Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die vorderen Fühler sind bei den Weibchen meist einfach gegliederte, schlichte, sich nach vorn verjüngende Gliedmaßen, bei den Männchen aber erscheinen sie nicht selten stellenweise angeschwollen, knotig, geknickt oder mit gezähnelten Platten versehen, um die Weibchen besser fassen und überwältigen zu können. Solche Modifikationen treten manchmal nur an einem Antennenpaar (Calanidae), manchmal auch an beiden (Cyclopidae) auf. Das fünfte Fußpaar ist sehr verschieden entwickelt: bei manchen Calaniden bildet es einen kräftigen Klammerapparat, sonst ist es in der Regel an beiden Geschlechtern rudimentär, aber bei den meisten Harpakticiden ist es beim Männchen zwar rudimentär, beim Weibchen aber blattartig umgeformt und eine Art Hilfsorgan zum Tragen oder Bedecken des Ciersackes. Überhaupt ist der geschlechtliche Dimorphismus bei Kopepoden ein weitgehender. Es gibt, wie Giesbrecht bemerkt, keinen Teil an ihrem Körper, durch den sich nicht die Männchen oder Weibchen bei einer oder der anderen Art unterscheiden könnten. Die Männchen werden übrigens nach den Beobachtungen von Herrik, lange bevor sie ihre definitive Leibesbeschaffenheit erreicht haben, als Larven fortpflanzungsfähig, wodurch die an und für sich schon schwierige Systematik nicht erleichtert wird. Bei Notopterophorus, einer in niederen Seetieren hausenden Form, klammert sich das Männchen an das Weibchen, bevor dasselbe seine letzte Häutung vollendet hat. Tritt dieselbe ein, so läßt es los, klammert sich aber, wenn dieselbe vollzogen ist, sofort wieder an und vollzieht die Begattung, und das Weibchen läßt sich mehreremal und von verschiedenen Männchen hintereinander begatten.
Die Fruchtbarkeit der Spaltfüßer ist teilweise eine sehr bedeutende, und Jurine hat die Nachkommenschaft eines Weibchens unter der Voraussetzung, daß dieselbe vollständig
zur Entwickelung gelange, ausgerechnet und den Durchschnitt der Anzahl der verschiedenen Nachkommenschaften auf acht, den der Generationen auf vier angenommen. Das ergibt:
ce Anzahl der Lehensdauerderselben. Gesamtsumme. Männchen. Weibchen.
Slamm mutter, 1. Januar bis 320 80 240 31. März Weibchen der ersten Generation: 1. April bis 240 % ee 8 30. Juni 76,800 19,200 57,600
Weibchen der zweiten Generation: 1. Juli bis 57,000 12009 20 2, 22; 8 31. September 18,432,000 4,608,000 13,824,000
Weibchen der dritten Generation: 1. Oktober bis 13,82% 20... a 75 708 31. Dezember 4,423,680,000 1,105,920,000 3,317,760,000 Zusammen: 442,189,120 1,110,547,280 3,331,641,840
Was die Farbe anlangt, so sind viele pelagisch lebende Formen absolut durchsichtig, aber eine (Anomalocera Patersonii) ist wundervoll rot, blau und grün. Sonst sind die meisten marinen Arten strohfarben und durchsichtig, nur hebt sich das Auge als brillant rotes Fleckchen ab. Der äußere Eiersack ist, namentlich bei Süßwasserarten, häufig blau, grün oder braun. Übrigens find gerade die Süßwasserarten in ihrer Färbung sehr ver: änderlich, je nach der Lokalität, an der sie auftreten.
Ein Tierchen, welches ganz besonders aus dieser Menge herausgehoben zu werden verdient und sich selbst bemerklich macht, ist das Saphirkrebschen (Sapphirina fkulgens). Sein Körper ift ein flachgedrücktes Oval von etwa 3½ mm Länge. Obgleich ich dasselbe sehr oft selbst beobachtet habe, will ich doch die schöne Schilderung Gegenbaurs benutzen: „Wenn man“, sagt er, „bei ruhiger See von der Barke aus in die Tiefe spähet, so wird das Auge nicht selten ein Schauspiel gewahr, welches zwar an Großartigkeit von gar vielen Erscheinungen der Meereswelt übertroffen, an Lieblichkeit aber und Reiz von vielleicht nur wenigen erreicht wird. Zahllose Lichtfunken tauchen auf, scheinbar leicht zu erreichen, aber in Wirklichkeit oft noch fadentief unter dem Spiegel. Bald hierher, bald dorthin, höher oder tiefer auch, bewegt sich in kurzen, aber raschen Sätzen jeder einzelne Funke, dessen Farbe bald saphirblau, bald goldgrün, bald wieder purpurn leuchtet; und dieses wechselvolle Spiel wird noch durch veränderte Intensität erhöht. Ein Meeresleuchten bei hellem Tage! Jede Bewegung bringt eine andere Erscheinung hervor, und jeder Ruderschlag führt die Barke über neue Scharen hin, bis irgend ein Wind die Oberfläche des Meeres kräuselt und zu Wellen erhebt, und das ganze Schauspiel sinkt in die Tiefe.“ Gegenbaur, der in Messina beobachtete, fügt hinzu, daß so starkes Leuchten nur an wenigen Tagen im Januar vorkam, sonst spärlich und selten. Ich habe jedoch das ganze volle Schauspiel auch an allen schönen Tagen des März gehabt.
Nur die männliche Saphirine leuchtet, und zwar ist, wie wir von Gegenbaur erfahren, die den Hautpanzer absondernde Zellenschicht der Sitz der Farbenerscheinung. Das ganze bezaubernde Farbenspiel läßt sich mit dem Mikroskop beobachten, wobei sich ergibt, daß jede Zelle für sich, unabhängig von den Nachbarn, ihre Farben ausstrahlt. „So erscheinen gelbe mitten im Rot, rote mitten im Blau. Doch kann auch die Erscheinung auf benachbarte Zellen überschreiten; vom Rande einer blauen Zelle geht Blau auf die Nachbarzelle über, die eben noch rot war, und so dehnt sich zuweilen eine Farbe über eine große Strecke aus. Zuweilen tritt plötzlich in einer und derselben Zelle ein farbloser Fleck auf, in der Mitte oder am Rande, größer oder kleiner, während der übrige Teil noch in voller Farbe prangt. Verwandelt man jetzt das durchfallende Licht in auffallendes, so leuchtet der Fleck in vollem Metallglanz, während die übrigen vorher und * 9 färbten Partien dunkel sind.
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„Die Zeiträume, innerhalb welcher die Phänomene verlaufen, sind verschieden lang; oft wechselt in einer Sekunde die Farbe dreimal, oft währt eine Farbe mehrere Sekunden lang. Mit dem Tode des Tierchens, wo sich der feinkörnige Inhalt der Leuchtzellen jedesmal gegen die Mitte zusammengedrängt, ist die ganze Erscheinung erloschen.“ Es geht aus derselben hervor, daß es sich um Reflexion der Lichtstrahlen von jener Körnchenschicht der Zellen handelt, nicht um ein sogenanntes Selbstleuchten. Doch will dieser Gewährsmann nicht behaupten, daß das Saphirkrebschen nicht auch zu den nächtlichen Leuchttieren gehöre, zu welchen es von Thompson und Ehrenberg gezählt wird.
Wir sind im Obigen mit einer Reihe familienartiger Gruppen bekannt geworden. Die Bewohner des süßen Wassers wurden früher unter dem Gattungsnamen Cyclops zusammengefaßt, ausgezeichnet durch das einzelne Stirnauge. Die Weibchen tragen gewöhnlich einen oder zwei Eiersäcke an sich. Sie kommen überall im stehenden Wasser vor. Eine vorzugs-weile im Meere lebende nahe verwandte Gattung ist Harpacticus. Nach einem englischen Journal hat das „Ausland“ den Fund einer sonst im salzigen Wasser lebenden Art dieser Gattung mitgeteilt. Der norwegische Zoolog Sars der jüngere, zog aus den tiefsten Teilen eines Binnensees einigen Schlamm mit herauf und fand ihn zu seinem Erstaunen voll von einer Art kleiner, roter Kopepoden, in welcher er sogleich die Seespezies Harpacticus chelifer erkannte. Das Vorhandensein dieser Krustacee war ihm so unerwartet, daß er trotz der von ihm ebenfalls gefundenen Süßwasserformen sich durch Kosten des Wassers „ Weib V überzeugen mußte, ob es nicht brackig sei. Die Analogie Letztere 150 mal vergrößert. mit dem von Lovén in den Binnenseen Schwedens entdeckten, mit den hochnordischen Salzwasserformen korrespondierenden Krustern ist augenfällig ein weiterer Beleg, daß eigentliche Meeresbewohner unter gewissen Umständen sich an das Leben im vollständig süßen Wasser gewöhnen können. Der See, in welchem Sars fischte, liegt so nahe an der Küste, daß irgend eine sehr hohe Flut oder ein wütender Sturm aus Westen seine Becken füllen konnte. Andere Salzwasserspezies mögen wahrscheinlich zu derselben Zeit in den See geführt worden und allmählich zu Grunde gegangen sein, als das Wasser seinen Salzgehalt verlor, während sich dieser kleine Kopepode, ohne sich anatomisch zu verändern, den neuen Verhältnissen akkommodierte.
Wir erwähnen noch die Gattung Notodelphys, deren Arten, ohne eigentliche Schmarotzer zu sein, im Mantel und der Kiemenhöhle der Aseidien sich aufhalten, einer in der Folge näher zu beschreibenden Gruppe der Manteltiere.
Bei den Schmarotzerkrebsen (Parasita) bilden sich ein Paar Fühlhörner und ein oder einige Paare der Kieferfüße zu Klammerorganen um, während gewöhnlich die Kiefer als zum Stechen geeignete Stilette in einer Saugröhre liegen. Alle ziehen ihre Nahrung von anderen Tieren, namentlich Fischen. Ihr Verhältnis zu letzteren stuft sich in allen Graden ab, von der freiesten Bewegungsfähigkeit, welche dem Schmarotzer gestattet, seinen Wirt beliebig zu verlassen, bis zur unfreiwilligsten Seßhaftigkeit, wobei das Vorderende des Gastes so in das Fleisch des Wohntieres eingesenkt ist, daß man den eingegrabenen Kopf nur durch Ausschneiden unversehrt erhalten kann. Mit diesem Seßhaftwerden
ist immer eine rückschreitende, den ursprünglich gegliederten Körperbau verwischende Verwandlung, wenigstens der weiblichen Individuen, verbunden, wobei der Körper weich und wurmförmig wird, oder auch wohl die abenteuerlichsten Gestalten annimmt, verziert und verunziert mit allerlei knotigen, ästigen oder lappigen Auswüchsen. In vielen dieser Fälle werden die Männchen zwar nicht auch zu dieser ungegliederten Unförmlichkeit reduziert, bleiben aber im Verhältnis zu ihren unschönen Gattinnen pygmäenhaft klein und lassen sich von letzteren, an sie angeklammert, durchs Leben schleppen.
Unter den Schmarotzerkrebsen unserer Süßwasserfische zeichnen sich durch größere Behendigkeit und durch häufigen Wohnungswechsel die Karpfenläuse aus. Der gemeine Argulus foliaceus hat einen scheibenförmigen Vorderkörper mit verkümmertem, zwei-lappigem Hinterleib. Zwei große, zusammengesetzte Augen liegen in den Seiten des Kopfes. Hinter den Mundteilen und Kieferfüßen folgen vier Paar langgestreckter, gespaltener Schwimmfüße. Wie der Name besagt, hält sich Argulus foliaceus vorzugsweise auf unseren Karpfenarten auf, sehr häufig aber auch, wie Claus bemerkt, am Stichling, seltener am Hecht, Barsch und an der Lachsforelle. Ja, er wird auch an Kröten- und Froschlarven gefunden, und besonders sah ihn der genannte Beobachter den Axolotl gern heimsuchen. „Die Arguliden leben“, teilt Claus mit, „vornehmlich vom Plasma des Blutes, also der eigentlichen Blutflüssigkeit, zu dem sie sich sowohl mittels Stachels als vornehmlich durch die spitzen Mandibeln und Maxillen Zugang verschaffen. Schon die vortreffliche Entwickelung der Sinnesorgane und Schwimmfüße weist darauf hin, daß wir es nur mit stationären Parasiten zu thun haben, die gelegentlich der Begattung und Eierablage ihren Aufenthaltsort verlassen und frei umherirren. Auch die Einrichtung des Darmkanales mit seinen zahlreichen verästelten Blindschläuchen macht es wahrscheinlich, daß auf eine tüchtige Mahlzeit eine längere Fastenzeit unbeschadet der Lebensenergie der Tiere folgen könne. In der That habe ich beobachtet, daß der wohlgenährte Argulus viele Tage, ja wochenlang von seinem Wirte getrennt ohne Nahrung zubringen kann und während dieser Zeit Häutungen besteht, dann aber wieder, an den Fischkörper angeheftet, die zahlreichen Anhänge seines Darmes mit Nahrungssaft füllt.“
Da wir über die Fortpflanzungszeit der niederen Tiere meist noch sehr unvollständig unterrichtet sind, so nehmen wir gern auch die weiteren Beobachtungen von Claus über diesen Punkt der Kaligiden entgegen. „Über die Zeit der Begattung und Fortpflanzung kann ich mitteilen, daß diese keineswegs auf das Frühjahr beschränkt ist, sondern daß noch mehrmalige Bruten im Sommer und Herbst aufeinander folgen. Ende April, Anfang Mai beobachtete ich die erste Laichablage, ohne jedoch damit beweisen zu wollen, daß nicht auch gelegentlich schon eine um eine oder mehrere Wochen frühere Eierablage vorkommt. Die Brut schlüpft etwa 4— 5 Wochen nach Absatz des Laiches aus und mag etwa 6—7 Wochen bis zur ersten Eierablage nötig haben. „Also etwa gegen Mitte oder Ende Juli würde die junge Generation im Sommer Eier produzieren, deren Abkömmlinge gegen Ende September Eier absetzen. Nun wird freilich diese periodenweise Abgrenzung der Bruten im Jahre dadurch gestört, daß das Argulus-Weibchen selbst keineswegs mit der einmaligen Eierablage erschöpft ist, sondern nach unbestimmten, von der Ernährung abhängigen Intervallen zum zweitenmal Eierreihen absetzt, ja wahrscheinlich zu einer mehrmaligen Brutproduktion befähigt ist. Sehr oft sah ich Argulus- Weibchen alsbald nach der Eierablage von neuem am Integument des Nähr-fisches sich anheften (die Eier werden an Steinen und anderen festen Gegenständen an: geklebt) und im Verlaufe einiger Zeit den erschöpften Ei-Inhalt wieder ersetzen, d. h. eine Menge kleiner Eikeime zur Reife bringen. So kommt es denn, daß man vom Juli an bis Ende Oktober die Eierablage beobachtete. Auch die Männchen haben eine entsprechende
Lebensenergie und vermögen während ihres auf Monate ausgedehnten Lebens eine Reihe von Weibchen zu befruchten, wie auch wohl die relativ viel beschränktere Zahl von Männchen mit dieser Fähigkeit im Zusammenhang steht.“
Weiter führen wir zunächst im Umrisse eine Fischlaus (Caligus) vor, deren flacher Körper mit einem großen, schildförmigen Kopfbruststück beginnt. Ihre Familie umfaßt diejenigen Schmarotzerkrebse, welche bei freier Beweg⸗ 1 lichkeit durch größte Entfaltung der Klauen, Klam— h I mer: und Saugwerkzeuge ihrem Namen die meiste Ehre machen. Sie halten sich auf der Haut, an den Flossen und besonders gern an den Kiemen der un DTverschiedensten Seefische auf. Die Weibchen, welche A | man gewöhnlich mit den beiden Eiersäcken findet, 8 \ find in weit größerer Anzahl als die Männchen N * vorhanden. = N 60