Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
In den Aquarien muß man allen diesen größeren Nemertinen Gelegenheit geben, sich um Steine und Tange zu wideln, wie sie in der Freiheit thun, wenn man etwas mehr als einen unentwirrbaren Knäuel sehen will. Die Schnurwürmer des Meeres lieben mehr seichte Gewässer; man kennt bloß zwei Arten aus Tiefen von 1800 und 2500 m. Eine pelagisch lebende Art (Pelagonemertes Rolle- Stoni) findet sich im Indischen Ozean und wurde schon von Lesson unter dem Namen Pterosoma planum als Mollusk beschrieben. Es ist ein wundervoll durcsich-tiges Geschöpf, dessen innere Organe, na-mentlid) der dunkel kastanienbraune Verdauungsapparat, sich Tehr deutlich abheben. Der Körper desTieres verjüngt sic) von vorn nach hinten und zeigt fünf hintereinander gelegene, durch seit-lihe Einferbungen markierte Abschnitte, deren vorderster allein so lang wie die vier hinteren zusammen und flügelartig ver: breitert ist, was auf ein ausgezeichnetes Schwimmvermögen deutet. * = Eine sehr merk- Pterosoma planum. Bergrößert. würdige Gattung von Scnurwürmern, die indessen diesen Namen durchaus Lügen straft, ist Malacobdella, welche parasitisch in gewissen Muscheln (Venusmuscheln [Cyprina islandica] und Klaffmuscheln [Mya truncata und M. arenaria]), zwischen Kiemen und Körper des Tieres nicht selten gefunden wird. Ihre Leibesform ist durch ihre Lebensweise seltsam verändert. Sie erscheint kurz und breit und hat sich am hinteren Körperende einen Haftapparat in Gestalt einer ansehnlichen Sauggrube erworben. Es war natürlich, daß das Tier, bevor seine näheren anatomischen Verhältnisse klargestellt waren, in systematischer Hinsicht verkannt wurde, bald sollte es ein Egel, bald ein Saugwurm, bald eine diese beiden Wurmgruppen vermittelnde Form sein Jet hält man sie für eine durch Shmarozertum abweichend gewordene Nemertine.
Die Entwickelung einiger, aber ausschließlich das Meer bewohnender Nemertinen ift so wunderbar, daß wir sie hier unmöglich ganz mit Stillschweigen übergehen können.
Fast alle Schnurwürmer sind getrennten Geschlechts, und manche legen ihre Eier in Gestalt von Schnüren oder Gürtelkokons ab, in denen diese durch ein zu Gallerte erstarrendes schleimiges Sekret vereinigt auf dem Körper der Mutter zunächst haften bleiben, bis dieselbe aus dem Gürtel herauskriecht. Die Larven mehrerer Nemertinen verlassen das Ei in einer Gestalt, daß niemand dieselben für das halten würde, was sie wirklich sind, wenn eben ihre Metamorphose nicht bekannt geworden wäre. Die eine Larvenform, man hat sie den Pilidium-Typus genannt, verläßt das Ei als ein Wesen, das ungefähr die Gestalt eines Helmes oder einer Sturmhaube hat. Es ist über und über mit Wimpern bedeckt, und oben endet es wie eine Pickelhaube in einer langen feinen Spitze oder in einem Büschel längerer starrer Wimpern. Der Helm hat eine doppelte Wand, denn der Raum, welcher bei einem wirklichen Helm zur Aufnahme des Kopfes des Trägers bestimmt ist, füllt ihn nicht völlig aus. So schwimmt die junge Larve einige Zeit pelagisch umher, während welcher an dem Helm Backenteile zum Vorschein kommen und der Vorderund Hinterrand sich wie Stirn- und Nackenschirme ausziehen. Backenteile und Schirme sind am Rande mit Wimpern besetzt. Im Inneren dieses seltsamen Gebildes entwickelt sich erst der Schnurwurm, wel— Pilidium, Stark vergrößert. cher, nachdem er einen gewissen Grad der Reife und Selbständigkeit erlangt, namentlich sich mit Wimpern bedeckt hat, anfängt Bewegungen auszuführen, endlich das Pilidium durchbricht und von dannen schwimmt. Das Pilidium selbst bleibt noch geraume Zeit ohne seinen wesentlichen Inhalt, die junge Nemertine, am Leben. Eine etwas einfachere Larvenform wird als Desorscher Larventypus bezeichnet.
Zweite Unterordnung.
Die geraddürmigen Strudelwürmer (Rhabdocoela).
Die nun folgende Ordnung, die der Rhabdocoela, enthält faft nur mikroskopische Strudelwürmer, deren Darmkanal ein einfacher Blindsack ist, in welchen der Eingang durch einen sehr kräftigen muskulösen Schlund führt. Wenn ich das Wort Blindsack hier gebrauche, so muß ich nach neueren, sehr wichtigen Entdeckungen diesen Begriff sogleich etwas modifizieren. Allerdings sieht man bei den meisten Rhabdocoelen die Nahrung wie in einem Sacke angehäuft, allein von der Vorstellung, daß dieser Sack sich wie der Magen eines Säugetieres verhalte, d. h ein Hohlraum mit eignen, bestimmten Wandungen sei, muß man sich für die Mehrzahl dieser Würmer losmachen. Der Magen- und Darmraum ist vielmehr mit einer eiweißartigen Masse erfüllt, die einen Teil des Organismus bildet, und zwischen welche die Nahrung gleichsam hineingeschoben wird, um von ihr verdaut zu werden.
Die Einteilung unserer Rhabdocoelen in Familien geschieht nach Lage und Beschaffenheit des Mundes und Schlundes und der sehr komplizierten zwitterigen Fortpflanzungsorgane.
In den meisten Fällen reicht die Kenntnis des Außeren nicht aus, um die Art zu bestimmen, sondern die mikroskopische Anatomie muß aushelfen. Wir werden am besten thun, an einigen typischen Gattungen die Familiencharaktere zu entwickeln.
In Teichen, Gräben und im Meere leben die Arten von Prostomum. Die kleinen sehr lebhaften Tierchen haben in dem zugespitzten Vorderende einen hervorstülp¾haren Rüssel liegen (Fig. 1a), welcher an den Rüssel der Schnurwürmer erinnert, indem er gleich diesem in einer besonderen Höhlung enthalten ist, mit dem Darmkanal nicht in Verbindung steht und bloß zur Bewältigung der Beute dient. Die Mundöffnung liegt vom Vorderende ent: fernt an der Bauchseite, und aus ihr kann das muskulöse Schlundorgan (Fig. 1b) her: vortreten, womit das Tier fi an seine Beute, namentlich die mikroskopischen Krebschen, anhängt und sie aussaugt. In dem dickeren, fast keulenförmigen Leibesende liegt ein sehr scharfer Stachel in einer Scheide, der mit den Fortpflanzungsorganen in Verbindung zu i stehen scheint, allein, wie man sich an jedem f Exemplare überzeugen kann, offenbar auch 5 2 5 zur Verteidigung gebraucht wird. Ich sah be— 1 sonders häufig bei einer Art, welche ich Prostomum furiosum genannt habe, wie das Tier, sobald es in eine kritische Lage kommt, 40u) 011 |ee, mit dem Stachel ganz wütend um sich sticht,
16 | N 0 nicht anders als eine gefangene Wespe. —S== Eine gar absonderliche Gestalt hat die Gattung Convoluta. Indem nämlich das Tier die dünnen Seitenteile des Körpers nach unten umbiegt, nimmt es die Form einer Papiertüte an. Die trichterförmige Mundhöhle liegt am Bauche, und vor ihr ein Bläschen, welches wohl ein Gehörwerkzeug vorstellt. In den nordischen Meeren N lebt die mehrere Millimeter lange, braune e woe ge ) Congo. Convoluta paradoxa. Andere Arten find aus dem Mittelmeer, dem Atlantischen Ozean bekannt, von denen einige grüne von besonderem Interesse sind. Die grüne Färbung ist kein Eigentum des Tieres, sozusagen, rührt vielmehr von Algen her, die sich in der Körpermasse der Würmer eingebettet vorfinden. Haberlandt hat diese Verhältnisse bei einer Art der atlantischen Küste Frankreichs (Convoluta roscoffiensis) genauer unter: sucht. Die Algen zeigen denselben Bau wie manche andere frei lebende, haben aber keine besondere Hülle und gehen außerhalb des Tieres bald zu Grunde, da ihnen die Fähigkeit abgeht, sich mit einer schützenden Zellmembran zu umkleiden. Diese Hüllenlosigkeit ist eine Rückbildung, da fie zufolge ihrer Lebensweise in der Convoluta ge: nügenden Schutz finden. Sie sind völlig zu Bestandteilen der Gewebe ihres Wirtes geworden und vermitteln für denselben die Assimilation, indem sie bei reichlicher Vermehrung aus anorganischer Substanz organische produzieren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß aus: gewachsene Konvoluten überhaupt gar nicht mehr selbständig fressen. Sie halten sich oft tagelang ruhig auf einem Fleck und zwar in einer Stellung, daß sie einen möglichst großen Teil ihres Körpers dem Lichte aussetzen. Unter dem Einfluß des Lichtes aber kann die durch Chlorophyll grüne Alge allein assimilieren, der Wurm bietet also seinem Gaste die günstigsten Existenzbedingungen, wenn er mit feinem Leibe möglichst viele Lichtstrahlen auf: zufangen versucht. Die Convoluta trennt durch langsame Bewegung ihres Parenchyms
winzig kleine Teilchen von Plasma, auch Stärkekörnchen von der nackten Alge, reibt fie gewissermaßen ab, welche sie ihrerseits verdaut. Haberlandt vermutet, daß die Alge vielleicht auch auf osmotischem Wege gelöste Assimilationsprodukte abgibt. Im süßen Wasser finden sich keine Arten dieser Gattung.
Mit Übergehung einer Reihe von Gattungen, welche von mir und anderen im Mittelmeer beobachtet wurden, kommen wir zu einer der wichtigsten und artenreichsten, Mesostomum. Die Mundöffnung der meist platten Tiere liegt am Bauche, gewöhnlich ziemlich in der Mitte, bei einzelnen Arten vor, bei anderen hinter derselben. In der Mundhöhle befindet sich ein kugeliger Schlundkopf, ein sehr wirksames Haft- und Saugorgan, welches zum Ergreifen und Aussaugen lebender Tiere benutzt wird. Eine der schönsten Arten ist das fast 1 cm lang werdende Mesostomum Ehrenbergii, im Frühjahr und Sommer auf überschwemmten Wiesen und in Teichen mit Lehmgrund und Schilf und Binsen häufig. Obgleich so durchsichtig wie Glas und scheinbar höchst zerbrechlich, ist es einer der geschicktesten und gewandtesten Schwimmer. Für gewöhnlich durchzieht es ruhig oder mit vereinzelten Wellenbewegungen der Körperränder das Wasser, oder gleitet an den Stengeln der Pflanzen umher. Wird es aber gestört, besonders durch die unsanfte Begegnung mit einem hastig anschwimmenden Käfer, so schüttelt es sich fast zitternd und schlängelnd so schnell und gewandt wie die Egel. Höchst interessant ist die Art, wie es sich der größeren Daphnien und Cypriden bemächtigt, um fie aus⸗ =
zusaugen. Es fängt sie ungefähr so, Mesostomum tetragonum. Vergrößert. wie man mit der Hand eine Fliege fängt, indem es durch Anlegen des Hinterendes an das Vorderende und Umbiegen der Seitenränder eine Höhle bildet. Zuerst tobt der gefangene Krebs gewaltig, bald aber gelingt es dem Mesostomum, an den Gefangenen den mächtigen Schlundkopf anzusetzen. Die Befreiungsversuche der Daphnie lassen dann bald nach, sein Vampir streckt sich wieder aus, und ich sah oft, wie ein zweites Mesostomum sich hinzugesellte und vom Sieger friedlich einen Beuteteil abbekam. Eine Anzahl Rhabdocoelen und unter ihnen auch Mesostomum, verfertigen auch Schleimgespinste zum Fangen ihrer Beute. Der Sitz der den Schleim absondernden Zellen ist die Mittellinie der Unterseite.
Eine der auffallendsten Formen hat das bis 1 cm lange gelbbraune Mesostomum tetragonum (s. obige Abbildung), das ich an der Elbe nach Überschwemmungen in kleinen, während des Sommers austrocknenden Teichen fand. Die Lage der beiden schwarzen Augenflecke und des Mundes ist wie bei Mesostomum Ehrenbergii. Auch erscheint das Tier, wenn man es in einem Uhrgläschen, mit wenig Wasser bedeckt, beobachtet, ganz dünn und flach, sobald es aber frei schwimmt, stehen von dem Körper jederseits zwei flossenartige Lappen ab, welche von dem zugespitzten Vorderende nach dem ebenfalls spitzen Schwanze verlaufen und sich wellenförmig bewegen. Eine Art (Mesostomum personatum) ist merkwürdig durch die außerrdentliche Verschiedenheit der Färbung der einzelnen Individuen: es gibt deren gelbe, kaffeebraune, braunschwarze, samtschwarze, samtgrüne und dunkelblaue. Da die meisten anderen Arten von Mesostomum und anderen Rhabdocoelen in temporär austrocknenden Gewässern sich aufhalten, so wird man vermuten, daß für ihre Erhaltung ebenso gesorgt ist wie für diejenige der niederen Krebse, die mit ihnen zusammen vorkommen und ebenfalls nach Überschwemmungen und Regengüssen wie auf unnatürliche Weise hervorgezaubert
erscheinen. Auch die Rhabdocoelen legen hartschalige Dauereier, welche die Entwidelungs-fähigkeit lange bewahren. Ich habe einige Arten in kleinen Pfützen von einigen Duadrat-fuß Ausdehnung gefunden, den Boden aus denselben, nachdem er im heißen Sommer wochenlang ausgedörrt war, nach Hause getragen, dann die darin enthaltenen Eier eines Mesostomum ausgelesen und durch Übergießen mit Wasser binnen einigen Tagen zur Ent: wickelung gebracht. Dem entsprechen auch Beobachtungen von Schneider, aus denen hervorgeht, daß die Mesostomeen hartschalige Winter- und dünnschalige Sommereier legen, wobei ein merkwürdiger regelmäßiger Wechsel derart stattzufinden scheint, daß sich die Sommereier nach Selbstbefruchtung, die Wintereier aber nach gegenseitiger entwickeln. Die Eier der meisten Mesostomeen sind scheibenförmig, mit einer mittleren Vertiefung.
Bei manchen bilden sich zeitweilig weichschalige, durchsichtige Eier, aus denen die Jungen, welche bei den Rhabdocoelen nie eine Verwandlung durchmachen, schon im Mutterleibe auskriechen.
Dies ist auch der Fall in der Familie der Spaltmünder, so genannt von dem vor den Augen liegenden spaltenförmigen Munde. In einiger Entfernung hinter den Augen liegt der dem Schlunde der Mesostomeen gleichende Saugnapf.
Spaltmund (Schizostoma productum). 200mal vergrößert.
Für eine andere Familie ist Vortex (j. Abbildung S. 206, Fig. 3) die maßgebende Gattung, mit tonnenförmigem, muskulösem Schlunde, welcher hinter der an der Bauchseite des Vorderendes befindlichen Mundöffnung liegt. Die Vortex-Arten überschreiten sozusagen die mikroskopische Größe nicht, was so viel heißen will, daß die größeren Arten für den Kenner noch mit bloßen Augen zu erkennen find. In diesem Falle befindet sich z. B. der viel verbreitete Vortex truncatus, von bräunlichschwarzer Färbung, mit abgestutztem Vorderende, und der schöne grüne V. viridis, der gesellig lebt, eins der nicht zahlreichen niederen Tiere, deren grüne Farbe durch Anhäufung der auch die Pflanzenwelt zur Augenweide machenden Chlorophyllkörperchen hervorgerufen wird. Auch einen Parasiten haben wir aus der dem Vortex sich anschließenden Gruppe zu bezeichnen, Anoplodium, welches Tierchen in der Leibeshöhle der zu den Stachelhäutern gehörigen Holothurien sich aufhält. Überhaupt scheinen Rhabdocoelen nicht jo gar selten schmarotzend zu leben. So kennen wir eine Form (Graffilla muricicolla), die in der Niere der Purpurschnecke bis zu einem Dutzend von Exemplaren auftritt. Auch auf Krebsen, Krabben und Schwertschwänzen finden sich parasitische Rhabdocoelen und auf einer blauen, zusammengesetzten Seescheide (Botryllus violaceus) eine blaue Planarie. Die Fortpflanzung der Rhabdocoelen ist nicht bloß eine geschlechtliche, es kommt gelegentlich auch eine ungeschlechtliche vor. Die meisten Arten besitzen zunächst ein bedeutendes Regenerationsvermögen, indem nicht nur das Stammtier (so sei einmal das Teilstück,