Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
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welches die zentrale Nervenmasse enthält, genannt) im stande ist, abgeschnittene Stücke zu ersetzen, sondern indem auch diese unter günstigen Umständen, und wenn sie nicht gar zu klein sind, wieder zu ganzen Würmern auswachsen können. Sehr häufig, ja fast immer können wir nun beobachten, daß, wenn ein niederes Tier diese Fähigkeit in einem fo hohen Maße besitzt, es auch frei—,ApppdFe
8=SZFREE7 willige Teilung ausübt und durch diese sich fortpflanzt. Eine derartige ungeschlechtliche Vermehrung ist nun auch bei Rhabdocoelen mehrfach beobachtet worden. Bei einigen scheint sie mehr zufällig und nur gelegentlich aufzutreten, bei anderen aber ist sie zu einer feststehenden Lebenseinrichtung geworden. So bei der Gattung Microstomum (Kleinmaul) und Stenostomum (Engmaul). Eine Art der letzteren Gattung ist das einäugige Engmaul (Stenostomum monocelis). Die enge Mundöffnung (o) mit dem darauffolgenden engen Schlunde bei gestrecktem Körper und gewissen anderen anatomischen Eigentümlichkeiten weist es der Gattung Stenostomum zu. Das vor dem Munde liegende helle Bläschen (8) ist ein augenartiges Organ, möglicherweise auch ein Gehörwerkzeug und war, wie gesagt, bisher nur bei einigen in der See lebenden Gattungen bekannt. Für den Spezialkenner wird die vorliegende, bei Graz lebende Form ein willkommenes Zwischenglied zur Gattung Monocelis. Wir sehen ferner an unserem Tierchen ein geschlängeltes Wassergefäß (), dessen Verzweigungen nur hier und da bei stärkerer Vergrößerung deutlich werden. Was uns aber am meisten interessiert und uns die Fortpflanzungsgeschichte der Ringelwürmer Nals, Autolytus und Myrianida ins Gedächtnis zurückruft, ist die Knospenbildung am Hinterende. Im Juni, wo ich die Tier: chen anhaltend beobachtete, fand ich selten ein Einzel: wesen, gewöhnlich ein „Vordertier“ als Mutter mit einem „Hintertier“, ihrer töchterlichen Knospe. Dabei sorgt die Mutter zugleich auf andere Weise für die Erhaltung der Art, indem in ihrem Hinterleibe ein Paket Eier (e) sichtbar ist.
Über die Teilung der Kleinmäuler liegen eine ganze Reihe von Beobachtungen vor. Abgesehen von der Körperumhüllung und ihren Gebilden sowie von dem Parenchym gehen auch der Darm und die beiden seitlichen Nerven von dem mütterlichen Körper in die Einäugigesmonocelis.)EngmaulStark vergrößert.(Stenostomum Knospe über, so daß die an dieser sich vollziehenden ) Neubildungen von Hirn, Augen, Wimpergrübchen, Mund und Schlund sowie von den Drüsen eigentlich Regenerationserscheinungen sind (von Wagner). Die Teilung kann
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successive an mehreren Körperstellen beginnen, und zwar von hinten nach vorn, ehe die letzte und älteste Knospe sich loslöst, so daß es zur Bildung von Ketten, ähnlich wie bei einem Bandwurm, kommt, in denen eine Anzahl von Knospen, hintereinander gelegen, dem mütterlichen Individuum anhängen.
Die Mikrostomeen sind proterogynetische Zwitter, d. h. dieselben Individuen sind erst weiblich, später männlich, es kommen aber auch gleichzeitige Zwitter vor, sowohl bei Einzelindividuen als auch bei Ketten, doch sind bei letzteren die Knospen zur gleichen Zeit auch meist gleichen Geschlechtes. Die ungeschlechtliche Vermehrung geht während der guten Jahreszeit vor sich, gestalten sich die Verhältnisse ungünstiger, dann tritt die geschlechtliche Fortpflanzung ein. Wahrscheinlich ist die unter mißlichen Verhältnissen schwierigere Ernährung, die größere Mühe, für die schwerer bewegliche Kette die nötige Nahrung aufzufinden, gegenüber der verhältnismäßig leichteren Ernährung des Einzeltieres als Ursache hiervon anzusehen. Unter diesen Umständen stellt sich der Fortpflanzungsmodus der Kleinmäuler in der That als ein Generationswechsel heraus.
Dritte Unterordnung.
Die verzweigtdürmigen Strudelwürmer (Dendrocoela).
Zugänglicher, weil größer, find die Mitglieder der dritten Ordnung, deren systematischer Name Dendrocoela die merkwürdige baumartige, verästelte Form ihres Darmkanales bezeichnet. Eine an der Bauchseite gelegene Offnung führt in eine Höhle, worin im Zustande der Ruhe gänzlich zurückgezogen ein äußerst dehnbares Schlundorgan liegt.
Umriß einer Dendrocoele. Smal vergrößert.
Dasselbe wird, sobald das Tier sich zum Fressen anschickt, hervorgestreckt und macht den Eindruck, als ob es für sich lebendig wäre. Zumal, wenn es bei der anatomischen Unter: suchung ganz isoliert worden ist, sieht dieser Schlundrüssel aus wie ein selbständiger weißlicher Wurm; er setzt dann nämlich seine Bewegungen geraume Zeit fort, öffnet sich und schluckt und schlingt noch. Der an diesen Schlund sich ansetzende Darmkanal, richtiger gesagt Verdauungsraum, besteht aus einem nach vorn und zwei sich seitlich nach hinten erstreckenden Hauptästen mit einer größeren oder geringeren Zahl von Nebenästen und Verzweigungen, welche alle blind endigen. Beim Schwimmen zeigen die Körperränder der Planarien eine scharf markierte undulierende Bewegung, die an den beiden Seiten ganz in derselben Weise vor sich geht wie bei einem Boote, dessen Ruder sich gleichmäßig heben und senken (Schmarda). Viele besitzen in der Haut eigentümliche, stäbchenartige Hart: gebilde, welche unter Umständen (Bipalium dendrophilum) so zahlreich sein können, daß
die Haut einen bedeutenden Grad von Festigkeit erlangt. Sie liegen ursprünglich in Zellen und Zellausläufern und rücken erst nach und nach an die Oberfläche der Haut. Ihre Bedeutung ist noch nicht ganz klar. Lehnert bemerkt über dieselben von Bipalium kewense, einer Landplanarie: „Die Hautstäbchen sind von zweierlei Art, die einen, die Hautstützen, kurz, dick, keulenförmig, die anderen, die Hautnadeln, lang, dünn, fadenförmig. Die Hautstützen werden ohne Verletzung der Haut niemals, die Hautnadeln dagegen bei jeder Reizung ausgeschossen.“ Andere Forscher, wie Schneider und Graff, möchten in diesen Gebilden überhaupt weniger Waffen als andere Apparate sehen. Schneider hält sie eher für Reizorgane und vergleicht sie mit den Liebespfeilen der Schnecken, Graff hält sie zwar für einen niederen Zustand von Nesselorganen, wie sie bei Quallen und Polypen so weit verbreitet sind, betont aber, daß sie nur bei wenigen Arten als Fäden vorkämen und wohl auch nur selten als Waffen fungieren dürften, sondern meist als Endorgane sensibler Nerven.:
0 Von den in unseren süßen Gewässern vorkommenden Dendrocoelen können wir alle mit zwei Augen auf dem vorderen Ende versehenen zur Gattung Planaria ziehen. Eine der größten, über 2 cm lang werdende ist die milchweiße Planarie (P. lactea), welche, wie fast alle übrigen, unter Steinen, zwischen den Schilfblättern und an der Unterseite der Seerosenblätter sich aufhält. Sie eignet sich besonders, um sich an ihr, ohne sie zu verletzen, den verzweigten Darm zur Anschauung zu bringen. Er schimmert schon bei auffallendem Lichte schwärzlich durch und wird klarer, wenn man das Tier in einem Glase bei durchscheinendem Lichte mit der Lupe mustert. Auch darin schließt sie sich ihren Schwestern an, daß sie die Eier in einem rundlichen Kokon von der Größe eines starken Stecknadelkopfes neben sich an den Steinen und Pflanzen befestigt. b
Man hielt früher alle braunen, im mittleren und südlichen Deutsch— 4 5 land beobachteten Planarien für eine Art, Planaria torva. Ich habe gezeigt, daß mindestens vier verschiedene Arten bei uns vorkommen, kennt— a lich an der äußeren Form und namentlich an konstanten anatomischen | Verschiedenheiten. Ihr Verhalten im Freien und in der Gefangenschaft ift sehr uninteressant. Sobald man sie in das Aquarium gesetzt hat, sind sie einige Zeit unruhig und schwimmen hin und her, dann suchen sie die dunkelsten Verstecke auf und verhalten sich möglichst still und bewegungslos.
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Dies gilt auch von unserer zweiten einheimischen Gattung, dem Viel: auge (Polycelis). Die kleinere, bis 1 cm lange Polycelis laevigata | (s. nebenstehende Abbildung) ist in der Ebene und in stehenden Gewässern poiycelis laevigata. sehr gemein und teilt mit der anderen Art die Vieläugigkeit. Der ganze a) Das ganze Tier, Rand des Vorderendes ist mit einer Reihe von 30—50 Augen besetzt. Am id en häufigsten ist die vorn breite und abgerundete P. nigra, ganz schwarz, daneben kommt eine bräunliche Abart vor. Die andere Art, das gehörnte Vielauge (P. cornuta), hält sich vorzugsweise in den schnell fließenden, kühlen und schattigen Gebirgswässern auf und ist z. B. in den Bächen der steirischen Berge und Gebirge millionenweise vorhanden. Auch auf dem Thüringer Walde wurde sie gefunden. Sie ist eine der zierlichsten und schlankesten unter ihresgleichen, ausgezeichnet durch zwei fühlerartige Kopflappen, welche ihr große Ahnlichkeit mit gewissen Nacktschnecken verleihen. Einmal, als ich zahlreiche Exemplare dieser Art des Abends in einem Glase nach Hause geholt hatte, war am anderen Morgen das 14
Gefäß wie mit Spinngeweben durchzogen, an denen die Planarien umherglitten. Diese Fäden konnten nur von den Tieren abgesondert sein, und es ist zu vermuten, daß es durch eine dieser Art eigentümliche, am Bauche sich öffnende Drüse geschieht.
Gewiß sind unendlich viele an die beschriebenen gemeinen Arten sich anschließenden Formen über die ganze Erde verbreitet. Ich konnte wenigstens in Korfu und Kephalonien auf wenigen Exkursionen mehrere neue hinzufügen. Einen weit größeren Reichtum bietet aber auch hier das Meer. Die Seeplanarien schließen sich nur zum geringsten Teile enger an die oben geschilderten Gattungen an. Die wichtigsten Abweichungen beziehen sich auf das anatomische Detail der Fortpflanzungs⸗ = ZZ ygrgane Bei den meisten finden sich auf der = — » Rückenseite in der Nähe des Vorderendes _ ZZ zahlreihe Augen, nicht vollkommen sym⸗ VVVmaaeetrisch, für jede Spezies aber doch in charakteristischer Ordnung in zwei Haufen. Fast immer ist der Körper sehr platt und breit, oft durchscheinend und schön gefärbt. Die Tiere sehen so zart aus, daß man kaum begreift, wie sie oft unter dem schwachen Schutz einiger Tangstreifen dem Wellenschlag widerstehen können. Ich habe mich mit ihrer Beobachtung längere Zeit bei meinem Aufenthalt in Kephalonien ab: gegeben. Die Stadt Argostoli liegt an einem in seinem blinden Ende sich sehr ver: flachenden Meerbusen, dessen Grund dicht bedeckt ist mit Schwämmen und Tangen. Ich ließ mir durch einen darin herumwatenden Fischer einen Haufen Tang herauswerfen, nahm denselben ohne alle Sorgfalt gepackt mit in die Wohnung und that dann kleinere Partien in ein Gefäß. 5 RER! %. Nach wenigen Minuten kamen die Pla⸗
Zottenplanarie (Thysanozoon). 2mal vergrößert. narien unversehrt hervorgeschwommen. Ohne Frage gehören diese Gattungen (Thysanozoon, Leptoplana 2c.) zu den lieblichsten der Meeresbewohner. Obige Abbildung stellt die bei Neapel sehr gemeine Zottenplanarie dar. Der Rücken des oft gegen 3 em langen Tieres ist mit vielen Reihen dunkel gefärbter troddel- oder zottenförmiger Anhänge bedeckt. Am Kopfende befinden sich ein Paar schräg nach aufwärts stehende, ohrförmige Falten, in welchen der Gefühlssinn besonders konzentriert zu sein scheint. Die Bauchfläche ist rein weiß. Das Tier ist in der Lage dargestellt, wie es mit dem größeren Teile der Bauchfläche an einem Tange haftet, mit dem Vorderende aber, nach einer neuen Unterlage suchend, sich aufrichtet. Die Seeplanarien beginnen jedoch erst im Mittelmeer mit einer größeren Mannigfaltigkeit und verleihen mit anderen niederen Organismen den klassischen Ufern von Neapel und Sizilien für den Naturforscher noch eine besondere Anziehungskraft. Auch die stille Bai von Villafranca bei Nizza läßt den Freund dieser niederen, verborgenen Tierwelt nie leer an den öden Strand der Stadt Nizza zurückkehren. Mit vielen schönen Formen aus den südlichen Meeren hat uns Schmarda bekannt gemacht. Es ist von hohem Interesse, daß die Planarien des Baikalsees, der sehr reich an ihnen ist, sich (nach Grube) der Mehrzahl
nach den marinen Formen durch Größe und Färbung anschließen. Diese Thatsache ift, wie das Vorkommen von Seehunden, Seefischen, Seekrebsen ꝛc., eine abermalige Stütze für die Theorie, daß der Baikalsee einst ein Meeresteil war, welcher durch die Hebung Sibiriens isoliert wurde und, zwar nach und nach, versüßte, aber doch einen Teil seiner alten marinen Tierwelt in die jetzigen Verhältnisse hinüberrettete.
Eine besondere Erwähnung verdienen die Landplanarien, welche vorläufig unter dem Namen Geoplana zusammengefaßt werden. Schon im vorigen Jahrhundert entdeckte der berühmte dänische Zoolog Otto Friedrich Müller eine auf dem Lande unter Steinen in feuchter Erde lebende Art, welche er Landplanarie, Planaria (Rhynchodesmus) terrestris, nannte. Dieselbe besitzt einen fast cylindrischen, nur an der Bauchseite etwas abgeplatteten, 16 mm langen, 1 mm breiten Körper, ist oben schwärzlichgrau, unten weiß gefärbt und läßt am vorderen Ende zwei kleine schwarze Augenflecke erkennen. Nur wenige Male wurde dieses Tier in Frankreich und Deutschland wiedergefunden, und offenbar sind diese gemäßigten Striche gerade diesem Wesen nicht günstig. Nur noch eine einzige Spezies ist in Deutschland entdeckt worden, und zwar zu Gießen in Blumentöpfen des Warmhauses im botanischen Garten, beschrieben als Geodesmus bilineatus. Wenn die Erde in den Blumentöpfen nicht feucht genug ist, kriecht das Tier in die Tiefe, sobald aber die Erde von neuem begossen wird, kommt es wieder an die Oberfläche, mit dem Vorderkörper nach der — — 5 Umgebung taftend. Die größten Exemplare find 12 mm lang. e zu Der Rücken ist schmutzig gelb gefärbt und enthält noch eine e zweite marmorierte rotbraune Färbung. Außerdem sieht man am Rücken zwei nebeneinander liegende, durch den ganzen Körper verlaufende, ebenfalls rotbraun gefärbte Linien und einen in der Mitte des Körpers liegenden dunkeln Fleck; dieser letztere entspricht der Lage des Schlundrüssels. Die beiden Augen am Kopfende sind sehr markiert. Eine weitere Art (Mieroplana cunnicola) beschrieb Vejdowsky 1889 aus Fundstätten Böhmens. Auch aus Nordamerika find Formen bekannt, jo Rhynchodesmus sylvaticus, der sich von Insekten ernährt. Der Armut an diesen Formen bei uns gegenüber, ‚haben uns“, sagt Max Schultze, „die Reisen des englischen Forschers Charles Darwin mit einer reichen Fauna von Landplanarien in den feuchten Urwaldregionen Südamerikas bekannt gemacht. Mußte zunächst die Eigentümlichkeit des Vorkommens überraschen, daß Würmer aus der Ordnung der Turbellarien, die wir in unseren Gegenden nur im Wasser zu finden gewohnt sind, und welche ihres äußerst weichen, zarten und aller festen Stützen entbehrenden Körperparenchyms willen ausschließlich in diesem Medium zu leben bestimmt zu sein scheinen, in zahlreichen Arten als Landbewohner auftreten, so wurde nicht weniger unser Interesse in Anspruch genommen durch die Angaben über die ansehnliche Größe dieser Tiere, den bunten Farbenschmuck, die nemertinenartige Gestalt, verbunden mit der inneren Organisation der Planarien unserer süßen Gewässer.“ Das Verlangen nach näheren Mitteilungen über die Naturgeschichte dieser Urwaldbewohner wurde, soweit es ihm unter den beschränkten Verhältnissen eines mit der Axt sich ansässig machenden Auswanderers möglich war, durch unseren Freund Fr. Müller befriedigt, der 13 Arten der merkwürdigen Landplanarien teils in der Nähe der Kolonie Blumenau, teils in Desterro beobachtete. Sie lieben mäßig feuchte Orte, unter Holz, Rinde, Steinen, 1 zwischen Blättern der Bromeliaceen, doch nicht in dem daselbst angesammelten Wasser. Am