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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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behaglich und zeigte durchaus keine Neigung, in sein altes Logis zurückzuziehen. Am 2. Mai fand ich die Adamsie losgelöst und hilflos auf dem Boden des Gefäßes unter dem Krebse liegend, der, wenn man ihn störte, davonlief und seine Gemahlin im Stiche ließ. Ich glaubte nun, es sei aus mit meinem schönen Schützling. Gleichwohl, wie groß war mein Erstaunen, als ich nach wenigen Stunden die Adamsie wieder prächtig auf ihrer alten Stelle sah, breit angeheftet auf dem Gehäuse und von frischerem Aussehen als viele Tage vorher. Aber sonderbar, fie haftete fast in der umgekehrten Lage wie sonst an dem Gehäuse. Hier lag eine Probe irgend welchen Verstandes vor, die zu entdecken ich mir vornahm. „Indem ich das Gehäuse mit der Aquarium-Zange sorgfältig bis zum Wasserspiegel hob, löste ich die Adamsie los und ließ sie auf den Boden fallen. Dann legte ich das Gehäuse mit seinem Insassen nahe zur Anemone. Kaum berührte der Krebs die Adamsie, als er sie mit seinen Scheren anfaßte, erst mit der einen, dann mit beiden, und ich sah augenblicklich, was er beginnen wollte. Höchst geschickt und erfahren machte er sich daran, die Adamsie auf das Gehäuse zu bringen. Er fand sie, wie sie mit der Fußscheibe nach oben lag; sein erstes Geschäft war, sie ganz umzudrehen. Abwechselnd mit den beiden Kneipzangen zugreifend und dabei die Adamsie ziemlich roh ins Fleisch kneipend, wie es schien, hob er sie in die Höhe, daß er ihren Fuß gegen den bestimmten Teil des Gehäuses, die Innenlippe, drücken konnte. Dann hielt er, sie fest andrückend, ungefähr 10 Minuten ganz still. Dann zog er behutsam die eine, dann die andere Schere weg. Indem er sich in Bewegung setzte, hatte ich das Vergnügen, zu sehen, wie die Adamsie viel schöner haftete, und nun am richtigen Platze. Zwei Tage darauf war die Adamsie wieder los. Ich entdeckte sie in einer Spalte und legte sie auf den Boden. Hier fand sie der Krebs wieder, und sogleich nahm er die eben beschriebenen Hantierungen mit ihr vor und heftete sie wieder an. Aber ich sah, daß sie krank war, denn sie konnte sich kaum auf ihrem Platze halten. Doch ist die Außerung der instinktiven Thätigkeiten der beiden Geschöpfe hinreichend klar. Sicher ist der Krebs der aktivere Teil der Genossenschaft; hinreichend deutlich ist es, daß er die Gesellschaft seiner schönen, aber sehr verschieden gearteten Freundin würdigt. Unsere letzten Beobachtungen nötigen zu dem Schlusse, daß immer die Scheren des Krebses angewendet werden, um die Mantel-Aktinie von Gehäuse zu Gehäuse zu versetzen.“

Diese Beobachtungen sind von Eisig in dem mehrfach erwähnten Aufsatz bestätigt und erweitert worden: „Vor allem“, sagt dieser Forscher, „fällt die Leichtigkeit auf, mit welcher der Krebs die Ablösung der mit ihrer Fußscheibe überaus fest an der Schale haftenden Aktinie besorgt. Während ich z. B. selten anders eine Adamsie unverletzt abzulösen vermochte, als indem ich das Schneckengehäuse zertrümmerte, gelingt es dem Eupagurus in den meisten Fällen in ganz kurzer Zeit. Er beginnt zunächst den Rand der Aktinienfußscheibe mit seinen spitzen Beinen abzulösen, und weiterhin scheint die Aktinie sich diesem Trennungsprozesse nicht nur nicht zu widersetzen, sondern umgekehrt zu Hilfe zu kommen. Für ein solches Entgegenkommen spricht auch die auffällige Thatsache, daß, während diese Aktinien jedem anderen Eingriffe gegenüber sofort ihren Tentakelkranz einziehen und die zur Verteidigung bestimmten Nesselfäden ausstoßen, sie bei der eben geschilderten Ablösung und Übertragung häufig ihren Tentakelkranz vollkommen ausgestreckt behalten und keine oder doch nur spärliche Nesselfäden ausstoßen.“

Stuart Wortley wollte seinerzeit beobachtet haben, daß der Krebs seine Gesellschafterin füttere, indem er ihr Stückchen des ihm vorgeworfenen Fleisches mit der Schere zustecke. Er kommt weiter zu der Meinung, daß der Krebs die Wahl des Gehäuses nach dem Wunsche der Aktinie vollziehe, und daß er eine gewählte Wohnung wieder aufgäbe und eine neue suche, wenn die Adamsie sich nicht innerhalb einer gewissen Zeit mit ihrer Fußscheibe festgesetzt habe. Auch Eisig hat bemerkt, daß die Aktinie durchaus keine passive Rolle spielt;

habe man den Krebs aus der Schneckenschale entfernt, dann verlasse sie dieselbe gleichfalls, wahrscheinlich, um mit einem anderen Pagurus-Individuum ein neues Freundschaftsbündnis einzugehen, denn besonders treu ist sie nicht. Hat ein Pagurus bei den zahlreichen Duellen, welche diese Krebse unter sich ausfechten, seinen Rivalen überwunden, so nimmt er ihm seine Adamsie, bringt sie auf sein Gehäuse, und sie folgt dem triumphierend abziehenden Sieger sofort. Auch in der Tiefsee sind die Einsiedlerkrebse keine Seltenheit, einer (Parapagurus abyssorum) geht sogar bis in die ungeheuern Tiefen von 5486 m. Auch sie find immer in einem Schneckenhaus eingemietet und von einer Aktinie vergesellschaftet, aber durch einen merkwürdigen Vorgang löst diese das Haus nach und nach auf, und die lebende Genossin umgibt allein den ganzen Hinterleib des Krebses in Gestalt eines weichen Sackes. Das ist eine große Erleichterung für den Krebs, denn auf dem Boden des Meeres werden, bei dem starken Gehalte des Meerwassers an Kohlensäure in diesen Tiefen, Schneckenschalen von geeigneter Größe viel seltener sein als im untiefen Wasser, und vielleicht ist auch weniger die Aktinie als eben der reiche Kohlensäuregehalt des umgebenden Mediums Ursache der Auflösung des Kalkgehäuses.

Der Nutzen, welchen die Einsiedlerkrebse von den Aktinien haben, liegt auf der Hand. Diese sehr wehrhaften, stark brennenden Tiere halten ihnen die Feinde vom Leibe. Die Adamsien finden aber in Gesellschaft der Paguren reichlichere Nahrung. Sieht man die Krebse auf ihrem natürlichen Boden, nämlich auf feinerem Kies, so wird augenblicklich klar, warum die Aktinie das Schneckenhaus so anfaßt, daß ihr Mund nach unten gekehrt ist. Pagurus Prideauxii wirbelt nämlich mit seinen Hilfskiefern den Sand so auf, daß ein Strom an seiner Mundöffnung vorübergeht, wobei er allerlei Nahrung profitiert. Diese kommt nun auch der Aktinie zu statten, welche durch den vom Krebse verursachten Wirbel förmlich gefüttert wird und ihren Mund um so weiter öffnet und die Tentakeln um so mehr entfaltet, je eifriger der Gastfreund den Sand umrührt. Unsere Paguren unterlassen übrigens das Wirbeln, wenn sie bessere, kompaktere Fleischnahrung, tote Fische und dergleichen, um sich haben. Daß sie davon der Aktinie mitteilten, habe ich nicht gesehen, wohl aber, daß sie untereinander äußerst zänkisch und brotneidisch sind. Sehr oft wird ein kleinerer von einem größeren verfolgt, indem dieser jenem einen Bissen abjagen will. Der Verfolgte wird von der Schere seines Gegners gefaßt, weiß aber gewöhnlich, wenn ihm selbst nur eine Schere frei geblieben, sehr geschickt mit dieser seine Beute so zu halten und von sich zu strecken, daß der Angreifer schließlich unverrichteter Sache abziehen muß.

Die Paguriden sind nun durchaus nicht die einzigen zehnfüßigen Krebse, welche mit Aktinien in Symbiose leben. Dieselbe Erscheinung tritt auch zwischen diesen und Krabben auf. So beobachtete der schon erwähnte Stuart Wortley auf Inseln des Stillen Ozeans eine schöne Krabbe, welche eine große Aktinie mit sich herumschleppte. Sie scharrte sich halb in den Sand ein, ließ aber die Aktinie mit ihren sich lebhaft bewegenden Tentakeln außen und lauerte unter derselben auf kleine Kruster, Ringelwürmer ꝛc., welche, durch das Spiel der Tentakeln angelockt, herbeischwammen. Auf den Seychellen beobachtete Möbius einen Taschenkrebs (Melia tesselata), der in allen Exemplaren, männlichen jo gut wie weiblichen, in jeder Schere eine Actinia prehensa trug. Nahm man ihnen dieselben und zerschnitt sie in Stücke, dann sammelte sie sich dieselben wieder.

Noch zwei Gattungen sind zu erwähnen, welche von den Systematikern bald an die Einsiedlerkrebse, bald an die folgende Abteilung angereiht werden, Porcellana und Galathea. Beide haben große Scherenfüße und das hinterste Fußpaar sehr schwach entwickelt. An die Mittelkrebse und Krabben erinnern sie, indem ihr sonst ganz wohl entwickelter

Nachleib unter das Kopfbruststück geklappt getragen wird. Der Porzellankrebs hat ein kurz ovales, flaches Kopfbruststück, und seine Scheren sind bedeutend länger als der Körper. Gerade an unseren Küsten und besonders im Mittelmeer ist die kleine Porzellane mit breiten

Scheren (Porcellana platycheles) ein unansehnliches, immer mit Schmutz bedecktes Tier. Daran sind die den Körper dicht bedeckenden Haare schuld. Das Kopfbruststück der Galatheen ist länglich, eiförmig und bei den meisten Arten, so bei den gemeineren, Galathea squamifera und G. strigosa, mit Querfurchen versehen.

Die Galatheen gehen im Meere in bedeutende Tiefen. Der „Challenger“ dredschte sie noch bei 4400 m. Bei den abyssischen Formen sind nach den Beobachtungen von J. R. Henderson die Augen fast ohne Ausnahme pigmentlos und offenbar leistungsunfähig, bisweilen hat sich der Augenstiel zu einem Dorn umgeformt, auf dessen freiem Ende noch ein funktionsloser Rest der gewölbten Hornhaut sitzt.

Was die Verwandtschaftsverhältnisse der Paguren angeht, so dürfte es wohl sicher sein, daß sie von symmetrisch gebauten Ahnen mit fester Bedeckung des Hinterleibes abstammen, und unter Umständen können sie wieder in die altertümlichen Verhältnisse zurückschlagen. Solche Umstände können in zwei Fällen auftreten: einmal auf dem Lande, dann wieder in der Tiefsee.

Auf den Inseln Ostindiens lebt ein stattlicher, langschwänziger Landkrebs, der Palmendieb (Birgus latro), nachtsüber in selbstgegrabenen Erdhöhlen, welche er mit dem Baste der Schalen der Kokosnüsse ausfüttert. Am Tage geht er seiner Nahrung nach, welche aus Kokosnüssen besteht, die er Porzellankrebs 6 9 5 sich unter den Bäumen zusammensucht, nach denen er aber tycheles). Natürliche Größe. nicht auf die Palmen klettert. Mit großem Geschick weiß er die Nüsse aufzumachen. Über diesen seltsamen Krebs liegen fast gleichlautende Beobachtungen von Darwin und von Henry O. Forbes vor. Darwin erzählt über den Palmendieb: „Sein vorderes Beinpaar endigt in sehr starken, schweren Scheren, das vierte ist mit schwächeren und viel schmäleren ausgerüstet. Auf den ersten Blick möchte man es nicht für möglich halten, daß eine Krabbe eine starke, mit der äußeren Haut noch bedeckte Kokosnuß öffnen könne; Herr Liesk versichert mir aber, daß er es wiederholt gesehen habe. Der Krebs beginnt damit, die äußere Haut Faser für Faser abzuziehen, wobei er allemal bei dem Ende beginnt, unter welchem sich die drei Keimlöcher befinden; ist dies vollendet, dann fängt die Krabbe an, mit ihren schweren Scheren auf die Decke von einem der Keimlöcher loszuhämmern, bis sie eine Offnung zuwege gebracht hat. Dann dreht sie ihren Körper herum und zieht mit Hilfe ihrer hinteren, schmäleren Scheren die weiße, albuminöse Substanz heraus. Der Birgus ist ein Tagtier in Bezug auf seine Lebensweise, man sagt aber, daß er in jeder Nacht dem Meere einen Besuch mache, ohne Zweifel zum Zwecke, seine Kiemen anzufeuchten; auch die Jungen kriechen (im Meere) an den Küsten aus und leben eine Zeitlang hier.“

Forbes schreibt, was wahrscheinlicher klingt, dem Tiere mehr nächtliche Gewohnheiten zu und sagt, seine Höhlen seien so groß wie die der Kaninchen. Die Palmendiebe wären nur noch auf Santa Cruz Major, wo fie „Tatos“ hießen, häufig, weil hier keine verwilderten oder wilden Schweine vorkämen, welche sie sonst ausgrüben und fräßen. Der Schwanz ist sehr fettreich und liefert von einem großen Exemplar 2 Pinten (1,86 Liter) eines wohlschmeckenden, klaren Oles. Das Tier wird überhaupt gern gegessen und z. B. auf Amboina in Gefangenschaft gehalten und mit Kokosnüssen, von denen es innerhalb dreier Tage zwei vollwachsene bewältigen kann, gemästet. Seine Organisation zeigt eine Reihe

tycheles). Natürliche Größe.

Eigentümlichkeiten, welche teils auf seine Anpassung an das Landleben, teils auf das Aufgeben der Gewohnheit, in Schneckenschalen zu hausen, zurückzuführen sind. Aus dem letzteren Grunde ist sein Hinterleib symmetrisch geworden und hat oben wieder eine harte Schale erhalten. Über den Bau seiner Atmungswerkzeuge führt Semper aus, daß neben Kiemen der obere Teil der Kiemenhöhle zu einer wahren Lunge umgebildet sei, die immer nur Luft enthielte, und die Beschaffenheit der in ihrer Wandung verlaufenden Gefäße beweise, daß nur sauerstoffarmes Blut aus dem Körper einträte, und daß die austretenden Gefäße sauerstoffhaltiges Blut direkt in den Vorhof des Herzens überführten.

Auch in der Tiefsee gibt es Paguriden mit geradem, symmetrisch entwickeltem Hinter: leib, welche in Ermangelung von Schneckengehäusen teilweise frei leben und dann eine harte Bedeckung des Hinterleibes erhalten haben, teils sich in Schlamm und Sand eingraben oder sich Sandröhren verfertigen. Die interessanteste Form ist aber der gestreckte Holzeinsiedler (X ylopagurus rectus), der in Tiefen von 550— 730 m lebt, aber an beiden Enden offene Röhren in Holzstückchen oder hohle Abschnitte von Bambus ac. bewohnt. In diese kriecht er mit dem Kopfe zuerst hinein und schließt deren hinteren Eingang mit einem Apparat von Panzerplatten, welche am Hinterende seines sonst weichhäutigen, symmetrisch geraden Leibes sich befinden und diesen vor etwaigen feindlichen Angriffen von hinten her schützen.

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