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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Weg bahnen und dieselben benagen, glaubt man in Westindien allgemein und wohl mit vollem Rechte. Daher hat auch der Abscheu, den ziemlich alle Volksklassen gegen sie als

Speise äußern, einen triftigen Grund. Die gemeine Landkrabbe (Gecarcinus ruricola) wird auf allen Inseln Westindiens und an den Küsten des nahen Festlandes angetroffen. Einmal im Jahre verläßt sie ihren eine bis zwei Wegstunden von der Küste entfernten Aufenthalt und zieht nach dem Meere. Im Februar bemerkte man die ersten dieser Wanderer, die zwar immer mehr an Zahl zunehmen, indessen jene dicht gedrängten Scharen niemals bilden, von welchen ältere Reisebeschreiber sprechen. Der Zug dauert bis in den April. Am Strande angekommen, überlassen sich die Landkrabben zwar den Wogen, vermeiden aber alle Orte, wo diese heftig branden, und verweilen überhaupt niemals lange im Wasser. Sie ziehen sich aus demselben zurück, sobald die Eier, die, mit einem zähen Leim angeklebt, die Unterseite des Hinterleibes des Weibchens zahlreich bedecken, abgewaschen sind. Im Mai und Juni treten sie die Rückreise an und sind dann durchaus nicht genießbar, denn einerseits ist das Muskelfleisch sehr geschwunden, und außerdem hat die große Leber, die bei allen Krabben und Krebsen den einzigen genießbaren Teil des Bruststückes darstellt, ihre sonstige Schmackhaftigkeit mit einer scharfen Bitterkeit ver: tauscht, dabei aber an Umfang außerordentlich zugenommen. Einige Wochen reichen zur Erholung hin; gegen Mitte August verbirgt sich die Landkrabbe in einer mit totem Laube wohl ausgefütterten Höhle, verstopft den Zugang mit vieler Vorsicht und besteht die Häutung, die etwa einen Monat zu erfordern scheint. Mit rot geaderter, sehr dünner und höchst empfinde ee licher Haut überzogen, wird die Krabbe bis Anfang ie September in ihrem Versteck aufgefunden und dann als feine Speise von vielen betrachtet. Von neuem mit festem Panzer bekleidet, wagt sie sich hervor, indessen mehr bei Nacht als am Tage, und wird gradweise fetter bis Januar, wo die schon beschriebenen Veränderungen wieder eintreten. Brown versichert in seiner „Naturgeschichte von Jamaica“, daß die Gutschmecker jener Insel diese zur rechten Zeit gefangene und zweckmäßig bereitete Landkrabbe als die leckerste aller Verwandten betrachtet haben, und daß sie diese Anerkennung in Wahrheit verdiene.

Die einzelnen Kiemenblättchen dieser Krabbe werden nach den Untersuchungen von Johannes Müller durch besonders harte Fortsätze auseinander gehalten, so daß sie nicht zusammenkleben, wodurch natürlich das Atmen in der Luft problematisch werden würde.

Die Weibchen der Gelasimus haben ganz schwarze Scheren, bei den Männchen ist aber eine Schere enorm entwickelt, und bedient sich der Krebs derselben, um den Eingang zu seinem Erdloche damit zuzuhalten. Während die einen bloß das flache Ufer zu ihren Spaziergängen und Jagden benutzen, bekunden andere ihre Geschicklichkeit im Klettern. So erzählt Fr. Müller, der seit langem in Brasilien lebende, hochverdiente Naturforscher, von einer allerliebsten, lebhaften Krabbe dieser Familie, die auf die Manglebüsche steigt und deren Blätter benagt. Mit ihren kurzen, ungemein spitzen Klauen, die wie Stecknadeln prickeln, wenn sie einem über die Hand läuft, klettert sie mit großer Behendigkeit die dünnsten Zweiglein hinauf. Derselbe Forscher hat sehr genau die eigentümlichen Vorrichtungen studiert, durch welche es diesen, ihrem eigentlichen Element entrückten Tieren möglich wird, in der Luft auszuharren. Manche können eine Portion Wasser in ihrer Kiemenhöhle mit aufs Land nehmen. Statt daß es, aus der Kiemenhöhle austretend, abfließt, verbreitet sich die austretende Wasserwelle in einem feinen Haarnetz des Panzers

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und wird durch angestrengte Bewegungen des in der Eingangsspalte spielenden Anhanges der äußeren Kieferfüße der Kiemenhöhle wieder zugeführt. Es hat sich, während es in dünner Schicht über den Panzer hingleitet, wieder mit Sauerstoff sättigen können, um dann aufs neue zur Atmung zu dienen. „In recht feuchter Luft“, sagt unser Gewährsmann, „kann der in der Kiemenhöhle enthaltene Wasservorrat stundenlang vorhalten, und erst, wenn er zu Ende geht, hebt das Tier seinen Panzer, um von hinten her Luft zu den Kiemen treten zu lassen.“ Dann atmen sie also wirklich Luft, gleich den schnellfüßigen Sandkrabben (Oeypoda), ausschließlichen Landtieren, die sich im Wasser kaum einen Tag lebend erhalten, während weit früher schon ein Zustand gänzlicher Erschlaffung eintritt und alle willkürlichen Bewegungen aufhören. Auch sie lassen durch eine sehr verborgen liegende verschließbare Offnung die Luft von hinten her in die Atemhöhle treten.

Verwandte Formen sind es auch, welche sich einem Aufenhalt in süßem Wasser angepaßt haben (Telphusa), und eine Art (T. fluviatilis) ist in Italien, besonders im See von Albano und Nami, nicht selten. Sie lebt im Wasser zwischen Baumwurzeln und Steinen, geht auch gern auf das Land, flüchtet aber bei der geringsten Gefahr in ihr Urelement zurück. Den Fischern ist sie verhaßt, denn sie soll, was wohl leicht möglich ist, die gefangenen Fische im Netze anfressen. Die frisch gehäuteten werden in Rom als granci teneri gern gegessen. Zwar durch ihre mehr rundliche Gestalt abweichend, aber in einigen wesentlichen Einrichtungen der Mundwerkzeuge und Kiemen⸗ 5 Reiterkrabbe (Ocypoda). Natürliche Größe. höhle mit den übrigen Viereckkrabben übereinstimmend sind die Muschelwächter (Pinnotheres), zwischen den Schalen verschiedener Seemuscheln lebend. Ihre Hautbedeckung bleibt ziemlich weich und gewährt ihnen nicht hinreichenden Schutz, den sie im Schoße ihrer Freundinnen finden. So nämlich, als ein Freundschaftsbündnis, faßten die Alten das Verhältnis von Krebs und Muschel auf. Die Muschel sollte dem weichhäutigen Krebse Schutz gewähren, wogegen der mit guten Augen begabte Krebs sie rechtzeitig auf nahende Gefahren aufmerksam machte.

Die Art, welche zur Sage Veranlassung gab, ist die sowohl in der Nordsee als im Mittelmeer lebende Pinnotheres veterum, die sich vorzugsweise in der großen Steckmuschel aufhält. Eine andere, Pinnotheres pisum, liebt die Miesmuschel, schlägt jedoch gelegentlich ihre Wohnung auch in der Herzmuschel auf. Offenbar wechseln sie ihr Quartier, gleich den Einsiedlerkrebsen, wenn der Raum ihnen zu enge wird; doch fand der bekannte englische Naturforscher Hyndeman einmal in einer noch nicht drei Linien langen Herz muschel einen solchen Gast, der mit ausgestreckten Beinen drei Linien maß. Eine verwandte Form (Fabia chilensis) wohnt an der peruanischen Küste im Endabschnitte des Darmes von einem Seeigel (Eury&chinus imbecillis) und soll eine lokale Anschwellung der Schale verursachen.

In die Familie der Bogenkrabben zählt man die Gattungen mit breitem, vorn abgerundetem Kopfbruststück. Die meisten find gute Schwimmer, und als ein Beispiel dieses Typus haben wir eine Art von Thalamita abgebildet. Wir sehen die Vorderfüße, nämlich die Scheren, sehr verlängert; ihr Armglied, dasjenige, welches die Schere oder Hand trägt, ist weit über die Seitenwand des Kopfbruststückes hinaus verlängert und am Vorderrande mit scharfen Stacheln besetzt. Auch das auf dem vorhergehenden sitzende Handglied ist ziemlich lang und nach außen mit Stacheln bewehrt. Die folgenden Fußpaare sind bedeutend kürzer, und das letzte Glied am zweiten, dritten und vierten Paare stielförmig und spitz. Beim letzten Fußpaar ist dagegen das letzte Glied in eine breite, ovale Platte umgewandelt.

Ganz ähnliche Schwimmfüße besitzt Portunus, von welchem das Mittelmeer neun, die Nordsee sechs Arten birgt. Eine derselben, Portunus marmoreus, findet sich in Venedig z. B. häufig auf den großen Lidodämmen, den Murazzi, wo er auf die Mauer heraussteigt, auch am Fuße der Gebäude von Venedig und im Hafen von Triest. „Er ist“, sagt von Martens (der ältere, in seiner ‚Reise nach Venedig), „außerordentlich flüchtig und stürzt sich, wenn man sich ihm nähert, gleich ins Meer, so daß ich ganze Stunden zubrachte, ohne von hundert einen fangen zu können. Schnitt ich ihm den Weg zum Meere ab, so verkroch er sich in den Fugen der Quadersteine, wozu ihn sein ganz flacher Körper vorzüglich geschickt macht; ? dann drohte er mit feiner

Bogenkrabbe (Thalamita natator). Natürliche Größe. scharfen Schere und ließ sich lieber solche abreißen, als sich aus seinem Schlupfwinkel herausziehen.“ Auch die übrigen Arten dieser Sippe sind sehr lebendige, pfiffige und, wenn es sein muß, tapfere Tiere.

Auch bei Carcınus, dessen dreilappige, über die Augenhöhle vorspringende Stirn mit den dünnen, fünfzähnigen vorderen Seitenrändern eine Bogenlinie bildet, ist am letzten Fußpaar das letzte Glied stark zusammengedrückt, aber schmal. Eine Art, Careinus maenas, dürfte die allergemeinste Krabbe der europäischen Meere sein. Nach älteren Angaben wurden von dieser Krabbe vom Venetianischen aus jährlich allein nach Istrien, wo sie als Köder für die Sardellen benutzt wird, jährlich 139,000 Fäßchen, jedes zu 80 Pfund, ausgeführt; 38,000 Fäßchen Weibchen mit Eiern, jedes zu 70 Pfund, und 86,000 Pfund weichschalige (die in Ol gebackenen Molecche sind ein Lieblingsgericht der Venetianer, und wird die masanetta, das Weibchen, höher geschätzt als der granzo, das Männchen) wurden jährlich in Venedig und auf dem festen Lande als Nahrungsmittel verkauft, und der Gesamterlös soll sich auf eine halbe Million venetianischer Lire belaufen haben. Es liegen mir keine neueren Ausweise vor. Der oben angeführte Schriftsteller sagt: „Vom Anfang des Frühlings bis spät in den Herbst werden alle Valle und Lagunen, selbst die Kanäle der Stadt von vielen Millionen dieser possierlichen Krabben belebt. Nähert man sich ihm, so läuft er mit großer Behendigkeit seitwärts über den nächsten Schlamm weg

Bogenkrabbe (Thalamita natator). Natürliche Größe.

und vergräbt sich plötzlich in denselben. Wird ihm die Flucht unmöglich gemacht, so richtet er sich aufrecht in die Höhe, öffnet die Schere und schlägt solche mit Geräusch zusammen, bereit, sein Leben so teuer als möglich zu verkaufen. So gesellig er im freien Zustande ist, so kneipen sich doch die Gefangenen in kurzer Zeit fast alle Füße ab. In einem kühlen Zimmer habe ich ihn oft mehrere Tage als Stubentier herumlaufen lassen, der Sonne ausgesetzt, stirbt er aber schnell, so daß dieses das beste Mittel ist, ein Individuum für Sammlungen ohne Verletzung zu töten.“

Das Vorkommen und die Lebensweise der gemeinen Krabbe an der englischen Küste wird von Bell in folgender Weise geschildert: „Sie ist unzweifelhaft die gemeinste Krabbe unserer Küsten. Man findet sie überall zahlreich. Auf den sandigen Küsten bleibt sie regelmäßig bei der Ebbe zurück, indem sie sich unter Steinen verbirgt und, wenn sie gestört wird, entweder ihr natürliches Schutzdach in der zurückweichenden See eiligst zu gewinnen sucht oder sich hastig in den nassen Sand vergräbt. Sie ist jedoch keineswegs auf die sandigen Gestade beschränkt; oft fängt man sie im Schleppnetz auf ziemlich tiefem Grunde, doch zieht sie jene anderen Lokalitäten vor. Solche Lebensweise verlangt das Vermögen, längere Zeit außer Wasser zu bleiben; und wirklich ist das bei un: serer Art der Fall, wenn sie auch nicht gleich den Landkrabben in großer Entfernung von der Küste leben kann. „Sie wird von den niedrigen Volksklassen der Küste viel gegessen und wegen ihres feinen und angenehmen Geschmackes auch großen Mengen auf den Londoner

Großer Taschenkrebs (Cancer pagurus). Junges Exemplar. Markt gebracht. Sie nährt sich vorzugsweise vom Rogen der Fische, von Garneelen und anderen Krebsen, geht jedoch auch an tote Fische und überhaupt an tierische Substanz. In der That pflegen die Fischerkinder sie zu fangen, indem sie ein Stück von den Eingeweiden eines Vogels oder Fisches als Köder an einer Leine auswerfen. Die Krabben gehen daran und werden in beträchtlicher Menge herausgezogen.“ Über die Art und Weise, wie unsere Krabbe ihre kleine Beute berückt, werden wir weiter unten nähere Angaben machen.

Aus den Gattungen, bei denen das letzte Fußpaar wie die vorhergehenden gebildet ist, nämlich mit einem dünnen spitzen Klauengliede, heben wir den großen Taschenkrebs (Cancer pagurus) hervor, welcher, weniger häufig im Adriatischen und Mittelmeer, ein desto bekannterer Bewohner der Nordseeküsten ist. Die wenig über die Augen hervorragende Stirn trägt drei gleich große stumpfe Zähne, worauf jederseits neun breite stumpfe Lappen des Seitenrandes folgen. Die Körperfarbe ist oben 5 unten lichter. Die Scherenfinger sind schwarz.

Der große, über 30 cm breit werdende Taschenkrebs ist eine der gemeinsten und wegen Größe und Wohlgeschmack gesuchtesten Krabben der Nordsee und der englischen Küsten. Er zieht felsigen Grund dem sandigen Strande vor. Sein Fang wird namentlich in England sehr stark betrieben. Man bedient sich dazu eigentümlicher, aus Weiden geflochtener Körbe mit oberer Eingangsöffnung, auf deren Boden die Lockspeise, wertlose

Großer Taſchenkrebs (Cancer pagurus). Junges Exemplar.

Fische und dergleichen, befestigt werden. Die Männchen, unter denen Exemplare von 14 Pfund vorkommen, werden ihres Geschmackes wegen der schöneren Hälfte vorgezogen.

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