Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die vierte Ordnung der Panzerkrebse, die der Kumaceen (Cumacea), etwa 70 Arten, besteht aus nur wenigen kleinen und unscheinbaren Arten. Sie durchlaufen keine Metamorphose, und früher hielt man sie selbst für Larven von Zehnfüßern, indessen hat Kröyer nachgewiesen, daß diese Ansicht irrtümlich ist.
Jünfte Ordnung. Die Asseln (Isopoda).
Die allgemeine Anordnung der Körperteile der Asselkrebse ist derjenigen der Flohkrebse ähnlich. Ihr Kopf trägt ein Paar sitzende Augen, die sieben freien Brustringe tragen Beine von meist gleichem Aussehen, welche nur selten mit Scheren endigen. Die Ringe des Abdomen belaufen sich höchstens auf sechs, und ein wichtiges Kennzeichen aller Asseln, die sich übrigens fast alle auch durch ihren flachgedrückten Körper kenntlich machen, ist die Umwandlung der Beine des Nachleibes in Doppelplatten, welche als Atmungswerkzeuge dienen. Die Weibchen tragen an den Brustfüßen blattförmige Anhänge, welche eine Bruthöhle zur Aufnahme der Eier und der Jungen in den ersten Tagen nach dem Ausschlüpfen bilden. Die Jungen sind zwar den Alten ähnlich, haben jedoch noch nicht die volle Zahl der Körpersegmente und Gliedmaßen. In ihrer Gesamtheit gehören die Asseln zu den kleineren Krebsen, ihre mittlere Länge beträgt 13— 26 mm. Sich auch besonders von in Fäulnis übergehenden Substanzen nährend, haben sie eine große Anpassungsfähigkeit an die verschiedenste Lebensweise entwickelt, indem sie im süßen und im salzigen Wasser, auf dem Lande, und zwar sowohl an feuchten als an trockenen Orten, endlich zwar größtenteils frei, aber auch parasitisch auf anderen Krustern und Fischen vorkommen. Es gibt etwa 800 Arten, von denen ungefähr der dritte Teil landbewohnend ist.
Die Familie der Landasseln (Oniscidae) ist unter anderen daran kenntlich, daß das letzte Afterfußpaar in Form von Griffeln beiderseits über den Hinterleib hervortritt. Aber auch ohne dies unterscheiden fie sich von den übrigen als Landbewohner, die sich meist an feuchten Orten, im Schatten von Mauern, unter großen Steinen, in Kellern und ähnlichen Orten auf: halten, wo sie als lichtscheue und einer dumpfen, mit Wasserdampf gesättigten Luft bedürftige Wesen sich behaglich fühlen. Von ihren Afterfüßen ist nur das innere Blatt dünn⸗ = = häutig und als Atemorgan
N) Kellerassel (Oniscus scaber). 2) Rollassel (Armadillo vulgaris). Nat. Größe. dienlich, das äußere, von festerer Beschaffenheit, bildet über dem anderen einen schützenden, die Austrocknung verhindernden Deckel. Bei denjenigen Arten der Gattungen Oniscus, Armadillidium und anderen, welche an ganz trockenen, auch sonnigen Orten leben, scheint neben jener schwachen Kiemenatmung noch eine Art von
Luftatmung stattzufinden, indem in dem vorderen Kiemendeckel sich fein verzweigte, luftführende Räume finden, welche durch Spalten sich nach außen öffnen sollen. Allgemein bekannt und von empfindsamen Seelen als ekelerregende Tiere betrachtet find die Mauerassel (Oniscus murarius) und die Kellerassel (Oniscus scaber), welche, gleich den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe, ihren flacheren Körper nicht zusammenkugeln, was aber die Formen mit höherer Wölbung des Körpers, die Rollasseln (Armadillo), vermögen.
Sehr merkwürdig sind die Verhältnisse der Fortpflanzung der Landasseln. Die weiblichen Geschlechtswerkzeuge bestehen aus Geschlechtsöffnung, Behälter zur Aufnahme und Bewahrung des männlichen Zeugungsstoffes, Eileiter und Eierstock, die vor und während der Brunstzeit sämtlich paarig entwickelt sind. Die sehr kleinen Geschlechtsöffnungen liegen auf der Bauchseite in der Schiene des fünften Brustsegments und führen in eine in den Eileiter eingeschobene, blind endigende Einstülpung der äußeren Chitinbekleidung, eben dem Samenbehälter, welcher also den Eingang zum Eileiter gegen die Außenwelt abschließt. Bei der Begattung wälzt das Männchen das Weibchen auf den Rücken und die Tiere sind mit ihren Unterseiten einander zugewendet. Der Zeugungsstoff bleibt geraume Zeit in dem Samenbehälter des Weibchens, dann platzt dieser an seinem oberen Ende, und das Sperma steigt in den Eileiter hinauf, kann aber zunächst noch nicht in den Eierstock zu den Eiern vordringen und sammelt sich daher vor dessen geschlossenem Eingange in Gestalt eines weißen Pfropfens. Endlich vermag es doch hinein zu gelangen, und sobald das geschehen ist, häutet sich das befruchtete Weibchen und erhält jetzt andere Organisationsverhältnisse. Die jeder: seitige Geschlechts- oder sagen wir lieber die Begattungsöffnung ist verschwunden, und auch der chitinöse Samenbehälter, in welchen sie führte, ist mit verloren gegangen, aber es hat sich eine neue Geschlechts- oder besser Geburtsöffnung gebildet in Gestalt einer unpaaren Spalte in der Mitte der fünften Bauchschiene. Durch die gelangen nun die befruchteten Eier in die Bruthöhle, welche sich bei der Häutung auch mit gebildet hat, denn bei dieser erst treten die blattförmigen Anhänge der Brustfüße auf. In diesem Raume durchlaufen die Eier ihre Entwickelung bis zur Selbständigkeit. Hiermit ist aber die Sache noch nicht abgeschlossen. In dem jetzt geleerten Eierstock ist nämlich noch Sperma zurückgeblieben, da es in überflüssig großer Masse produziert war; dieses tritt aus dem Eierstock wieder zurück in den obersten Eileiter. Während die zuerst abgelegten Eier im Brutraum sich entwickeln, bilden sich gewisse Zellen der Auskleidung des Eierstockes zu neuen Eiern um, und sobald die jungen Asseln die Bruthöhle verlassen haben, sind jene reif, der Same dringt abermals zu ihnen hinein, und die Sache verläuft weiter wie das erste Mal. Nachdem auch der zweite Eiersatz die Jungen geliefert hat, tritt Schwund der Brutplatten ein; das Weibchen häutet sich abermals, erscheint dann aber wieder in der Gestalt, welche es vor der Begattung hatte, also in gewissermaßen jungfräulichem Zustande. Interessant ist es, daß unbegattete Weibchen sich nicht häuten, und daß bei solchen, welche durch Zufall bloß einseitig befruchtet wurden, die Häutung zwar eintritt, an der Seite aber, an welcher die Begattung nicht vollzogen wurde, die Beinanhänge, welche den Brutraum zu bilden haben, in nur verkrüppeltem Zustande auftreten.
Von den Landasseln unterscheiden sich die Wasserasseln (Asellidae) durch den gestreckteren Körper und Verkürzung der Ringe des Hinterleibes, mit Ausnahme des großen schildförmigen letzten. Ja, bei der gemeinen Wasserassel (Asellus aquaticus) be: steht der ganze Hinterleib aus einem einzigen großen schildförmigen Segment. Das 13 mm lange Tier findet sich überall in Teichen und Gräben der verschiedensten Tiefen, und da kann es häufig vorkommen, daß diese im Sommer austrocknen. Deshalb gehen aber die Asseln noch lange nicht zu Grunde wie die meisten ihrer Mitbewohner. Sobald sie nämlich gewahr werden, daß das Wasser völlig verdunsten wird, graben sie sich möglichst tief in den Schlamm ein und warten hier, in eine Art Sommerschlaf verfallend, bis neuer Regen ihnen die frühere Existenz wieder ermöglicht.
Da die Wasserasseln alle nicht zu schnell fließenden Gewässer bewohnen, so finden sie sich auch in unterirdischen und in tiefen Seen, in beiden büßen sie aber ihre Augen ein.
Besonders häufig ist diese Asselgruppe auch im Meere, und zu ihr gehört die früher erwähnte, unter Umständen schädlich werdende Bohrassel. Teilweise erreichen die Asseln der Tiefsee bedeutende Größen und erscheinen bisweilen durch die Entwickelung stachelartiger Anhänge von recht phantastischer Gestalt.
Die folgenden Familien kann man als Schwimmasseln (Sphaeromatidae) zusammenfassen, indem die platten hinteren Afterfußpaare mit dem Endgliede des Körpers eine Flosse bilden. Unter ihnen find allverbreitete, an den Küsten be: sonders der wärmeren Meere in unzählbaren Mengen vorkommende 7.DS Tiere die Kugelasseln (Sphaeroma). Die Kugelassel der euro— (e I\ päischen Küsten (Sphaeroma serratum) findet sich überall an steinigen 5 =Ne 4 \ Ufern auf der Wassergrenze. Sie lebt gesellig unter den Steinen und rollt sich bei der Berührung ein. Sie gewöhnt sich auch an das 7 5 N m I brackige Wasser, und ich habe sie bei dem Übergang der Kerka in die allmählich zum Meere werdende Bucht bei Sebenico in Dalma— 10NN tien in einem kaum einen salzigen Beigeschmack zeigenden Wasser an⸗=N 5 getroffen. Auch unter den blinden Bewohnern der Gewässer in den ifNNNln) )
Krainer Höhlen befindet sich eine Kugelassel (Monolistra caeca). Kugelassel (Sphaeroma). Vergrößert. u ra ˙·Pe ae!
Die nächste Familie, die der Fischasseln (Cymothoidae), hat zum Teil zu Saug-apparaten umgestaltete Freßwerkzeuge und lebt im letzteren Falle immer parasitisch auf Fischen. Die anderen schwimmen teilweise frei umher, und die seltsame, flachgedrückte, breite Gattung Serolis wühlt sich in den Sand antarktischer Küsten in größeren Gesellschaften ein und ist durch den Besitz zu Stacheln entwickelter uns aufrichtbarer Basalglieder des letzten Bauchfußpaares gegen die Angriffe hungriger Seevögel geschützt. Die Fischasseln find teilweise Zwitter, besitzen aber die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane nicht etwa zugleich, sondern in zeit-licher Trennung. Erst sind sie Männchen, begatten als solche die auch vorhandenen Weibchen, welche früher Männchen waren, häuten sich, erhalten auf Kosten ihrer Hoden Eierstöcke und werden nun selbst begattungsfähig.
Eine bei den angeführten Familien der Asseln nicht gut
Männchen der Praniza. Etwas systematisch unterzubringende, aber in ihre Nähe gehörige u Gattung, Praniza (fiehe nebenstehende Abbildung und S. 61), gleicht durch die Verschmelzung der Brustringe mit dem Kopfe und in ihrem ganzen Aussehen den Zehnfüßern, hat aber unter anderem die sitzenden Augen der Asseln und mag uns dazu dienen, die Beispiele der unglaublichen Variabilität des Krebstypus zu vermehren. Während seiner Jugendperiode, wo das Tier einen kleinen Kopf, große Augen und einen Saugrüssel besitzt, lebt es parasitisch auf verschiedenen Seefischen. In diesem Zustande verharrt das Weibchen, über welches sich das Männchen durch einen kolossalen viereckigen Kopf und mächtige Oberkiefer erhebt. Das Aussehen des Männchens ist so verschieden von dem des Weibchens, daß jenes bis in die neuere Zeit als eine besondere Gattung, Anceus, betrachtet wurde.
Das Schmarotzertum hat auch aus Asseln sehr wunderbare Gestalten gezüchtet, welche Mitglieder ihrer wenn auch etwas weiteren Verwandtschaft heimsuchen. Das sind die Familien der Garneelasseln (Bopyridae) und der Krabbenasseln (Entoniscidae), welche sehr merkwürdige Konsequenzen ihrer bequemen Lebensweise zu tragen haben. Die Garneelasseln sind in voller Ausbildung nach den Geschlechtern außerordentlich verschieden. Die Männchen sind weit höher organisiert, zeigen in dem Behalten der Augen, der Gliederung des Körpers und der Beschaffenheit der Segmentalanhänge noch deutlich den Asseltypus, sind allerdings weit kleiner als die Weibchen, dabei langgestreckt und symmetrisch. Ihre viel größeren, breit gedrückten Gefährtinnen gleichen ihnen in der Jugend im Habitus einigermaßen, erscheinen erwachsen aber ganz anders. Zunächst büßen sie den symmetrischen Bau ihres Körpers ein, indem sich derselbe nach rechts oder links krümmt, wodurch die Weibchen der Praniza. Etwas Ringe des Bruststückes und der aus sechs verwachsenen Seg—. menten bestehende Hinterleib an der konkaven Seite viel schmäler als an der konvexen sind. Die Verschiedenheit der Krümmungsrichtung wird aber durch die Stelle bedingt, an welcher sie auf ihren Wirten sich befinden. Diese Stellen sind mit ganz wenig Ausnahmen die Kiemenhöhlen von Garneelen, seltener Brachyuren. Je nachdem nun eine weibliche Larve mit dem Atemwasser in die rechte oder linke Kiemenhöhle des Wirtes gelangte, tritt die asymmetrische Krümmung ein. Der untere Teil der Kiemenhöhle ist geräumiger, das Wachstum freier, daher sind die Parasiten aus dem linken Atemraum nach rechts und umgekehrt die aus dem rechten nach links gekrümmt. Die Asymmetrie überträgt sich auch auf die Eierstöcke, derjenige der konvexen Seite ist häufig und bisweilen bedeutend stärker entwickelt als der andere. Eine weit ere Folge des Parasitismus ist teilweiser Schwund des Darmes, wenigstens des Afters, sowie eine große Fruchtbarkeit der Weibchen. An der Unterseite des Hinterleibes zwischen den Kiemen treiben sich die Männchen herum. Außerst selten scheint es zu sein, daß ein Wirt rechts und links zugleich mit einer Bopyride behaftet ist.
Seltsamer noch erscheint das Schmarotzertum bei den Krabbenasseln. Eigentlich unmittelbar auf den Krabben leben dieselben nicht, sie sind vielmehr Parasiten von Parasiten dieser Tiere, und zwar sehr seltsamer Wurzelkrebse (s. S. 71), welche in später zu erörternder Art mit hohlen, wurzelartigen Körperfortsätzen die Eingeweide ihres Wirtes umspinnen und ihnen ihre Nahrung entnehmen. Die Krabbenasseln sind in der Jugend sich gleichfalls in beiden Geschlechtern höchst ähnlich, aber auch hier bilden sich die Weibchen, welche ausschließlich schmarotzen, zu seltsamen, wurst-, schlauch- oder blasenförmigen, ungegliederten, extremitätenlosen, öfters auch asymmetrischen Wesen um. Sie schieben ihren Kopf entweder, indem sie sich neben dem Wurzelkrebs niederlassen, durch die Haut des Schwanzes der Krabbe, bis sie die Wurzeln des ersten Parasiten erreichen, wobei sie diesen selbst oftmals verdrängen, oder sie siedeln sich auf den Wurzelkrebs direkt an und bohren ihren rüsselartig verlängerten Kopf bis zu seinen Ernährungsorganen. Denn diese suchen fie allemal auf, fie nehmen ihrem Wirte nicht die eignen, schon verarbeiteten Nahrungssäfte, sondern schneiden ihm das der Krabbe entnommene Futter ab. Die Männchen bleiben