Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Bei einigen langschwänzigen Zehnfüßern, z. B. den Geißelgarneelen (Penaeus), tritt die Zoda nach einer Häutung in ein abermaliges besonderes Larvenstadium, welches das Mysis-Stadium heißt. Mysis heißt nämlich eine Gattung kleiner Krebse aus der Ordnung der Spaltfüßer oder Schizopoda, welcher jene Larve ungemein gleicht, und die wohl auch als Schizopoden-Stadium bezeichnet wird. Eine derartige Larve hat außer den Mundextremitäten noch sieben Paar Beine, zwei gestielte Augen und einen gegliederten, aber noch nicht mit Gliedmaßenanhängen versehenen Hinterleib, mittels dessen fie vorzüglich schwimmt. Nachdem diese Jugendform bedeutend gewachsen ist, erscheint nach einer letzten Häutung das ausgebildete, fortpflanzungsfähige Tier.
Ein Cypris-Stadium findet sich bei Rankenfüßern und heißt deshalb so, weil auf ihm die Larve (in diesem speziellen Falle auch Puppe genannt) einer häufigen Muschelkrebsgattung unserer süßen Wässer (Cypris) einigermaßen gleicht. Sie besitzt nämlich wie diese eine doppelklappige Schale nach Art der Muscheln, aus deren unterem Längsspalt die beiden Fühler und sechs Paar Schwimmbeine hervortreten. — Eine eingehendere Darstellung von weiteren Komplikationen der Verwandlung werden bei den betreffenden Ordnungen eingeschaltet werden.
Es ist nun eine auffallende Tatsache, daß bei sehr vielen Krebsen des süßen Wassers eine solche Metamorphose sich nicht findet. Was davon die Ursache ist, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Nicht ohne Bedeutung, jedenfalls nicht ohne Interesse, ist folgende
Thatsache. Ein kleiner Krebs (Palaemonetes varians) lebt nach den Beobachtungen von Paul Mayer bei Neapel in ganz süßem Wasser und verläßt das Ei mit sämtlichen Beinanhängen des Kopfes und der Brust, den meisten Kiemen und den ersten fünf Hinterleibs-beinen in Gestalt von Knospen. Denselben Krebs beobachtete Boas bei Kopenhagen, aber in brackigem Wasser, und hier schlüpft er in viel weniger entwickeltem Zustande aus dem Ei. Die Kopfgliedmaßen sind zwar alle da, aber von Kiemen und Schwimmfüßen findet sich noch keine Spur. Es ist mithin der Entwickelungsgang dieses Tieres im süßen Wasser gegenüber der im brackigen abgekürzt. | |
Sehr interessant find einschlagende Beobachtungen und Reflexionen, welche Fritz Müller in Brasilien über zwei verwandte Süßwasser-Garneelen gemacht hat. Die in dem schiffbaren Itajahy-Strom lebenden Garneelen (aus den Gattungen Abyina, Leander und einige Palaemon) verlassen das Ei als Zoëa. Anders aber ein in felsigen Bächen lebender Palaemon (P. Potiuma). Während bei seinem nächsten Vetter im Itajahy (P. Potiparanga) ein gleichgroßes Weibchen etwa 1200 Eier hat, trägt das des Potiuma selten mehr als 20, meist sogar nur 6—8 mit sich herum, die aber um fo größer find. Hier rüstet die Mutter durch den im Ei enthaltenen Nahrungsstoff die Kinder so weit aus, daß sie als fast ganz fertige junge Garneelen das Ei verlassen können, doch müssen sie sich noch innerhalb 4 Tagen dreimal häuten, bevor ihre Mundwerkzeuge zum Fressen geschickt sind. „Unsere (d. h. die brasilischen) Bäche“, fährt Müller fort, „haben sich meist tiefe Schluchten gegraben, in denen sie mit zahlreichen kleineren und größeren Fällen rasch zu Tage eilen;
die ruhigen Tümpel am Fuße der Wasserfälle sind der Lieblingsaufenthalt der Garneele. Schwämme ihre junge Brut umher, wie die Zoèa ihrer flußbewohnenden Gattungsgenossin, so hätte sie sicher zum größeren Teil nach jedem Gewitterregen „Der strömende Gießbach hinweg im Strudel der Wellen gerissen.“
Sollte die Art in diesen oft jo wilden Bächen gedeihen, jo müßte entweder die Zoka- Zeit eine so kurze werden, daß Aussicht war, sie oft ohne Gewitter zu durchleben, oder es müßte schon die Zoèa sich in Schlupfwinkel verkriechen und da sich festzuhalten lernen. Beides ist geschehen; in 3— Amal 24 Stunden ist jetzt nicht nur die Zosa-, es ist die ganze Larvenzeit vorüber, und schon die Zoza-Gliedmaßen, die jetzt bisweilen kaum noch minuten: lang thätig sind, haben ihre inneren Aste zu Gangbeinen entwickelt, die auffällig kräftige, scharfe, stark gekrümmte Endklauen tragen.
Die Kleinheit nun, in welcher die Larven der meeresbewohnenden Krebse das Ei verlassen, sowie ihre Gewohnheit, nahe oder auf der Oberfläche des Wassers zu leben, gibt Gelegenheit, daß sie von den Strömungen auf weite Entfernungen fortgetrieben werden und so das Gebiet ihres Vorkommens wesentlich erweitert wird. Ein ungeheurer Prozentsatz freilich geht verloren, aber es gelangen immer noch genug Individuen zur Geschlechtsreife, um den Abgang der Art durch ihren Nachwuchs zu ersetzen.
Wie alt die Krustentiere werden, wissen wir im allgemeinen nicht, manche aber, wie die japanische Riesenkrabbe (Macrocheira Kaempferi), Hummer ꝛc., mögen ein bedeutendes Alter erreichen. Wenn unser Flußkrebs recht viel Glück hat, kann er sein Leben auf 20 Jahre bringen, aber solche Veteranen dürften selten sein. Sacculina careini, ein merkwürdiger, an Krabben schmarotzender Wurzelkrebs, lebt nach den Beobachtungen von Yves Delage 3 Jahre und 2—3 Monate, und den meisten kleineren Formen dürfte wohl nur ein kurzes, bisweilen kaum tagelanges Dasein beschieden sein. Als Eier freilich können viele jahrelang, vielleicht jahrhundertelang ein latentes Leben haben oder gewissermaßen scheintot sein, bis diese Eier wieder unter die für ihre Entwickelung günstigen Bedingungen geraten.
Die Größe der Krebse ist sehr schwankend und bewegt sich besonders nach oben in viel bedeutenderen Extremen als bei den Insekten; so wird die japanische Riesenkrabbe so groß, daß ihre Scherenfüße über 3 m klaftern und so dick wie ein Mannesschenkel werden, dabei ist ihr Rumpf 50 em lang. Ganz alte Hummern können auch gegen 70 em lang werden. Solche gigantische Erscheinungen sind aber in der Jetztwelt Ausnahmen, die meisten Krabben find zwischen 2 und 7 cm breit, die Asseln erreichen, allerdings nur in einer einzigen Form, welche alle anderen weit hinter sich läßt, ihr Maximum bei 20 em. Die meisten niederen Krebsformen sind klein, selbst winzig, wenn sie auch nie im ausgebildeten Zustande mikroskopisch sind.
Ebenso schwankend wie die Größe ist natürlich auch das Gewicht der Krebse. Wie schwer die japanische Riesenkrabbe wird, findet sich nicht angegeben, aber Taschenkrebse (Cancer pagurus) von mehr als 7 kg Gewicht hat man schon gefangen.
Das Wachstum der größeren Formen scheint langsam vor sich zu gehen und um so langsamer, je älter sie sind, kleine Formen scheinen hingegen bald das Maximum ihrer Größe zu erreichen, doch dürften namentlich im ersteren Falle die Verhältnisse in dieser Beziehung nach Nahrungsreichtum, Temperatur und so weiter sehr schwankend sein. Der erwähnte französische Forscher Yves Delage teilt in seiner vortrefflichen Abhandlung über Sacculina mit, daß Krabben, welche von diesem Parasiten befallen sind, aufhören zu wachsen, wenn derselbe äußerlich sichtbar wird, und demzufolge auch keine Ursache mehr haben, sich zu häuten. Daß dies auf die zufolge der Gegenwart des Schmarotzers eingetretene mangelhafte Ernährung zurückzuführen ist, liegt auf der Hand. Es wurde schon
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 2
erwähnt, daß ein Hüpferling (Cyclops tenuicornis), wenn er mit Larven eines Eingeweidewurmes (eines Distomum) besetzt ist, zeitlebens einen embryonalen Charakter behält.
Als eine besondere Art des Wachstums erscheint das Regenerationsvermögen, und mit dieser geht Hand in Hand die Fähigkeit, Gliedmaßen, wie man sich ausdrückt, „freiwillig“ abzuwerfen, die Selbstverstümmelung oder Autotomie. Mit welcher Leichtigkeit Krebse oder Krabben, wenn man sie derb packt, ein Bein oder gar eine Schere fahren lassen, ist bekannt. Jeder Sammler von Krebsen weiß, daß namentlich die Galatheen und Porcellanen mit äußerster Vorsicht behandelt werden müssen, wenn sie nicht in der Hand des Fängers sich mehrerer oder auch aller Beine entledigen sollen. Eine echte Krabbe (Xantho), welche Carrington auf einen mit Alkohol angefeuchteten Lappen legte, warf sofort alle ihre zehn Beine ab. Ob der Vorgang wirklich auf sogenanntem „freiem Willen“ infolge von Bosheit oder Furcht und Schrecken beruht, oder auf einem Krampf, wie das Ausspeien der Eingeweide bei den Holothurien, ist schwer zu sagen. Doch dürfte das letztere der Fall fein, wie denn wohl auch ein Krampf das Bein nahe am Leibe abbricht, wenn das äußerste Glied beschädigt worden ist. Die Krabben- und Hummerfischer behaupten allerdings, daß das Tier, an einem Beine gepackt, dieses abwerfe, um zu entkommen. Namentlich sollen auch die Hummern bei Gewitter und Kanonendonner aus Schreck ihre Beine verlieren. Das sind eben Fischergeschichten. Die zuverlässigsten und neuesten Beobachtungen über dieses merkwürdige Faktum find von Fréderieq und Dewitz. Quer um das erste freie Glied aller zehn Beine der Zehnfüßer (das Basalglied) verläuft eine Naht, in der zwei aufeinander folgende ursprünglich getrennte Teile dieses Gliedes sich vereinigen. Hier und nur hier erfolgt die Ruptur, welche jedenfalls auf einen plötzlichen Krampf zurückzuführen ist. Ist das Bein abgeworfen, so erfolgt keine Blutung, was aber wohl und zwar mit tödlichem Aus gang der Fall ist, wenn man ein Bein an anderer Stelle quer durchschneidet. Durch die Kontraktion der Muskeln an jener Stelle wird gewissermaßen ein Pfropfen auf der Offnung gebildet, und die Wunde verharscht, bevor ein Blutverlust eintritt. Schneidet man einer Krabbe oder einem Krebse das Bein an einer anderen Stelle vor der Naht durch, so wirft er es doch an dieser ab und schließt so und unter Bildung eines Häutchens den Kanal, aus welchem sein Lebenssaft abfließen könnte. Die Fühler wirft kein Krebs freiwillig ab. Übrigens sind die zehnfüßigen Krustaceen durchaus nicht die einzigen, welche sich ihrer Beine entäußern, gelegentlich kann man es auch bei Asseln und Gespenstkrebsen (Caprellidae) beobachten. Nach Beobachtungen Varignys find eben gehäutete und erschöpfte Tiere zur Selbstamputation unfähig. Wahrscheinlich ist bei der ersten der Panzer zu nachgiebig, bei der zweiten die Muskelkraft zu gering.
Daß nun der Krebs im stande ist, ein solches verlorenes Glied wieder zu ersetzen, ist eine bekannte Sache. „Es wächst wieder nach“, sagt das Volk ganz richtig. An der Stelle der Selbstamputation wächst eine Art kegelförmiger Knospe hervor und nimmt allmählich die Gestalt des abgeworfenen Teiles an. „Bei der nächsten Häutung wird das bedeckende Häutchen samt dem übrigen Außenskelett abgeworfen, und nun streckt die rudimentäre Gliedmaße sich und erlangt, obwohl sie noch sehr klein ist, die ganze der betreffenden Gliedmaße zukommende Organisation. Bei jeder Häutung wächst sie; aber erst nach langer Zeit erreicht sie annähernd die Größe wie ihr unbeschädigtes älteres Gegenstück. Daher kommt es, daß man nicht selten Krebse mit Scherenfüßen und anderen Gliedmaßen findet, die trotz vollkommen gleicher Brauchbarkeit und anatomischem Bau sehr ungleich groß sind.“ (Huxley.) In gewissen Gegenden Spaniens soll man, dort Boccaca genannte Krebse ihrer Scheren des Verspeisens halber berauben, sie darauf lebend ins Wasser zurückversetzen, wo die Schere wieder nachwächst, ein Vorgang, der einigermaßen an den Braten des Schweines Saehrimnir an der Tafel der nordischen Götter und Helden in Walhalla erinnert.
Weitaus die meisten Krebse haben ihren Aufenthalt im Wasser und zwar im Meere, ja eine nicht unbedeutende Ordnung, die der Rankenfüßer, ist überhaupt auf dieses beschränkt, während die Kiemenfüßer fast ausschließlich Bewohner des süßen Wassers sind. Zehnfüßer, Asseln, Hüpferlinge und Muschelkrebse finden sich in süßem und salzigem Wasser, das Land bewohnen nur einige Asseln und Zehnfüßer, langschwänzige sowohl als kurzschwänzige, sowie ein paar Flohkrebse. In den nordischen, besonders den schwedischen und finnischen Seen leben eine Anzahl von Formen, welche sonst aus dem Meere bekannt find (z. B. Mysis oculta, Pontoporeia affinis, Idothea entomon und Gammaracanthus loricatus, als Varietät lacustris, welche um ein Viertel kleiner als die Stammform ist). In den Wasseransammlungen zwischen den Blättern ananasartiger, auf hohen Urwaldbäumen des tropischen Brasilien parasitisch lebender Pflanzen (Bromelia) finden sich eigenartige kleine Hüpferlinge und Muschelkrebse, welche wo anders nicht vorzukommen scheinen. In den Schwefelquellen von Paravisa in Italien fand Pavesi Muschelkrebschen, und die interessante Artemia salina, eine Kiemenfußform, ist in den Salzpfannen von Capo d'Jstria, in denen in der Sonne das Seewasser abgedampft wird, äußerst munter in einer Lake, die mindestens 27—30 Prozent Salz enthält.
Die auf dem Lande lebenden Krebse bewohnen doch meist feuchte Stellen und sind in der Regel nächtliche Geschöpfe, welche sich, bisweilen in die Erde eingegraben, den Tag über versteckt halten. Ein Flohkrebs (Orchestia cavimana) ist bei Triest in der Nähe der Küste sehr häufig an feuchten Stellen. Wenn man ihn in das Wasser bringt, geht er bald zu Grunde, er hat sich aber schon so sehr an das Leben auf dem Lande angepaßt, daß er, unter der Erde eingegraben, in einen Winterschlaf verfällt.
Nicht wenig Krebse leben, wie die Engländer es nennen, „between tidemarks“, d. h. an einem Küstenstrich, der bei der Flut vom Meere bedeckt, bei der Ebbe von demselben verlassen ist, und ähnliche Arten verlassen in Meeren mit sehr wenig Niveauschwankungen, wie im Adriatischen, das Wasser gern und oft, um sich in seiner unmittelbaren Nähe zwischen Steinen, an Felsen und Mauern herumzutreiben. Solche Formen finden sich unter den Krabben, Asseln und Flohkrebsen. Auch manche Seeeicheln (Balanidae) siedeln sich so hoch an der Strandlinie an, daß sie bei höchster Ebbe außerhalb des Wassers kommen. Diese schließen dann einfach ihren Deckelapparat und warten die Wiederkehr der Flut ab, um ihn wieder zu öffnen.