Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die stumpfsinnigen trägen Tiere bewohnen in geringer Tiefe den schlammigen Meeresboden, über welchen sie langsam dahin kriechen, und ernähren sich von tierischer Kost, besonders von Ringelwürmern (Nereiden). Gegen direktes Sonnenlicht sind sie äußerst empfindlich und sterben nach kurzer Zeit, wenn sie demselben ausgesetzt sind, während sie an einem kühlen, schattigen Orte ganz gut mehrere Tage außerhalb des Wassers leben können.
Ein bemerkenswerter Unterschied findet zwischen den Schwertschwänzen des Indischen und Stillen Ozeans einer- und denen des Atlantischen anderseits betreffs der Brutpflege statt. Bei jenen tragen die Weibchen die Eier mit sich herum, bei diesen legen sie dieselben in den Schlamm. Diese Tiere werden in Japan und Ostindien, wo sie namentlich in Batavia unter dem Namen „Mimie“ in großen Mengen auf den Markt kommen, hauptsächlich ihrer Leber und Eier wegen gern gegessen. Die Urbewohner der atlantischen Küste Nordamerikas verwendeten die scharfen Schwanzenden der Kiphuren zu Pfeilspitzen. |
G. Mützel n. d. Leben
A. G. FLEGEL
Schwertschwänze oder Molukkenkrebse.
Die Krebse.
Innerhalb des großen Kreises der Gliedertiere nehmen die Krebse oder Krustentiere (Crustacea) einen wohl bestimmten Platz ein. Mit den übrigen Klassen dieses Tierstammes die durchgehende Gliederung des Körpers, sowohl des Rumpfes als der Gliedmaßen, teilend und in der Anlage und Lagerung der Körperteile im wesentlichen mit ihnen übereinstimmend, sind ihre Eigentümlichkeiten im allgemeinen solche, welche dem Leben im Wasser entsprechen. Wenn viele Insektenlarven lange Zeit unter Wasser leben, einige ausgebildete Insekten, Spinnen und Milben wenigstens zeitweilig unter Wasser gehen können, so verleugnen sie dabei ihre Natur als Lufttiere nicht, ihre Atmungswerkzeuge bleiben dem Schema der Luftatmungswerkzeuge getreu, und manche Käfer und Spinnen nehmen sich sogar eine Portion Luft mit unter Wasser, um davon ihr Atmungsbedürfnis zu bestreiten, während sie dem gasförmigen Element lebewohl gesagt haben. Nicht so die Krebse: sie sind Wasseratmer und zu diesem Zwecke mit Kiemen versehen, die wir vorläufig mit den Kiemen der Fische vergleichen können, später aber etwas spezieller betrachten müssen. |
Nicht wenige Krebse, namentlich aus den Gruppen der Asseln und Krabben, haben sich jedoch im Laufe der Jahrtausende dem Landleben angepaßt und atmen Luft, obschon ihre Atmungswerkzeuge ein kiemenartiges Aussehen bewahrt haben.
Ein zweites Merkmal aller ausgebildeten und nicht durch Schmarotzerleben verkümmerten Krebse ist, daß sie mehr als vier Paar Beine besitzen Es ist also nichts leichter, als wenigstens oberflächlich zu konstatieren, daß ein uns in die Hände kommendes Gliedertier ein Krebs ist. Mit drei Paar Beinen ist es ein Insekt, mit vieren eine Spinne. Im allgemeinen liegt auch die Verwechslung mit einem Tausendfuß bei der Wurmähnlichkeit dieses letzteren und dem Mangel äußerer Kiemen zwar fern, doch können gewisse Asseln (Glomeris) in so hohem Grade manchen Myriapoden (Armadillo) in der äußeren Gestalt ähnlich sein, daß ältere Naturforscher (z. B.Panzer) beide zusammenwarfen. Die Hautbedeckungen aller Gliedertiere bestehen aus einem mikroskopisch und chemisch sich eigen: tümlich verhaltenden Stoffe, dem Chitin, das bei vielen Krebsen durch Zwischenlagerung von kohlensaurem Kalk eine größere Stärke und Widerstandsfähigkeit erhält. Damit dürfte alles gesagt sein, was die Krebse als Gesamtheit betrifft. Denn, so mannigfaltig die Insekten sind, in der Verschiedenheit ihres Baues und der Lebensweise werden sie weit von den Krebsen übertroffen. Im offenen Meere gleich heimisch wie an den Küsten, halten sie sich zugleich in den verschiedensten, dem tierischen Leben überhaupt zuträglichen Tiefenzonen auf. Eine Reihe von Ordnungen hat sich dem süßen Wasser akkommodiert, dem fließenden und stehenden, guten und mit faulenden Substanzen erfüllten. Aus ihrem eigentlichen Element heraustretend, leben diese unter Steinen und Gesträuchen, während
andere weite Reisen über sandige Flächen unternehmen und einzelne Krabben, ja selbst langschwänzige Krebse auf Büsche und Bäume klettern. Meist frei ihrem Raube nachgehend, dazu durch ihre scharfen Sinneswerkzeuge, starken Kiefer, Scheren und robusten Gliedmaßen befähigt, haben sie auch zahlreiche Genossen unter sich, bei welchen die anfänglich viel versprechende Gliederung beim weiteren Wachstum ins Stocken gerät, und die nun einem Schmarotzertum auf Fischen, Krebsen, wohl auch auf Würmern, verfallen, in welchem sie zu scheinbar leblosen Säcken verkümmern.
Der Hautpanzer überzieht den ganzen Körper mit allen seinen Anhängen, aber nicht in gleichmäßiger Stärke, indem derselbe zwischen den Leibesringen und in den Gelenken eine weichere, bei der Bewegung nachgiebige Beschaffenheit annimmt, häufig auch stellenweise, namentlich an den Scheren, wenn solche vorhanden sind, einen höheren Grad der Härte erlangen kann. Sehr häufig bildet er besonders um das Kopfbruststück eine Duplikatur, die sich in manchen Fällen (Wasserflöhe, Muschelkrebse) zu einer zweiklappigen Schale, ähnlich wie bei den Muscheln entwickelt. Bei sehr vielen Rankenfüßern ist, und in erster Linie zufolge ihrer Lebensweise als im ausgebildeten Zustande festsitzende Tiere, die Schale nicht nur besonders reich an Kalksalzen, es wird ihre Ahnlichkeit mit den Gehäusen der Weichtiere so groß, daß ältere Naturforscher diese Tiere für abweichende, abenteuerliche Mollusken ansahen.
Die oft prachtvollen bunten Farben befinden sich entweder als diffuses Pigment in der ganzen Schale oder in besonderen, oft beweglichen Zellen des unter diesen liegenden Gewebes. Rot oder rötlichgelb ist bei Krebsen eine weitverbreitete Farbe, und man kann es in gewissem Sinne die Urfarbe dieser Tierklasse nennen, zu der die meisten nach ihrem Tode zurückkehren, und die auch vielfach solchen eigentümlich ist, welche, wie z. B. in der Tiefsee, dem Lichte und seinen mittelbaren und unmittelbaren Einflüssen entzogen sind.
So ist eine auch an den schottischen Küsten vorkommende Krabbenart (Pandalus annulicornis) in seichtem Wasser mattgrau wie der Boden, auf dem sie lebt, wird aber in einer Tiefe von etwa 200 m an lebhaft rot. Solche Formen von Krustentieren hingegen, welche in Höhlen und ähnlichen unterirdischen Räumen hausen oder sich in Sand und Schlamm eingraben und so dem Lichte entzogen sind, erscheinen bleichsüchtig hell. Pelagisch, auf der Oberfläche des Meeres lebende Krebse sind oft glasartig durchsichtig. Nahe verwandte Arten sind bisweilen verschieden gefärbt, finden sich dann aber auch an verschiedenen Lokalitäten und gleichen der vorherrschenden Farbe des dortigen Untergrundes. Auch die nämliche Art kann in flachem Wasser dem Kolorit der Umgebung entsprechend variieren. So ist nach Beobachtungen von Carrington und Lovett der Taschenkrebs auf hellem Sandboden gelbgrau, rötlichbraun aber auf solchem, der eisenschüssig ist, und mattbraun, oft mit einem Stich ins Grünliche auf Schlammboden. In den Pfützen, welche zur Zeit der Ebbe auf und zwischen den Diorit- und Syenitfelsen der Kanalinseln zurückbleiben und die durch eine reiche bunte Meeresflora ausgezeichnet sind, finden sich auch die buntesten Exemplare der Taschenkrebse, namentlich prächtig grüne mit weißen Abzeichen.
Dasselbe Individuum ändert seine Farbe auch in einer der Färbung seiner jeweiligen Umgebung entsprechenden Weise, und dies ist bei sehr vielen anderen Krebsen der Fall. Es setzt aber diese Erscheinung immer die Gegenwart besonderer beweglicher Farbenzellen, sogenannter Chromatophoren, in den unter dem Panzer befindlichen Geweben voraus. Matzdorff hat an einer in der Kieler Bucht und überhaupt an den meisten Küsten
Europas und Nordamerikas häufigen Assel (Idothea tricuspidata) die umfassendsten einschlagenden Untersuchungen gemacht. Danach ist die Nahrung, das Licht direkt, der Salzgehalt des Wassers und die Temperatur ohne Einfluß. Das letztere ist einigermaßen be: fremdlich, da bei anderen Krebsen, z. B. der Garneele des Mittelmeeres (Nica edulis)
DS!
Bau. Färbung. Häutung. m
fih die Chromatophoren bei herabgesetzter Temperatur zusammenziehen. Immer ent: sprachen die von Matzdorff beobachteten Tiere in ihrer Farbe der nächsten Umgebung und oft in so hohem Grade, daß er nach monatelanger Beschäftigung mit denselben doch noch hin und wieder getäuscht wurde. In dunkeln und hellen Schüsseln veränderten die Asseln durch Ausdehnung und Zusammenziehung der Farbenzellen ihre Färbung immer in entsprechender Weise. Überzog er ihre Augen mit einer Schicht von schwarzem, undurchsichtigem Lack, dann verloren sie jene Fähigkeit, die übrigens auch nicht bei allen, der Färbung nach von Hause aus untereinander sehr verschiedenen Individuen die nämliche war. Gelegentlich treten auch bei Krebsarten frappante Farbenvarietäten auf. Albinos sind sehr selten, aber himmelblaue Hummern und Flußkrebse wurden gelegentlich beobachtet, letztere in Westfalen nicht gerade sehr selten; ja, in gewissen dortigen Bächen auf mergeligem Boden sollen sie kurz nach der Häutung alle blau sein.
Da alle Panzerteile starr sind, so wachsen sie nicht in dem Maße mit, wie der Krebs selbst, sie müssen daher von Zeit zu Zeit abgeworfen werden, welchen Prozeß man als die Häutung oder der deutsche Fischer meist als das „Mintern“ bezeichnet und der am Flußkrebs namentlich von Max Braun eingehender untersucht worden ist.
Alle sich nicht häutenden Gliedertiere sind nach ihrer Verwandlung und nachdem ihr Hautskelett eine gewisse Starrheit und Festigkeit erlangte, an eine bestimmte Größe ge: bunden: sie wachsen nicht mehr. Die sich periodisch häutenden Krebse haben die Fähigkeit erlangt, zeitlebens zu wachsen. Man betrachte einige hundert Maikäfer: ihre geringen Größenunterschiede haben sie aus ihrem Puppenzustande ererbt, und während ihrer kurzen Schwärmzeit gleichen sie sich nicht aus. Ein kleiner Krebs hat aber die Hoffnung, ein großer zu werden, wenn nicht eine unkluge Nationalökonomie ihn schon als Jüngling der Küche überliefert. Das Erstaunen über die Möglichkeit, wie der Krebs sich seines starren Panzers alljährlich entledigen kann, wird vermehrt, wenn man sieht, wie auch die feineren Organe, Fühlhörner, Augen, Kiemen dabei ihrer Hüllen ledig werden, ja, daß auch der Darmkanal an der Häutung teilnimmt. Schon Réaumur hat in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Häutung des Flußkrebses genau beobachtet und beschrieben. Er hielt zu diesem Zwecke Krebse in durchlöcherten Glasgefäßen, die in fließendem Wasser standen. Bedenkt man, daß auch die chitinöse Magenhaut und die Zähne, welche dieselbe bildet, wechseln, so begreift man, daß der Krebs einige Tage vor der mit großen Unbequemlichkeiten und Unbehaglichkeiten verbundenen Häutung keinen großen Appetit verspürt. Wer könnte viel ans Essen denken, wenn ihm alle Zähne wackeln? Man merkt auch die bevorstehende Katastrophe durch das Gefühl; drückt man mit dem Finger auf das Hautskelett, so gibt es etwas nach. Es hat sich also wohl schon in der vorhergehenden Zeit durch eine teilweise Auflösung seines Kalkes gelockert. Eine auf chemischen Analysen beruhende Vergleichung liegt meines Wissens nicht vor. Bald darauf wird der Krebs unruhig. Er reibt die Beine gegeneinander, dann wirft er sich auf den Rücken, arbeitet mit dem ganzen Körper, und es gelingt ihm, die Haut zu zerreißen, welche am Rücken den Panzer des Kopfbruststückes mit dem Schwanz verbindet. Damit hebt sich das große Rückenschild. Auf die ersten Anstrengungen folgt eine Ruhe. Bald beginnt der Krebs wieder seine Beine und alle Körperteile zu bewegen, und man sieht nun, wie der Panzer des Kopfbruststückes sich mehr und mehr hebt und sein Abstand von den Beinen größer wird. In weniger als einer halben Stunde hat sich der Krebs aus seiner Haut gezogen, indem er erst, mit dem Kopfteil sich nach hinten stemmend, Augen und Fühler frei macht und dann seine Beine aus ihren engen Etuis herauszwängt. Das letztere macht ihm die größten Schwierigkeiten, und mitunter verliert er dabei das eine und andere Bein. Er würde überhaupt gar nicht damit zu stande kommen, wenn sich die abzustreifenden Beinhüllen nicht
der Länge nach spalteten. Nachdem jedoch diese schwierige und gewiß schmerzhafte Arbeit vollendet, entledigt er sich seiner Kleidung geschwind. Er zieht den Kopf unter dem Rückenschilde hervor, und der Schwanz begibt sich nun leicht aus seinem Futterale heraus. Die abgestreifte Hülle ist bis auf jenen Riß am Schwanze vollkommen unversehrt. Der eben aus seiner Hülle gekrochene Krebs (Butterkrebs) hat eine weiche Hautbedeckung, welche jedoch schon nach einigen Tagen durch reichliche Ablagerung von Chitin und Kalk die Festigkeit des alten Hautskelettes erlangt. Die Periode der Neubildung und Erhärtung dauert bei den kurzschwänzigen Krebsen oder Krabben bedeutend länger; sie ziehen sich während der Zeit zurück, indem sie sich in Felsritzen oder unter Steinen oder auch in Erdlöchern verbergen. Nicht alle Krustentiere werfen indessen ihre Haut im ganzen ab, manche, wie besonders die Asseln, häuten sich oft, aber meist fällt die alte Haut in einzelnen Fetzen ab, so daß der Vorderteil des Tieres noch in der alten Schale stecken kann, während das Hinterende schon davon befreit ist. Das Häuten der Zehnfüßer soll nach Vitzou dadurch wesentlich erleichtert werden, daß weit mehr Wasser als sonst dem Blute beigemischt ist, das dann auch weniger leicht koaguliert, und Giesbrecht beobachtete an einem Hüpferling (Notopterophorus), daß er vor der Häutung sich das ganze Darmrohr mit Wasser füllte und hierdurch die Sprengung der alten und Glättung der neuen Hülle wejent-lich erleichterte.