Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Windungen an und zwischen den zarten Asten der unterseeischen Miniaturwaldungen sich bewegen. Fortwährend munter und geschäftig, stechen sie vorteilhaft von ihren Zunftgenossen, den Walfischläusen (Cyamus), ab. Der Körper dieser ist eiförmig und flach gedrückt, mit kleinem, schmalem Kopfteil; auch sind die drei hinteren Beinpaare kurz und kräftig. Ihr Name besagt die — N schmarotzende Lebensweise auf Delphinen und größeren Walen, 3 auf deren Haut sie festgeklammert und für den Beobachter lang— y 00 | weilig ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben..
Die siebente Ordnung der Panzerkrebse ist klein (nur 5 Arten!) und für unsere Absichten in diesem Buche von untergeordneter Bedeutung. Es ist die Ordnung der Leptostraca. 5; P j A Ar, 5 Walfischlaus (Cyamus). mit der Gattung Nebalia, die früher den Kiemenfüßern zu: Natürliche Größe. gezählt wurde. Sie wurde besonders von Claus untersucht, der diese Ordnung auch aufstellte. Sie haben eine zweiklappige Rückenschale und ein langes, freies, achtgliederiges Abdomen. Die wenigen Arten bewohnen das Meer an untiefen Stellen nahe der Küste, nähren sich von animalischer Kost und haben ein auffallend zähes Leben.
Achte Ordnung. Die Bankenfüßer (Cirripedia).
Einer Umbildung der eigentümlichsten Art sind die nach den rankenförmigen Endgliedern ihrer Beine genannten Krebse unterworfen, welche wegen ihrer kalkigen Schalenabsonderungen in allen älteren Sammlungen ihren Platz bei den Konchylien gefunden haben, auch noch von Cuvier nicht nach ihrer wahren Natur erkannt und erst dann recht eigentlich entlarvt wurden, als ihre Entwickelungszustände einen nicht zu verkennenden Fingerzeig gaben. Einen solchen Zustand, und zwar den unmittelbar nach dem Verlassen des Eies, vergegenwärtigt nebenstehende Abbildung. Wir erkennen augenblicklich, daß das birnförmige, mit einem Stirnauge und drei Paar Gliedmaßen versehene, lustig das Wasser durchrudernde Wesen die größte Ahnlichkeit mit den jungen Entomostraceen hat. Wir sind auch, durch die Erfahrungen an so vielen Schmarotzerkrebsen gewitzigt, darauf gefaßt, den stürmischen Jüngling zu einem grämlichen, alten Gesellen sich verwandeln zu sehen. Nach einigen Häutungen macht er game von Topas. 200 mal vergrößert. denn auch Anstalt, sich für das übrige Leben zu fixieren. Die Schale ist mit der dem Ansetzen vorangehenden Häutung ähnlich derjenigen der Muschelkrebse geworden. Mit den daraus hervorragenden Fühlhörnern geschieht das erste Anklammern, während die engere und weitere Befestigung auf der Unterlage durch einen in besonderen Drüsen bereiteten Kitt bewirkt wird 5²³
In dem sich nun mehr abhebenden Hautpanzer finden Ablagerungen von kalkigen Platten statt, welche bald ein den übrigen Krebsen ganz fremdartiges Gehäuse bilden. Darin liegt, wie zusammengekauert, der unterdessen auch verschiedentlich umgestaltete Körper. Jetzt, wo wir es wissen, scheint es sich freilich von selbst zu verstehen, daß trotz der konchylienartigen Außenseite die Krebsnatur sich unter anderem ganz unzweideutig in den sechs Paar Spaltfüßen mit ihren vielgliederigen Endranken verrät. Ein fernerer wichtiger Charakter der Ordnung ist ihr Hermaphroditismus. Nur die Gattungen Cryptophialus und Aleippe sind getrennt geschlechtlich. Die Männchen sind im Verhältnis zu den Weibchen winzig klein, kaum größer als die Eier und in ihrem Körperbau sehr von ihnen verschieden. Erst schwimmen fie frei herum und heften sich später im Mantelraum oder an die Befestigungsscheibe der weiblichen Individuen, oft zu zweien und dreien, an. Außerdem kommen noch bei einer ganzen Anzahl von regelrecht gebauten, wirklich hermaphroditischen Arten von Entenmuscheln (zu den Gattungen Ibla und Scalpellum gehörig) ausschließlich männliche, sehr kleine und teils ganz verschieden wie die Weibchen, teils ihnen etwas ähnlichere Männchen vor, welche ihr Entdecker Darwin „komplementäre Männchen“ genannt hat. Die Bedeutung dieser Männchen ist noch unbekannt, und es scheint zweifelhaft, ob die Eier des Hermaphroditen bei der Möglichkeit der Selbstbefruchtung derselben jener zur Entwickelung bedürfen. Gerstäcker sieht in denselben im Verschwinden begriffene überflüssige Individuen, welche er sehr richtig mit rudimentären Organen vergleicht.
Die Cirripedien sind in mehr als 220 Arten ausschließlich Meeresbewohner und haben eine sehr weite Verbreitung, einmal durch ihre Gewohnheit, sich an flottierende und schwimmende leblose und lebende Körper anzusetzen, dann durch die Kleinheit ihrer Larven, welche von den Strömungen mit Leichtigkeit hin und her getrieben werden. Rechnet man hierzu noch ihre Fruchtbarkeit, so wird es begreiflich, daß die Strandlinien an den Felsen von Hunderte von Meilen voneinander entfernt gelegenen Küsten mit Millionen derselben Seepockenart besetzt sein können. Die Tiere können ihr Gehäuse willkürlich öffnen und außerordentlich fest verschließen, und dieser letzteren Fähigkeit verdanken sie es, daß sie längere Zeit ohne Zutritt des Wassers existieren können. Von manchen möchte man vermuten, daß sie unter Umständen in einen Zustand der Lethargie verfielen. Wie könnte man es sich sonst erklären, daß an den Klippen von Elba im heißen Sonnenschein Seepocken sitzen, welche nur bei Sturm vom Wasser erreicht werden, oder an Felsen von St. Malo in einer Höhe, wohin das Wasser nur zwei- oder dreimal jährlich auf einige Stunden bei höchster Springflutgelangt? Sie müssen, wochen- und monatelang ohne Atemwasser und ohne Nahrung, während dieser Zeit ein latentes Leben führen. Aber wie wachsen sie, und wie sind sie gewachsen bei diesem prekären Stoffwechsel?
Wenn die Tiere ungestört in ihrem Element sind, dann klaffen ihre Schalen, und aus dem Spalt heraus treten ihre Gliedmaßen, die nicht mehr der Ortsveränderung dienen, sondern durch ununterbrochenes Winken und Strudeln das Atemwasser und die Nahrung herbeizwingen. Die letztere ist animalisch: allerlei pelagische Tierchen, Infusorien,
Radiolarien, Larven und Junge der verschiedensten Tiere (Pagenstecher fand einmal im Magen einer einzigen Entenmuschel 50 junge Miesmuscheln!), ja der eignen Art.
Der Name der einen Familie, der Entenmuscheln (Lepadidae), hängt, was den ersten Teil der Zusammensetzung angeht, mit dem alten Aberglauben zusammen, daß aus diesem Tiere die Bernikelgänse sich entwickelten; der zweite ist aber vollkommen gerechtfertigt, denn die Ahnlichkeit mit manchen Muscheln ist in der That groß. Sie sitzen mit einem biegsamen, muskulösen Stiele auf, und das Gehäuse ist platt und dreiseitig. Nach der Anzahl und der größeren oder geringeren Entfaltung der Kalkplatten werden eine ganze Reihe von Gattungen unterschieden. Zu den gemeinsten gehören Lepas und Otion.
Etwa die Hälfte aller Lepadidenarten heftet sich auf im Wasser sich bewegenden Gegenständen, Schiffskielen und dergleichen, an, oder auf Tieren, welche ihren Aufenthaltsort viel verändern. So lebt z. B. Anelasma squalicola parasitisch auf nordischen Haien, in deren Haut fie mit ihrem Stiele eingegraben ist, und Lepas anserifera mit noch einigen Arten ist ein gewöhnliches Anhängsel der Schiffe bei ihrer Heimkehr aus fast allen südlichen und tropischen Meeren. Eine andere, Lepas pectinata, findet sich ebenso an schwimmenden Gegenständen im ganzen Gebiete des Atlantischen Ozeans vom Norden von Irland an bis zum Kap Horn. An der Küste von Kalabrien und im Golf von Neapel findet man oft Bimssteine mit Lepas anatifera bedeckt, auf denen die Tiere, von Winden und Strö—
| HMI
Entenmufcdel (Lepas anatifera) auf Bimsstein. Natürliche Größe.
mungen abhängig, weitere Reifen machen. Die Arten von Scalpellum find Tiefwasserbewohner, die von Pollicipes und anderen sind Strandbewohner. Unter den den Ort mit ihrer Unterlage nicht wechselnden Gattungen ist eine, Lithothrya, welche in Kalkfelsen, Muschelschalen und Korallenstücke sich einbohrt. Die Tiefsee beherbergt ausgezeichnete Formen aus dieser Familie der Rankenfüßer, wie z. B. das umstehend abgebildete Megalasma striatum.
Die Balanen oder Seepocken (Balanidae) sitzen anderen Gegenständen unmittelbar mit der Endfläche ihres cylinder- oder kegelförmigen Gehäuses auf, welches durch eine mit zwei Plattenpaaren versehene Deckelhaut geschlossen werden kann. Dies geschieht z. B. bei dem in der Strandzone sich ansiedelnden Balanus balanoides, sobald die Ebbe eintritt.
Sie schützen sich also damit vor dem Vertrocknen; so gut ist der Verschluß, daß der heißeste Sonnenbrand ihnen nichts anhat. Dieselbe Art stirbt im brackigen Wasser, während einige andere gerade darin gedeihen, und auf den Falklandinseln traf Darwin eine Art an den Felsen in einer Flußmündung, welche bei der Ebbe von Süßwasser, bei der Flut von Seewasser
| umspült wurden. Eine der gemeinsten, durch
ihre blaßrote bis dunkelpurpurrote Färbung und außerordentliche Varietäten der Form ausgezeichnete Art ist Balanus tintinnabulum. Ihre eigentliche Heimat geht von Madeira bis zum Kap, von Kalifornien bis Peru. Sie kommt oft in wunderbaren Mengen an Schiffen vor, welche von Westafrika, Weft- und Ostindien und China in die europäischen Häfen zurückkehren. An einem Schiffe, welches zuerst Westafrika und dann Patagonien besucht hatte, fand sich die patagonische Spezies, Balanus psittacus, auf Balanus tintinnabulum angesiedelt. Ganz besonderer Zuneigung haben sich einige Wale von seiten gewisser Seepocken, seltener von Entenmuscheln, zu erfreuen. Auf dem grönländischen Buckelwal, Keporkak, schon auf ganz jungen Tieren findet sich Diadema balaenaris so regelmäßig, daß die Grönländer steif und fest behaupten, schon die Jungen im Mutterleibe seien da—
Megalasma striatum. Natürliche Größe. mit besetzt. Ein paar andere, Coronula balaenaris und Tubicinella, scheinen ausschließlich den Südsee-Glattwal (Leiobalaena australis) zu bewohnen. Im Gegensatze zu diesem Glattwal hat der hochnordische oder Grönlandswal nie Cirripedien auf sich sitzen, sowie nie an irgend einem Finnwal, nach Eschricht, irgend ein balanartiges Cirriped gefunden worden ist. Der genannte Kopenhagener Naturforscher wies darauf hin, wie die Kenntnis dieser Schmarotzerverhältnisse für die Walkunde von Nutzen sei. „So wie aber jeder Art jener Waltiere“, sagt er, „ganz bestimmte Arten von Cirripedien zukommen, so nehmen diese auch ziemlich bestimmte, verschiedene Stellen des Körpers ein. Wenigstens ist dies bei den balanenartigen Formen der Cirripedien der Fall. Bei den Glattwalen der Südsee haben sie vorzugsweise den oberen Teil des Kopfes inne, namentlich die Sevo 8 sogenannte Krone, und zwar sitzen die Tubicinellen nur auf der Größe. Krone, die Koronulen aber außerdem auf den Schwanz: und Brustflossen. Am Keporkak sitzen die Diadema im Gegenteil vielleicht nie oben auf dem Kopfe, sondern vielmehr an der Bauchfläche, an den Schwanz- und Brustflossen. An den südlichen Glattwalen war den Walfängern die durch die Tubicinellen und dazwischen dicht ansitzenden Cyami bewirkte weiße Farbe des während des Atemholens auftauchenden Kopfes von jeher ein wichtiges Artkennzeichen.“
Es ist oben von parasitischen und bohrenden Entenmuscheln die Rede gewesen. Sowohl um diese selbst in ihren eigentümlichen Anpassungen kennen zu lernen, als wegen
P
8r
ihrer vermittelnden Stellung zu den am höchsten abweichenden Wurzelkrebsen verweilen wir noch bei zwei dieser zu den Lepaden gehörigen Formen. Die eine, von ihrem Entdecker Noll Cochlorine hamata getauft, wollen wir die Muschelfeile nennen. Man findet sie in dem Gehäuse des kleinen Seeohres (Haliotis tuberculata). Die nur einige Millimeter langen Tierchen stecken in einer flaschenförmigen Höhlung mit spaltförmigem Eingang. Ihr Mantel ist mit Chitindornen bedeckt, mit deren Hilfe wohl die Wohnhöhle in das harte Schneckengehäuse eingeraspelt wird. Längere eigentümliche Dornen am Manteleingang mögen zur Offenhaltung und Reinigung der Gangmündung dienen, welche sonst von dem mancherlei Getier verstopft werden würde, die sich auf den Schnecken ansiedeln. Obwohl die einzelnen Körperteile Abweichungen von den offen lebenden Gattungen zeigen, ist das Ganze doch dem Lepadenbau getreu geblieben; man sieht nur solche Umwandlungen, welche der Wohnort und die Anlegung der Wohnkammer in hartem Material erheischen. Die Cochlorine hat keinen anderen Vorteil, als den Schutz vom Seeohr; sie entbehrt der Kalkplatten, mit denen sich die frei sich ansiedelnden Ordnungsgenossinnen panzern, muß aber ganz für ihren Lebensunterhalt sorgen.
Durchaus anders haben sich die Verhältnisse für die auf Haien schmarotzende Anelasma squalicola gestaltet. Das zuerst von Darwin beschriebene Tier ist unzweifelhaft eine Lepadide, allein es entbehrt nicht nur der Kalkplatten des äußeren Mantels, sondern auch seine Gliedmaßen, die Ranken der anderen, sind zu kurzen, borstenlosen Stumpfen degradiert, und die wie bei den echten Entenmuscheln in der Tiefe des Mantels steckenden Mundwerkzeuge find wenig entwickelt. Darwin gibt an, daß Anelasma ihre Nahrung von der Haut der bewohnten Haie abschlürfe. Damit kommt sie jedoch sicherlich nicht aus, vielmehr wird ihre Ernährung auf einem anderen unmittelbareren Wege in der Hauptsache bewerkstelligt. Der Stiel, mit welchem die Lepaden sich oberflächlich zu befestigen pflegen, dringt bei Anelasma tief in die Haut des Haies ein, und es bilden sich außerdem von ihm aus zahlreiche wurzelartige Ausstülpungen, welche verlängert und seitwärts verästelt in das Fleisch des Wirtes hineinwachsen. In unmittelbarer Berührung mit den Säften desselben müssen die zartwandigen Wurzeln diese Flüssigkeit aufnehmen und ihrem Körper zuführen. So ist es erklärlich, daß in dem Maße, als jene Wurzelbildung überhandgenommen hat, die Verkümmerung und Rückbildung der sonst die Nahrung ergreifenden und aufnehmenden Werkzeuge eintrat.