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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Aus den Eiern des breiten Grubenkopfes, welche eine sehr lange, je nach den Witterungsverhältnissen und der Höhe der darüber befindlichen Wasserschicht schwankende (von 3 Wochen bis 8 und mehr Monaten) Inkubationszeit halten, schlüpft ein runder, mit langen Flimmerhaaren bedeckter Embryo, der im Wasser gleichfalls verhältnismäßig lange, bis zu einer Woche lebend und beweglich bleibt. Was nun weiter mit diesem, der einen Kranz kräftiger, an der vorderen Hälfte sichelförmig gebogener Haken besitzt, geschieht, wissen wir noch nicht. Möglicherweise wandern sie direkt in die betreffenden Fische, welche Träger der Finnen find, ein, durchbohren deren Darmwandung und gelangen in das Muskelfleisch;

vielleicht suchen sie aber erst noch einen anderen Zwischenwirt (ein Krebschen oder sonst ein kleineres Wassertier, vielleicht auch kleine Fischchen) auf, in welchen sie sich einbohren und ruhen, bis sie von einem Hechte oder einer Quappe gefressen werden.

Der breite Grubenkopf ist übrigens nicht die einzige Art der Gattung, welche beim Menschen schmarotzt; wir kennen deren gegenwärtig noch zwei, allerdings sehr beschränkt vorkommende, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich ihrer bei fischessenden Völkern noch mehrere finden werden.

Die eine jener beiden Arten (Bothriocephalus cordatus) ist bedeutend kleiner als der breite Grubenkopf und hat einen, von der schmalen Seite des Wurmes gesehen, kurzen, herzförmigen Kopf. Bis jetzt wurde er erst ein einziges Mal beim Menschen, und zwar in Godhavn im westlichen Grönland, um so öfter aber bei arktischen Hunden sowie bei Seehunden und beim Walroß beobachtet.

Eine zweite Art lebt, aber nur in unentwickeltem Zustande, aber als immerhin bis 30 em lange Larve beim Menschen in China und Japan, und zwar in dem unter dem Bauchfell in der Nierengegend befindlichen Bindegewebe. Dieser Wurm (Bothriocephalus liguloides) kam bis jetzt auch nur zweimal zur Beobachtung.

Es ist wohl kaum zweifelhaft, daß diese beiden Würmer bloß zufällige, gewissermaßen verirrte Parasiten des Menschen find, die an diesen Wirt nicht selbständig und urjprüng-lich angepaßt find wie Taenia solium und T. saginata. Die grönländische Art lebt gewiß wie der breite Grubenkopf als Finne in einem Fische, dafür spricht ihr anderweitiges Vorkommen. Wie es sich aber mit Bothriocephalus liguloides verhält, läßt sich kaum vermuten, um so weniger, als es sich hier um eine unausgebildete Form handelt.

Zu den Grubenköpfen gehört auch noch ein Bandwurm (Schistocephalus solidus), der in unvollkommenem Zustande in der Leibeshöhle der gemeinen Stichlinge sich findet, nach deren Absterben, das er veranlaßt, ins Wasser gelangt und von Schwimm- und Watvögeln gefressen und in deren Darm er geschlechtsreif wird. Seine Nachkommenschaft gelangt wieder mit dem Kot ins Wasser und von da in den Stichling.

Ahnlich ist die Lebensgeschichte des Riemenwurms (Ligula simplicissima), der stellenweise häufig auftritt, jo besonders in den beiden großen Seen der Grafschaft Mans: feld, dem süßen und dem salzigen. Marshall sagt hierüber: „Mit einer in so hohem Grade wie hier nur selten auftretenden Kalamität haben die Fischer außerdem noch zu kämpfen: von den gefangenen Weißfischarten ist ein ganz erstaunlich großer Bruchteil mit einem ansehnlichen Parasiten, dem bis 30 mm langen und entsprechend breiten Riemenwurm (Ligula simplicissima), behaftet. Von diesem Schmarotzer finden sich bisweilen in der Leibeshöhle eines einzigen unglücklichen Fisches bis 15 Stück, so daß die Eingeweide und die Rückenmuskulatur ganz zusammengepreßt werden, der Bauch selbst aber sehr aufgetrieben erscheint. Die Fischer erkennen die infizierten Tiere an dem „spitzen Kopf‘, wie sie sagen, d. h. eigentlich an dem aufgetriebenen Rumpfe, denn der Kopf ist nur relativ, nicht absolut spitzer als bei gesunden Exemplaren. Sie bringen solche Fische nicht auf den Markt, sondern werfen sie weg, und an manchen Tagen sieht man Fischreste und Riemenwürmer an gewissen Stellen am See in großer Masse. In einigen Gegenden Italiens freilich, wo der Wurm gleichfalls häufig ist, sind die Leute praktischer, sie verspeisen zum Fisch die Parasiten als Maccheroni piatti und danken dem lieben Gott für die jo überaus bequeme Einrichtung, die ihnen Hauptschüssel und Zukost mit einem Male gewährt. „Wie kommen diese Würmer in die Fische? Es sind keine geschlechtsreifen Tiere, die finden sich in Wasservögeln, und aus diesen gelangen die Eier des Parasiten mit dem Kot in das Wasser, wo, nach aller Analogie, der Embryo auskriecht, in den Darm eines Fisches

aktiv oder passiv durch das Maul oder durch die Kiemenöffnungen einwandert, die Wandung des Nahrungsrohres durchbohrend in die Leibeshöhle eindringt, hier wächst und beinahe die Geschlechtsreife erreicht. Der infizierte Fisch erkrankt an chronischer Peritonitis, d. h. Entzündung des Bauchfelles, verliert seine Schuppen, wird immer unbehilflicher in seinen Bewegungen, treibt auf der Oberfläche des Wassers und wird zu seinem Verderben, aber zur Wohlfahrt seines Parasiten, vor allen Genossen eine leichtere Beute fischender Vögel, in denen die mitgefressene Wurmlarve in sehr kurzer Zeit die volle Geschlechtsreife erreicht, Eier produziert und so den Cyklus der Entwickelung aufs neue einleitet.“ Auch andere Gattungen der Bandwürmer leben im ausgebildeten Zustande teils in Fischen, teils in Wasservögeln, in welche sie mit den Fischen versetzt werden. Meist ist ihre Gliederung, wie schon bei den Riemenwürmern, eine undeutliche; sie kann sich sogar auf eine bloße Wiederholung der Fortpflanzungsorgane beschränken, ohne äußerlich angedeutet zu sein, — ein Vorkommen von wichtiger, theoretischer Bedeutung, welches auf die Gattung Caryophyllaeus führt, der, im wesentlichen ein Bandwurm, doch völlig ungegliedert ist, nur einfache Fortpflanzungsorgane besitzt und ein Saugwurm ohne Verdauungsapparat genannt werden kann. Nochmals, und viel mehr als die eigentlichen Tänien, erinnern diejenigen

Gattungen (Familie der Tetraphyllidea) an die Saugwürmer, deren Kopf mit vier sehr beweglichen, oft lang gestielten Saugnäpfen versehen und deren reife Glieder länger ein isoliertes Leben führen. Sie leben sämtlich in Fischen, vorzugsweise in Haien und Rochen, in deren Darmkanal sie mit anderen Fischen wandern, welche von jenen gejagt und verzehrt werden.

Indem wir diesen reichhaltigen Abschnitt schließen, hegen wir die Hoffnung, daß diejenigen Leser, welche sich nicht durch die Überschriften und den an sich nicht einladenden Gegenstand haben abschrecken lassen, durch das spannende Interesse an der Verkettung der Thatsachen volle Entschädigung für den Abgang des poetisch oder gemütlich Anziehenden gefunden haben, möchten aber überhaupt daran mahnen, daß die vermeintlichen Mißklänge in der Natur ausgeglichen werden, wenn man auf einer höheren Warte sich einen erweiterten Gesichtskreis verschafft hat.

„Wer den Ton gefunden, Der im Grund gebunden Hält den Weltgesang, Hört im großen Ganzen Keine Dissonanzen, Lauter Übergang.“ (Rückert.)

Zweite Ordnung.

Die Haug oder Lochwürmer (Trematodes).

Über die engeren Grenzen der Ordnung der Saug- oder Lochwürmer ist man immer ziemlich einig gewesen. Sie sind fast alle blattförmig, abgeplattet, nicht besonders lang, mit Saugnäpfen vorn, in der Mitte oder am Hinterende versehen. Der Verdauungskanal hat immer nur eine Mundöffnung und ist gewöhnlich gabelförmig. Blutgefäße finden sich nicht, wohl aber ein mit einer Mündung am Hinterende des Tieres sich öffnender Gefäßapparat, welcher dem Wassergefäßsystem der Strudelwürmer gleicht, aber ein Absonderungsorgan ist. Die Geschlechter sind vereinigt. Die höheren Saugwürmer sind sogenannte

„Außenparasiten“ und entwickeln sich ohne Verwandlung; die niedrigeren Gattungen machen dagegen eine sehr komplizierte Verwandlung mit wechselnden Generationen durch, wobei sie ihre Jugend in einem anderen Wirte zubringen, um dann, in den definitiven Wirt verpflanzt, geschlechtsreif zu werden. Die Wahrnehmung, die wir über die Verteilung der egelartigen Tiere machen konnten, daß nämlich die höher ausgebildeten Egel höheren Tieren, die niedrigen auch niedrigeren Wohntieren attachiert sind, wiederholt sich bei den Trematoden in einem anderen Sinne. Die höheren Saugwürmer sind ausschließlich an die Fische gebunden, die niedrigeren aber finden sich als Gäste bei den verschiedensten Tier: klassen ein, halten sich jedoch, sofern sie einer Verwandlung und Wanderung unterworfen sind, wesentlich an die von uns auch bei den Fadenwürmern bemerkte Regel, daß die Jugendperiode in niedrigeren Wirten abgethan wird und die Geschlechtsreife vorzugsweise in Wirbel: tieren und in diesem besonderen Falle zum Teil in Wirbeltieren selbst beim Menschen eintritt.

Die Saugwürmer zerfallen in zwei Unterordnungen: 1) in die Vielmäuler oder Polystomeae und 2) in die Zweimäuler oder Distomeae.

Die Vielmäuler haben am Vorderende zwei kleinere, seitlich gelegene Sauggruben und eine größere oder mehrere kleinere am Hinterende und bisweilen Klammerhaken. Sie sind meist äußere Parasiten und legen wenige große Eier, aus denen sich die Jungen ohne Generationswechsel entwickeln, indessen durchlaufen dieselben bisweilen eine Metamorphose. Sie sind als äußerlich schmarotzende Tiere zwar mit einer Reihe positiver Eigentümlichkeiten, besonders Haft- und Klammerapparaten, ausgerüstet, aber aus eben dem Grunde auch weniger degeneriert als ihre innerlich parasitierenden Verwandten, so haben sie z. B. öfters Augen, welche diesen, den Zweimäulern, im ausgebildeten Zustande stets abgehen. Auch haben die Zweimäuler immer höchstens zwei Sauggruben und niemals Klammerhaken, sie produzieren aber zahlreiche, kleinere Eier, die sich mit Generationswechsel entwickeln, so daß also aus jedem Ei eine größere Anzahl von Nachkommen hervorgehen kann. Es ist eben für Binnenschmarotzer schwieriger, den definitiven Wirt, in welchem sie geschlechtsreif werden können, zu erlangen, als für äußerliche Parasiten, es geht von den Eiern jener, wenn sie auch klein und zahlreich sind, ein viel größerer Prozentsatz verloren als von denen dieser, und es würde die Existenz der Art sehr problematisch werden, wenn nicht durch den Generationswechsel für eine „numerische“ Auffrischung gesorgt wäre.

Eine der am längsten bekannten, schon im vorigen Jahrhundert gut beschriebene Gattung der Vielmäuler ist Tristomum oder Epibdella, Tristomum (Dreimund) genannt, weil oberhalb der eigentlichen Mundöffnung noch zwei kleine Saugnäpfe gleichsam wie zwei weitere Mäuler liegen. Unsere Abbildung (Fig. 1) zeigt Epibdella hippoglossi, den häufigen Schmarotzer auf dem Heiligbutt, in natürlicher Größe, einmal vollständig ausgestreckt und daneben mit nach dem Bauche gebogenem Vorderende. Die kleine Mundöffnung liegt etwas hinter den beiden vorderen Saugnäpfen. Sehr in die Augen fallend ist der hintere Saugnapf, in welchem man bei genauer Untersuchung mit mäßiger Vergrößerung ein Paar größere und einen sehr kleinen Haken entdeckt. Professor van Beneden sen. in Löwen, dem wir die genauesten Untersuchungen über dieses Tier verdanken, verfiel auf ein ebenso einfaches wie sinnreiches Mittel, die Epibdellen mehrere Wochen in seinem Zimmer am Leben zu erhalten, indem er sie alle Tage in eine frische Auster setzte. Der Wurm nimmt oft die Stellung an, die auch der Blutegel liebt, indem er das Kopfende an den hinteren Saugnapf ansetzt. Außerdem verlängert er den Körper wie die Blutegel, oder verkürzt ihn, indem er in die Breite geht, ohne jedoch die Ausdehnungsfähigkeit wie die Egel zu haben. Die Farbe ist weiß wie die Unterseite der Scholle, die er bewohnt.

An Epibdella reihen sich andere Gattungen, welche ebenfalls durch den Besitz eines großen Saugnapfes am Hinterende ausgezeichnet find; fie können unser Interesse weniger. durch ihre höchst eintönige Lebensweise als durch ihre zum Teil sehr zierlichen Formen in Anspruch nehmen. Wir greifen zur Bestätigung nur ein paar Arten heraus. So findet sich nicht selten auf dem Knurrhahn (Trigla hirundo) der röhrentragende Scheibenfuß (Trochopus tubiporus), eins von jenen ektoparasitischen Vielmäulern, welches auch im ausgewachsenen Zustande Augen hat. Ihrer sind vier, welche zwischen den beiden ansehnlichen vorderen Saugnäpfen und der winzigen Mundöffnung liegen. Der gestreckte elliptische Körper endigt mit einem großen Saugnapf, der einer Rosette gleicht, durch neun speichenartige Leisten gestützt ist und von einem gefransten Saume umgeben wird.

Eins der auffallendsten Tiere dieser Gruppe ist Cyclatella annelidicola, dessen Mund von einem Kranze bewimperter Fühler umstellt ist. Der ovale, ganz flache und rein weiße Körper ist hinten tief ausgeschnitten, = I und der große Saugnapf sitzt auf einem von dem Ausschnittswinkel entspringenden Stiele. Auch hier wird dieses Saugorgan von acht Speichen gestützt und von einem zarten Hautsaum umfaßt. Fest damit angesaugt, vermag das Tier auf dem dehnbaren und nach giebigen Stiele sich frei und lebhaft nach allen Seiten zu bewegen. Es ist einer der wenigen Saugwürmer, welche sich auf Ringelwürmer, und zwar auf einer röhrenbewoh— 1) Epibdella, natürliche Größe. 2) Trochopus und 3) Cyclatella, vergrößert. nenden Clymene, aufhalten.

Leider verbietet uns der Raum, das Bild anderer Formen und so auch das der sehr merkwürdigen Udonellen zu geben. Letztere sonderbare Wesen fixieren sich auf den auf Fischen schmarotzenden Fischläusen (Caligus) und Lernäen, benutzen diese Krebse aber bloß als Unterlage, Wohnung, resp. die Caligiden als Fahrgelegenheit, indem sie ihre Nahrung lediglich von den Fischen beziehen.

Wir lassen nun einige Beispiele aus einer anderen formenreichen Familie folgen, in welcher die Tiere am Hinterende mehrere, am häufigsten acht Saugnäpfe in zwei Reihen tragen.

Darunter findet sich eine der wunderbarsten Erscheinungen des Tierreiches, das Doppeltier (Diplozoon paradoxum, s. Abbild. S. 190). Das Wesen besteht aus zwei voll: kommen gleichen Hälften, deren jede alle Eigenschaften eines ganzen Tieres besitzt: es sind zwei in der Mitte ihres Körpers miteinander nicht nach Art der siamesischen Zwillinge, sondern über das Kreuz verbundene Individuen. Die beiden zugespitzten Vorderenden haben jedes eine Mundöffnung und daneben ein Paar kleine Saugnäpfe. Bei Anwendung einigen Druckes sieht man bei geeigneter Vergrößerung den aus einer mittleren Röhre und zahlreichen Seitenzweigen bestehenden Darmkanal, der gleich allen übrigen Organen in jeder Hälfte gesondert verläuft. Am Hinterende jedes Wurmes finden sich in einer Vertiefung zwei Haftorgane, die aus vier durch Hartteile in Gestalt einer Schnalle gestützten Saugnäpfen zusammengesetzt sind.

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