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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Zahl der Häutungen, welche ein Krustentier in seinem Leben zu erledigen hat, ist nach den Arten sehr verschieden und scheint sich im allgemeinen nach der Größe derselben zu richten, jo daß sich kleinere viel öfter als größere häuten. Jurine beobachtete, daß Wasserflöhe innerhalb 17 Tagen sich Smal diesem Geschäft unterzogen. Unser Flußkrebs häutet sich im ersten Jahre 8—10mal, im zweiten 6mal, im dritten Amal, im fünften, in dem er fortpflanzungsfähig wird, 2mal, vom 6.— 15. einmal und dann nicht mehr. Die Weibchen, welche auch im Wachstum zurückbleiben, häuten sich weniger oft (Micha). Der ganze Prozeß kann bei Krabben durch die Gegenwart gewisser parasitischer Rankenfüßer (Sacculina) für mehrere Jahre unterbrochen werden, und ähnliches dürfte auch sonst noch vorkommen; wenigstens behalten Larven von Hüpferlingen, welche mit den Larven von Eingeweidewürmern (Distomum) besetzt find, zeitlebens einen embryonalen Charakter.

Bei manchen, vielleicht bei allen Krabben scheinen sich die beiden Geschlechter nicht zugleich zu häuten, aber nach der Häutung des Weibchens findet die Begattung statt. Die

Männchen der Strandkrabbe (Carcinus maenas) bemächtigen sich nach einer interessanten Beobachtung von Coste der Weibchen zur Zeit, wenn die Häutung derselben bevorsteht und schleppen sie mehrere Tage mit sich herum, um diese abzuwarten. Gleich läßt sich das frischgehäutete Weibchen indessen nicht begatten, sondern erst nach einigen Tagen, wenn der Panzer schon eine gewisse Härte erreicht hat. Die Eier, welche die Krabbenweibchen wie viele weibliche Krebse an ihrem Leibe befestigt mit sich herumtragen, haben so zwischen den Häutungen, bei denen sie sonst mit abgeworfen und verloren gehen würden, die nötige Zeit, sich zu entwickeln. Die Größenzunahme nach der Häutung ist nicht unbeträchtlich. Hyatt beobachtete, daß ein Hummer nach derselben um mehr als den fünften Teil seiner früheren Länge zugenommen hatte. Der Körper der Krebse zerfällt wie der aller Gliedertiere in eine Reihe hintereinander gelegener Ringe, Segmente oder Metameren. Aber der Grad der Segmentierung kann ein sehr verschiedener sein. Nur in sehr seltenen Fällen ist das Kopfsegment oder sind richtiger die fünf Kopfsegmente deutlich von dem darauf folgenden ersten Brustsegment getrennt, meist vielmehr sind sie mit ihm verwachsen, und dieses seinerseits wieder mit einer kleineren oder größeren Anzahl der folgenden Brustsegmente zu dem

Kopfbruststück oder Cephalothorax, an dessen Bildung sich unter Umständen auch noch einige Ringe des Hinterleibes oder Abdomens, im gewöhnlichen Sprachgebrauch vielfach auch (z. B. beim Flußkrebs, Hummer ꝛc.) Schwanz genannt, beteiligen. Unter Um: ständen kann durch Schmarotzertum bei ausgebildeten Krustern die ursprüngliche Segmentierung in höherem oder geringerem Grade verwischt werden.

Seitliche Anhänge an den Segmenten der Brust fehlen als eigentliche Gliedmaßen nur selten, öfter an denen des Hinterleibes, sehr selten aber als Freß- und Tastwerkzeuge an denen des Kopfes.

Die meisten Krebse haben zwei Paar Fühler oder Antennen, die indessen nicht immer Träger von Sinnesorganen sind, sondern namentlich auch wieder bei parasitären und festsitzenden Formen ganz anderen Verrichtungen, der Ortsbewegung, dem Ergreifen der Nahrung und dem Festheften an andere Tiere oder auch an leblose Gegenstände dienen können. Die nächstfolgenden Körperanhänge sind die Mundteile. Kiefer sind drei Paar vorhanden, ein Paar Ober- und zwei Paar Unterkiefer, die sich wie bei den kauenden Insekten von außen nach innen gegeneinander bewegen. Bei manchen Krustern indessen

Mundwerkzeuge des Flußkrebses.

haben sich diese Kiefer der Gestalt nach wesentlich verändert und bilden einen Rüssel, mit dem die Tiere ihre flüssige Nahrung zu sich nehmen. Bei den zehnfüßigen Krebsen, zu denen außer Krabben und Hummern auch unser Flußkrebs zählt, gehören außer der quer vor dem Munde liegenden ansehnlichen Oberlippe in das Bereich der Mundwerkzeuge nicht weniger als sechs Paare von Organen, die von der linken Seite in der obenstehenden Figur auseinandergelegt sind.

Die ersten drei (a, b, c) entsprechen den bei den Insekten beschriebenen Teilen der übrigen Gliedertiere; a ist der starke, mit einem beweglichen Taster versehene Oberkiefer, b eriter Unterkiefer, e zweiter Unterkiefer, welcher, obschon vollständig geteilt, der Unterlippe der Insekten entspricht. Fig. d, e und f find die sogenannten Hilfskiefer oder Kieferfüße, ihrer Entstehung und Lage nach Beine, welche aber nicht im Dienste der Ortsbewegung stehen, sondern mit den beiden Unterkieferpaaren zum Festhalten, Betasten und Zurechtlegen der Nahrung verwendet werden, während die Oberkiefer die gröbere Zerkleinerung der Nahrung vornehmen. |

Die beiden hinteren Hilfsfiefer behalten bei anderen Krustern die Gestalt echter Beine, so daß diese dann Vierzehnfüßer genannt werden müßten.

Die seitlichen Anhänge der Brustsegmente sind außerordentlich verschieden gebildet je nach der Art der Bewegung, welche sie ausführen. Sie können sein: Laufbeine (bei den Zehnfüßern und Asseln), blattförmige Ruderfüße (bei den Kiemenfüßern), zweiästig geteilte Schwimmfüße (bei den Hüpferlingen oder Cyklopiden), Strudelorgane (bei den festsitzenden Seepocken und Entenmuscheln), und endlich können sie bei sehr rückgebildeten schmarotzenden Formen überhaupt fehlen. Die Abdominalbeine haben bei verschiedenen Gruppen der Krebstiere auch verschiedene Funktionen und daher verschiedene Gestalt, sind aber immer anders wie die Thorakalbeine beschaffen. Sie können Bewegungsorgane sein oder die Atmung vermitteln oder als Anheftungsorgane für die Eier dienen ac.

Mundwerkzeuge des Flußkrebſes.

Die Verdauungsorgane der Krustaceen zeigen eine größere Gleichmäßigkeit des Baues als die Segmentalanhänge. Fast alle diese Wesen ernähren sich ausschließlich von animalischer Kost, sei es von lebender in Gestalt ganzer Tiere oder schmarotzend von deren Blute oder aber von Aas. Entsprechend dieser Art der Ernährung ist das Verdauungsrohr meist gerade und kurz.

Der Mund ist nicht endständig, sondern findet sich an der Bauchseite etwas vom vorderen Kopfrande entfernt. Die Speiseröhre, in welche bloß bei den Strudelfüßern Speichel: drüsen münden, führt dann bei den höheren Formen (Zehnfüßer) in einen geräumigen, mit seiner Wölbung nach dem Rücken gerichteten Magen, dessen Innenfläche mit einer Reihe von Hervorragungen, Leisten und Zähnen versehen ist, die durch besondere Muskeln bewegt werden, und wodurch das durch die Oberkiefer angefangene Kaugeschäft fortgesetzt wird. Allbekannt find die sogenannten Krebsaugen oder Krebssteine unserer Fluf-krebse, zwei linsenförmige Kalkbildungen in den Seitenteilen des Magens, welche nach der jährlichen Häutung bei der Wiedererzeugung des Hautpanzers aufgebraucht werden. Vom Magen aus verläuft durch den Hinterleib ein fast gerader, dünner Darm, welchen man bei den Flußkrebsen mit dem Endstück des Schwanzes leicht ausreißen kann, eine Operation, welche vor dem Sieden derselben nie versäumt werden sollte. Die eine Art von Bauchspeichel erzeugende sogenannte Leber auf beiden Seiten des Magens ist an ihrer grünlichen Farbe und dem bei höheren Formen faserig-lappigen Bau leicht zu erkennen. Bei den niedereren Gruppen ist der Darmtraktus eine einfache, gleichweite Röhre, an welcher ein Magenabschnitt nicht nachweisbar ist, und die Leber liegt hier als ein Drüsenbelag auf dem Darme.

Der Zirkulationsapparat ist wieder sehr verschiedenartig entwickelt. Ein Herz oder pulsierendes Rückengefäß fehlt den niederen Formen bisweilen, ist aber sonst an Umfang, Gestalt und nach Anzahl seiner seitlichen Offnungen, durch welche das Blut in dasselbe tritt, sowie nach dem Grade der Entwickelung der von ihm ausgehenden Gefäße außerordentlich mannigfach differenziert. Bei den höheren Gruppen strömt das arterielle Blut in Gefäßen eingeschlossen bis zu den Organen, die es zu versorgen hat, um hier erst in wandungslose Räume, sogenannte Lakunen einzutreten und aus diesen sich wieder in Venen zu sammeln, so daß also das Gefäßsystem fast ein geschlossenes ist.

Das Blut ist bei den Krebstieren in der Regel farblos, bei unserem Flußkrebs höchstens mit einem violettlichen Scheine, bei manchen Gattungen der Hüpferlinge (Lernanthropus, Clavella und Cyenus) ist es rot, aber alle diese Tiere saugen das Blut von Fischen, also von rotblütigen Wirbeltieren.

Besondere Atmungsorgane können unter Umständen fehlen, und dann wird der nötige Sauerstoff durch die ganze Haut aufgenommen, wenn sie aber vorkommen, dann find es ausnahmslos Kiemen. Die letzteren find entweder fadenförmig, oder es find doppelwandige Platten oder richtiger sehr stark abgeflachte Taschen, welche in verschiedener Zahl am Grunde der Thorakal- oder wohl auch der Abdominalbeine befestigt sind und im ersteren Falle meist in seitlichen Erweiterungen des Kopfbrustschildes liegen. Bei manchen Hüpferlingen und Larven von Zehnfüßern soll eine Mastdarmatmung stattfinden, indem Luft durch den After aufgenommen wird.

Das zentrale Nervensystem besteht bei gewissen niederen Formen einfach aus einem über dem Schlunde gelegenen Nervenknoten, von dem alle peripheren Nerven ausstrahlen. Bei den höheren Krebsen ist indessen seine Entwickelung weit fortgeschritten, und erscheint als eine deutlich differenzierte, oberhalb des Schlundes gelegene Gehirnmasse und ein mehr oder weniger langes und mehr oder weniger deutlich gegliedertes Bauchmark sowie als ein besonders gut entwickeltes, sympathisches Nervensystem.

Auch die Sinnesorgane sind meist vorhanden und bisweilen sehr hoch entwickelt. Augen kommen in zweierlei Art, aber niemals bei einem Tiere gleichzeitig vor, wie es bei Insekten so häufig ist. Bei niederen Formen sind sie einfach, bisweilen nur in der Einzahl vorhanden, bei den höheren indessen erscheinen sie als Facettenaugen und bestehen unter Umständen aus einer großen Anzahl von einzelnen Facetten; so hat die Riesentiefseeassel (Bathynomus giganteus) an jedem ihrer beiden Augen deren nicht weniger als 4000. Sonst sind bei Tiefseeformen sowie bei allen in Höhlen hausenden Krebsen häufig die Augen degeneriert und zwar in verschiedenem Grade. Bei den höheren Krebsen sitzen die Augen auf beweglichen Stielen, den Augenträgern oder Ophthalmophoren, welche bei einigen Krabben (Podophthalmus) sehr lang find, bei manchen Tiefseeformen aus der Verwandtschaft unseres Flußkrebses aber mit oder nach den Augen durchaus verschwunden sind.

Die Verhältnisse der Rückbildung der Augen bei den Tiefseekrustern sind sehr interessant, bieten aber eine Reihe von Schwierigkeiten, welche nicht so ohne weiteres zu erklären sind.

Bei einigen abyssischen Formen (Spaltfüßern oder Schizopoden) kommen an den Seiten des Hinterleibes oder auch am Kopfe eigentümliche Organe vor, welche früher als Nebenaugen angesehen wurden, die aber in der That Leuchtorgane sind. Bei manchen Larven (der sogenannten Mysis-Form) leuchtet die Umgebung der Augen, in anderen Fällen hat man bei durchscheinenden pelagischen Formen ein schönes Leuchten der Nervenknoten des Bauchmarkes beobachtet.

Das Riechvermögen besonders der höheren Krebse ist ausgezeichnet entwickelt, das lehrt uns die Thatsache, daß diese Tiere durch die Gegenwart von Nahrungsmitteln in sehr kurzer Zeit im Wasser angelockt werden, und benutzt man Aas, Stücke von Fischen ꝛc. zu Ködern in den Fallen, womit man Krebse, Hummern und Krabben fängt. Als Geruchsorgane fungieren wahrscheinlich nervöse, mit feinen Haaren oder Fäden der vorderen Fühler verbundene Elemente. Über die Geschmacksorgane wissen wir eigentlich nichts, wie sie ja bei Wassertieren überhaupt schwierig nachzuweisen sind, ja gewiß oft genug fehlen und funktionell mit den Geruchsorganen zusammenfallen mögen.

Gehörorgane sind bei Krustaceen mehrfach und an verschiedenen Körperstellen nachgewiesen worden, so bei einigen Spaltfüßern (der Gattung Mysis angehörig) in den Seitenplatten des Schwanzes. Bei unserem gemeinen Flußkrebs liegen dieselben in den Grundgliedern der kleineren, inneren Fühler.

Zur Orientierung über diese höchst merkwürdigen, allgemein interessanten Organe des Flußkrebses und seiner Klassengenossen im allgemeinen muß ich mir eine Einschaltung erlauben. Wie jedes Sinneswerkzeug, bestehen auch die Gehörwerkzeuge aus einem die äußeren Eindrücke aufnehmenden und leitenden Apparat, der geradezu mit einem für einen bestimmten Zweck gebauten physikalischen Instrument verglichen werden kann, und aus einem Nerv, auf welchen jene Eindrücke (Lichtwellen, Schallwellen ꝛc.) übertragen, und von dem sie dem Gehirn zu weiterer Verarbeitung übermittelt werden. Der physikalische Apparat des Gehörorgans muß geeignet sein, durch die Schallwellen leicht in Zitterungen versetzt zu werden, und wird um so künstlicher und vollkommener, auf je feinere Unterschiede der Wellen er in verschiedener Weise seinerseits antworten kann, und je mehr auch die feinsten Formbestandteile des Nerves diesen Nüancen des aufnehmenden Apparates entsprechen. Ein haarförmiger Fortsatz, welcher von den Schallwellen in Zitterungen versetzt wird und diese Zitterungen auf einen an seine Wurzel sich anlegenden Nerv überträgt, kann demnach ein wenn auch in dieser Einfachheit sehr un vollkommenes Gehörorgan fein. Nach diesem Prinzip, nach diesem einfachen Grundplan sind die Gehörwerkzeuge aller der Krebse

gebaut, welche sich dem Flußkrebs anschließen. In der Basis ihrer inneren Antennen ist ein geschlossenes oder mit einem nach außen sich öffnenden Spalt versehenes Säckchen enthalten, auf dessen Innenwand einige Reihen oder viele federförmige oder einfachere Haare sich befinden. Die Erzitterungen des die geschlossene Höhle ausfüllenden Gehörwassers, des gewöhnlichen Wassers bei offener Höhle, übertragen sich auf die Gehörhaare, und die Wirkung wird verstärkt durch die sogenannten Gehörsteine.

Es ist nun nach dem weiter oben Entwickelten klar, daß das Hörsäckchen, das mittels eines Spaltes mit der Außenwelt kommuniziert, von einer zartwandigen Einstülpung des Panzers wird ausgekleidet sein, welche im Falle der Häutung so gut wie die Auskleidung des Magens und Enddarms wird abgeworfen werden. Bei der Gelegenheit gehen auch die in diesen Chitinbeutel eingeschlossenen Gehörsteine mit verloren, und sie müssen ersetzt werden. Der genaueste Beobachter der einschlagenden Verhältnisse, Professor Hensen, sah nun, wie ein kleiner Seekrebs sich seine Ohren voll feinen Kies stopfte und somit die verloren gegangenen Gehörsteine ergänzte. Höchst interessant sind auch die von dem Genannten angestellten Versuche, sich die Überzeugung zu verschaffen, daß die Krebse wirklich hören. Er bediente sich dabei besonders einer bei Kiel häufig vorkommenden Garneele, des Palaemon antennarius. „Wenn man jüngere Tiere, frisch eingefangen, in das Aquarium bringt, wird jeder Ton, der vom Fußboden oder von den Wandungen der Gefäße aus erzeugt wird, sie momentan zu einem lebhaften Satze über das Wasser hinaus bewegen, eine Erschütterung der Wände ohne Schall läßt sie dagegen ruhig. Wenn man diese Tiere in mit Strychnin versetztes Salzwasser auf mehrere Stunden hineinbringt, läßt sich der Nachweis ihrer Hörkraft noch besser führen. Dann erzeugen selbst leise Töne im Hause, am Tische oder Glase Reflexe (d. h. die Krebse werden durch die Tonempfindung unwillkürlich zuBewegungen angeregt), und man kann die Tiere durch wiederholte Töne in entsprechend häufigen Sprüngen im Glase umhertreiben.“

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