Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
umgebenden Sande liegt. Nun wird der Nutzen der eigentümlichen Färbung offenbar: die dicht bei einander stehenden Flecken in verschiedenen Tinten von Braun, Grau und Rot gleichen den Farben des Sandes fo vollkommen, daß man die Garneele, die man noch eben sich hat vergraben sehen, im nächsten Augenblicke nicht mehr unterscheiden kann. Nur die an der Spitze des Kopfes, wie die Dachstubenfenster auf den holländischen Häusern, angebrachten Augen stehen wie ein paar Wachtposten leuchtend hervor, und so liegt das Tier ruhig und vor den meisten Feinden sicher, wenn nicht die eiserne Lippe des Schleppnetzes den Sand aufrührt und die armen Garneelen aufstört und in die Mündung des Netzes treibt.“
Ahnlich wie der Fang der Garneelen an der englischen Küste ist er natürlich überall, nur daß in der Regel die armen Fischer ihn nicht so großartig mit Hilfe eines Rosses betreiben, sondern ihre kleineren, über eiserne oder hölzerne Rahmen gespannten Netze selbst schieben oder ziehen. N
Eine der schönsten, den Crangons sich anreihenden Garneelen ist die nur im Mittelmeere sich findende Lysmata seticauda, deren korallenrote Körperfarbe mit weißlichen Längsstreifen sie vor allen kenntlich macht.
Daß in wärmeren Ländern, besonders in tropischen und in erster Linie in dem an Süßwasser überreichen Südamerika, aber auch schon in Südeuropa, viele Garneelen in Flüße, Bäche ꝛc. eindringen, wurde erwähnt. Von den meerbewohnenden wäre, mit Übergehung anderer, wegen ihrer eigentümlichen Lebensweise die Pontonia tyrrhena hervorzuheben. Diefer im Adriatischen und Mittel: meer nicht häufige Krebs lebt für gewöhnlich parasitisch in der großen Steckmuschel, als deren Gastfreund wir oben auch einen Pinnotheres kennen gelernt. Er birgt sich jedoch auch nicht selten in Schwämmen. Ein
fast ausschließlich in diesen sich aufhaltendes Tier ist Typton spongicola. 1) Pontonia tyrrhena. 2) Typton spongicola. Beide natürl. Größe.
Die Scheren des zweiten Fußpaares sind sehr entwickelt, und immer erreicht die eine, mehr als die andere vergrößerte fast zwei Drittel der ganzen Körperlänge. Die Farbe ist lichtbräunlich, und die geschlechtsreifen Weibchen zeichnen sich durch eine mennig- oder fast korallenrote Farbe des großen Hinterleibes aus. Wenn die kleinen, kaum 2 cm langen Wesen, denen die große, keulenartige Schere sehr komisch steht, in Furcht gesetzt oder erzürnt werden, bringen sie durch Aneinanderschlagen der Scherenglieder genau den schnalzenden Ton hervor, welcher entsteht, wenn man den Zeigefinger vom Daumen auf den Ballen ausgleiten läßt. Weiter geht aber der komisch aussehende Schelm nicht, der sich einem mit ungeheurer Pritsche ausgerüsteten Polichinell vergleichen läßt. Dagegen sind ritterliche Erscheinungen die verschiedenen Arten von Palaemon und verwandten Gattungen, welche zusammen eine eigne Sippe der Palämoniden bilden.
Ihr Kopfbruststück geht vorn in einen säbelförmigen Schnabel aus, dessen obere Kante gezähnelt ist. Der Vergleich mit dem Ritter läßt sich nicht weiter führen, obgleich Gosse es versucht bei seiner Schilderung des in den nordischen Gewässern besonders gemeinen Palaemon serratus. Was hilft es, gerade von seinem Panzer hervorzuheben, daß die Platten so genau auf- und aneinander passen, daß das Tier wie ein wahrer Soldat und
Waffenknecht immer in Waffen geht, ißt und schläft? Hinter dem heldischen Aussehen steckt weder Kraft noch Mut, und trotz vieljähriger Beobachtungen der im Aquarium gehaltenen Palämonen konnte nie wahrgenommen werden, daß sich einer seines gefährlich aussehenden Spießes zum Angriff oder zur Abwehr bedient hätte. Eine andere Frage, welche der englische Beobachter ebenfalls aufwirft, ist es aber, ob nicht durch den bloßen Anblick der drohenden Waffe mancher Feind des Krebschens mutlos gemacht wird. Auch dieser sägeförmige Palämon (Palaemon serratus) kommt so massenhaft besonders an der französischen Nordküste (als Crevette, Celicoque, Bouquet ꝛc.) und weiter östlich gegen das
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ausgebildet: eine Form, die schlankfüßige Haargarneele (Nematocarcinus gracilipes), besitzt kolossal verlängerte Fühler und Beine. Die letzteren nehmen von vorn nach hinten bedeutend zu, die hintersten Beine sind von mindestens drei-, die Antennen von mindestens fünffacher Körperlänge. Im Mittelmeere fing Chun zwischen 800 und 1200 m Tiefe einen Sergestes magnificus, der eine Körperlänge von 38 mm hatte, dessen Fühler aber 115 mm maßen und noch dazu mit seitlichen Fädchen besetzt waren, welche ihrerseits wieder Gefühlsborsten trugen.
Sehr merkwürdig sind teilweise auch die Larven der Tiefseegarneelen, besonders von der Gattung Sergestes. Einem der abenteuerlichsten dieser Geschöpfe hat man den Namen Elaphocaris gegeben, was vielleicht „Hirschgeweih“ heißen soll. Alle diese jugendlichen Wesen sind ausgestattet mit seltsamen Dornen, Schutzwaffen gegen räuberische Angriffe, mit einem oft großartig entwickelten System von Sinnesborsten und meist mit ansehnlichen Augen. Sie leben pelagisch.
Eine Unterfamilie der Garneelen bilden nach neueren Untersuchungen die Leuchtkrebse (Luciferinae), denen, wie der deutsche und lateinische Name besagt, die Fähigkeit des Leuchtens innewohnt. Diese Unterfamilie besteht aus nur einer Gattung (Lucifer) mit zwei Arten, welche fast panthalattisch verbreitet zu sein und nur den kalten Meeren zu fehlen scheinen. Nach den Beobachtungen von Brookes leben die Tiere am Tage an untiefen Stellen der Küste in geringer Tiefe, begeben sich aber mit Sonnen: untergang hinaus auf das offene Meer, wo später auch die Eier abgelegt werden. Die Metamorphose ist eine langsame, und manche noch nicht voll entwickelten Larven sind als Arten beschrieben worden. Die Gattung hat keine Kiemen und ist auch sonst von sehr abweichender, man kann sagen, abenteuerlicher Leuchtkrebs (Lucifer). Natürliche Größe 5 mm. d Eine Gestalt. Gleich weit vorgeschobenen Beob— Drüse, h Herz, ac große Schlagader, m Nervenstrang. achtungsposten stehen die Fühler und langgestielten Augen am Vorderrande eines langgezogenen Kopfgliedes. In weitem Abstande von ihnen, wo nämlich der Vorderteil des Körpers in das seitlich zusammengedrückte und nach
vorn erweiterte Kopfbruststück übergeht, befindet sich die Mundöffnung, umgeben von den wie in einem Büschel zusammengedrängten Kiefern und zwei Paar Hilfskieferpaaren. Ihnen reihen sich unmittelbar noch einige Beinpaare an. Der Nachleib ist im wesentlichen wie sonst bei den Zehnfüßern beschaffen.
Die zweite Ordnung der Panzerkrebse, die der Spaltfüßer (Schizopoda) enthält eine Reihe kleiner, weichschaliger, im hohen Meere, aber auch in der Tiefsee lebender Krebse, welche, oberflächlich betrachtet, den Garneelen gleichen. Ihre Kieferfüße und Gang: beine sind aber gleich gebildet, tragen nach außen einen langen, gegliederten Anhang und erscheinen deshalb als gespalten. Die größte Verbreitung hat die Gattung Mysis, besonders im Atlantischen Ozean und den nördlichen Meeren. Schon in der 1780 erschienenen Beschreibung der grönländischen Tiere von dem hochverdienten Prediger und Missionar Otto Fabricius wird von der Mysis gesagt, daß sie mit einigen anderen kleinen Tierchen die Hauptnahrung des gro— ßen Grönlandwales (Balaena mysticetus) ausmache. Es sei wunderbar, wie die kleinsten Tiere (die Mysis find noch nicht 1 Zoll lang) eine ausreichende Nahrung für die größten abgeben und das Material der ungeheuern Masse Speck liefern könnte. Sie seien jedoch im Grönländischen Meere so häufig, daß der Wal bloß das Maul aufzusperren brauche, um viele tausend Fetttropfen mit dem Wasser ausströmen zu lassen. Und nun komme ihm die Vorrichtung der Fischbeinplatten zu gute, hinter welchen, wie hinter einer Reuse, die Beute zurückbleibe. Es sud,
N I scheine sogar, als ob die Krebschen durch den Glanz
Nr As IF = Ä D di ir) Sur a 1 und die Fasern der Platten angezogen würden und 0 Im U von selbst in das große Maul des Wales spazierten. In der Tiefsee finden sich die äußerst zartschaligen Eukopien und die Gnathophausien, von denen eine (Gnathophausia zo&a) eine auffallende Ahnlichkeit mit der Larve (Zo&a) kurzschwänziger Zehnfüßer hat. Die Euphausien leben pelagisch und haben an den Körperseiten eigentümliche Organe, die früher für Nebenaugen gehalten wurden, nach G. O. Sars aber in Wahrheit Leuchtorgane sind.
Gemeiner Heuschreckenkrebs (Squilla
| mantis). Etwas verkleinert. Hier reiht sich weiter die aus über 50 Arten
bestehende Ordnung der Maulfüßer (Stomatopoda) durch den Besitz gestielter, beweglicher Augen an, weicht aber in der Gliederung des Körpers, in der Stellung und Form der Kiemen ab.
Das bei den Dekapoden so sehr ausgeprägte Rückenschild finden wir hier auf eine horizontale, fast vierseitige Platte reduziert. Es läßt sowohl die vorderen Teile als die vier hinteren Ringe des Kopfbruststückes frei und mithin selbständig beweglich. Die großen
kurzen Augen sind auf einem vordersten, beweglichen Ringe eingepflanzt, auf welchen ein die inneren Fühlhörner tragender Ring folgt. Ihr dünner, dreigliederiger Stiel trägt drei Geißeln. An den unter dem Rückenschild wurzelnden äußeren Fühlern fällt uns eine lange, dem Stiel angehörige Schuppe auf. Die fie umgebenden Lippen und die den Ober- und Unter: kiefern des Flußkrebses entsprechenden Mundteile können nur an frischen oder in Spiritus aufbewahrten, nicht an getrockneten Exemplaren in ihren Einzelheiten erkannt werden, sind auch wenig abweichend. Dagegen ist die Zahl der Hilfskiefer oder Kieferfüße durch Heranziehen der beiden, dem ersten und zweiten Fußpaare der Zehnfüßer entsprechenden Gliedmaßen auf fünf Paare vermehrt; diese alle, mit Ausnahme des ersten Paares, sind mit einem wie eine Messerklinge einzuschlagenden Klauenglied versehen, und namentlich ist das eine derselben durch Länge und Stärke und durch die langen und spitzen Zähne der scharfen
Klinge ein ausgezeichnetes Angriffs- und Greifwerkzeug geworden. Auch bei den Raubinsekten (Mantis und anderen) kommen diese Greifbeine vor, kein anderes Gliedertier aber hat eine solche ganze Reihe neben dem Munde stehen. Auf den schon freien, d. h. nicht mehr vom Rückenschild bedeckten Ringe, welcher das letzte Hilfskieferpaar trägt, folgen drei starke Ringe, deren Anhänge wiederum anders geformt sind und als Flossen und Beine verwandt werden. Der große Hinterleib ist aber das eigentliche kräftige Bewegungs- und Ruderwerkzeug, mit einer breiten Flosse endigend. Die beinartigen Anhänge der fünf vorderen Abschnitte dieses Hinterleibes tragen büschelförmige Kiemen. Ihre Ausdehnung entspricht dem regen Blutumlauf und dem gesteigerten Atembedürfnis, welches sich bei so muskelkräftigen, lebhaften Tieren geltend macht, wie die Maulfüßer sind.
Der gemeine Heuschreckenkrebs (Squilla mantis) des Mittelmeeres wird bis 18 em lang und kommt als ausgiebig und wohlschmeckend auf den Markt. Er gehört nicht zu den lebhafteren Mitgliedern seiner Klasse, wenigstens nicht in der Gefangenschaft, wo er fast gar nicht schwimmt, sondern auf den drei Paar in unserer Abbildung (S. 56) seitlich abstehenden Beinen geht. Die sehr gelenkigen Hilfskiefer benutzt er oft zum Putzen und Reinigen der verschiedenen Körperteile, und indem er sich kämmt, kann er damit selbst die Oberfläche des Schwanzes erreichen.
Eine kleinere, 10 em lange Art, Squilla Desmarestii, findet sich außer im Mittel: meer auch im Kanal. Die Tiere liegen gewöhnlich völlig zwischen Steinen und Tangen versteckt, sodaß man im Aquarium bequem beobachten kann, wie äußerst geschickt und mannigfaltig sie die das Maul umgebenden Gliedmaßen gebrauchen. Fortwährend putzen sie sich, ziehen die Fühlhörner durch die eingeschlagenen Fußglieder und langen mit dem einen oder anderen Beine auf den Rücken, um sich an einer, wie man meinte, unerreichbaren Stelle zu kratzen.