Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Mit ihnen sind wir bei der dritten großen Abteilung der Zehnfüßer, den Langschwänzen (Macrura), angelangt, deren Nachleib stark entwickelt, jo lang oder länger als das Kopfbruststück und an allen sieben Ringen mit paarigen Gliedmaßen versehen ist. Die der beiden letzten Segmente bilden mit dem letzten Körpergliede eine lange Schwanzflosse. Im übrigen können wir uns auf die schon oben gegebene ausführliche Beschreibung des Flußkrebses beziehen. Die Familie der Panzerkrebse (Lioricata) zeichnet sich durch sehr harte Körperbedeckungen und sehr großen Nachleib aus. Alle fünf Beinpaare endigen ohne Scheren, nur mit einem klauenförmigen Gliede. Die wichtigste Gattung ist die der Langusten (Palinurus), ausgezeichnet durch die den Körper an Länge übertreffenden äußeren Fühler, mit dicken, stachligen Stielgliedern und langer Geißel. Die gemeine Languste (Palinurus vulgaris) kommt am häufigsten im Mittelmeer vor, jedoch auch an den Westund Südküsten von Irland und England in solchen Mengen, daß sie ein guter Artikel des Londoner Marktes ist. Unser beigegebenes Gruppenbild stellt sie in Gesellschaft des Hummers dar, sie hat den Vorderrand des Kopfbruststückes mit zwei starken Stacheln geziert und ist auf der Oberfläche dieses Körperteiles dicht bestachelt, während der Nachleib glatt ist. Sie wird 40 cm lang und von lebhafter rötlich-violetter Farbe. Dieselbe geht schnell in ein intensives Blau über, wenn man den frischgefangenen Krebs dem direkten Sonnenlicht aussetzt, während, wenn man das Hautjfelett im Schatten trocknen läßt, die natürliche Farbe sich ziemlich hält. Die in einzelnen Riesenexemplaren 6—8 kg schwer werdende Art ist im Mittelmeer viel häufiger als der Hummer und daher für die Tafelfreuden der gewöhnliche Stellvertreter des mehr dem atlantischen und Nordseegebiet angehörigen Hummers. Die Languste liebt felsigen, rauhen, mit Seepflanzen bewachsenen Grund von sehr verschiedener Tiefe. In Dalmatien, wo sie besonders häufig um Lesina und Lissa herum vorkommt, während sie gegen Istrien hinauf mehr und mehr schwindet, habe ich sie selbst inTiefen von 2 bis etwa 20 Faden beobachtet. Man fängt sie auf zweierlei Art; die eine mit dem Netz ist prosaischer. Dasselbe wird in Form einer über 1 m hohen, über 31 m langen Wand auf den Meeresboden versenkt und muß über Nacht stehen bleiben.
HUMMER und LANGUSTE.
Es ist sehr weitmaschig. Die in der Dunkelheit daran stoßenden Fische und großen Krebse suchen sich durch die Maschen zu zwängen, die Langusten versuchen mit ihren ungeschickten Beinen darüber zu steigen und verwickeln sich bei diesem Beginnen. Zeitig am Morgen muß das Netz gehoben werden, indem sonst die Gefangenen von den Raubfischen und Delphinen verspeist werden. Zwar ist das Herausziehen des Netzes, besonders wenn es allerhand gute Beute bringt, auch spannend und interessant, allein ungleich anziehender ist das Fischen und der dabei unterlaufende Fang der Languste bei Feuerschein.
Man findet die Langusten jetzt oft in den größeren Aquarien mit Hummern und Taschenkrebsen. Wie der Kustos des Hamburger Aquariums bemerkte, gaben sie Töne von sich, und zwar geschah dies nur dann, wenn sie mit ihren großen Fühlhörnern starke Bewegungen machten, z. B. wenn sie dieselben gebrauchten, um Angriffe ihrer Kameraden beim Essen abzuweisen. Der Professor Möbius, damals in Hamburg, hörte, von dem Kustos aufmerksam gemacht, diese Töne auch und bezeichnet sie als dem Knarren ähnlich, welches entsteht, wenn man das Oberleder eines Stiefels gegen ein Stuhl- oder Tischbein drückt. Dieses Knarren lassen die Langusten auch hören, wenn man sie aus dem Wasser hebt, es klingt dann noch lauter, als man es aus dem Wasser heraus vernimmt. Es fand sich nun, daß das Instrument, mit welchem die Töne erzeugt werden, eine runde Platte ist, welche an dem untersten der beweglichen Glieder ihrer äußeren Fühler sitzt, und zwar oben an der inneren Seite derselben. Das Knarren entsteht, indem ein behaartes Feld der Platte über die glatte Fläche des festen Ringes gleitet, mit welchem das erste bewegliche Fühlerglied verbunden ist.
Bei den Bestrebungen, allerlei Nahrung liefernde Tiere regelmäßig zu züchten, hat man natürlich auch die Langusten ins Auge gefaßt. Von gelungener, vollständiger Aufzüchtung ist, soviel ich weiß, noch nichts zu berichten. Dagegen wurde man durch Costes Bemühungen auf schon früher gemachte Beobachtungen hingewiesen, daß nämlich die jungen, eben aus den Eiern geschlüpften Langusten eine große Ahnlichkeit mit den als besondere Krebs⸗, f gattung beschriebenen Blatt- 77 f krebsen (Phyllosoma) hätten. Ihr dünner, blattförmiger Kör: per besteht aus zwei Hauptabschnitten. Sie haben lange Augenstiele und lange, dünne Beine bei einer Körperlänge von 1 bis 4 cm. Es ist noch nicht gelungen, die aus den Eiern gezogene Brut Blatttrebs (Phyllosoma). Natürliche Größe. in den völligen Phyllosomen-Zu⸗ i stand überzuführen, obwohl aus der Vergleichung der Phyllosomen sowohl mit den so sehr umgebildeten erwachsenen Panzerkrebsen als mit der jungen Brut es sichergestellt ist, daß die Phyllosomen die Larven jener Krebse sind. Der neueste Bearbeiter dieser Frage, Richter, bemerkt: „Der einzige vollkommen zuverlässige Weg, diese Fragen (sowie die einzelnen Phyllosomen-Formen) in die Gattungen und Arten der Panzerkrebse überzuführen, wäre natürlich der, die Entwickelung der betreffenden Tiere im Aquarium zu beobachten. Derartige
Versuche werden aber gewiß immer fehlschlagen, da wir wohl kaum je im stande sein werden, denselben in allen ihren Stadien die erforderlichen Existenzbedingungen zu bieten. Die erwachsenen Loricaten sind Küstenbewohner, ihre Larven dagegen, die Phyllosomen, bevölkern, besonders des Abends, das hohe Meer, und zwar nicht etwa, wie man wegen ihrer zarten Körperbeschaffenheit vermuten möchte, ruhige Stellen, sondern gerade solche, an denen der Strom am stärksten ist. Die Übergangsformen schließlich halten sich sicherlich am Boden des Meeres, in bedeutenden Tiefen auf, da weder auf der hohen See noch an den Küsten solche gefangen werden.“ Trotzdem, wie schon gesagt, ist die Zugehörigkeit der Blattkrebse zu den Panzerkrebsen bewiesen, und zwar nicht bloß zu Palinurus, sondern auch zu den anderen Gattungen.
Von diesen ist noch eine im Mittelmeer vertreten, der Bärenkrebs (Scyllarus). Es charakterisieren ihn die kurzen, auf dem Rücken entspringenden Augenstiele, die blattartigen, der Geißel entbehrenden äußeren Fühler und das breite, flache, viereckige Kopfbruststück. Der das Mittelmeer bewohnende Scyllarus arctus, ein ziemlich häufiges Tier, wird über 30 em lang.
Die Familie, zu welcher unser Flußkrebs und seine nächsten Verwandten gehören, kann man Krebse im engeren Sinne (Astacidae) nennen. Wir erkennen sie an dem seitlich etwas zusammengedrückten Kopfbruststück, welches, sowie der Nachleib, sich mit einem gewöhnlich recht festen Skelett umgibt. Das erste Fußpaar trägt stets große Scheren; auch das zweite und dritte Fußpaar sind bei einigen Gattungen mit kleinen Scheren versehen.
Der gemeine Flußkrebs (Astacus fluviatilis) erreicht eine Größe von 20, in seltenen Fällen von 25 em. Wenn er das an den Haaren der mütterlichen Schwimmfüße festgeklebte Ei verläßt, ist der Krebs ungefähr 9 mm lang, wächst aber rasch, so daß er am Ende des ersten Jahres fait schon 4,5 em lang ist. Die Eiablage erfolgt im Herbst, die Entwickelung ist aber, vielleicht wegen der einfallenden ungünstigen Jahreszeit, eine sehr langsame, denn erst im nächsten Frühjahr oder Anfang Sommer erscheinen die Jungen, die sich mit ihren Scheren an den Stielen, durch welche die Eischalen mit den mütterlichen Schwimmfüßen verbunden find, festhalten und bis zur ersten Häutung, also 10 Tage, verbleiben. Sie klammern sich ungemein fest an, so daß sie durch Schütteln nicht abzulösen sind, ja selbst noch in Alkohol mit der Alten gesetzt, diese nicht immer verlassen, wie sie denn auch zu Grunde gehen müssen, wenn sie gewaltsam abgelöst werden. Nach der ersten Häutung beginnen sie zwar ein selbständiges Leben, kehren aber doch gelegentlich und gewissermaßen unter dem Schwanze der Mutter Schutz suchend zu dieser zurück, bis sie nach der zweiten Häutung (etwa am 28. Tage nach dem Ausschlüpfen) sich nach und nach zerstreuen und völlig selbständig machen.
Die Flußkrebse sind Allesfresser und nebenher Vielfresser, d. h. sie verschmähen nichts, was genießbar ist und was sie bewältigen können: Aas, kleinere Frösche, Kaulquappen, Wasserschnecken, Insekten und deren Larven, ihresgleichen, wenn sie schwächer sind, ja, manchmal sollen sie, in ihrem Loche auf der Lauer liegend, eine Wasserratte zu packen kriegen, sie so lange unter Wasser festhalten, bis sie ertrunken ist, und sie dann mit vielem Behagen verspeisen. Gelegentliche Pflanzenkost scheint ein Bedürfnis zu sein: der sogenannte Armleuchter (Chara) wird wohl seines Kalkgehaltes halber gern gefressen, allerlei Wurzelwerk von Wasserpflanzen muß herhalten, und mit Mohrrüben, Kürbisstücken ꝛc. lassen sie sich gern füttern.
Am wohlsten fühlt sich der Flußkrebs in ruhig fließendem, nicht zu tiefem Wasser mit schattigen Ufern, in deren lehmigen und kalkigen Wandungen der Fluß oder Bach zwischen dem Wurzelwerk der Bäume Löcher und allerlei Schlupfwinkel ausgespült und ausgewaschen hat, oder wo er sie sich selbst leicht graben kann. Da sitzt er vor der Thür seiner Wohnung und lauert hungrig, wie er immer ist, auf Beute. Droht eine Gefahr, ein paar Schläge mit dem Schwimmschwanz, und rasch wie ein Pfeil verschwindet er rückwärts in seine Höhle, in der er sich mit seinen kräftigen Scheren trefflich zu verteidigen und zu behaupten weiß. Nachts, oder wenn ein Gewitter am Himmel steht, macht er weitere Exkursionen, teilweise, wie man sagt, sogar auf kurze Strecken auf das Land. Übrigens wirken
Gemeiner Flußkrebs (Astacus fluviatilis). ½ natürlicher Größe.
Gewitter oft sehr heftig auf ihn, wie er überhaupt sozusagen ein nervöses Tier ist und sich zu hypnotischen Versuchen besonders gut eignet. Die geographische Verbreitung der Süßwasserkrebse ist merkwürdig und in hervorragender Weise von Huxley untersucht worden. Die Gattung Astacus ist altweltlich nördlich und kalifornisch.
In Deutschland gibt es zwei Rassen, Formen oder, wenn man will, Arten, den Edelkrebs (Astacus fluviatilis nobilis und den Steinkrebs (Astacus fluviatilis torrentium), welche sich nicht geschlechtlich miteinander vermischen und daher keine Zwischenformen bilden sollen. Der Edelkrebs findet sich in Deutschland, Dänemark, Südschweden, Frankreich, Italien und in den Stromgebieten des Finnischen und Weißen Meeres, er zieht ruhiges Wasser vor. Der Steinkrebs ist mehr eine Gebirgsform, findet sich vielfach an
geeigneten Orten neben dem Edelkrebs, ist aber die einzige Art für England, die Iberische Halbinsel, das Hochgebirgsland Deutschlands und Ssterreich-Ungarns. Eine dritte Form (Astacus leptodactylus) bewohnt alle Flüsse nebst deren Gebieten, welche in das Schwarze, Asowsche Meer und in den Kaspisee münden. Neuerdings ist sie auch in den Stromgebieten des Finnischen und Weißen Meeres infolge von Kanalverbindungen derselben mit der Wolga ꝛc. erschienen und fängt an, den Edelkrebs zu verdrängen.
Im Kaspischen Meere lebt eine weitere Rasse (A. pachypus), ebenso (A. angulosus) in den Gebirgsbächen der Krim und des nördlichen Abhanges des Kaukasus und in dem unteren Teile des südlich vom Kaukasus verlaufenden und sich bei der kleinen Festung Poti in das Schwarze Meer ergießenden Rion. In Sibirien kennt man Flußkrebse aus dem Amur, dann findet man sie in Japan, aber sie fehlen, abgesehen vom Flusse Rion, dem ganzen übrigen Asien und in ganz Afrika.
In Nordamerika findet sich östlich vom Felsengebirge, von Kanada bis Florida und Mexiko (ob auch in Cuba, ist noch zweifelhaft) eine andere, Astacus nahe verwandte Gattung, Cambarus, von welcher höchst merkwürdigerweise eine versprengte Art in den Höhlen: systemen Krains und des Karstes auftritt. Das ist um so merkwürdiger, da auch in der großen Mammuthöhle in Kentucky ein Cambarus lebt, blind wie jener und ihm überhaupt sehr ähnlich.
Die Lebensweise scheint bei Cambarus, bei manchen Arten wenigstens, von der des Geschlechtes Astacus abzuweichen. Tarr beobachtete, daß sich C. Diogenes (wohl identisch mit C. Bartonii) in der Erde zeitweilig überschwemmter Wiesen einen senkrechten Gang anlegt, der noch einen oder mehrere schräge Seitengänge hat. Die äußere Offnung des Ganges liegt nicht zu ebener Erde, sondern auf einem Kegel, der um so höher ist, je weiter sich die ganze Anlage vom Flusse befindet. Natürlich, denn um so tiefer muß der Krebs graben, bevor er auf genügend feuchten Untergrund stößt, und desto mehr Erde muß er herausschaffen, folglich wird der Mündungskegel um so größer. Der Bau wird von einem Pärchen nach Ablauf des Wassers und erfolgter Begattung angelegt, und in ihm durchlaufen die Jungen ihre Entwickelung. Übrigens treten die Männchen dieser Gattung in zwei Formen auf (Hagen). a