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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Huxley faßt die Flußkrebse der nördlichen Erdhälfte als eine besondere Gruppe (Potamobiidae) auf, denen er die Parastacidae der südlichen gegenüberstellt. Diese haben im mittleren Südamerika auf beiden Küsten, auf Neuseeland, den Fidschi-Inseln, in Tasmanien, Australien und endlich auf Madagaskar Vertreter. Huxley neigt zu der Ansicht, daß sich die Potamobiidae und Parastieidae unabhängig aus zwar nahe verwandten, aber doch verschiedenen Meeres formen entwickelt hätten, welche auf der nördlichen und südlichen Erdhälfte selbständig das süße Wasser aufgesucht hätten.

Bis vor kurzer Zeit war der Hummer diejenige maritime Krustaceenform, welche man als nächste verwandte des Flußkrebses kannte. Die modernen Tiefseeforschungen haben aber unsere Kenntnis auch in dieser Hinsicht erweitert. Eine durch sie bekannt gewordene Form ist die wundervolle Thaumatocheles Zaleuca, welche ihr erster Beschreiber, von Willemoes-Suhm, geradezu der Gattung Astacus beirechnet. „Sie hat ein abgeflachtes, nach hinten sich verbreiterndes Abdomen, dessen letztes Segment breiter als das seitlich zusammengedrückte Bruststück ist. Die Scheren sind sehr lang und zart, innen mit zahlreichen spitzen Zähnen besetzt und erinnern lebhaft an die Mandibeln eines chilenischen Hirschkäfers (Chiasognathus Grantii). Auch dieses aus den westindischen Gewässern (Tiefe 822 m) kommende Tier ist vollkommen blind, und Wyville-Thomson bemerkt, daß sich am Vorderrande des Kopfschildes, an der Stelle, wo sonst bei der Astaciden die Augen zu sitzen pflegen, zwei leere Räume finden, die aussehen, als ob ein Operateur die Augenstiele mit

waren, mit einer chitinösen Haut überspannt hätte.“ (Marshall.)

Doch auch der Hummer (Homarus vulgaris, Astacus marinus) unterscheidet sich vom Flußkrebs durch so geringfügige Merkmale, daß man, systematisierend, eigentlich kaum nötig hat, ihn in eine andere Gattung zu versetzen. So hat er einen schmaleren Stirnfortsatz, und die am Grunde der äußeren Fühler stehende Schuppe, welche blattförmig it bei den _ Flußkrebsen, ist bei den Hummern schmal und zahnartig. Der gemeine Hummer der europäischen Meere findet sich von der norwegischen Küste an bis in das = Mittelmeer, ist jedoch hier nicht besonders häufig, während seine eigentliche Heimat die britannischen, vor allen aber die norwegischen Gestade sind. Dort findet er sich mit vielen anderen See— | tieren vorzugsweise auf der ungeheuern || \ Terrasse oder Bank, die sich neben dem Festlande hinzieht, und von welcher aus ein jäher Absturz in den Ozean erfolgt.

Auch um England herum sind felsige Küsten die Fangplätze, und zwar be— "|1Aua dient man sich meist ähnlicher Körbe, wie für den Fang der Krabben, oder auch länglicher Netze mit trichterförmigem Eingang. In diese Fallen kriechen sie bei nächtlicher Weile. In keinem Lande Europas ist der Verbrauch von Hummern so groß wie in England. Schon vor 20 Jahren kamen von Schottland und den britannischen Inseln etwa 150,000 Stück jährlich nach London. Die bei weitem größte Zufuhr war und ist noch von Norwegen, von wo wenigstens 600,000 vermittelst kleiner, schnell segelnder Schiffe mit doppeltem, als Hummerbehälter dienendem Boden nach London geliefert werden. Der Hauptkonsum fällt vom März bis August. en

Nach den Beobachtungen des Fisch— Thaumatocheles Zaleuca. Natürliche Größe. händlers Saunder, welche Bell mitteilt, dürfte der Hummer sich nicht weit von seinem Geburtsort entfernen, und der praktische Mann versicherte, er könne aus der Farbe und dem Aussehen des Hummers bestimmen, von wo er stamme. Die Fortpflanzung des europäischen Hummers stimmt mit derjenigen des amerikanischen, wovon näheres unten, überein. Merkwürdigerweise unterscheiden sich die Larven beider Arten schärfer voneinander als die erwachsenen Tiere.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 4

Thaumatocheles Zaleuca. Natürliche Größe.

Wenn man den Verbrauch von Hummern für Nordeuropa auf 5—6 Millionen jährlich veranschlagt, so steht damit die außerordentliche Fruchtbarkeit dieses Tieres im Einklange. Das Weibchen legt über 12,000 Eier und trägt dieselben, an dem Hinterleibe und seinen Anhängen angeheftet, bis unmittelbar vor dem Auskriechen der Jungen mit sich umher. Es ist klar, daß nur ein kleiner Bruchteil der Gefahr, von den zahlreichen, ihnen auflauernden Feinden, vor allen den Raubfischen, gefressen zu werden, entgeht, trotzdem sie von der Mutter beschützt werden. Sie flüchten nämlich unter ihren Leib, und nach der Aussage glaubwürdiger Fischer führt das alte Hummerweibchen wenigstens einen Teil der Schar seiner Jungen. Pöppig erzählt, nach Pennant, daß man zu jeder Jahreszeit, besonders häufig im Winter, Weibchen mit Eiern beladen einfange, die jedoch in den kalten Monaten nicht zur Entwickelung gelangen, und durch welche ungeregelte Fortpflanzung der Hummer unter den Krustern und überhaupt unter allen Gliedertieren eine merkwürdige Ausnahme machen würde. Auch fügt der englische Beobachter hinzu, daß die Häutung nicht in demselben Jahre und auf das Eierlegen folge, was sonst bei allen Krebsen Regel ist; auch schließt man aus dem Umstande, daß auf dem Bruststück sehr großer Hummern mitunter Muscheln und Rankenfüßer festsitzen, daß im reifen Alter der Panzer entweder gar nicht oder doch nur in großen Zwischenräumen abgestreift werde.

Nach den neueren sorgfältigen Beobachtungen über Vorkommen und Fortpflanzung des nordamerikanischen Hummers (Homarus americanus) findet die Vermehrung je nach der Lage der Küsten zwischen April und September statt, und es scheinen zu diesem Zwecke die Weibchen sich auf seichteren Grund zu begeben. Die Jungen schwimmen nicht nur unmittelbar nach dem Auskriechen frei umher, auf der Stufe, wo ihre Beine gespalten sind und große Ahnlichkeit mit denjenigen der spaltfüßigen Krebse oder Schizopoden haben, sondern auch noch dann, wenn sie schon das Aussehen der Alten und eine Länge von 2 cm erreicht haben. Da sie also wehrlos in Schwärmen umherziehen, werden ihre Reihen von den ihnen folgenden Fischen außerordentlich gelichtet.

Der Verbrauch des Hummers in Nordamerika übersteigt weit den europäischen Konsum: in Boston allein werden jährlich etwa eine Million verkauft. Der Fang an den amerikanischen Küsten geschieht fast ausschließlich in den Körben (Colster- pots), wie in England, in welche sie durch verschiedene Köder gelockt werden. Übrigens gehen sie nicht so leicht an den Köder, sie sind mißtrauisch und auch sonst von nicht geringer Intelligenz. Schmidtlein beobachtete im Neapolitaner Aquarium, daß sie gesättigt Fische als Vorrat verscharrten, und Eisig sah, wie sie sich von den zum Futter hineingeworfenen Fischen erst eine Anzahl zusammenrafften, unter ihren Leib in sicheren Gewahrsam brachten und dann erst anfingen zu fressen. Die Gefangenen wehren sich verzweifelt und haben namentlich die Gewohnheit, sich mit einer Schere an dem Korbe festzuhalten. Wollte man sie gewaltsam abreißen, dann würden sie lieber die Schere verloren geben, wodurch sie natürlich für den Verkauf minderwertig würden. Die Fischer verfahren daher anders. Sie pressen mit der einen Hand die freie Schere des Gefangenen zusammen und zwicken ihn mit der anderen in einen seiner Fühler. Hier ist er sehr empfindlich und läßt sofort die ange: klemmte Schere los, um sich damit zur Wehr zu setzen.

Unter den Krebsen dieser Familie von größerem ökonomischen Werte muß auch der durch feinen schlanken Körper und zwar starke, aber zierliche Scheren ausgezeichnete Nephrops norvegicus genannt werden. Die wahre Heimat dieses schönen Tieres ist ebenfalls die norwegische Küste, wo ich Exemplare von über 30 em Körperlänge gesehen habe. Ich erinnere mich aber nicht, ihn in Bergen oder einer anderen norwegischen Küstenstadt auf dem Fischmarkt als Ware gefunden zu haben, und so scheint er dort ziemlich selten vorzukommen. Dagegen wird er in der großen, vom Adriatischen Meere gegen Fiume sich,

hinauf erstreckenden Bucht, dem Quarnero, in großen Mengen gefangen und, man kann sagen zentnerweise, unter dem Namen Scampo auf den Triester Fischmarkt gebracht. Im übrigen Adriatischen Meere sowie im Mittelmeere kommt er seltener vor, so daß er kein stehender Marktartikel ist.

Ein weiteres sehr schönes Resultat der Challenger-Expedition auf carcinologischem Gebiete war die Auffindung einer anderen, den Astaciden gleichfalls nahestehenden Familie von Tiefseekrebsen, der Polycheliden oder Willemoesien. Die Tiere sind teilweise mit langen, aber dünnen Scherenbeinen und kleinen Scheren ausgestattet, wie z. B. Pentacheles spinosa aus 2000 m Tiefe, oder die durchsichtige Willemoesia leptodactyla, welche eine Körperlänge von 120, aber eine Scherenfußlänge von 155 mm hat. Repräsentanten dieser Familie kommen an den tiefsten Stellen der Ozeane vor, und Spence Bate

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Willemoesia leptodactyla. Natürliche Größe.

meint, sie schienen proportional zur Tiefe an Größe zuzunehmen. Die Augen dieser Krebse sind immer rudimentär, aber in verschiedenem Grade, am meisten wohl bei Polycheles crucifer, wo nicht bloß Augen, sondern jede Spur der zur Aufnahme derselben bestimmten Stellen fehlen. Interessant ist es aber, daß die im Ei befindlichen Embryos noch wohlentwickelte Augen nach dem gewöhnlichen Krustaceen-Typus haben. Das steht nicht vereinzelt da: auch eine blinde Garneele der Krainer Höhlen (Trogloceros Schmidtii) hat im fötalen Zustande deutliche Augen.

Die artenreichste Familie unter den langschwänzigen Zehnfüßern ist die der Garneelen (Carididae), von der allein aus den europäischen Meeren gegen 90 Arten beschrieben worden sind. Ihre hornartigen, biegsamen Körperbedeckungen, der seitlich zusammengedrückte Körper, die große Schuppe, welche den Stiel der äußeren Fühler überragt, dabei eine meist außerordentlich zarte und schöne Färbung einzelner Teile, während andere fast so durchsichtig wie Glas sind, ihre große Behendigkeit in blitzschnellen, hüpfenden Bewegungen machen die meisten Glieder dieser Gruppe leicht kenntlich. Die Gattungen und

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Willemoesia leptodactyla. Natürliche Größe.

Arten zu unterscheiden, erfordert gerade bei ihnen ein besonders mühsames Detailstudium, wobei die Beschaffenheit der Fühlhörner, Kiefer, Beine, Kiemen und anderer Teile mit peinlichster Genauigkeit zu berücksichtigen wäre. Einige Arten sind jedoch vor anderen so gemein und werden in solchen Massen gefangen und verspeist, daß wir sie mit einigen anderen, durch ihre Lebensweise ausgezeichneten hervorheben müssen.

Von den übrigen Garneelen unterscheidet sich die Gattung Crangon mit einigen ihr nahestehenden, indem bei ihr die vier Fühlhörner in einer Linie eingelenkt sind, während bei jenen die inneren über den äußeren stehen. Die sandigen, flachen Küstenstrecken, besonders der Nordsee und des britischen Seegebietes, werden von unzählbaren Scharen des gemeinen Crangon bevölkert (Crangon vulgaris, Garnate, Granate, Shrimp der Engländer, Crevette der Franzosen). Mit den übrigen Arten hat er die unvollkommenen Scheren des ersten dickeren Fußpaares gemein. Ausgezeichnet ist er durch den fast ganz glatten Körper. Nur auf dem Kopfbrustschild finden sich drei Stacheln. Eine lebendige Schilderung des Fanges der Tierchen, die uns auch mit feinen Eigentümlichkeiten näher vertraut macht, hat Gosse gegeben. „Laßt uns sehen, womit jener Fischer so eifrig beschäftigt ist, und was das Pferd thut, das er bis bauchtief in die See hinein und zurückgehen läßt, von einem Ende des Strandes bis zum anderen seine Schritte so lenkend, als sollte der Sand gepflügt werden. Und warum beobachtet der Fischer das Pferd so aufmerksam? Horch! Was sagt er? Er ruft dem kleinen, das Pferd reitenden Buben zu, heranzukommen, und nun geht er selbst eilig an den Strand, wie das Tier und sein kleiner Reiter ans Ufer kommen. Wir wollen gehen und sehen. „Der Mann ist höflich und mitteilsam und weiht uns in das ganze Geheimnis ein, das in der That sogleich offenbar wird, sobald wir an Ort und Stelle gekommen. Das Pferd zieht ein Netz hinter sich her, dessen Mündung über einen länglichen, eisernen Rahmen gespannt ist. Nach hinten läuft das Netz spitz zu, ist aber nicht zugestrickt, sondern bloß mit einer Schnur zugebunden. Der Eisenrahmen hält die Netzmündung offen und kratzt den Seeboden ab, während das Pferd, mit dessen Geschirr es durch eine Leine verbunden, vorwärts geht. Nun ist der Sandgrund gerade hier mit einer Art eßbarer Krebse belebt, der Garneele (Shrimp) oder, wie das Volk hier sagt, der Sand-Garneele, um sie von der Felsen-Garneele (Palaemon serratus) zu unterscheiden. Das Maß dieser Sand— Garneelen wird, wie der Fischer sagt, zu 1 Schilling an die Fischhändler verkauft. „Das Pferd, welches im leichten Sande und 1 m tief im Wasser waten und den schweren Apparat nach sich ziehen muß, hat schwere Arbeit und kommt offenbar gern aufs Trockene, wo es, sobald das Schleppnetz am Ufer, angehalten wird. Nachdem der Fischer ein Tuch auf dem Sande ausgebreitet, bindet er die Schnur auf und schüttelt das Gewimmel auf das Tuch. Es sind mehr als zwei Maß, und da der Fischer deshalb in guter Laune und außerdem von Natur höflich ist, wagen wir es, einen Handel vorzuschlagen. Für eine kleine Münze dürfen wir uns allen Wegwurf auflesen, nämlich alles, was nicht Garneele ist. Letztere sind sehr schön. Bell gibt ihre Länge auf 6 em an, von dieser ist die Mehrzahl länger als 8 em. Die meisten find Weibchen, die ihre Eier zwischen den Afterfüßen des Hinterleibes tragen. Das Tier ist weniger zierlich als manche andere Garneelen. Seine Farbe ist ein blasses, ins Grün spielendes Braun; untersucht man es aber genau, so findet man eine Anhäufung von schwarzen, graubraunen und orangenen Flecken, von denen bei starker Vergrößerung viele sternförmig erscheinen. „Sehr lustig ist es, zu sehen, wie schnell und gewandt die Garneele sich im Sande placiert. Wenn das Wasser 1 oder 2 Zoll tief ist, läßt sich das Tier ruhig zu Boden fallen. Dann sieht man auf einen Augenblick, wie eine kleine Staubwolke sich auf beiden Seiten erhebt, und der Körper sinkt so tief ein, bis sein Rücken fast in einer Ebene mit dem ihn

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