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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Was die Nahrung der Krebse angeht, so besteht dieselbe allgemein aus tierischen Stoffen, seien es lebende Tiere, sei es Aas. Manche Formen sind gewaltige Räuber, und den großen Hummern selbst werden eigentlich nur Tintenfische gefährlich. Andere fressen daneben auch Pflanzenkost, wie z. B. unser Flußkrebs, dem der Wasserarmleuchter (Chara) eine besondere Delikatesse ist. Die Rankenfüßer und viele kleine Krustentiere leben von Partikelchen verwesender Pflanzen- und Tierleichen, von Infusorien, Diatomeen ꝛc., aber auch größere Krabben des Meeres verschmähen diese Kost nicht.

Ein sehr bedeutendes Kontingent stellen die Krebse zu den Schmarotzertieren, und in gewissen Punkten ist der Parasitismus bei ihnen am mannigfaltigsten und interessantesten entwickelt. Vom harmlosen kleinen Zehnfüßer, welcher die Hohlräume eines Seeschwammes nur als Unterschlupf benutzt, bis zum Wurzelfüßer, der, an seinem Wirte festgesogen, zu einem mundlosen, ganz ungestalten Sack entartet, sind alle Stufen des Schmarotzertums vertreten. Aber auch die am meisten degenerierten Formen führen in viel höherer Entwickelung ihres Körpers in der Jugend ein freies Leben und erleiden zufolge des Parasitismus eine rückschreitende Verwandlung.

Es gibt fast keine im Meere vertretene Tierklasse, bei denen sich nicht auch schmarotzende Krebse einzunisten pflegen: sie beziehen die Schalen der Muscheln und die Röhren der

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Ringelwürmer, hausen in Schwämmen und auf Gorgoniden, veranlassen Korallen zur Bildung seltsamer Deformationen, belästigen Seeigel und Seesterne in verschiedenster Weise, entziehen den eignen Stammesgenossen die besten Lebenssäfte, überfallen in Massen die Fische und verschonen selbst die Riesen der Meere, die Waltiere, nicht. Doch erzählt uns der Schwede Aurivillius, daß fie nicht jede Art dieser Leviathane mit ihrer Gegenwart beehren: schmarotzende Asseln, Hüpferlinge und Rankenfüßer finden sich wohl auf der Haut des nordischen Finnwals (Megaloptera boops), aber nicht auf der des Sibbaldschen Finnwals (Balaenoptera Sibbaldi), dem sie dafür im Maule zwischen dem Faserwerk seiner Barten sitzen. Am weitesten geht indessen eine Assel im Parasitismus, welche eine Art Aftermieterin genannt werden kann, denn sie schmarotzt ihrerseits bei einem Wurzelfüßer, der seinerseits der aufgedrungene, unliebsame Gast einer Krabbe ist.

Nicht alle Formen indessen leben in der Jugend frei und schmarotzen im Alter, auch das Umgekehrte kommt vor: eine kleine, merkwürdige Assel (Praniza Halidayi) lebt in der Jugend auf Fischen, gräbt sich aber erwachsen in feuchten Schlamm Wohnungsröhren, und in den Nesselorganen eines Schwimmpolypen läuft ein Flohkrebs (Diphyicola) feine Kinderschuhe ab, um darauf, zur vollen Entwickelung gelangt, die gastliche Stätte zu verlassen.

Ganz besonders zeichnen sich aber die Kruster und namentlich die Krabben und Einsiedlerkrebse durch die freundschaftlichen Verhältnisse aus, welche sie, freilich aus schnödem Egoismus, mit anderen Tieren, besonders Seeanemonen, eingehen. Wir werden auf diese hochinteressanten Erscheinungen der Symbiose, d. h. des Miteinanderlebens, bei der Betrachtung der Zehnfüßer zurückkommen.

Die Beziehungen der Krustentiere zu den Menschen laufen meistens darauf hinaus, daß jene diesen direkt oder indirekt zu Nahrung und Genuß verhelfen: Hummern, Flußkrebse, Langusten, Krabben, Garneelen sind bekanntlich keine zu verachtenden Zierden unserer Tafel. In England, Spanien, China und Ostindien werden die größeren Seepocken gegessen, die kleineren zu Saucen und Brühen verarbeitet, und eine Entenmuschel (Pollicipes cornucopia) wird gesotten in England und Portugal öfters genossen und soll recht gut schmecken. In Ländern an den Meeresküsten können Kruster, die im Binnenlande doch mehr Leckerbissen für die oberen Zehntausend find, in der That mit zu den Volksnahrungsmitteln gezählt werden, freilich nicht in dem Grade wie ein Kiemenfuß (Artemia Oudenyi) aus den Salzseen von Fezzan, der südlichsten Provinz von Tripolis, der dort unter dem Namen Dut, mit Datteln zu einem Mus oder Teig angerichtet, für die Einwohnerschaft ein wichtiges Lebensmittel abgibt.

Der indirekte Nutzen, welchen die Krebse der Menschheit bieten, ist auch, abgesehen von ihrer wichtigen Rolle, welche sie als Organe der Reinlichkeitspolizei im Meere spielen, kein unbedeutender. Unermeßliche Scharen kleiner Hüpferlinge (Tenura) find es, welche die Heringe an unsere und den Lodd (Mallotus villosus) an die östlichen Küsten Nordamerikas locken, und welche dadurch unendlich viel nützlicher als alle oben genannten Leckerbissen, ja für Tausende von Menschen zur Grundbedingung des Daseins werden.

Auch Edelfische, wie der skandinavische Lachs (Salmo punctatus) und die Renken der Seen unserer Voralpen, nähren sich fast ausschließlich von kleinen Krustern, jener von Süßwasserasseln, diese wiederum von Hüpferlingen und Wasserflöhen. Der gemeinen Krabben und der weichleibigen, fetten Einsiedlerkrebse bedient man sich vielfach als Köder beim Fischfang, und die Garneelen, welche oft in ungeheuern Mengen gefangen werden, verarbeitet man z. B. im Oldenburgischen, laut Heincke, zu einem Dungmittel, dem Garnat— Guano, sowie neuerdings zu einem vorzüglichen Futter für Nutzgeflügel und Ziervögel.

Daß die älteren Pharmakopöen die Krustentiere nicht übersahen, läßt sich denken: pulverisierte Krebssteine waren als Lapides cancrorum ein Spezifikum gegen Magensäure,

obwohl man ebensogut Kreide anwenden konnte, und, da die alten Apotheker gern das Widerliche zusammengossen, durften Kellerasseln, innerlich gegen Harnbeschwerden gegeben, nicht fehlen, und kleinasiatische Formen von Landasseln (Armadillo) waren als Millepedes, „Tausendfüßer“, ein be gehrter kostbarer Artikel.

Direkt schädlich ist wohl kein Krebstier dem Menschen, und wenn ja einmal ein Hummer, Krebs oder eine Krabbe einen oder den anderen in den Finger zwickt, nun — er braucht ihn ja nicht hinzuhalten. Daß die kleinen, gelegentlich in Austern und besonders Miesmuscheln vorkommenden Krabben (Muschelwärter, Pinnotheres) ihren Wirten giftige Eigenschaften mitteilen sollen, ist Unsinn, es sind in dieser Beziehung die harmlosesten Kreaturen von der Welt. Indirekt werden allerdings manche Kruster schädlich. Die Austernbänke haben unter den Überwucherungen seitens kleiner Seepocken zu leiden, welche ihnen die besten Bissen oder richtiger mikroskopischen Bißchen vor dem Munde wegnehmen. Aber dieser mittelbare Schade will wenig sagen gegenüber dem, mit welchem gelegentlich eine

Assel, die Bohrassel (Limnoria terebrans), auftritt. Dieser unscheinbare Geselle versteht es, wie man zuerst 1809 in England erfahren mußte, trotz seiner Kleinheit (er ist 2—5 mm lang) in Gesellschaft einer anderen Form (Chelura terebrans) die kostbarsten Hafenbauten durch das Zerbohren des Holzwerkes zu vernichten, und dabei ist noch besonders unangenehm, daß er in den selbstverfertigten Gängen seiner feuchten Wohnstätte tagelang ohne neuen Zutritt des Wassers leben kann, daher auch alles Holzwerk zwischen Flut- und Ebbelinie zu zernagen vermag.

Der beschränkte Raum dieses Buches gestattet kein näheres Eingehen auf die geographische Verbreitung der Krustentiere, so interessant dieselbe auch ist, nur in den gröbsten Zügen seien deshalb die Verhältnisse ihres horizontalen und vertikalen Vorkommens skizziert.

Im allgemeinen ist ein Übergewicht tropischer Formen unter den Krebsen nicht nachzuweisen. Der Artenreichtum ist, wenn die Arten teilweise auch kleiner sein mögen, in den arktischen und antarktischen Meeren nicht geringer als in den tropischen, der Individuenreichtum sogar größer, so daß wahrscheinlich hier wie dort auf das gleiche Quantum Wasser ein entsprechend gleiches Quantum Krebs kommen dürfte. Doch gilt das nur für die Meeres- und allenfalls für die Süßwasserformen, die Landformen nehmen nach dem Aquator hin entschieden zu. Übrigens gehören die größten bekannten Meeresbewohner aus der Klasse der Krustentiere, die japanische Riesenkrabbe (Macrocheira Kaempferi) und der Hummer, der gemäßigten, letzterer zum Teil sogar den kalten Regionen an.

Die kurzschwänzigen Zehnfüßer (Brachyura), die zahlreichste Gruppe dieser Ordnung, sind mehr Küsten- als Tiefseetiere, weit besser in den Tropen als in den gemäßigten Klimaten vertreten und nehmen nach den Polen, besonders nach dem Südpol hin, rasch an Artenzahl ab. Auf Kerguelen fand Studer kein Brachyur mehr. Der „Challenger“ brachte von seiner Weltreise aus den flachen Gewässern nahe den Küsten (bis 40 m Tiefe) 190 Arten, aus Tiefen zwischen 1800 und 3600 m nur noch 2 mit!

Die mittelschwänzigen Zehnfüßer (Anomura), namentlich die Einsiedlerkrebse, gehen sehr tief (bis 5500 m) und nehmen mit der Tiefe an Artenzahl nur sehr wenig ab, gehen auch entsprechend weit nach Norden, scheinen aber in den antarktischen Gewässern selten zu sein. Die Seltenheit von Dekapoden in jenen Gegenden liegt vielleicht an der Gegenwart zahlreicher reißender Strömungen, welche die pelagisch lebenden Larven dieser Tiere an Ort und Stelle nicht zur rechten gedeihlichen Entwickelung gelangen lassen. Die Thatsache, daß bei anderen Tieren, welche wie die Stachelhäuter sonst auch pelagisch lebende

Larven zu haben pflegen, eine abgekürzte Entwickelung in besonderen Bruträumen am mütterlichen Leibe eingetreten ist, dürfte für diese Annahme sprechen.

Für die Langschwänzer (Macrura) gilt im großen und ganzen dasselbe wie für die vorige Gruppe, ja sie sind unter den Tropen noch weniger gut vertreten als jene und gehen polwärts noch weiter. Während von den kurz- und mittelschwänzigen Zehnfüßern nur sehr wenige auf der Oberfläche des Meeres als Schwimmer leben, ist das bei den langschwänzigen anders, welche, zum Teil sehr gewandt schwimmend, ein großes Kontingent zur pelagischen Meeresfauna stellen. Auch zwischen Oberfläche und Boden, aber immerhin in beträchtlichen Tiefen scheinen gerade sie gut vertreten zu sein, also in Regionen des Meeres, wohin Krabben kaum, Einsiedlerkrebse gar nicht gelangen werden. Der „Challenger“ fand zwischen 1800 und 3600 m 49, zwischen 3600 und 5400 m 29 und in den une geheuerlichen Tiefen zwischen 5400 und 7200 m noch 2 Arten langschwänziger Zehnfüßer.

Die Spaltfüßer (Schizopoda) leben als echte Schwimmer zwar hauptsächlich pelagisch, gehen aber doch in einer bekannten Art bis 5000 m hinab, und zwar in einer Art, welche auch bei 600 m Tiefe vorkommt! Diese Krebsordnung nimmt besonders nach dem Nordpol an Zahl der Arten und namentlich der Individuen bedeutend zu.

Die brillant schwimmenden Heuschreckenkrebse (Stomatopoda) leben in warmen und gemäßigten Gegenden mehr pelagisch, wie es ihrer Organisation entspricht.

Die Kumaceen hingegen, die letzte Ordnung der höheren Krebse, sind, nach Claus, mehr bodenliebende Formen und finden sich vom Strande bis über 3700 m Tiefe hinaus. Diese artenarme Ordnung scheint panthalattisch (in allen Meeren) verbreitet zu sein, ja es finden sich in den arktischen und antarktischen Gewässern vielleicht gleiche Arten.

Viel Interessantes zeigen uns die Gleichfüßer oder Asseln (Isopoda) in ihrer horizontalen und vertikalen Verbreitung. Was die ersteren betrifft, so sind die Tiere panthalattisch, aber in den kälteren Regionen besser vertreten. Dem entspricht es auch, wenn diese Krebse im tiefen, also kalten Wasser, einmal was ihre Artenzahl, dann aber was ihre körperliche Entwickelung, ihre Größe und ihre Panzerbildung betrifft, besonders gut vertreten sind. Der „Challenger“ fand zwischen 1800 und 3600 m 29 und zwischen 3600 und 5000 m noch 7 Arten. Diesen Tieren sagen kalte Gewässer entschieden mehr zu als temperierte oder gar warme. Hierfür nur ein Beispiel: Eine Art (Serolis Bromleyana, s. Abbild., S. 23) ist aus einer Tiefe von 700 —1100 m unter dem 33.— 37.“ südl. Breite nur halb so groß wie aus 2000 m, und nach dem Südpol hin tritt eine weitere Steigerung der Körpergröße ein, jo daß dieselbe Art, unter dem 62.“ südl. Breite bei 3400 m gefangen, wieder um die Hälfte größer ist als die bei 2000 m um 25° weiter äquatorwärts erbeuteten Exemplare. Die Flohkrebse (Amphipoda) stehen bei einem Vergleich ihrer horizontalen und vertikalen Verbreitung in einem merkwürdigen Gegensatze zu den Asseln. Wie diese sind sie panthalattisch und wie diese in gemäßigten und kalten Gegenden weit reicher als in warmen entwickelt, aber es sind allgemein pelagisch und an der Küste lebende Tiere, obgleich einzelne Arten auch in beträchtlicher Tiefe vorkommen.

Rankenfüßer (Cirripedia) finden sich in allen Meeren von der Strandlinie bis zu 5242 m Tiefe, während aber die tropischen Arten in flachem Wasser größer als die der gemäßigten und kalten Gegenden in der entsprechenden Tiefe zu sein pflegen, scheinen die abyssischen Formen unter allen Breitengraden ziemlich gleichmäßig und oft sehr stattlich entwickelt zu sein.

Die große Ordnung der Hüpferlinge (Copepoda) ist panthalattisch mit entschiedenem Übergewicht in kühleren Gewässern verbreitet, lebt mehr an der Oberfläche des Meeres in oft unfaßbar großen Scharen und geht im offenen Ozean nur in sehr wenig Arten in

bedeutende Tiefen. In dem abgeschlossenen Becken des Mittelmeeres indessen konstatierte Chun zwischen 660 und 1300 m eine reiche Kopepoden-Fauna.

Die Muschelkrebse (Ostracoda), einem sehr alten Stamme der Krebstiere angehörig, sind dem entsprechend auch horizontal und vertikal sehr weit verbreitet und haben sich in dieser Richtung so harmonisch angepaßt, daß sich kaum behaupten läßt, daß sie, wenigstens was die horizontale Verbreitung angeht, in einem Teil der Ozeane häufiger als in dem anderen wären. Nach der Tiefe zu nehmen sie allerdings allmählich ab: der „Shal: lenger“ fand unter 920 m 52, unter 2750 m 19 und unter 3570 m doch noch 3 Arten.

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Serolis Bromleyana. Natürliche Größe.

Die Kiemenfüßer (Phyllopoda) spielen im Meere eine fo untergeordnete Rolle, daß wir sie füglich übergehen können.

Was die horizontale Verbreitung der Krustaceen betrifft, somuß man genau unterscheiden, ob es sich um Krebsformen handelt, welche an der Oberfläche, bez. nahe derselben (d. h. innerhalb der Hundertfaden-Linie = 183 m) sowie an den Küsten leben, oder um solche, welche Tiefseebewohner sind. Die letzteren werden bei den im allgemeinen gleich-artigeren Existenzbedingungen ihres Aufenthaltes eine weitere Verbreitung haben als jene, welche ungleichartigeren Lebensverhältnissen ausgesetzt sind. Die Wohlthat der Verbreitung durch Strömungen wird wohl beiden in gleicher Weise zu teil werden, da wahrscheinlich auch die Larven der meisten, wenn nicht aller Tiefseeformen pelagisch leben werden. Wenn dem aber so ist, so sind gerade diese Tiefseeformen im Vorteil, da sie, sie mögen hin

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