die Sache bei vielen Krustentieren des süßen Wassers: unser Krebs verhält sich so gegenüber dem Hummer, die südeuropäische Süßwasserkrabbe gegenüber ihren Verwandten des Meeres. Von der unter Umständen produzierten Menge der Eier kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, daß

Landois durch sorgsame Zählung konstatierte, daß eine einzige weibliche Languste von 44 em Länge und 197 Gramm Gewicht derselben nicht weniger als 148,416 mit sich herumtrug. Die Eiablage mag im allgemeinen an bestimmte Zeiten gebunden sein, welche aber durchaus nicht immer etwa in den Frühling und Sommer fallen. Im Gegenteil haben viele Arten, besonders der kurzschwänzige Zehnfüßer, gerade in den Wintermonaten reife

Eier bei sich. Andere aber sind in dieser Beziehung nicht auf besondere Jahreszeiten verwiesen, jo fand Carrington von einer Krabbe der englischen Küste (Hyas coarctatus) Weibchen mit Eiern im Januar, Mai, Juli und November.

Sehr interessant ist die Thatsache, daß die westindischen Landkrabben, um ihre reifen Eier abzusetzen, das Meer aufsuchen müssen. Das ist eine analoge Erscheinung wie beim Laichen von Lachsen, Aalen und anderen Fischen, und sie beruht auf dem sogenannten biogenetischen Grundgesetz, nach welchem ein Geschöpf in seinem individuellen Entwickelungsgang den historischen seiner ganzen Sippe wiederholen muß.

Die meisten Kruster verlassen nun das Ei nicht in ihrer definitiven Gestalt, sie müssen vielmehr eine Metamorphose oder Verwandlung verschiedenen Umfanges durchlaufen, welche bei festsitzenden und schmarotzenden Formen eine rückschreitende ist.

Viele Krebse des Meeres, seltener die des süßen Wassers, niemals durchaus landbewohnende (Asseln), kriechen als fast bis thatsächlich mikroskopisch kleine Wesen von eirunder Gestalt, mit einem vorn in der Mitte gelegenen, von vorn nach hinten dreiteiligem Auge und drei Extremitätenpaaren aus dem Ei. Das vordere Paar ist einfach, die beiden anderen sind zweiteilig, sehr ansehnlich, besonders dick und mit Borsten besetzt. Sie vermitteln die Bewegung, die Atmung und zugleich das Getast. Eine solche Larve, welche früher für selbständige Tiere gehalten wurden, heißt ein Nauplius. Nauplien sind allgemein verbreitet bei Kiemenfüßern (Branchipoda), Muschelkrebsen (Ostracoda), Hüpferlingen (Copepoda) und Rankenfüßern (Cirripedia); sehr selten sind sie hingegen bei Zehnfüßern, und bei Flohkrebsen (Amphipoda) und Asseln (Isopoda) fehlen sie ganz. Nach einer Häutung erscheint die Larve verändert und je nach der Ordnung, zu welcher sie gehört, in verschiedener Weise. Entweder sie wird zu einem sehr eigenartigen Wesen, das auch als eigne Tierform beschrieben und Zoèa genannt wurde, oder sie tritt im sogenannten Cypris-Stadium auf. Die meisten zehnfüßigen Krebse des Meeres, langwie kurzschwänzige, verlassen das Ei gleich als Zosa. Obgleich die ausgewachsenen Krabben einen so verkümmerten Schwanz besitzen, ist derselbe doch bei den Jugendformen (Zo&a) wohl entwickelt vorhanden. Das Aussehen dieser Larven ist allerdings fremdartig genug; der lange, schnabelartige Fortsatz, der mächtige Rückenstachel, der Schwanz müssen teils ganz verschwinden, teils verkümmern, das Kopfbruststück eine ganz andere Gestalt annehmen, ehe der Krabbenkörper herauskommt. Man kann also sagen, daß 8. a die kurzschwänzige Krabbe in der Jugend ein langschwän— ee 5 ziger Krebs ist, und zwar ist diese Jugendform in der ganzen Ordnung der Dekapoden vorherrschend. Während die meisten Krabben und langschwänzigen Krebse am Boden leben (nur die Garneelen machen hiervon als Familie eine Ausnahme), find die eben als Zoda bezeichneten Larven Freischwimmer Sie tummeln sich, wenn auch meist in der Nähe der Küsten, doch an der Oberfläche des Meeres oder einige Fuß darunter umher, nicht etwa, wie es scheinen könnte, einsam, sondern mit unzähligen,

8 . a ee 5

meist mikroskopischen Geschöpfen vergesellschaftet, von denen uns viele in der Folge begegnen werden. So voll von Individuen und verschiedenartigem Gewimmel auch Landseen und Teiche mitunter sind, die Einförmigkeit ihrer Bewohner läßt sich nicht entfernt mit der ganz unglaublichen Mannigfaltigkeit des Lebens unter dem Spiegel des Meeres vergleichen. Mit den meisten ihrer Verbreitungsgenossen teilen die Krebslarven die Eigenschaft einer jo vollkommenen Durchsichtigkeit, daß sie ihre Anwesenheit entweder gar nicht oder nur durch die im Verhältnis zum Körper auffallend großen, oft glänzenden Augen verraten. Der Stachel: apparat, den die meisten Zozen in verschiedenem und oft sehr stark entwickeltem Grade besitzen, ist wohl eine Schutzwaffe gegen räuberische Angriffe freßgieriger Feinde.

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