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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Die Krabben, deren Körperform ungefähr dreieckig ist, mit vortretendem, spitzem Stirnteil, nennt man Dreieckkrabben. Sie schwimmen nicht, sondern kriechen, und haben durch ihre oft verlängerten Beine ein spinnenartiges, bisweilen sehr wunderliches Aussehen. So namentlich die Arten von Stenorhynchus und Inachus. Da sie träge, sich langsam bewegende Tiere sind, so pflegen sich auf ihnen allerhand Tange, Algen und Schwämme anzusetzen, die oft so üppig gedeihen, daß sie ihren Träger vollständig verhüllen. Es mag ihnen das mancherlei Unbequemlichkeit bringen, ja Carrington und Lovett vermuten, daß sie in der That bisweilen daran zu Grunde gehen; auf der anderen Seite dient ihnen der unfreiwillige Überwurf sicher auch als Schutz, indem er sie den Augen ihrer zahlreichen Feinde entzieht. Vielerlei Fische stellen ihnen nach, unter anderen namentlich der Stachelroche.

Am reinlichsten find die Arten von Stenorhynchus, der Gattung mit den stark ver: längerten Stirnstacheln. Sie pflegen auch in der Ruhe mit dem Körper nicht den Boden zu berühren, sondern ihn auf den langen Beinen in der Schwebe zu halten. Dabei lassen sie die Scheren vom Handgelenk an senkrecht hängen (Bild S. 34). Dagegen sind die durch kürzere Stirn und stärkeres zweites Beinpaar charakterisierten Inachus-Arten immer mit allerlei Algen und Tieren bewachsen. Gestielte Diatomeen, Hydroidpolypen, Infusorien, zusammengesetzte Ascidien und andere bedecken Körper und Gliedmaßen wie ein feiner Flaum oder Rasen und zwar zum besonderen Vorteil und Vergnügen des Krebses. Er trägt die Ansiedelung als einen ihn versorgenden Gemüsegarten, aus dem er mit der Schere zu seines Leibes Nahrung und Notdurft pflückt.

In einem sehr interessanten Aufsatz im „Ausland“ berichtet Dr. Eisig über seine Beobachtungen, welche er an einem verwandten Krebse im Seeaquarium der Neapolitaner zoologischen Station machte. „In einem Bassin“, erzählt unser Gewährsmann, „in welchem sich zahlreiche Tubularienstöcke und ein Exemplar von Latreillia elegans (eben jene Krabbe) befanden, traf ich eines Morgens die meisten der Hydroidstöckchen ihrer Polypen beraubt und den Krebs über und über mit solchen bedeckt. Ich konnte noch beobachten, wie das Tier Polypen abriß und dieselben bald auf die Stacheln seines Rückens, bald auf diejenigen seiner Beine aufipießte..... Ich sah den Krebs, bald nachdem er das Geschäft des Aufspießens beendigt hatte, die Polypenköpfe mit Hilfe seiner Scheren zum Teil wieder abreißen und zum Behufe des Fressens an seinen Mund führen. In diesem Falle hatte also das Tier in der Bedeckung seines Leibes eine Vorratskammer geschaffen, welche ihm für den Fall, daß er seine Beute zu verlassen gezwungen werden sollte, für einige Zeit die Sorge um Nahrung erspart hatte.“ Bei der außerordentlichen Pfiffigkeit der Krabben, verbunden mit dem aus Anpassung und Vererbung erklärbaren Bedürfnis vieler nach Bedeckungen, darf an der Richtigkeit dieser gewiß interessanten Beobachtung nicht gezweifelt werden.

Zwei andere, durch kürzere Beine und höckerigen, gleichsam verkrüppelten Körper ausgezeichnete Gattungen der Dreieckkrabben, Pisa und Lissa, auch im Mittelmeer, gleich den vorigen, durch einige Arten repräsentiert, find oft jo mit Schwämmen (Esperia und anderen), Quallenpolypen und Moostierchen bewachsen, daß das Tier unter den Parasiten kaum sichtbar ist. Carrington fand das etwa 2 Zoll lange Kopfbrustschild einer Pisa Gibbsii zunächst von einer dichten, % Zoll hohen Schlammmasse überzogen, welche nach vorn hinaus über die Stirn noch etwa 1 Zoll weit ragte. Mehr als zwei Drittel dieses Schwammes waren wieder überwuchert von einer zweiten Art, auf dieser stand ein Büschel

von einem Buschpolypen (Sertularia argentea) und rechts neben dem zweiten Schwamme noch ein ¼ Zoll langer und / Zoll breiter Stock eines Korkpolypen (Alcyonium digitatum) nebst der Röhre eines Ringelwurmes. Hier ist es die außerordentliche Trägheit der Wirte, welche den zufällig sich ansiedelnden Schwammlarven gestattet, in ihrem Wachstum die lebendige Unterlage so zu überwuchern. Es ergeben sich daraus die abenteuerlichsten Verbindungen. Infolge des fleißigen Gebrauches bleiben jedoch, mögen diese Krabben noch so schmutzig aussehen, die Mundwerkzeuge und Scheren sehr rein. Ich beobachtete eine Pisa auf einem Polypenstocke (Astroides calycularis). Sie suchte sorgfältig, die Scheren in alle Vertiefungen soweit wie möglich einführend, nach Nahrung, die sie zierlich und geschickt zum Munde führte. Auch rupfte sie sich gelegentlich einen Bissen von der Furage ab, welche auf ihr selbst wucherte.

Übrigens sind weibliche Individuen von Pisa viel öfter bewachsen als männliche, und Carrington führt das darauf zurück, daß die ersteren viel langsamer in ihren Bewegungen seien als diese und oft tagelang an einer Stelle sitzen blieben. Ahnlich findet sich auch beim Weibchen von Stenorhynchus rostratrus weit häufiger eine Tangbedeckung als beim Männchen. Am wichtigsten ist die vorzugsweise im Mittelmeer und bis Triest hinauf lebende Große

Meerspinne (Maja squinado). Sie wird jährlich zu vielen Tausenden auf die Fischmärkte der Küstenstädte am Mittelmeer zum Verkauf gebracht, meist in großen, locker geflochtenen Körben, in welchen

die rötlichen, etwa 11 em langen Große Meerspinne (Maja squinado). 7 natürlicher Größe.

Tiere einen scheinbar unentwirrbaren Knäuel der zottig behaarten Körper und Beine bilden. Sie sind besonders in den Garküchen für das niedere Volk geschätzt und bilden, in ihrer eignen Schale geröstet und aufgetischt, eine schmackhafte Kost zum schwarzen Weine. Auch von dieser Krabbe wußte das Altertum allerlei wunderbare Dinge zu erzählen. Sie sollte außerordentlich klug, eine Musikliebhaberin sein; auch ist sie auf zahlreichen Münzen verewigt und prangte am Halsschmuck der Diana von Ephesus.

Wir kommen zu den Rundkrabben, kenntlich an dem rundlichen Kopfbruststück ohne vorspringende Stirn und an der dreieckigen Mundöffnung. Ein sehr eigentümliches Aussehen hat die Schamkrabbe, so genannt, weil sie mit ihren großen, kammartig erhabenen, zusammengedrückten Scherenfüßen sich gleichsam das Gesicht verhüllt. Ihre Arten gehören den wärmeren Meeren an, und der nördlichste Vorposten ist die im Mittelmeer nicht gar häufig vorkommende Calappa granulata. Sie ist ein sehr träges Tier. Tagelang sitzt sie auf einem Flecke, so tief in den Boden eingegraben, daß nur der obere Teil des Rückenschildes, die

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 8

Große Meerſpinne (Maja squinado). 7 natürlicher Größe.

Stirnwand mit den kurzen Fühlern und die Augen und der obere Rand der Schere hervorragen. Man sieht jetzt, welchen Vorteil das Tier von der außerordentlichen Entwickelung der Scheren und deren gewöhnlicher Haltung hat: sie schließen vor den Mundwerkzeugen und den Eingängen zu den Kiemen eine Höhlung ab, von wo aus die Versorgung der Kiemen mit Wasser ohne Beimischung von Verunreinigungen vor sich geht. Zugleich bildet

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Langstirnige Spinnenkrabbe (Stenorhynchus longirostris). Natürliche Größe.

die Färbung, ein gelblicher oder rötlicher Grund mit dunkleren Flecken, eine Maskierung, einen Schutz für die Krabbe, indem sie auf Sand- und Kiesgrund oft schwer zu entdecken ist.

Wir sind mit dieser Gruppe bei den Rückenfüßern angelangt, welche durch die höhere Einlenkung des fünften oder des vierten und fünften Fußpaares nach dem Rücken zu den Übergang zur nächsten größeren Unterabteilung der Zehnfüßer vermitteln. Unsere

Abbildung (S. 35) zeigt die im Mittelmeer verbreitete Wollkrabbe (Dromia vulgaris), deren Körper, mit Ausnahme der rötlichen Scherenspitzen, dicht behaart und deshalb gewöhnlich jo mit Schmutz, allerlei Pflanzen und Tieren überzogen ist, daß man fie vor der Ein-stellung in die Sammlung in der Regel erst einer sehr gründlichen Wäsche unterwerfen muß. Das eigentümlichste ist aber die Gewohnheit der Wollkrabbe, ein Schutzdach mit sich herumzutragen, woraus erst der Nutzen und die Verwendung der Rückenfüße ersichtlich wird. Dazu sind fast ausschließlich Schwämme verwendet, am häufigsten Sarcotragus spinosulus oder eine Varietät von Suberites domuncula, der Korkschwamm. Mit dem letzten haben

Langſtirnige Spinnenkrabbe (Stenorhynchus longirostris). Natürliche Größe.

wir sie S. 36 abgebildet, wie sie, auf einem anderen Schwamme, einem großen Exemplar von Spongelia pallescens, sitzend, einen Fischkopf mit der Schere bearbeitet. Der Schwamm schmiegt sich mit seiner Unterfläche eng an das Rückenschild an und erreicht oft eine solche Größe, daß er den Krebs vollständig bedeckt, ohne daß derselbe in seinen nicht lebhaften Bewegungen gehindert wird. Es ist mir noch unklar, ob der Schwamm sich zufällig auf dem Rücken unseres Tieres ansiedelt, wie das bei Suberites domuncula auf den von Pagurus bewohnten Schneckenhäusern der Fall ist, oder ob der Krebs sich ein schon größeres Schwammstück zurecht macht und auf den Rücken legt. Der zweite Fall ist nicht so unwahrscheinlich und ungereimt, als er aussehen möchte, indem der Schwamm nur von den Klauen der Rückenfüße gehalten wird, und die Krabbe ihn, wie ich oft gesehen, bei der Flucht oder unsanft gestört, fallen lassen kann. Wie stark aber das Bedürfnis nach einer solchen Decke oder Mantel ist, geht daraus hervor, daß die im Aquarium gehaltenen Wollkrabben, wenn sie ihres Schwammes beraubt sind, sich ein Stück Tang über den Rücken hängen. Ein sehr komischer Anblick!

Eine sehr anziehende Schilderung von dem Gebaren einer anderen Krabbenart (Dorippe lanata) entwirft Schmidtlein: „Phallusien und Holothurien, Fischköpfe, tote Genossen und lebende Dromien, ja sogar Stücke Fensterglas praktiziert sie ohne viel Bedenken auf ihren Rücken, hält sie mit den Rückenbeinen frei schwebend empor und

stelzt dann mit ihren langen Beinen spinnenhaft Wollkrabbe (Dromia vulgaris). Natürliche Größe. umher. Sie bedient sich dieser Dinge dabei weniger als Decke denn als Schild, den sie ihren Angreifern entgegenhält. Sie führt damit, ohne den Körper zu drehen, alle möglichen Manöver aus; mehrfach sah ich sie ihre Waffen in den Klauen des Angreifers lassen und geschickt die Flucht ergreifen, während jener sich noch damit zu schaffen machte.“ Eine mit der Wollkrabbe verwandte Art (Hypoconcha sabulosa) lebt auf den Antillen und trägt immer eine Muschelschale über sich. Sie hat sich so sehr an diesen Schutz angepaßt, daß ihr Rückenschild seine ursprüngliche Härte eingebüßt hat und weichhäutig geworden ist.

Die Dorippiden sind es übrigens auch, welche von allen Krabben in die größten Meerestiefen gehen und dabei merkwürdige Umbildungen ihrer Augen erleiden. Eine, die gekörnelte Ethuse (Ethusa granulata), hat im flachen Wasser sehr gut entwickelte Augen, Exemplare indessen aus Tiefen von 180— 680 m haben zwar noch bewegliche Augenstiele, doch sind sie offenbar des Sehvermögens verlustig geworden, indem am Ende des Stieles keine Facetten mehr vorhanden sind, sondern statt deren krallige Anschwellungen. Bei Individuen aus 920— 1300 m Tiefe haben die Augenstiele ihre Beweglichkeit eingebüßt und sind in der Mitte vor der Stirn zu einem Stachel zusammengewachsen.

Zur Ergänzung des bisher über die Krabben Gesagten lassen wir eine in der bekannten englischen Zeitschrift „Chambers Journal“ enthaltene und im „Ausland“ mit: geteilte Sittenschilderung folgen. Die Naturfreunde haben an einer Stelle der englischen Küste dem Treiben der ebenfalls der Klasse der Krebse angehörigen Sandhüpfer zugesehen: „Fast ganz mit Beobachtungen über diese merkwürdigen kleinen Geschöpfe beschäftigt, hatten wir verschiedene schattenhafte Formen nicht bemerkt, welche gerade unterhalb der hereinbrechenden winzigen Wellen sichtbar waren; unser Freund lenkte jedoch durch einige Bemerkungen unsere Aufmerksamkeit auf dieselben. ‚Jetzt können Sie‘, sagte er, ‚schwatzen jo viel Sie wollen, aber rühren Sie sich nicht von der Stelle; die Bewegung eines Armes oder

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Wollkrabbe (Dromia vulgaris). Natürliche Größe.

Beines oder selbst das Drehen des Kopfes brächte uns um ein interessantes Schauspiel.“ Während er dies sprach, sahen wir eine grüne Krabbe, eins jener wenig beachteten Meeresküstentiere, die wir wohl 20mal gesehen, aber nicht näher ins Auge gefaßt hatten. Die Krabbe war wenig über 3 em breit und in der That ein sehr unbedeutendes, in seinem Außeren alles Anziehenden ermangelndes Geschöpf. Sie kam langsam auf dem Sande heran, der nur stellenweise von den Wellen bespült wurde, und schien sorgfältig sich umzuschauen. Ein großes Weichtier ward ab und zu gespült, und auf dieses stürzte die Krabbe los. Ihre Klauen, die sie beim Gehen nur als Krücken zu gebrauchen schien, dienten nun

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Wollkrabbe (Dromia vulgaris), mit einem Korkschwamme bedeckt. Natürliche Größe.

zu einem anderen Zwecke: Stückchen um Stückchen wurde mit denselben aus dem Weichtier:. herausgenommen und mit einer höchst handartigen Bewegung zum Maule geführt. Nachdem die Krabbe einige Klauen voll genommen, schien das Weichtier ihr keine hinlänglich solide Nahrung mehr zu sein, und sie bewegte sich langsam dem trockenen Sande zu. Längs den feuchten Stellen hinkriechend, suchte ein schöner Sandhüpfer seinen Weg nach einigen. Büscheln Seegras einzuschlagen; er bewegte sich langsam, nicht wissend, daß ein Feind auf ihn lauere, und fing bald an, auf dem Grase seine Mahlzeit zu halten. Die Bewegungen der Krabbe waren jetzt wundervoll; sie beobachtete den Sandhüpfer und näherte sich ihm langsam; ein Klumpen Seegras lag zwischen ihnen, und von diesem machte die Krabbe mit der Geschicklichkeit eines vollendeten Schützen Gebrauch als Deckung. Ungefähr 8 Zoll Raum trennte sie von ihrer Beute, und die Abkürzung des Zwischenraumes war ihr Zweck. Allein, der Sandhüpfer war auf seiner Hut und schien, früherer Erfahrung zufolge, es für möglich zu halten, daß ein Feind in der Nähe sei. In kurzem verließ die Krabbe ihren Schlupfort, duckte sich und kroch kunstvoll auf die Beute los: als fie etwa 10 em von,

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