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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Weibchen der Praniza. Etwas .

viel kleiner, von asselartiger Gestalt, suchen die Weibchen unter den Schwänzen der Krabben auf und scheinen nach der Begattung zu Grunde zu gehen.

Sechste Ordnung. Die Tlohkrebse (Amphipoda).

Den Namen Flohkrebse hat eine über die ganze Erde verbreitete, aus etwa 600 Arten bestehende und meist in unzähligen Individuen beisammen vorkommende Ordnung empfangen von der Eigenschaft sehr vieler ihrer Mitglieder, mit außerordentlicher Behendigkeit sowohl im Wasser stoßweise zu schwimmen und zu hüpfen, als auch außerhalb desselben die tollsten, ihre eigne Höhe oft um das Hundertfache übersteigenden Sprünge auszuführen. Viele sind seitlich zusammengedrückt und erhalten damit eine N entfernte Ahnlichkeit mit N 8 den Garneelen, von denen \ fie jedoch, wie von allen Zehnfüßern, durch die DK Gliederung ihres Körpers , wesentlich abweichen. Zum 5 leichteren Verständnis des

Gemeiner Flohkrebs (Gammarus pulex). Doppelte Größe. darüber zu Sagenden wird man sich fast überall in Deutschland den gemeinen Flohkrebs (Gammarus pulex) oder ganz nahe verwandte, zum Teil wohl noch unbeschriebene Arten verschaffen können, welche zu Tausenden unter Steinen, Holz und in Zersetzung begriffenen Pflanzenteilen am Grunde unserer fließenden Gewässer und am Rande von Seen und größeren Teichen zu hausen pflegen.

Der Kopf, mit dem der vorderste Brustring verwächst, trägt zwei sitzende, d. h. nicht gestielte, facettierte Augen, zwei Paar Fühler und außer den drei Kieferpaaren ein Kieferfußpaar. Die beiden freien Brustringe sind so gebaut wie die fünf Abschnitte des Leibes, und dem entsprechend sind sieben Paar Beine für die Ortsbewegung vorhanden. Sieben Segmente bilden auch den meist nicht merklich abgesetzten Nach leib oder Postabdomen; alle, mit Ausnahme des letzten, tragen ebenfalls Beine, von denen jedoch die drei ersten Paare sich inForm und Benutzung von den drei letzten unterscheiden. Durch jene wird nämlich den Atmungsorganen, welche in Blattform an den Beinen der vorderen Leibesabschnitte angebracht sind, ununterbrochen Wasser zugespielt, eine Thätigkeit, die man leicht an den sonst ruhig liegenden Tieren beobachten kann. Ihr Atembedürfnis ist sehr groß, indem sie leicht in Gefäßen absterben, wo nicht durch Vegetation für Reinigung des Wassers gesorgt ist. In flachen Gefäßen oder in Aquarien mit flachem Rande gehalten, sammeln sie sich bald in der seichten Wasserschicht, wo durch ihre Bes wegungen die Luftabsorption gefördert wird.

Die größten Amphipoden werden über 10 cm lang, die meisten erreichen kaum 1 cm, und viele bleiben darunter. Nur eine sehr geringe Zahl lebt im süßen Wasser. Die außer⸗

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Gemeiner Flohkrebs (Gammarus pulex). Doppelte Größe.

ordentlich zahlreichen Bewohner des Meeres halten sich teils an den Küsten auf, bekannt unter dem Namen der Sandhüpfer, teils begeben sie sich auch auf das hohe Meer hinaus. Die zahllosen Scharen von Flohkrebsen werden in den nordischen Meeren als Aasvertilger von höchstem Nutzen. Die Aser großer Delphine und Wale, welche, der allmählichen Fäulnis überlassen, das Wasser im weiten Umkreise verpesten und damit einer Menge Tierbrut den Untergang bereiten würden, werden in kurzer Zeit von den Millionen sich einstellender Flohkrebse rein skelettiert. Sie versehen also als Organe der Naturgesundheitspolizei dieselben Dienste, welche in den Tropengegenden von den Aasgeiern mit so großem Vergnügen übernommen werden, verarbeiten aber jedenfalls eine weit größere Masse schädlicher Stoffe als letztere.

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Der Seite 62 abgebildete Flohkrebs ist ein Repräsentant der Familie Flohkrebse im engeren Sinne (Gammaridae), bei welchen die beiden vorderen der oben erwähnten sieben Paar Beine des Kopfbrustabschnittes durch die zurückgeschlagene Klaue Greifbeine sind. Alle, welche springen können, haben einen zusammengedrückten Körper, und ihre hinteren Afterfußpaare, welche die Sprungbewegung vermitteln, sind griffelförmig. So leicht man sich den gemeinen Flohkrebs verschaffen kann, so schnell ist man mit der Beobachtung seiner hervorstechenden Eigenschaften fertig. Er hält sich, wie gesagt, am Grunde seichter, aber nicht faulig werdender Gewässer, am liebsten unter größeren Steinen und Holzstücken auf und nährt sich vorzugsweise von Pflanzenstoffen, skelettiert z. B. im Herbst meisterhaft die in seine Gewässer fallenden Blätter. Hebt man einen solchen, ihnen Schutz gewährenden Stein jäh auf, so findet man sie gewöhnlich dicht gedrängt, groß und klein durcheinander sitzend und liegend. Aber kaum fühlen sie sich gestört, als sie schon mit größter Hurtigkeit nach allen Richtungen auseinanderstieben, um hinter dem ersten besten Gegenstand sich wieder zu verbergen. Diejenigen, welche an dem aufgenommenen Steine haften bleiben, suchen mit energischen Bewegungen des Hinterleibes sich loszumachen und, seitlich sich fortschnellend, ohne eigentlich zu hüpfen, das rettende Element zu gewinnen. Gelingt ihnen das nicht bald, so trocknen ihre Kiemen ein, und sie verdorren besonders an der Sonne schnell. Der Grund ihres schleunigen Ausreißens ist jedenfalls nicht bloß in der Furcht vor dem sich Nahenden, sondern vorzüglich in der Lichtscheu zu suchen. Denn hält man sie in einem Gefäße, so ist das erste, was sie thun, einen möglichst dunkeln Platz unter einem Blatte oder Kiesel aufzusuchen. Den Winter bringen die Flohkrebse eingegraben im Schlamme und Sande zu, um an den ersten warmen Tagen wieder zu erscheinen und die Fortpflanzung zu beginnen. Man findet sie alsdann oft paarweise, indem ein kleines Individuum, das Weibchen, von einem größeren, dem Männchen, hartnäckig und tagelang mit den Klauen der beiden vorderen Gliedmaßen festgehalten wird. Die Jungen entwickeln sich in Bruttaschen an den Beinen der Mutter und werden von dieser in der ersten Zeit ihres Wachstums nach dem Auskriechen geführt. Sie suchen nämlich bei Gefahr zwischen den Beinen der Mutter Schutz, eine Gewohnheit, welche auch bei meerbewohnenden Amphipoden, z. B. dem gemeinen Gammarus locusta der europäischen Küste, beobachtet wurde. Es finden sich blinde blasse Formen in alten Bergwerksschächten, in tiefen Brunnen von Helgoland bis Venedig und in den tieferen Regionen großer Seen. Man hat besondere Arten, ja sogar ein besonderes Genus (Niphargus) daraus gemacht, es ist aber zu bezweifeln, ob es mehr wie Varietäten des gemeinen Flohkrebses sind.

Im Meere erreichen die Amphipoden einen ungeheuern Reichtum nicht nur an Individuen, sondern auch an Arten und gelegentlich auch an Größe, wie die auf Seite 64 in natürlicher Größe abgebildete Tiefseeform Andania gigantea.

Außer dem Gammarus pulex sind aus den süßen Gewässern Europas noch einige wenige, ihm sehr nahe stehende Arten beschrieben. Wenn der Leser erfährt, daß von echten Amphipoden nicht weniger als 137 Arten Bewohner der englischen Küste sind, so ermißt er, daß wir uns auf das Hervorheben nur weniger Formen beschränken müssen. Wir wählen natürlich solche, die sich am meisten der Beobachtung aufdrän— =, gen, und deren gibt es, wo immer man am = g ö —„ „71UF a A.GA Meeresstrande geht, sei es in Brighton „ oder auf Helgoland oder dem Lido bei Ve—

\ „ || N *WoWaN, 9 7 nedig. Da findet fich denn überall, wo Tang| | 1. 7

| ALN | I 4 %%%%1 7 4 HNINN 16N 7 ausgeworfen wird, der Sandhüpfer (Ta- | ) hc U

l I m= Al DM litrus locusta), ein echtes Strandtier 4 | 1IT | ä Alu N wie sein Genosse, der Küsten hüpfer (Or- = j chestia litoralis), und von ihm wesent:

| ae lich nur im Bau der Kieferfüße abweichend.

II)| | ren11Me|||| 110|N Die Sandhüpfer gehen nie ins Wasser, folgen aber dem Rande der Ebbe und Flut, Andania gigantea. Natürliche Größe. oder bleibt bei Ebbe in und auf dem, wie der Besucher des Seestrandes weiß, in langer Linie ausgeworfenen Walle von Tang zurück. Hier springen fie oft fußhoch und in so unglaublichen Mengen, daß man die bewegte Schicht oft schon von fern sieht. 1 2 Das geschieht jedoch nur zur warmen Zeit. Im Winter bergen sie sich an den nordischen Küsten in den verwesenden Tanghaufen, welche von der Flut außerhalb des Bereiches des gewöhnlichen Steigens des Wassers geworfen worden sind.

Eine eigne größere Abteilung bilden die röhren- und nesterbauenden Amphipoden. Sie sind meist am Hinterende mit hakenförmigen Organen versehen, mittels welcher sie sich in ihren selbst verfertigten, aus Stein- oder Holzfragmenten oder aus Schlamm und unter starker Verwendung der eignen Exkremente zusammengeleimten Wohnungen halten. Microdentopus grandimanus spinnt unter Zuhilfenahme des dritten und vierten Brustfußpaares Algenstückchen zu einer Art Zement zusammen, füllt die Lücken mit abgebissenen anderen Algenpartikelchen und kleinen Kotballen aus, bespinnt das Innere mit Fäden, und in Zeit von einer halben Stunde ist der Bau fertig. Andere Formen benutzen fremde, leer gewordene Röhren von Ringelwürmern ꝛc. Sie sind übrigens auch recht gute Schwimmer und nähern sich in ihrer mehr flachen Körperform den Asseln.

Die verschiedenen, ihr Häusermaterial sich zusammentragenden Korophiiden sind harmlose Tiere; nicht so der durch besondere Familiencharaktere sich sondernde Scherenschwanz

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Andania gigantea. Natürliche Größe.

(Chelura terebrans). In Gemeinschaft mit der unten wieder zu erwähnenden Assel (Limnoria lignorum) durchhöhlt er in Docks und Dämmen das Holzwerk vom Grunde bis an den Spiegel. Man hat ihn bis jetzt an den südlichen und westlichen Küsten Europas, in Westindien und Nordamerika beobachtet. Nur das mit Kreosot getränkte Holzwerk scheint er zu scheuen. Wir könnten den Scherenschwanz einen Pflanzenparasiten nennen, insofern er in pflanzlicher Substanz Wohnung und Nahrung findet. Er würde unter diesem Gesichtspunkt

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Cystosoma Neptuni. Eiwas verkleinert.

einen Übergang zu den Tierparasiten unter den, wie man sieht, sehr anpassungsfähigen Flohkrebsen bilden.

Diese parasitisch lebenden Amphipoden (Hyperiidae und Phronimidae) zeichnen sich durch ihre enorm entwickelten Augen aus, ein Umstand, der bei schmarotzenden, der Augen wenig bedürftigen Tieren befremdend erscheinen könnte, wenn die genannten nicht öfter ihre Wohntiere zu wechseln und neue Wirte auszuspähen genötigt wären. Hyperia und Verwandte leben in den an der Unterseite der Medusen befindlichen taschenförmigen Höhlen. Selbst passiv, lassen sie sich von ihren Wirten umherfahren, aber nur während des Sommers, im Winter leben sie frei auf dem Boden des Meeres. Nicht so die der anderen Familie angehörige, in den europäischen Meeren verbreitete Phronima sedenteria.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 5

Cystosoma Neptuni. Eiwas verkleinert.

Sie wählt Rippenquallen oder Manteltiere der Gattungen Doliolum und Pyrosoma und frißt dieselben derart aus, daß nur noch die Hülle als Haus für sie selbst übrigbleibt. Dadurch ist sie genötigt, selbst für die Ortsbewegung zu sorgen.

Zu den schönsten und größten Formen gehört das umstehend abgebildete Cystosoma Neptuni, auch eine, aber frei lebende Hyperine. Das über 100 mm lange Tier ist absolut farblos und durchsichtig und hat auf seinem Kopfe zwei gewaltige, 25 mm große Facettenaugen. Es wurde dieses Cystosoma auf der Challengerfahrt entdeckt, und Wyville-Thomson ist der Meinung, daß die Tiere, wenn sie auch am Tage aus Tiefen von 4500 m gebracht würden, doch vielleicht nachts pelagisch leben könnten. Der „Challenger“ hat überhaupt eine Reihe interejlan-ter Flohkrebse erbeutet. So die nebenstehend abgebildete seltsame

| Acanthozone tricarinata, welche

auf jedem Segment drei, je einen mittleren und zwei seitliche, Dornen oder klingenartige lange Stacheln trägt. Eine besondere Unterordnung der Flohkrebse bilden die auffallend gestalteten Kehlfüßer oder Gespenstkrebschen (Laemadipoda),jenen SIT nahe stehend durch die Verwachsung des Kopfes mit den IM ersten Brustringen, von ihnen abweichend durch die gänzee liche Verkümmerung des Hinterleibes und sieben Beine paare. Gewöhnlich finden sich an zwei Leibesringen blatt⸗ Ye förmige Kiemen statt der Beine. Indem, wie gesagt, auch

derbekommenzweite Brustringdie Tierchenmit dasdem Ansehen,Kopfe engals verbundenob das ersteist,

Fußpaar ihnen an der Kehle säße. Es sind zwei in Aussehen und Lebensweise sehr verschiedene Hauptgattungen zu unterscheiden. Die erste Caprella, hat einen dünnen, fadenförmigen, gestreckten Körper. Die beiden ersten Beinpaare haben das vorletzte Glied verdickt, die drei hinteren Paare gestreckt. Auch aus dieser Gruppe brachte der „Chal⸗ . — enger“ eine merkwürdige Form mit heim, Dodecas elon-

EF gata, mit nur sechs Beinpaaren, von denen das hinterste wie die Antennen verlängert ist. Das zwirnsfadendünne

Kehlfuß-Flohkrebs (Caprella). Tier mißt von der Spitze der ausgestreckten Antennen Etwas vergrößert. bis zur Spitze des ausgestreckten letzten Beinpaares 7 em. Die zahlreichen, meist nur 3—13 mm langen Arten halten sich an untiefen Stellen auf den Tangen und Algen der Meere auf und gewähren, in ihrer Kleinheit von den meisten Besuchern des Meeres gänzlich übersehen, dem Beobachter des unscheinbaren Tierlebens in ihrem Treiben ein anziehendes Schauspiel. Sie sind die wahren Turner unter ihren Klassengenossen, indem fie geschickt wie die Affen und mit vielen Purzelbäumen und

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