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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Einzelnes Tier von Paludicella Ehrenbergii, im Durchschnitt, stark vergrößert. von den verschiedensten Unterlagen als zierliche Bäumchen oder gabelig sich verzweigende Gebilde oder kriechen bisweilen in dieser Verzweigung auf der Unterlage hin. Andere wieder verflechten sich zu feinen Netzen und Krausen oder gleichen zusammenhängenden Rasen und Moosen, bilden Blätter, an denen entweder nur auf einer oder auf beiden Seiten die Tentakelkränze zum Vorschein kommen.

Zur Beute der Schleppnetzexkursionen an den Küsten des Atlantischen Ozeans und

Mittelmeeres zählt sehr oft die sogenannte Netzkoralle (Retepora cellulosa), keine Koralle, sondern ein echtes Moostier, dessen Kolonien einen lieblichen Anblick gewähren. Im frischen Zustande erscheinen die einem feinen becherartigen oder mannigfach gefalteten und gekrausten Netzwerk gleichenden Stöcke von einer rötlichen organischen Masse überzogen, aus

Einzelnes Tier von Paludicella Ehrenbergii, im Durchſchnitt, ſtark vergrößert.

welcher sich die zarten Vorderenden der nur mit starker Lupe deutlich erkennbaren Einzeltiere erheben. Die Stöcke aber, aus denen die Weichteile durch Bleichen und Putzen entfernt sind, haben eine blendend weiße Farbe. Es überwiegt an ihnen die kalkige, die einzelnen Individuen verbindende Zwischenmasse, deren Verhältnis zu den den Einzeltieren angehörigen Teilen ein ganz ähnliches ist wie bei den Polypen. Wir verweisen darüber auf die spätere Darstellung der letzteren. Die kleinen Offnungen, welche wie Pünktchen auf den durchbrochenen

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Netzkoralle (Retepora cellulosa). Natürliche Größe.

Blättern der Stöcke zu sehen sind, gehören den Einzeltieren an. Ihre Wandungen sind die zu Skelett gewordenen Hinterenden, die Kapseln, in welche das zugehörige Vorderende sich zurückzog. Als Beispiel der ungemein zahlreichen überrindenden, oft auch zugleich frei blätterig ausgebreiteten Moostierformen des Meeres geben wir auf S. 222 eine Lepralie des Mittelmeeres. Ich habe die Artbestimmung vermieden, weil ich mich der Vermutung nicht entschlagen kann, daß die Anzahl der vielen von den Fachkennern beschriebenen Arten bedeutend wird zusammengezogen werden müssen. Der Fuß des Stockes ruht auf einem vielästigen Gebilde, einer den Algen verwandten, sehr gemeinen Kalkpflanze aus der Abteilung der Melobesieen, und diese selbst ist einem Steine aufgewachsen. Die Einzeltiere sind im Stocke in Reihen geordnet, und eine Eigentümlichkeit, welche die Lepralien von den Reteporen und anderen Bryozoen unterscheidet, besteht darin, daß die Individuen sich nur auf einer Seite des Stockes, also in einfacher Schicht befinden.

Netzkoralle (Retepora cellulosa). Natürliche Größe.

Die Erhaltung im fossilen Zustande verdanken sie der Erhärtung und Verkalkung des größten Teiles der Leibeswand, welche dadurch zu einer „Zelle“ wird, in welche sich der immer weich bleibende Vorderteil des Tieres zurückziehen kann. Die so wechselnde Form der Stöcke hängt von der speziellen Art der Knospenbildung ab. Nachdem nämlich das aus dem Ei gekommene Wesen sich fixiert hat, wird der Stock durch Knospenbildung aufgebaut. Indem bei jeder Sippe und Art die Knospen an bestimmter Stelle hervorbrechen und eine bestimmte Lagerung zu den Mutterindividuen annehmen, resultieren infolge kleiner Abweichungen doch die verschiedensten Kolonieformen. Da jedes Individuum des Stockes zu bestimmter Zeit auch Eier und Samen hervorbringt, so ist für die Vermehrung in ergiebigster Weise gesorgt. Man kann == KA am Meeresstrande binnen wenigen 2 —Ö— gg Tagen eine reiche Ernte an Bryozoen S000 machen. Man braucht nur Haufen I m: von Tangen sich nach Haufe bringen zu lassen, um fast an jedem blatt: artigen Teile dieser niederen Pflanzen gewisse Arten anzutreffen; und wo der Meeresboden nicht gar zu steril und ungünstig ist, sind die Steine und die noch vollen und die leeren Schneden-gehäuse und Muschelschalen mit Bryozoenstöckchen besetzt, welche man allerdings oft erst bei sorgsamer Durch: musterung mit der Lupe entdeckt. Daß unsere Tierchen in dem gro- ßen Konzert der organischen Welt keine große Rolle spielen, ist aus dem Obigen klar. Ihre Anzahl ist aber wieder so erheblich, das Detail ihrer Organe, die Art und Weise ihrer Knospenbildung und Fortpflanzung jo mannig-ö N faltig, daß die Beschäftigung mit ihnen Lepralie. Natürliche Größe. ein Naturforscherleben auf Jahre auszufüllenim stande ist, wie die umfangreiche Litteratur über dieselben beweist. Die Hauptmomente für die systematische Einteilung sind der Beschaffenheit des Mundes und der Fühlerkrone entnommen, wie wir wenigstens durch einige Beispiele zu belegen versuchen werden.

Die Mehrzahl der Moostierchen des süßen Wassers gehören der Ordnung der sogenannten Phylactolaemata an, deren Mund mit einem zungenförmigen Deckel versehen ist. Ihre Kiemen find hufeisenförmig, am Grunde von einer kelchförmigen Haut umwachsen. Die Zellen find entweder ganz weich oder hornig und kommen daher im fossilen Zustande nicht vor. Eine sehr merkwürdig sich verhaltende Sippe ist Cristatella. Sie bildet elliptische Kolonien, welche nicht festgewachsen sind, sondern, dem Lichte nachgehend, langsam kriechend sich fortbewegen. Es tritt nun die Frage an uns heran, wie ein so vielköpfiges Geschöpf es zu stande bringe, alle Einzelwillen nach einer Richtung zu vereinigen. Denn wenn auch der äußere Anreiz, wie z. B. der des Lichtes, alle Einzeltiere in der Regel in derselben

Lepralie. Natürliche Größe.

Richtung treffen wird, so erscheint er doch kaum ausreichend, um in eine solche Kolonie einen gewissen einheitlichen Willen und danach eine einheitliche Bewegung zu bringen, ohne daß ein diese Einheit vermittelndes Organ vorhanden ist. Und dieses ist vorhanden. Wir holen hier nach, daß jedes Einzeltier einen Nervenknoten zwischen Schlund und After und Nerven für seinen eignen Bedarf hat. Daneben besteht aber in den Kolonien der Moostiere noch ein besonderes Nervensystem, welches mit dem der Einzeltiere in Verbindung steht, aber von Nachbar zu Nachbar geht durch Offnungen, durch welche auch die Leibesflüssigkeit des einen den übrigen zu statten kommt, ein Kommunismus idealster Art. Es besteht also ein Kolonialnervensystem, durch welches ohne Zweifel auch die Kolonialbewegungen geregelt werden. | Neben der geschlechtlichen Fortpflanzung und in einem gewissen Wechsel mit ihr kommt bei den Moostierchen auch noch eine ungeschlechtliche inAnpassung an äußere Verhältnisse, Winterkälte, Austrocknung ꝛc. vor, wohl aber nur ausschließlich bei den Formen des süßen Wassers, bei denen, wenigstens bei den einheimischen, diese Vorgänge genauer untersucht worden sind, in neuerer Zeit besonders von Kraepelin und Braem.

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a) Cristatella mucedo. 2 mal vergrößert. b) Statoblast der Cristatella mucedo mit drei jungen Tieren. Vergrößert.

Die ungeschlechtliche Vermehrung vollzieht sich durch Keimkörper, welche von zweierlei Art sein können. Bei der Gattung Paludicella bilden sie sich Ende September innerhalb weniger Tage durch einfache Abschnürung vom Stocke, der darauf zu Grunde geht. Sie sind von sehr verschiedener Größe, zeigen aber die Verhältnisse anderer, mit dem Stocke in Zusammenhang bleibender Knospen von gleicher Größe: es sind eben thatsächlich losgelöste Knospen, sogenannte Winterknospen, welche an den Resten der horizontal kriechenden Zweige der Paludicella-Stöckchen haften bleiben und im nächsten Frühjahr an Ort und Stelle zu einer neuen Kolonie auswachsen, von den aufrecht stehenden aber durch das Wasser weggespült werden und in der Ferne neue Ansiedelungen zu gründen bestimmt sind.

Anderer Natur ist eine zweite Art von Keimkörpern, welche sich in Gestalt von Zellhaufen auch Ende des Sommers am Funiculus bilden, von ovaler oder runder abgeplatteter Gestalt sind und eine eigentümliche Schale um sich bilden. Dieselbe ist von horniger, durchsichtiger Beschaffenheit, von bräunlicher oder gelblicher Farbe und besteht aus zwei Klappen, welche wie Uhrgläser aufeinander gepaßt sind. Der beide Klappen umgebende Rand ist oft verbreitert und enthält im Inneren kleine Luftkammern oder radiär abstehende starre Hornfädchen mit Widerhaken am Ende. Dieser Ring, den man als „Schwimmgürtel“ bezeichnet, ist ein hydrostatischer Apparat, welcher die fertigen, Statoblasten genannten Winterkeime (siehe obenstehende Abbild. Fig. b) auf der Oberfläche des Wassers erhält. Die komplizierte Einrichtung der Widerhaken stellt gewissermaßen Anker dar, mit welchen die passiv schwimmenden Statoblasten an geeigneten Stellen, an denen sie sich im nächsten Frühjahr

a) Cristatella mucedo. 2 mal vergrößert. b) Statoblaſt der Cristatella mucedo mit drei jungen Tieren. Vergrößert.

entwickeln werden, hängen und haften bleiben. Die Entwickelung wird dadurch eingeleitet, daß sich die beiden Klappen zu einem Spalt auseinandergeben, aus welchem die Keimmasse austritt. Wir haben es hier mit einem Generationswechsel zu thun. Aus den auf ungeschlechtlichem Wege hervorgebrachten Winterknospen und Statoblasten erscheinen Individuen, welche sich geschlechtlich fortpflanzen, und deren Nachkommenschaft schließlich wieder die Winterkeime liefert. Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß die Stöckchen, welche aus solchen sich entwickelt hatten, eine Zeitlang zwar geschlechtlich sich fortpflanzen, im Herbst aber selber auch Statoblasten liefern. Das Wachstum der Bryozoenstöckchen“ durch Knospung, das Ablösen der Winterknospen bei Paludicella, die Bildung der Statoblasten und das Auftreten von Eiern zeigt uns so recht, wie Wachstum und Fortpflanzung miteinander zusammenhängen.

Braem ist der Meinung, daß die Statoblasten wenigstens non Cristatella einfrieren müssen, um zur Entwickelung fähig zu bleiben. Er bemerkt über den Einfluß des Frostes auf die Statoblasten: „Am deutlichsten zeigte er sich dann, wenn von den Statoblasten der nämlichen Kolonie nur eine Hälfte dem Frost ausgesetzt wurde, die andere ihm dagegen entzogen blieb. Während in diesem Falle die erstere sich zur Erzeugung von Embryonen durchweg als tauglich erwies, konnte jene einstweilen durch keine Bemühungen zur Entwickelung gebracht werden, selbst dann nicht, wenn die Temperatur dem Nullpunkt sehr nahe gestanden hatte. Man sieht also, daß bei der völligen Gleichartigkeit des Materials nur der Frost das ausschlaggebende Moment bilden konnte, und daß ferner gerade die Erstarrung der Flüssigkeit nicht bloß eine verhältnismäßige Abkühlung von Bedeutung ist. — Immerhin scheint es, daß auch der Frost nicht allzu flüchtig sein darf, und daß er wenigstens einige Tage anhalten muß, wenn sein Einfluß deutlich hervortreten soll.“

Diese Beobachtung ist merkwürdig, aber es ist zu bezweifeln, ob eine Verallgemeinerung des Beobachteten gerechtfertigt ist. Für die hyperboreischen Verhältnisse Königsbergs mag die Sache gelten, aber für andere Gegenden nicht. In Westeuropa entlang der Küste sind Winter, in denen das Wasser nicht zu Eis gefriert, nicht ausgeschlossen, und doch findet sich dort Cristatella. Ebenso wissen wir, daß Fritz Müller in Brasilien und Carter in Britisch-Indien Statoblasten bei Bryozoen beobachtet haben.

Ungleich zahlreicher sind solche Familien der Moostierchen, denen der Munddeckel, das Epistom, fehlt, deren Mund daher unbedeckt ist. Ihre Tentakeln sind nicht hufeisenförmig angeordnet, sondern stehen im Kreise auf einer Scheibe. Der systematische Name für diese Ordnung ist Gymnolaemata, womit eben das Unbedecktsein des Mundes bezeichnet wird. Zu den wenigen Süßwasserbewohnern dieser Gruppe gehört die oben näher beschriebene Paludicella, an welcher der Tentakelkranz unvollkommen ausstülpbar ist und daher auch im Zustande der größten Ausdehnung des Tieres von einem doppelten Kragen umgeben erscheint.

Eine andere und zwar sehr umfangreiche Gruppe der Gymnolämen sind die sogenannten Chilostomen, von deren Beschaffenheit uns die in der Nordsee gemeine Flustra foliacea eine Vorstellung geben kann. Die vergrößerten Zellen, welche wir auf der Abbildung (S. 225) sehen, sind jener erhärtete Teil des Tieres, in welchen sich der weich bleibende Vorderteil zurückziehen kann. Dies geschieht durch eine quere Offnung, an welcher sich ein lippenartiger elastischer Deckel befindet. Die Tierchen können also in diesem Gehäuse sich abschließen und sichern, und diejenigen Sippen, die nicht, wie Flustra und andere, mit einem besonderen Deckel ausgestattet sind, können die Querspalte durch Muskeln zusammenziehen. Die Kolonien unserer Flustra bilden blattartige, verzweigte Lappen, auf beiden Seiten aus einer Lage eng aneinander liegenden Individuen zusammengesetzt. Die Zellen verkalken, jedoch nicht stark, so daß sie im frischen Zustand elastisch und mit dem ganzen Stock sehr biegsam bleiben.

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Bei den Gymnolämen und ganz besonders bei den Chilostomen kommt an den Stöckchen Arbeitsteilung vor, d. h. die einzelnen dieselben zusammensetzenden Individuen zeigen einen ungleichartigen Bau und dienen verschiedenen physiologischen Leistungen. Es finden sich Zoöcien, Stolonen, Avikularien, Vibrakeln und Ovicellen. Die Zoöcien find die ebenerwähnten Gehäuse zur Aufnahme der am vielseitigsten entwickelten Mitglieder der Kolonie, welche zur ( Atmung, Nahrungsaufnahme und Verdauung, wohl auch zum Empfinden dienen. Die Stolonen sind wurzelartige Ausläufer der Stöckchen, = welche aus sehr vereinfachten Individuen bestehen und die Befestigung der ganzen Gesellschaft auf unter derselben befindliche Gegen—.————— stände, Steine, Muscheln, Schneckenschalen ꝛc., vermitteln. Höchst eigentümliche Gebilde sind die Avikularien. Dieselben gleichen auffallend dem Kopfe eines Vogels, etwa eines Papageien, es sind Zangen mit einer größeren

oberen (Schädel und Oberkiefer des Vogels) Flustra foliacea.b) Einigea) EinvergrößerteStock in Zellen.natürlicher Größe.

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