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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Gewiß ist dieses der Fall mit einer vierten Bandwurmart, der Taenia cucumerina, welche zwar schon von Linné als Parasit des Menschen bezeichnet worden war, aber erst in neuerer Zeit als ein verhältnismäßig gar nicht so seltener der Kinder erkannt worden ist. Bei Hunden und Katzen lebt derselbe Wurm ungemein häufig, und seine Lebensgeschichte ist interessant genug. Als Jugendform findet er sich nämlich bei den Läusen der Hunde (Trichodectes canis), welche auch auf Katzen übergeht. Die Hunde machen eifrig Jagd auf ihr ektoparasitisches Ungeziefer und infizieren sich mit den Larven von Taenia cucumerina, die bei ihnen geschlechtsreif werden. Die Eier gehen mit dem Kot ab, bleiben zum Teil in dem Felle des Hundes hängen und werden von der Trichodectes, die eine kauende und keine stechende und saugende Läuseart ist, gefressen, ihr Darm wird von den frei gewordenen Embryonen durchbohrt, und dieselben gelangen in die Leibeshöhle, wo sie ruhen.

Von den Bandwürmern mit einem Blasenwurmzustand gleich der Finne, nämlich dem, wo die Blase nur einen einzigen Bandwurmkopf knospen läßt, sind noch einige bei Hund und Katze vorkommende besonders erwähnenswert. Die im Hunde geschlechtsreif werdende Taenia marginata ist zwar als solche dem Menschen nicht gefährlich, aber gelegentlich kommt ihre sonst gewöhnlich im Netze und in der Leber der Wiederkäuer und Schweine lebende Finne, den älteren Systematikern als Cysticercus tenuicollis bekannt, auch im Menschen vor. Der häufigste Bandwurm des Hundes ist aber Taenia serrata, ausgezeichnet durch eine doppelte Reihe größerer und kleinerer Haken. Als Blasenwurm lebt er im Hasen und Kaninchen. Die zahllosen Versuche, bei welchen Hund und Kaninchen den Boden abgeben, auf welchem Taenia serrata erzogen wurde, haben vorzugsweise zur Aufhellung der Bandwurmangelegenheit beigetragen. Der bei der Katze gemeinste ist Taenia crassicollis, mit starkem Kopfe, kurzem und dickem Halse. Das Sprichwort: Wenn die Katze nicht zu Haus, tanzen die Mäuse — nimmt keine Rücksicht auf die in der Maus verborgene Finne (den sogenannten Cysticercus fasciolaris), deren gute Zeit erst anhebt, wenn die Maus von der Katze gefressen ist.

Ein wegen seines Blasenwurmzustandes sehr interessanter und noch mehr berüchtigter Bandwurm ist die auch ausschließlich im Hunde geschlechtsreif werdende Taenia coenurus. Wir kennen diese Stufe erst seit der Zeit, als die Bandwurmuntersuchungen wissenschaftlich in Gang kamen. Längst aber ist der Blasenwurmzustand als Quese oder Drehwurm (Coenurus) bekannt, welcher, im Gehirn der Schafe sich aufhaltend, die Drehkrankheit dieser Tiere verursacht. Man hat den Verlauf der Krankheit natürlich auch durch den Versuch festgestellt. Bei den Schafen, welchen man die betreffenden Eier eingegeben, zeigen sich nach 17 Tagen die ersten Symptome der Drehkrankheit. Man findet alsdann in ihrem Gehirn schon die kleinen, erbsengroßen Bläschen, zu welchen die sechshakigen Embryonen geworden find. Es entsteht aber an diesen Blasen nicht bloß, wie bei der Finne, ein einziger Bandwurmkopf, sondern gleich eine Gruppe von dreien oder vieren, bald aber mehr und mehr, indem teils an anderen Stellen der Blase andere Gruppen hervorwachsen, teils unter Ausdehnung der Blase neue Köpfe zwischen den älteren sprossen, so daß ihre Anzahl sich schließlich auf mehrere Hundert belaufen kann. Der Druck und Reiz, den der Blasenwurm auf seine Umgebung ausübt, verursacht jene Entzündungen und Entartungen des Gehirns, welche sich unter anderen in dem Drehen der Schafe äußern und mit dem Tode derselben endigen. Der Ausbreitung und der Wiederkehr der Krankheit kann natürlich nur dadurch

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einigermaßen vorgebeugt werden, daß wenigstens die Köpfe der gefallenen oder getöteten Schafe sorgfältig vergraben und den Hunden unzugänglich gemacht werden. In dem Dorfe, in dem ich meine Kindheit verlebte, gab es jahraus jahrein drehkranke Schafe Es war aber auch ein offener Schindanger keine Viertelstunde entfernt, auf welchem sich des Nachts alle losgelassenen Hof- und Hirtenhunde das Rendezvous gaben. Damals hatte man noch keine Ahnung, wie eben diese Hunde das Übel wieder auf die Weide und in den Hof und Stall bringen könnten. Jetzt aber läßt sich eine solche Polizei üben, daß fast nur noch durch fremde Hunde der Drehwurm einzuschleppen ist. Die Auflösung der Drehwurmblase geht im Magen des Hundes sehr rasch vor sich, alle Köpfchen werden frei, jedes gründet eine Kettenkolonie, und aus dem einen Ei, welches zum Drehwurm sich entwickelte, ist am Schluß der Bandwurmentwickelung eine vieltausendfältige Nachkommenschaft hervorgegangen.

Ein zwar nicht häufiger, aber unter Umständen höchst gefährlicher, den Tod herbeiführender Parasit des Menschen und einiger Tiere (Wiederkäuer, Schweine, Affen) ist der sogenannte Hülsenwurm (Echinococcus der älteren Systematik), die Blasenwurmform eines gleichfalls im Hunde lebenden Bandwurmes, der Taenia echinococcus. Derselbe ist jo klein, kaum etwas über 4 mm lang und ½ mm breit, daß er den früheren Beobachtern entging und ebenfalls erst durch das neuere Studium der Lebensverhältnisse der Blasenwürmer ordentlich entdeckt wurde. Er weicht auch darin von den übrigen Tänien höchst auffallend ab, daß er schon im dritten Gliede geschlechtsreif wird, welches letzte Glied so lang ist, wie die beiden AR # u ersten samt dem Kopfe. Die aus dem sechshakigen a ee S ne Olfen nee 185 Embryo hervorgehende Blase ist nun ebenfalls, wie 5 die Drehwurmblase, die Brutstätte sehr vieler Köpfchen. Dieselben entstehen aber nicht direkt auf der Wand der Blase, sondern in besonderen, aus dieser Wand hervorgehenden Brutkapseln, auf deren Außenfläche die erste Anlage der Köpfchen unter der Form eines hohlen Anhanges zur Entwickelung kommt. Dieser hohle Zapfen stülpt sich dann in das Innere der Brutkapseln, in welche schließlich die Bandwurmköpfchen an dünnen Stielen hineinhängen. Die einzelnen Brutkapseln enthalten mitunter 12— 15, selten mehr als 20 Köpfchen und haben 1—1½⁰ mm im Durchmesser. Ungemein verschieden ist aber die Größe der Echinococcus-Blase, ehe sie Brutkapseln hervorbringt. Leuckart beobachtete dies bei einem Durchmesser von 1 mm, andere fand er noch leer bei einem Volumen eines Hühnereies. Neben diesen einfachen, eben beschriebenen Hülsenwürmern kommt eine andere Form, die zusammengesetzte, vor, in welchem Falle neue, sogenannte Tochterblasen, sich bilden, entweder nach außen hin oder nach innen, so daß dann die ursprüngliche Blase eine ganze Nachkommenschaft ihr gleicher Blasen einschließt. Nicht selten wird die Entwickelung hiermit abgebrochen, indem weder an der Mutter- noch an den Töchterblasen Brutkapseln mit Köpfchen entstehen. Das ganze Gebilde macht dann am wenigsten den Eindruck eines tierischen, parasitischen Körpers, sondern sieht wie eine bloße Wassergeschwulst (Hydatide) aus. Unter den menschlichen Parasiten, heißt es bei Leuckart, ist kein zweiter, der sich durch die Mannigfaltigkeit seines Vorkommens mit dem Hülsenwurm vergleichen ließe. Selbst die (Schweine-) Finne, die wir wegen ihres Aufenthaltes in so verschiedenen Organen mit Recht den verbreitetsten Helminthen zugerechnet haben, steht in dieser Beziehung weit

hinter dem Echinococcus zurück. Es ist kaum ein Organ des menschlichen Körpers, das demselben nicht gelegentlich zum Wohnorte diente. Sogar die Knochen werden bisweilen von ihm heimgesucht. Aber nicht alle diese Organe beherbergen unseren Wurm mit gleicher Häufigkeit. Der Echinococcus hat ebenso wie die Finne Lieblingssitze und andere, die er weniger häufig, vielleicht nur selten, aufsucht. Freilich sind die Lieblingssitze beider sehr verschieden. Das Zellgewebe zwischen den Muskeln, welches die Finne mit besonderer Vorliebe bewohnt, ist nur in seltenen Fällen der Sitz des Echinococeus. Auch im Hirn und namentlich im Auge wird die Finne ungleich häufiger gefunden als der Hülsenwurm, der dafür seinerseits die von der gemeinen Finne meist verschmähten Eingeweide, und vor allen anderen namentlich die Leber, aufsucht. Hier erreicht der Hülsenwurm nicht selten die Größe eines Kindskopfes. — Wahrscheinlich ist der Hund der einzige Träger des Echinococcus-Bandwurmes, der mit ihm wohl über die ganze Erde verbreitet ist. Auf Island, wo der 6.—5. Teil der gesamten Bevölkerung von ihm dahingerafft werden soll, ist er eine furchtbare Plage, ebenso in gewissen Teilen Australiens und bei den Buräten, einer sibirischen Völkerschaft, fast schmutziger als die Hunde. Aber auch bei uns ist der Wurm durchaus nicht selten und wird, charakteristisch genug, bei Mitgliedern von Metzgers- und Hirtenfamilien sowie bei älteren alleinstehenden Frauenzimmern, also bei Personen, welche aus Beruf oder Liebhaberei viel und intim mit Hunden umgehen, am meisten gefunden. Wie oft hört man nicht von Hundefreunden die Außerung: „Der Hund ist das reinlichste Tier“ und „Mein Hund hat keine Bandwürmer“. Nein, — der Hund ist kein reinliches Tier, und wer sich von Hunden lecken läßt, schwebt immer in Gefahr, sich mit dem fürchterlichen Echinococcus zu infizieren, denn, verehrte Leserinnen und Leser, es sei zwar gern zugegeben, daß Ihre Hunde nicht die großgliederige, sich bald verratende, harmlose Taenia cucumerina haben, aber deshalb können fie gar wohl mit der winzigen, entjeß-lich gefährlichen Taenia echinococcus behaftet sein.

Das Register derjenigen Bandwürmer, deren Leben mit der Existenz unserer Haustiere und unseres eignen Leibes verkettet ist, muß noch durch eine einer anderen Gattung und Familie (der der Grubenköpfe, Bothriocephalidae) angehörige Art, den

Menschen-Grubenkopf oder breiten Bandwurm (Bothriocephalus latus), vervollständigt werden. Die Grubenköpfe, insofern sie sich von den Tänien scheiden, haben einen abgeplatteten Kopf, der jederseits mit einer länglichen, tiefen Sauggrube versehen ist. Die meisten Arten leben geschlechtsreif in kaltblütigen Tieren, namentlich in Fischen, einzelne in Vögeln und Säugetieren, und die wichtigste ist natürlich die den Menschen heimsuchende. Kein anderer menschlicher Bandwurm erreicht die Länge des Bothriocephalus latus, nämlich 5—8 m, mit 3 — 4000 kurzen und breiten Gliedern. Der Kopf ist keulenförmig, 1 mm lang und ½ mm breit. Über das Vorkommen des breiten Grubenkopfes bemerkt Leuckart: „Während die großgliederigen Tänien des Menschen und besonders die Tae nia saginata (der unbewaffnete Bandwurm des Menschen) nahezu als kosmopolitische Parasiten bezeichnet werden können, ist der Verbreitungskreis des Bothriocephalus latus weit enger und sein Vorkommen ein mehr begrenztes. Außerhalb Europa ist derselbe bisher nur an wenigen Orten mit Sicherheit beobachtet worden. Nach Verrill findet er sich, freilich nur selten, in Nordamerika, nach Baelz und Ijima häufig in Japan. Auch in Europa sind es nur gewisse Länder und Gegenden, die von ihm heimgesucht werden. Obenan unter diesen Lokalitäten stehen die Küstengebiete der Ostsee, besonders die mehr östlich gelegenen, und die Schweiz, die auch die ersten bekannt gewordenen Fälle von Bothriocephalus lieferte,

besonders die Westschweiz. Der Wurm war in früherer Zeit vornehmlich auf das Ufergebiet des Bieler-, Murten:, Neuenburger und Genfer Sees beschränkt. Auch heute noch sind diese Lokalitäten als die Hauptherde unseres Parasiten zu bezeichnen, obwohl derselbe an einzelnen Stellen, wie z. B. in Genf, wo nach Odier einst ein Viertel der Einwohnerschaft daran litt, im Laufe der Zeit sehr viel seltener geworden ist. Anderseits gibt es aber noch gegenwärtig in den Uferdistrikten der genannten Seen Orte, in denen von fünf Erwachsenen je einer unseren Bandwurm besitzt. Kinder unter 10 Jahren sind meist davon verschont. In der schwedischen Provinz Nordbotten soll unter den Küstenbewohnern niemand, weder reich noch arm, weder jung noch alt, davon verschont bleiben. Ebenso ist auf der Kurischen Nehrung kaum einer der Fischer frei von unserem Wurme. In Petersburg schätzt man die Zahl der Bothriocephaluskranken auf 10 Prozent.“ — Auch im Inneren Rußlands, in Polen und bei Kasan ist der breite Grubenkopf ein häufiger Gast des Menschen, selten nur in Moskau. In Dänemark kommen auf 200 Bandwurmkranke 20 mit Bothriocephalus latus behaftete. In Frankreich und Italien findet er sich inden der Schweiz benachbarten Teilen, in Holland und Belgien wurde er gleichfalls beobachtet. In Deutschland beherbergen ihn die Küstenstriche Ostpreußens und Pommerns, doch wurde er auch in Hamburg, Berlin und Rheinhessen gefunden. Von besonderem Interesse gestalten sich die Verhältnisse seines Vorkommens in München. Hier kam er in der ersten Hälfte der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts unter 27 Fällen von Bandwurmerkrankungen achtmal zur Beobachtung und zwar ausschließlich bei Personen, welche München und seine nächste Umgebung seit längerer Zeit nicht verlassen hatten. Die Mehrzahl der Patienten (fünf) hatten sich aber längere Zeit am Starn— — berger See aufgehalten. „Da aus früherer Zeit kein derartiger „ gapfendeundbyreiseGliederdes Fall beobachtet worden, so liegt die Vermutung nahe, daß in- Menschen-Grubenkopfes in folge des gefteigerten Verkehrs an den Ufern des Starnberger matte Sr ern bestehen Sees, dessen Fische bis nach München vertrieben werden, im f Laufe des letzten Jahrzehnts ein neuer Bothriocephalus-Herd entstanden ist. Die in neuerer Zeit so viel besuchte Gegend ist wahrscheinlicherweise von Russen oder Schweizern mit Bothriocephalus-Eiern infiziert und bildet nun selbst eine Brutstätte des Grubenkopfes.“ (Leuckart.)

Aus dieser merkwürdigen Verbreitung läßt sich von vornherein mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten, daß Fische die Zwischenwirte unseres Parasiten sein werden. Und so ist es nach den Untersuchungen Brauns in der That. Diesem Forscher gelang es, die Finnen des Grubenkopfes bei der Quappe (Lota vulgaris) und ganz besonders beim Hecht aufzufinden und durch Verfüttern derselben an Hunde und Katzen sowie durch Verabreichung an Menschen (an drei Dorpater Studenten, welche sich freiwillig dazu erboten hatten) bei den infizierten Individuen die Entwickelung zum ausgebildeten Bandwurm nachzuweisen.

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