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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Wir vervollständigen unsere Kenntnis der dem Generationswechsel unterworfenen Saugwürmer, indem wir noch einen Blick auf ein paar, dem Distomum sehr nahe stehende Gattungen werfen. Monostomum nennt man diejenigen, welche nur einen den Mund umgebenden Saugnapf am Kopfe besitzen. Davon bewohnt das einige Linien lange Monostomum mutabile eine Anzahl Wasservögel. Ihre Entwickelung aus dem Ei schließt sich genau an diejenige der Distomen der Frösche an, und sie scheinen als Cerkarien jenen Vögeln (Reiher, Wasserhuhn, Ente und anderen) in die Nasenhöhlen und von da in andere

Höhlen zu kriechen. — Die andere Gattung, mit welcher wir den Saugwürmern Lebewohl sagen wollen, Amphistomum, hat einen großen Saugnapf am Hinterende. Das im Dickdarm der Frösche, besonders im grünen Wasserfrosch, lebende Amphistomum subelavatum verbringt seine erste Generation und den Cerkarienzustand frei im Wasser und bei verschiedenen Wasserinsekten und Weichtieren, auch in den Cyclas-Muscheln. Zwei andere Arten, deren Lebensgeschichte noch nicht verfolgt wurde, wohnen in unseren Wiederkäuern.

Dritte Ordnung. 5

Die trudelwürmer (Tur bellariy.

Wenn wir die oben an der lappenförmigen Planarie begonnenen Beobachtungen weiter fortsetzen, sie z. B. frei im Wasser schwimmen lassen, so fällt das regelmäßige stetige Fortgleiten ohne sichtbare Ruderbewegungen auf; nur wenn das Tier Kopf oder Schwanz biegt, vollführt der Körper, einem Ruder entsprechend, die Drehung. Das Mikroskop zeigt nun, daß die Planarie über und über mit feinsten Härchen bedeckt ist, deren unausgesetzte schwingende Bewegung den Körper ruhig durch das Wasser gleiten läßt. In welcher Weise das Einstellen dieser Fortbewegung, gleichsam das Vorankerlegen des 24—eo Schiffes, geschieht, ist nicht ganz klar. Jedenfalls erscheint der von 85Fl2 Ehrenberg gewählte Name glücklich, welcher an den von dem Tiere 2aä- IToo« erregten und dasselbe fortwährend umkreisenden Wasserstrudel erinnert. Aa5oeaad EB Daß bei dieser zarten Organisation die Strudelwürmer vorzugsweise im Wasser leben, versteht sich von selbst. In stehenden und fließen— MmmMpernnIRED37Cd den Gewässern trifft man sie an. Reichlich im süßen Wasser wohnend, am,NNeFANAal887ISSNMmbe0ı kommen sie doch in unerschöpflicher Fülle erst im Meere vor. Wo an Fiale! irgend einer Meeresküste im brackischen oder reinsalzigen Wasser eine Rüsselende von Tetrastemma obscurum. Vergrößert. Vegetation von Ulven, Seegräsern, Algen und Tangen fortkommt, ist mit untrüglicher Sicherheit auch eine Bevölkerung von Turbellarien vorauszusagen, im Eismeere sowohl als unter den Tropen. Manche halten sich nur zwischen den zarten Zweigen der Algen auf, in geschützten, dem Wellenschlage nicht sehr ausgesetzten Buchten; andere trifft man zwischen den Asten der harten Korallinen und Kalkalgen, zwischen denen ihr gebrechlicher Körper den stärksten Schlägen der Brandung trotzt. Wenn aber eine steile Küste so bröckelig ist, daß Pflanzen sich nicht ansiedeln können, so sind die Strudelwürmer gleichwohl da, indem sie in den feinsten, kaum dem Auge bemerkbaren Riefen und Rissen sich verbergen. Nimmt man nun dazu, daß eine wenn auch kleine Abteilung auf dem Lande lebt, wo nämlich unter Baumrinde, in Treibhäusern, auf den Blättern in feuchten Tropenländern ihre Haut vor der Austrocknung geschützt ist, ja, daß eine Art die Regenwürmer in Brasilien unter der Erde aufsucht, so muß man über die Biegsamkeit dieser Art von Organismen erstaunen. Wenn die Zusammenstellung der Zwergspitzmaus mit dem Elefanten und Grönlandwal imponiert, so können wir aus den Turbellarien mit noch viel anständigeren Verhältnissen aufwarten. Es gibt einzelne Spezies aus der Unterordnung der Schnurwürmer von 10 m Länge. Sie verhalten sich in dieser Dimension zu den kleinsten etwa wie 45,000 zu 1.

Rüſſelende von Tetrastemma

Erste Unterordnung.

Die Achnurwürmer (Nemertinj.

Wenden wir uns nun zu diesen Schnurwürmern (Nemertini). Sie haben alle einen auffallend gestreckten, fast nie ganz flachen, sondern nur an der Bauchseite etwas abgeplatteten Körper. Auf dem Vorderrande tragen sie gewöhnlich zwei Haufen von Augen. Am Kopfende, gewöhnlich an der Unterseite, befinden sich zwei Offnungen; die eine führt in den Darmkanal, die andere, obere, in eine Höhle, in welcher ein sehr eigentümlicher Rüssel verborgen liegt. Derselbe kann nämlich mit großer Schnelligkeit und überraschend weit, oft auf die Länge von zwei Dritteilen des ganzen Tieres, hervorgestoßen werden und wird als ein Angriffs: organ benutzt. Bei einer Anzahl von Gattungen (der Abteilung eee Enopla) tritt bei der Ausstülpung des Rüssels eine Kalkspitze Au1 D hervor. Ein sorgsamer Beobachter dieser Tiere, Max Schultze, fr sah wiederholt, wie das kleine, in der Ostsee vorkommende, übri⸗ 9% gens lebendig gebärende Tetrastemma obscurum, über 2 mm — ae. lang, seinen Rüssel (Abbildung S. 199), mit Blitzesschnelle bis an das Stilett hervorstieß und damit in die Nähe kommende Tiere, z. B. Flohkrebse, verwundete. „Ist das zu ergreifende Tier angespießt, so wird der Rüssel allmählich wieder zurückgebracht, ohne Aube jedoch seine Beute loszulassen, und nun kriecht die ganze Nemertine durch die vermittelst des Rüssels gemachte Offnung in das verwundete Tier hinein, um dasselbe auszufressen. Von Krustaceen bleibt nur das hohle Chitinskelett zurück. Nicht selten versammeln sich um ein jo gespießtes größeres Tier mehrere Nemertinen, welche von verschiedenen Seiten ihren Angriff mit dem Rüssel ausführen und sich dann in die Beute teilen. Sehr geschickt IT wissen sie zur Einbohrung des Stiletts die weichere Bauchseite des II Tieres zu wählen.“ Wir sehen in der nebenstehenden Abbildung, 50co%609229,05900%0J.8 wie über dem mittleren, auf einer Art von Handgriff befestigten D Stilett jederseits im Inneren der Ovale mehrere dergleichen angel- MAHTEEN 088 888 2 förmige Spitzen unregelmäßig durcheinanderliegen. Mit diesen Ge EEE7 u=5:SCOc$-22 ist der Schnurwurm, wie ein vorsichtiger Bogenschütze, zur Reserve HHNIM ausgerüstet. Sie werden nach und nach verbraucht. Es ist jedoch nicht beobachtet, wie sie an die Stelle der Hauptspitze treten. Wir benutzen dieselbe Abbildung, um noch auf einige wichtige Organisationsverhältnisse aufmerksam zu machen. Die beiden, im Kopfende gelegenen, durch eine Querbrücke verbundenen Anschwellungen mit den beiden von ihnen abgehenden und den Körper in seiner ganzen Länge durchziehenden Strängen sind

Vierauge (Tetrastemma das Nervensystem, das nach Form und Lage das Urbild des obscurum). Vergrößert. Nervensystems der Gliederwürmer und höheren Gliedertiere ist. Die geschlängelten Organe find die sogenannten Wassergefäße, welche, mit bestimmten. Mündungen beginnend, den Körper der Plattwürmer durchziehen und eine besondere

Form der Atmungsorgane vorstellen. Bei den schmarotzenden Plattwürmern scheinen sie dagegen als Absonderungsorgane verwendet zu sein.

Die Gattung Tetrastemma, Vierauge, an welche wir diese Bemerkungen anknüpfen, ist eine der verbreitetsten, deren kleine, zum Teil kaum einige Millimeter lange Arten am liebsten zwischen den Algen sich aufhalten. Indessen lebt eine weiße, schleimige Art, das Landvielauge (Tetrastemma agricola), auf den Bermudasinseln auf der feuchten Erde der Mangrove⸗Sümpfe, wie denn überhaupt aus wärmeren Gegenden (Philippinen, Maskarenen ꝛc.) mehrere landbewohnende Nemertinen bekannt geworden sind. Die Gattung Geonemertes wurde auch in Europa in Warmhäusern aufgefunden, ist also jedenfalls mit exotischen Pflanzen eingeschleppt worden. Eine zweite Abteilung (Anopla) um⸗ 0 faßt die waffenlosen Gattungen, d. h. die⸗ 7525 jenigen ohne Stachel am Rüssel. Hierher gehören mehrere mit größeren und sehr großen Arten, wie Polia, Nemertes, Meckelia. Von letzterer kommt auf schlammigem Grunde und zwischen der Rasenkoralle die lange, platte nnd weißliche Meckelia somatotoma vor. Es bedeutet somatotoma „die ihren Leib teilende“. Und allerdings hat man gewöhnlich den Verdruß, daß die 20- 60 cm langen und 6—10 mm breiten Tiere bei der geringsten unsanften Berührung in Stücke zerbrechen. Dies scheint zum Teil ein willkürlicher Akt zu sein, zum Teil auf sogenannten Reflexbewegungen zu be⸗ Landvielauge (Tetrastemma agricola). Vergröß ert. ruhen, auf unwillkürlichen, vom Nerven: system aus angeregten krampfartigen Zusammenziehungen. Daß daneben die Muskeln und andere Organe aber an sich sehr zerreißlich sind, braucht kaum besonders erwähnt zu werden. Von den Fischern, welche mir in Dalmatien und in Triest aus der Bucht von Muggia die Meckelia somatotoma brachten, habe ich sie nie unverletzt erhalten. Bei Exkursionen, die ich selbst unternahm, blieb sie nur heil, wenn sie unmittelbar aus dem Meere isoliert in ein geräumiges Gefäß gebracht wurde. Sie für die Sammlung möglichst ganz zu konservieren, gibt es zwei Mittel: entweder überschüttet man sie, nach möglichst ruhigem Abguß des Salzwassers, plötzlich und reichlich mit heißem Wasser oder mit Spiritus. Ich gebe der letzteren Methode namentlich auch für die kleineren Schnurwürmer den Vorzug, weil sie häufig in dem nur einige Sekunden dauernden Todeskampfe den Rüssel vollkommen ausstrecken, ohne im stande zu sein, ihn wieder zurückzuziehen. Es soll übrigens nicht bloß das Kopfstück sich zu einem vollständigen neuen Wurme regenerieren können, auch die übrigen Teilstücke sollen Vorder: und Hinterenden erhalten.

Landvielauge (Tetrastemma agricola). Vergröß ert.

Eine andere häufig vorkommende Art ist die Kreuzträgerin (Polia crucigera), so genannt, weil ihr schmutzig grüner, mit weißen Streifen und Ringen schön gezierter Körper am Kopfe eine Kreuzzeichnung trägt. Sie erreicht die Länge von 40 em. Auch sie speit sehr häufig in der Gefangenschaft vor dem Tode ihren langen, fadenförmigen Rüssel aus, der bei 15 em Länge kaum 1 mm dick wird. Man findet sie am häufigsten in Felsstücken, welche schon durch andere bohrende Tiere mit Löchern und Gängen versehen sind, namentlich in

Kreuzträgerin (Polia crucigera). Natürliche Größe.

Kalkstein und Kreide. Auch zwischen den Stöcken der Rasenkoralle hat sie ein an Windungen reiches Versteck, welches mit ihr eine Menge anderer Würmer, und vorzüglich auch kleiner Krebse, aufsuchen. Da diese im Mittelmeer sehr gemeine Koralle sich leicht brechen läßt, so ist die in labyrinthischen Verschlingungen in ihr hausende Polia aus ihr ziemlich sicher unversehrt herauszuholen. Schwieriger ist es natürlich, wenn erst schwere Hammerschläge die Höhlungen in den Felsstücken bloßlegen müssen. Aber auch in diesem Falle wird die Jagd oft erleichtert durch die Vorarbeiten der Bohrschwämme, welche, wie wir an seinem Orte sehen werden, den härtesten Kalkfelsen so durchziehen, daß er unter den Fingern zerbröckelt. Das von uns gezeichnete Tier haben wir in Neapel mehrere Tage unzerstückelt und lebend gehabt. Die größten bisher beobachteten Schnurwürmer kommen an der englischen Küste vor, Die Schilderung eines solchen von dem eifrigen Sammler Davis hat Rymer Jones mitgeteilt. Wir entlehnen sie einem Buche des Letztgenannten, womit der Verfasser schon vor fast 40 Jahren seinen Landsleuten ein „Illustriertes Tierleben“ vorlegte.

Kreuzträgerin (Polia crucigera). Natürliche Größe.

„Ich setzte“, sagt Davis, „ein Exemplar dieses wunderbaren Geschöpfes in sein Element in eine möglichst weite Schüssel, um sein Thun und Treiben zu beobachten. Es benahm sich in einiger Hinsicht wie ein Egel, indem es, bis zu einem gewissen Grade amphibiotisch, häufig mit einem Teile des Körpers das Wasser verließ und bis zur Länge von 1—2 Fuß sich längs des Randes der Schüssel und des Tisches, worauf diese stand, ausdehnte. Zu anderen Zeiten, besonders bei Tage, lag es völlig zu einem Haufen zusammengeballt und ruhig, außer wenn an die Schüssel gestoßen wurde. Für solche Beunruhigungen war es sehr empfänglich, was sich in einem Zittern des ganzen Körpers und dem Zurückziehen des gewöhnlich etwas vorgestreckten Kopfendes zeigte. Bei Nacht war der Körper etwas lockerer und weniger verschlungen, so daß er fast die ganze Schüssel bedeckte. Bei derAnnäherung einer Leuchte machte das Tier jedoch sogleich Anstalt, sich zusammenzuziehen, so daß ich, obschon ich seine Augen nicht entdecken konnte, mich doch von seiner großen Empfindlichkeit für das Licht überzeugte. Oft gegen Morgen hatte der Körper eine etwas spiralige und pfropfenzieherartige Lage angenommen, und besonders einmal war ich sehr erfreut, ihn in seiner ganzen Länge vollkommen und engschraubig gerollt zu finden. Ich war deshalb über diesen Anblick sehr erfreut, da er mir die Lösung einer mich sehr beschäftigenden Schwierigkeit zu bringen schien, nämlich der Frage, auf welche Weise ein so wundersam weicher, zarter und scheinbar unlenksamer langer Leib sich von einem Orte zum anderen bewegen könnte. Jetzt, als ich diese Stellung sah, hatte ich die Überzeugung, daß das Tier sie annimmt, wenn es seinen Platz ändern will. Denn so hat es nicht nur den möglichst kleinen Umfang sich gegeben, sondern es muß auch jeder Teil der Schraube, in geeigneter Weise zur Bewegung veranlaßt, zugleich zum Vorwärtsschieben des ganzen erstaunlich langen Körpers beitragen, ohne Gefahr des Zerbrechens. „Die Länge des Körpers läßt sich am lebenden Nemertes nicht abschätzen, da er bei Berührung sich fortwährend mit unglaublicher Leichtigkeit ausdehnt und zusammenzieht. Ich beobachtete einmal, wie ein Teil des Vorderendes fast 3 Fuß über die Schüssel und den Tisch ausgedehnt war und, als das Tier beunruhigt wurde, schnell sich auf ebenso viele Zoll zusammenzog. Mit Berücksichtigung der Dicke im zusammengezogenen und ausgedehnten Zustande muß ich annehmen, daß das Tier ohne Unbequemlichkeit sich 25 —30: mal so lang ausstrecken kann, als es zu anderen Zeiten ist. Es wechselt beträchtlich in der Farbe, je nachdem es sich zusammenzieht oder dehnt, von einem dunkeln zu einem rötlichen Bande, dabei ist es jedoch im hellen, besonders im Sonnenlicht, mit einem schönen weichen Purpur überdeckt. Im höchsten Grade der Zusammenziehung erscheint es fast schwarz. „Nachdem ich so das merkwürdige Tier etwa 14 Tage beobachtet, unter täglicher Erneuerung des Seewassers, that ich dasselbe in eine Flasche, was ich, beiläufig bemerkt, obgleich sie weithalsig war, mit Bezug auf die Leichtigkeit, mit welcher der Nemertes sich zusammenzieht und streckt, nicht ohne Besorgnis zu stande brachte. Als es gelungen, goß ich Spiritus auf. Das Tier bewegte sich krampfhaft, zog sich im Verhältnis zu seiner Länge sehr zusammen und streckte aus dem Kopfende einen 8 Zoll langen Rüssel hervor. Auffallenderweise hatte es in der vorhergehenden Zeit unter der verschiedenen ihm zu teil gewordenen Behandlung dieses Instrument bis zum Todeskampfe nicht gezeigt. „Da es unmöglich gewesen war, die Länge des Tieres bei seinem Leben abzuschätzen, maß ich dasselbe nach dem Tode, und fand es, den Rüssel ungerechnet, reichliche 22 Fuß lang. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß das lebende Tier sich auf das Vierfache der Länge, die es tot zeigte, hätte ausdehnen können.“ Wir möchten zu dieser Angabe ein Fragezeichen machen, wenn unser Gewährsmann sich nicht auf die übereinstimmenden Zeugnisse von Fischern beriefe, die dem Wurme eine Länge von 12 und 15 Faden, also bis 30 m zugeftehen.

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