Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Tage scheinen sie zu ruhen, nachts umherzuschweifen. Fr. Müller wollte sich vergewissern, ob die Landplanarien wie ihre Verwandten im Wasser auf der Körperoberfläche Flimmerhaare tragen. „In Ermangelung eines Mikroskops“, schrieb er, „bestreute ich, eines Experimentes in J. Müllers physiologischen Vorlesungen mich erinnernd, ein recht großes Exemplar der Geoplana rufiventris mit ein wenig Arrowrootmehl und sah nun dieses auf dem Rücken sich konstant vorwärts und dabei bisweilen auf der Bauchseite etwas nach hinterwärts sich fortbewegen, wodurch die Existenz der Flimmerhaare außer Zweifel gestellt scheint.“ Ein ganz besonderes Interesse bot die unterirdisch lebende Geoplana subterranea, „indem sie den Kreis der Lebensbedingungen, unter denen dieser Tierform zu bestehen gestattet ist, aufs neue erweitert zeigt. Nachdem man Plattwürmer in dem klaren Quellwasser der Gebirge, unter den Steinen der Seeküste, wie an den flutenden Tangen mitten im Weltmeer gefunden, nachdem sich die Aussicht auf eine reiche Landplanarienfauna eröffnet hat, die in feuchtem Moose, unter Steinen und Rinden sich birgt und bis in die Wipfel des Ur-waldes aufsteigt, wo fie zwischen den stachligen Blättern der Bromelien ein stets feuchtes Asyl findet — fo kommen nun auch Erdplanarien zum Vorschein, Genossen der Regenwürmer und Engerlinge. In bezeichnendem Gegensatze zu ihren über der Erde lebenden farbigen, augenreichen Gattungsgenossen ist diese im Dunkeln hausende Geoplana ohne Farbenschmuck und Farbensinn, milchweiß und augenlos. Im Habitus entfernt sich diese Art mehr als irgend eine von der typischen Planarienform. Ihr gleichmäßig schmaler, sehr langer, an den Enden abgerundeter Körper, der bei einer Länge von 6—8, selbst bis 11 mm kaum die Breite von 1½ mm erreicht, gibt ihr vollständig das Ansehen einer Nemertine. Das Tier lebt besonders in lockerem, sandigem, aber auch in schwerem zähen
Lehmboden in Gesellschaft eines Regenwurmes (Lumbricus corethrurus). Es mag befremden, daß ein so weiches Tierchen, das kaum leise Berührung verträgt, in diesem Medium existieren und sich Wege bahnen könne. Diese Schwierigkeit lösen die Regenwürmer, die den Boden so durchwühlen, daß er wie ein Schwamm von glatten Gängen verschiedener Weite in allen Richtungen durchsetzt ist. Zum Dank dafür werden die Regenwürmer von dem Plattwurm aufgefressen oder vielmehr ausgesogen. Diese Nahrung war aus der Farbe des Darminhaltes unschwer zu erschließen. Ich habe aber auch Geoplanen getroffen, die eben einen jungen Regenwurm mit dem vorgestülpten Rüssel gepackt hielten, und deren Darm sich mit frischem Blute zu füllen begann.“
Auch in den feuchten Waldungen Ceylons sind Landplanarien entdeckt, unter denen sich die der Gattung Bipalium angehörigen Arten durch das Vermögen auszeichnen, an einem aus der schleimigen Absonderung ihrer Körperoberfläche gezogenen Faden sich aufzuhängen.
In neuester Zeit hat besonders Georg Lehnert Landplanarien, namentlich Bipalium kewense, untersucht. Er bezog sein Material aus verschiedenen Gewächshäusern Englands, Berlins und hauptsächlich Leipzig-⸗Anger⸗Crottendorfs. Die Tiere waren angenscheinlich mit tropischen Gewächsen eingeführt wurden, jedoch ließ sich nicht feststellen, mit welchen, daher unser Forscher auch über ihr ursprüngliches Vaterland im Unklaren blieb. Die Bipalien kriechen mit Leichtigkeit über wage: und senkrechte, ja selbst über hängende Flächen dahin, und ihre Bewegung vollzieht sich unter Schlängelungen des ganzen Körpers, Wellenbewegung der Sohle, Flimmerung der Sohlenwimpern und Schleimabsonderung seitens der ganzen Oberfläche ihres Leibes. Die Wimpern sind nicht gleichmäßig auf der Sohle verteilt, es finden sich vielmehr zwei Randzonen mit größeren und ein Mittelraum mit kleineren Wimpern, aber die Tiere können dieselben nicht zum Vorwärtsschieben benutzen, wenn sie keinen Schleim absondern können, und dieser bleibt in Gestalt eines Fadens als Kriechspur zurück. Beim Kriechen wird der Kopf mit dem vorderen Körperabschnitt
(durchschnittlich etwa auf ein Neuntel der ganzen Körperlänge) erhoben getragen, der Halbmond, den das Kopfende darstellt, und der sonst auch in Zungen- oder Lanzenspitzenform zusammengezogen und gestreckt werden kann, erscheint ausgebreitet und führt nach allen Seiten tastende Bewegungen aus. Kommen die Tiere an eine Unterbrechung ihres Weges, so strecken sie sich zunächst aus und suchen mit dem Kopfabschnitt überall herum, bis sie einen festen Punkt erreicht haben, nach diesem ziehen sie sich hinüber, aber immer unter Entwickelung eines Schleimfadens, der in Gestalt einer Brücke die beiden Punkte verbindet. Wollen sie sich von einem erhöhten Punkt herablassen, so bilden sie erst einen dreieckigen Schleimspiegel, von dessen einer Seite sie sich dann, auch an einem Faden, herablassen. Da aber die Bildung des Spiegels eine größere Schleimmasse beansprucht, können sie ihn nur etwa viermal hintereinander herstellen, dann müssen sie einige Zeit pausieren. So sehr sie auf feuchte Lokalitäten angewiesen sind, so sehr meiden sie das Wasser, wahrscheinlich weil es ihre Schleimfäden auflöst.
Auch die Bipalien Lehnerts ernährten sich von Regenwürmern, aber nur lebenden, sich windenden; über diese, und wenn sie ein Sechstel so lang wie die ganze Planarie sind, stülpen sie ihren Schlund weg, saugen sie aber nicht aus, sondern verdauen die Nahrung Schicht auf Schicht innerhalb 1—-5 10 Stunden. Alle 5—7 Stunden nehmen fie eine tüchtige Mahl: e zeit zu sich, können aber auch 3 Monate und darüber hungern.
Lehnert konnte bei seinen Bipalien nicht die Spur von Geschlechtsorganen entdecken, wohl aber beobachtete er ungeschlechtliche Fortpflanzung, welche besonders des Nachts sich nicht selten vollzog. Bei derselben, die ganz ohne irgend welche bemerkbare einleitende Veränderungen des Körpers vor sich ging, schnürte sich das Schwanzende in einer Länge von 1—2, selten von 3—4 cm ab und regenerierte in verhältnismäßig kurzer Zeit Kopf, Rüssel und Darm. Bei Geodesmus waren freiwillige Teilungserscheinungen nicht bemerkbar, aber abgeschnittene Stücke wuchsen ebenso mit Leichtigkeit zu neuen, vollständigen Würmern heran.
Bevor wir den Kreis der Würmer verlassen, müssen wir noch einiger kleinen, seltsamen Wesen Erwähnung thun, deren endgültige systematische Stellung zwar noch nicht festgesetzt ist, die aber doch wohl Würmer, allerdings durch schmarotzende Orthonektide N, tart Lebensweise in ihrer Organisation sehr entartete und in V ihrer Entwickelung stark modifizierte, fein und sich zunächst den Strudel: oder Saugwürmern anschließen dürften. Das find die Orthonektiden und die Dicyemiden.
Die Orthonektiden leben in der Leibeshöhle von Strudelwürmern (Leptoplana), Schnurwürmern (Nemertes, Lineus) und Schlangensternen (Amphiura). Sie find von spindelförmiger Gestalt, ohne Verdauungsorgane, Nervensystem ꝛc. und zwischen 0,066 und 0,15 mm groß. Ihre Binnenmasse besteht aus einem Haufen polyeédrischer Zellen, um welche sich äußerlich als Mantel eine einfache Lage kubischer Zellen lagert, die gruppenweise zu Querringen zusammentreten und, abgesehen die des zweiten Querringes, mit Flimmerhaaren besetzt find. Die Tiere find getrennt geschlechtlich: die Männchen haben außen 8 (Rhopalura Intoshi aus den Würmern) oder 6 (Rhopalura Giardii, s. obige Abbildung, aus dem Seestern) Ringe oder Segmente und im Inneren einen mit Samentierchen gefüllten Sack. Sie sind
immer kleiner (bei Rhopalura Girardii nur halb jo groß) wie die 9 äußerliche Segmente aufweisenden Weibchen, die übrigens in zwei Formen, als vollrund eierlegende und abgeplattete, lebende Junge produzierende, auftreten. Die Tiere scheinen sich auf Kosten der Fortpflanzungswerkzeuge ihrer Wirte zu ernähren, wenigstens konnte Metschnikow feststellen, daß die von jenen befallenen Würmer keine Geschlechtsorgane mehr befaßen, obwohl es die Zeit der höchsten Reife derselben war. Interessanter noch zeigten sich die Verhältnisse bei dem Seestern. Dieser ist ein Zwitter, und es fanden sich diejenigen Individuen, welche von zahlreichen Orthonektiden bewohnt waren, ganz ohne Geschlechtsorgane, diejenigen hingegen, die nur einige wenige beherbergten, waren zwar ihrer Eierstöcke verlustig gegangen, hatten aber die Hoden noch, es werden mithin die weiblichen Genitalien vor den männlichen befallen.
Nicht weniger sonderbar find die Dicyemiden, welche besonders vom jüngeren van Beneden und von Whitman untersucht worden sind. Diese seltsamen, 1839 von Krohn entdeckten Tiere finden sich ausschließlich in den Hohlräumen oder Kammern der als Nieren bezeichneten Organe der Kopffüßer vor, und zwar die meisten der zehn bekannten Arten auch bei besonderen Arten dieser Mollusken, eine indessen auch bei 2, eine andere sogar bei 3 Kommen mehrere Spezies bei ein und demselben Individuum des Wirtstieres vor, dann verteilen sie sich entweder auf verschiedene Nieren-kammern, oder falls sie ein und dieselbe der letzteren bewohnen, so hält sich doch jede Art gruppenweise von der anderen gesondert zusammen. Die Dicyemiden find größer (2,5—7 mm) als die Orthonektiden, viel schlanker und deutlich bilateral symmetrisch. Ihre innere Zellmasse wird außen von einigen wenigen langen Spindelzellen (Ektoderm) umgeben. Am Kopfende ordnen sich die äußeren Zellen zu einer „Calotte“ an, welche bei der Gattung Dicyema aus 8 Zellen (4 in einem vorderen und 4 in einem hinteren Gürtel),
Dicyemide. 20 mal vergrößert. bei Dicyemennea aus 9 (5 im hinteren Gürtel) besteht. Am Schwanzende stehen zwei lange Zellen einander gegenüber, während zwei andere, zu diesen rechtwinkelig arrangierte, sich mit ihrem Vorderende zwischen je zwei Zellen als Parapolarzellen des hinteren Calottengürtels einschieben. Diese Parapolarzellen arrangieren eine rechte und linke Seite und die beiden Schwanzzellen eine Bauch- und Rückenseite der Dicyemiden, welche mithin, wie gesagt, bilateral symmetrisch sind. Die Tiere bringen entweder nur eine Art von Embryonen hervor (sie sind monogen) oder zwei Arten und heißen dann diphygen. Auch in ersterem Falle sind noch zwei Möglichkeiten offen, denn die Embryonen können wurmförmig (bei nematogenen) oder infusorienförmig (bei rhombogenen Dicyemiden) fein. Die Diphygenen produzieren erst infusorien-, später wurmförmige Nachkommen.
Die Muschellinge.
Die Muschellinge (Molluscoidea).
Die beiden Tierklassen, die Moostierchen (Bryozoa) und die Armfüßer (Brachiopoda), welche man unter dem höchst unpassenden Namen der Molluskoiden ver: einigte, haben beide ihre besonderen, sehr verschiedenen systematischen Schicksale gehabt und dürften wohl noch nicht endgültig im System untergebracht fein. Außere Ähnlichkeiten mit anderen Tieren war für die Beurteilung ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen maßgebend gewesen, und so brachte man denn die Armfüßer zu den Muscheln, während man die Moostierchen mit Hydroidpolypen, Korallen, Schwämmen ꝛc. zu der großen und bunten Gesellschaft der Pflanzentiere oder Zoophyten vereinigte. Als zufolge immer mehr sich erweiternder Kenntnis diese letzteren als himmelweit verschiedene Tiere erkannt worden waren, stellte man die Bryozoen mit den Rädertieren zusammen unter dem Namen Ciliati als eine Art Anhang zu den Würmern, während andere Forscher sie mit den Manteltieren vereinigt Molluscoidea nannten, die Armfüßer aber bei den Mollusken beließen. Allman betonte die Ahnlichkeit der Moostierchen, besonders die der Larven einiger Formen, mit Muscheln, Schneider aber die Übereinstimmungen mit den Larven, aber auch mit gewissen Eigentümlichkeiten in der Organisation der Sternwürmer (Sipunkuliden).
Wenn man jetzt Bryozoen und Brachiopoden miteinander vereinigt, so glaubt man sich hierzu doch wohl nur durch übereinstimmende Erscheinungen in der Entwickelung beider Tiergruppen berechtigt, denn die Homologien, welche man in die anatomische Beschaffenheit der Moostiere und Armfüßer hat hineindeuteln wollen, sind zu gesucht, um überzeugend sein zu können. Aber auch die auf die Entwickelung, besonders auf den Bau der Larven basierte Vereinigung beider ist nicht unanfechtbar. Können nicht Larven sehr verschiedener Tiere durch Anpassungen an gleiche oder höchst ähnliche Lebensumstände eine sehr ähnliche Organisation erlangen? Wäre es logisch, annehmen zu wollen, daß sogenannte Konvergenzerscheinungen bloß für ausgebildete Tiere Geltung hätten?
Erste Klasse. Die Moostiere (Bryozoa).
Wir machen uns mit dem Bau eines Moostieres an der umstehenden Abbildung bekannt, welche uns den äußeren Umriß und das Innere eines Tieres aus dem Stocke der in den süßen Gewässern Belgiens lebenden Paludicella Ehrenbergii sehen läßt, und zwar in sehr vergrößertem Maßstab. Am Grunde ist das Tier von dem darunter befindlichen Individuum losgelöst worden, und oben ist das darauffolgende höher stehende Individuum abgebrochen. Der Körper stellt eine Zelle dar, hier ziemlich verlängert. Die Wandungen sind steif und nur am Vorderteil so biegsam, daß dasselbe durch mehrere
Muskeln (m), darunter einen besonders starken und sich bis fast in den Hintergrund der aA Zelle frei durch den Körper erstreckenden, eingestülpt und eingezogen werden kann. Am Vorderende selbst befindet sich die Mundöffnung, umgeben von einem Kranze wimpernder Fühlfäden oder Tentakeln (a). Der mit einem muskulösen Schlundkopf (b) beginnende Darmkanal hängt wie eine Schlinge, den Magen (g) zu unterst, in die Leibeshöhle hinein und endigt etwas unterhalb des Mundes (bei c). Sonst ganz frei, wird er nur noch durch einen kurzen Strang, den Funiculus, an die Leibeswand locker = befestigt. In allen erwachsenen Zellen e entwickeln sich an der Wandung zwei Zellenhaufen, aus deren oberem (o) Eier hervorkommen, während im unteren (t) Samenkörperchen sich erzeugen. Die Moostierchen sind mithin Zwitter; die Befruchtung der Eier geschieht durch die in ihrer nächsten Nähe sich bildenden und mit den Eiern frei in der Leibesflüssigkeit schwimmenden Samenkörper. Dies sind die einförmigen wesentlichen Grundzüge des Baues einer Tier: gruppe, von der man zwar gegen 1700 fossile und noch lebende Arten kennt, die aber trotz der Anhäufung der Individuen zu Stöcken im ganzen sehr wenig in die Augen fällt. Einige Sippen überziehen im Süßwasser Wurzeln und die Stengel der Seerosen bis zu Armesdicke, sind aber dabei so unansehnlich und mißfarbig, und die Zierlichkeit der winzigen Einzelindividuen entzieht sich dabei so dem Auge, daß auch durch diese Massen die Aufmerksamkeit nicht erregt wird. Von äußerster Mannigfaltigkeit und bewundernswürdiger Zierlichkeit sind die Stöcke der seebewohnenden Bryozoen, auch von außerordentlicher Häufigkeit. Sie erheben sich