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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Cerkarien: a) ſchwimmend, b) kriechend, e) eingekapſelt. Stark vergrößert.

in welcher es gejchlechtsreif wird und Eier produziert. Mit dem Kote des definitiven Wirtes gelangen die Eier nach außen ins Wasser, und der Entwickelungskreis beginnt aufs neue.. | In dem oben erwähnten Falle, daß aus den Keimkörnern keine Cerkarien, sondern wieder Keimschläuche werden, entwickelt sich erst in diesen die Cerkarienbrut.

Wir sehen, um kurz zu rekapitulieren, also folgenden Entwickelungsgang: 1) schwimmender Embryo: freies Wasser, 2) ein- oder zweimaliger Keimschlauch: erster Zwischenwirt, 3) schwimmende Cerkarie: freies Wasser, 4) eingekapseltes junges Zweimaul: zweiter Zwischenwirt, 5) unfreiwillig durch Gefressenwerden des zweiten Zwischenwirtes einge wandertes geschlechtsreifes Zweimaul: definitiver Wirt.

Der Entwickelungsgang kann sich aber auch vereinfachen, so bei dem äußerst seltsamen Leucochloridium paradoxum. Im Darm gewisser Singvögel, besonders in der Nähe des Wassers sich aufhaltender insektenfressender, lebt ein Zwei— a maul (Distomum macrostomum), dessen Eier mit dem Kote nach außen gelangen, unter anderen auch auf Pflanzen am Ufer von Bächen und Tümpeln. Hier halten sich stellenweise massenhaft die amphibischen Bernsteinschnecken (Suc-ceinea putris) auf, welche das Blattparenchym der Ufer: pflanzen mit ihrer Feilenzunge schabend abnagen, dabei aber auch die Eier des Zweimaules mit verschlingen. Diese entwickeln sich hier zu einem sehr sonderbaren Keimschlauch, der in Gestalt eines vielfach verästelten Gespinstes die Eingeweide der Schnecke umgibt und in sich Keimballen erzeugt, aus denen schwanzlose Cerkarien oder, da dieser Ausdruck ein offenbarer Widerspruch ist, junge geschlechtslose Zweimäuler hervorgehen. Diese bleiben nicht in den Asten jenes Gespinstes, sondern treten gruppenweise in besondere Endschläuche desselben über, b wo fie, schichtenweise hintereinander gelagert, eine Art Doppel maul (Distomum echinatum). Patrone, eben das Leucochloridium bilden. Der vor⸗ ne c ne dere Abschnitt dieser Endschläuche, welche besonders oft in die Fühlhörner der Schnecke, welche dadurch unförmlich verdickt werden, eindringen, sind bunt gefärbt, grün und weiß gebändert und führen lebhafte stoßweise Bewegungen aus. Diese Bewegungen werden schließlich so stark, daß der Fühler platzt und der Endschlauch, sich vom übrigen Keimschlauch loslösend, frei wird und sich in der feuchten Umgebung kriechend bewegt. So sieht das Leucochloridium einer Insektenlarve ähnlich und erregt natürlich bald die Aufmerksamkeit der dort der Jagd obliegenden Singvögel, welche die vermeintliche Larve als gute Beute verschlingen, nicht ahnend, daß sie sich mit zahlreichen Zweimäulern bei dieser Gelegenheit infizieren.

Es ist das einer der wenigen Fälle, wenn nicht der einzige, in dem ein Tier oder eine Gesellschaft von Tieren provokatorisch gefärbt ist, um gefressen zu werden. Der Feind wird hier zum Freund!

Von viel hervorragenderem allgemeinen Interesse, wenn auch nicht wissenschaftlichem, it die Lebensgeschichte eines anderen Zweimaules, des berüchtigten Leberegels (Distomum hepaticum, Abbildung S. 197). Ganz beträchtlich ist der Schade, welchen dieser Schmarotzer der Viehzucht und damit der gesamten Menschheit zugefügt hat. Lassen wir den größten Kenner des tierischen Schmarotzertums und zugleich den Entdecker der 13*

Doppel maul (Distomum echinatum). ne c ne ppel maul (Distomum echinatum). ne c ne

Entwickelungsgeschichte des Leberegels, Leuckart reden: „Für das Jahr 1830 wird der Verlust allein an Schafen in England auf etwa 1½ Millionen Stück berechnet, die einen Geld-wert von nahezu 4 Millionen Pfund Sterl. (80 Millionen Mark) repräsentieren. Ein einziger Schafzüchter erlitt indem Jahre 1824 binnen 3 Monaten an seinen Herden einen Verlust von 3000 Pfund (60,000 Mark). Nach Zündel ging in Elsaß-Lothringen 1873 der dritte Teil aller Schafe im Werte von 1,150,000 Frank zu Grunde. In Irland soll 1862 sogar mehr als die Hälfte der Schafe (60 Prozent), in Slawonien 1876 nahezu die Hälfte (40 Proz.) alles Hornviehes an der Leberegelseuche gestorben sein. Allein in der Umgegend von Arles fielen 1812 nicht weniger als 300,000 Stück. Ebenso ging nach den Mitteilungen von Wernicke im Jahre 1882 in den südlichen Provinzen von Buenos Ayres nicht weniger als 1 Million Schafe zu Grunde. Man ersieht, welche hohe Bedeutung der Leberegel für die Landwirtschaft und insonderheit für die Viehzucht besitzt, in welchem Grade derselbe sogar im stande ist, den nationalen Wohlstand zu schädigen.“

Lange schon war es aufgefallen, daß gewisse Jahre ein großes Sterben des Hornviehes an der Egelseuche brachten; das geschah z. B.: in Deutschland: 1753, 1816, 1817, 1854, 1877, in England: 1809, 1816, 1824, 1830, 1853, 1860, und in Frankreich: 1809, 1816, 1817, 1820, 1829, 1830, 1853 und 1854. Solche Jahre waren in den betreffenden Gegenden immer sehr feucht und regenreich gewesen, und 1816 war in ganz Europa ein äußerst nasses Jahr, dem das Notjahr von 1817 folgte. Weiter hatte man bemerkt, daß bestimmte Lokalitäten ganz besonders dazu angethan waren, die Schafe mit Leberegeln anzustecken. „Der erfahrene Landwirt kennt nicht bloß die Gefahren solcher Gegenden, er kennt auch vielfach die besonders verdächtigen Plätze, meist Gräben und Pfützen ohne rechten Abfluß oder ‚„saure“ Wiesen, die er nach Kräften meidet, um seine Herde nicht zu ‚verhüten“. — Den englischen Schafzüchtern wurde in früherer Zeit (ob mit Recht oder Unrecht, will ich nicht entscheiden) oftmals vorgeworfen, daß sie ihre Zuchttiere vor dem Verkauf absichtlich verhüteten, um einen größeren Absatz zu erzielen.“ (Leuckart.)

Wie geht das alles zu? — Nun, die Menschheit verdankt Leuckart, wie so vieles andere für ihre Gesundheit und ihren Wohlstand Nützliche, auch die Entdeckung der Ursache der Leberfäule, d. h. mit anderen Worten die Kenntnis des Entwickelungsganges des Leberegels. Mit dem Kote der von der Leberfäule befallenen Schafe gelangen die Eier des Parasiten nach außen, viele auf trockenes Terrain, wo sie zu Grunde gehen (denn Austrocknen können die Eier der Saugwürmer durchaus nicht, wie die vielen Rundwürmer, ver: tragen), viele aber auch auf feuchte Erde, die bald überschwemmt sein wird, oder in das Wasser selbst. Die Entwickelung des Embryos geht nur im Wasser vor sich und um so schneller, je günstiger die Bedingungen sind, namentlich je höher die Temperatur ist. Die Eier aber, welche etwa im Spätherbst in das Wasser gelangt find, können den Winter über: dauern, ohne ihre Keimfähigkeit einzubüßen. Geht alles gut, so entwickelt sich aus dem Ei ein Embryo, im allgemeinen von der weiter oben beschriebenen Beschaffenheit, schwimmt herum und sucht sich seinen Zwischenwirt. Als solcher dient aber eine einzige Art von Schnecke, welche ganz Europa, von Island und den Faröer an, Nordasien, die Kanaren, Nordafrika bis Abessinien bewohnt und in Australien und Amerika vielleicht auch vorkommt, oder durch sehr nahe verwandte Formen, möglicherweise nur Lokalrassen, vertreten wird. Diese kleine, 4 — 8 mm lange Schnecke (Limnaeus minutus) bewohnt feuchte Lokalitäten, nicht bloß das Wasser, sie lebt hingegen mehr amphibisch, kriecht zwischen Moos und am unteren Teil der Grashalme empor, ja versteigt sich bei anhaltend feuchter Witterung noch höher, selbst auf kleine Büsche.

Sind nun die Embryonen des Leberegels in großer Menge durch die Oberhaut, das Atemloch ꝛc. in eine solche Schnecke eingedrungen, so trägt diese ihre unwillkommenen Gäste

überall mit sich herum. Im Inneren ihres Wirtes werden nun die jungen Würmer zu Keimschläuchen, und zwar zu ovalen Sporocysten, deren 12— 15 Keimballen abermals nacheinander zu Keimschläuchen, aber zu Redien heranwachsen. Diese Redien suchen das Innere des Wirtes, besonders seine Leber, auf und sind erfüllt mit Keimen, die entweder direkt zu Cerkarien oder, je nach der Jahreszeit, gar abermals zu Tochterredien heranwachsen. „Des Sommers habe ich ebensowenig jemals eine Generation von Tochterredien beobachtet, wie umgekehrt nie eine solche von Cerkarien. Es wurden auch niemals Redien und Cerkarien nebeneinander aufgefunden. Während des Winters dürften die Redien des Leberegels demnach ganz regelmäßig wiederum Redien gebären — ein Umstand, der die Zahl der Nachkommen natürlich beträchtlich erhöht und die Gefahr einer Ansteckung in demselben Verhältnis vergrößert. Ein Embryo, der im Laufe des Frühlings in eine Schnecke einwandert, produziert durch Hilfe seiner Zwischengeneration bis zum Herbst durchschnittlich etwa 300— 400 Cerkarien, eine Zahl, die um ein Bedeutendes, vielleicht das Zehnfache, steigt, sobald bei jpäter Einwanderung die Redien überwintern und an Stelle von Cerkarien dann zunächst wieder eine Redienbrut hervorbringen.“ (Leuckart.)

Die Cerkarien sind ausgezeichnet durch den Besitz eigentümlicher, großer Organe, von denen je eins an jeder Seite neben dem Darm liegt. Es sind das Drüsen, welche eine

AIE2 £wichtige Rolle im Haushalt unseres Tieres spielen. Die Cer— ==I=

—=ä2— äkarien verlassen nämlich ihren Zwischenwirt innerhalb oder Hi ——N außerhalb des Wassers, suchen aber keinen weiteren Zwischen— ——SSNN wirt auf, sondern umgeben sich an Grasstengeln und den az

ieSETtieferen Regionen anderer Pflanzen feuchter Orte mit einer Te= iR Kapsel, die aus dem Sekret jener Seitenorgane besteht, und «Un in welcher der Wurm längere Zeit lebenskräftig verbleibt, 1 rt auch wenn sich das Wasser von feiner Anhaftungsstelle ver— n dere e laufen hat. Hier entwickelt es sich zum jungen Zweimaul, das samt Kapsel und Pflanze vom definitiven Wirt gefressen wird, in dem es zum geschlechtsreifen Leberegel auswächst.

Dieser mißt 25— 28 mm in der Länge und bis 12 mm in der Breite, hat ein dickeres, zapfenartiges, 3 — 4 mm langes Vorderende des Körpers und einen blattähnlich abgeflachten Hinterleib. Die Außenhaut trägt zahlreiche schuppenartige Stacheln. Die definitiven Wirte des Leberegels sind in erster Linie Schafe, dann Rinder und andere Wiederkäuer, aber auch Pferde, Esel, Schweine, Elefanten, Kaninchen, Eichhörnchen, Känguruhs und gelegentlich selbst der Mensch. Sein normaler Aufenthaltsort sind die Gallengänge seines definitiven Wirtes, wo er sich aber nicht etwa von Galle ernährt, sondern Blut saugt.

Ein weit ungefährlicherer, dem Leberegel nahe verwandter und mit ihm denselben

Verbreitungsbezirk teilender Gast ist der kleine Leberegel (Distomum lanceolatum), 810 mm lang. Er kommt gewöhnlich nur in geringerer Anzahl vor, und dies sowie seine Kleinheit und der Mangel an Körperstacheln sind die Ursachen, warum er viel minder zu fürchten ist. Sein Lebensgang scheint ein ähnlicher wie der des großen Leberegels zu sein und beginnt mit der Periode der bewimperten Larve. Die Einwanderung in den Menschen gehört zu den größten Seltenheiten. Einmal ging ein anderes großes Doppelmaul (Distomum Rathouisi, 25 mm lang, 16 mm breit) einer Chinesin ab, welche an hartnäckigen Leberschmerzen gelitten hatte, ein weiteres, 10 — 13 mm langes, ziemlich schlankes (Distomum spathulatum) wurde gleichfalls bei Chinesen in der Leber gefunden und hat

sich neuerdings als ein in Japan stellenweise sehr häufiger (bis 20 Prozent der Bevölkerung) Schmarotzer herausgestellt. Vielleicht, daß die Larven des Tieres mit halbroh oder als Salat verzehrtem, vorher mit Kanalwasser begossenem Gemüse in den Menschen gelangt sind. In Indien findet sich gelegentlich ein sonst beim indischen Straßenhund in der Leber häufiges Doppelmaul (Distomum conjunctum) auch beim Menschen. Distomum heterophyes (nur 1— 1,5 mm lang) wurde von Bilharz in Kairo in größerer Menge im Darm eines Knaben beobachtet, und im westlichen Asien, in Westchina, Korea und Japan, bewohnt ein S—10 mm langes, plumpgebautes Doppelmaul einzeln oder paarweise kavernenartige Hohlräume der menschlichen Lunge. Ein anderes wurde in unreifer Form ein einziges Mal in vier Exemplaren in der Linsenkapsel eines neunmonatigen Kindes beobachtet.

Eine mit Distomum verwandte Gattung, Gynaecophorus (Distomum) haematobius, ist sowohl deswegen sehr interessant, weil es getrennten Geschlechtes, als vorzugsweise, weil es einer der gefährlichsten Parasiten der ägyptischen Fellahs und Kopten ist. Das Männchen ist 1½ cm lang, das Weibchen schlanker und etwas länger. Der Saugnapf liegt nahe am Vorderrande. Nach den Untersuchungen einiger in Alexandria an der medizinischen Schule wirkenden Professoren, besonders Bilharz', leidet wenigstens die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung ägyptischen Stammes an diesem Wurme, der sich in den venösen Blutgefäßen des Unterleibes und ganz besonders in den Harnwegen aufhält. Die dadurch verursachten Leiden endigen oft mit allgemeinem Siechtum und Tod. Die Jungen dieses Schmarotzers kommen sehr zahlreich aus den in den leidenden Organen abgelegten Eiern aus; unzählige Eier werden aber auch entleert, und durch sie ist für die so allgemeine Verbreitung dieser Parasitenkrankheit leider mehr als hinreichend gesorgt. „Es wäre von höchstem Interesse, die Wege zu erforschen, auf denen Gynaecophorus haematobius in den menschlichen Körper eindringt. Da die Lebens- und Nahrungsweise der Agypter sehr einfach ist, so dürfte das auch vielleicht eine relativ ziemlich leichte Aufgabe sein. So lautet wenigstens das Urteil Griesingers, der die medizinischen Zustände Agyptens aus langjähriger Anschauung kennt und sich namentlich um die Aufhellung der Entozoenkrankheiten des Orients große Verdienste erworben hat. Wie derselbe meint, sind bei der Beantwortung der Frage nach der Einfuhr hauptsächlich drei Dinge ins Auge zu fassen: das Nilwasser, welches unfiltriert genossen wird, das Brot und Getreide, auch vielleicht die Datteln, die ein Hauptnahrungsobjekt bilden, und die Fische, die in halbfaulem Zustande sehr allgemein und gern von den Fellahs genossen werden. Auch der rohen Blätter und Wurzeln zu gedenken, scheint durchaus gerechtfertigt, da dieselben bei den armen Agyptern einen wesentlichen Bestandteil der Nahrungsmittel ausmachen. Da es gerade die unteren Schichten der Bevölkerung sind, die heimgesucht werden, so liegt die Vermutung, daß diese Speise durch zufällig beigemischte Schnecken oder Insekten die jungen Würmer im eingekapselten Zustande einschleppe, vielleicht noch näher als der Gedanke an die Fische, die wenigstens bei uns zu Lande nur selten von eingekapselten Dilto-men bewohnt werden.“ (Leuckart.)

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