Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Wir teilen die Plattwürmer in drei Ordnungen: 1) Die Bandwürmer (Cestodes), 2) die Saug- oder Lochwürmer (Trematodes), einschließlich der Dicyaemidae und Orthonectidae, und 3) die Strudelwürmer 1 einschließlich der Schnurwür mer (Nemeıtini),
Nach dem Plane dieses Buches, in welchem der umgekehrte Weg, wie ihn die Natur einschlägt, verfolgt wird, in welchem wir treppab, d. h. vom Komplizierteren und Moderneren zum Einfacheren und Altertümlicheren, steigen, müßten wir mit den Bandwürmern beginnen. Dieselben erscheinen in den meisten Punkten freilich als die einfachsten Formen der Plattwürmer, aber fie scheinen nur Jo: das Einfachere, was fie in ihrer Organisation bieten, beruht auf Rückbildungen, auf sekundären Erscheinungen, wie sie immer eine Folge der schmarotzenden Lebensweise sind. Am ursprünglichsten in der ganzen Klasse sind die Strudelwürmer, welche teilweise vielleicht auf die Infusorien zurückgreifen, und denen sich in ihren höheren Formenkreisen die Schnurenwürmer nebenreihen. An jene schließen sich die Saug- und Lochwürmer an, die ihrerseits wohl als die Stammeltern der Bandwürmer, aber zugleich auch der egelartigen Gliederwürmer, welche wir schon vor den Rundwürmern abgehandelt haben, anzusehen sein dürften. Die Rundwürmer selbst stehen sehr vereinzelt da und es lassen sich mit Bestimmtheit nähere Beziehungen derselben zu anderen Wurmgruppen kaum darthun.
Mit den Trichinen sind die Bandwürmer so populär, daß man auch in guter, nicht gerade medizinischer Gesellschaft wagen darf, von ihnen und ihren Lebensschicksalen eingehender zu sprechen. Sich mit ihnen, ihren Verwandlungen und unfreiwilligen Wanderungen bekannt zu machen, ist nicht bloß Pflicht einer jeden Hausfrau, welche in ihrer Küche eine vernünftige Sanitätspolizei üben will, sondern auch das Interesse an der Zusammensetzung des merkwürdigen Vielwesens, das man Bandwurm (als ob es nur ein Tier wäre) zu nennen gewohnt ist, und an den Irrfahrten seiner Jugendzuständeist in den Vordergrund zu stellen. Schließlich ist der in einem weißen Glase in reinem Spiritus mit Hilfe einer Glaskugel museummäßig aufbewahrte Bandwurm nichts weniger als unappetitlich. Auch braucht man ja nicht geradean die menschlichen Bandwürmer zu denken. Hunde, Katzen, Frösche, Fische liefern deren zu beliebiger Auswahl. Am allervertrautesten machen wir uns aber ohne jeden ästhetischen Skrupel mit jenen Gästen der Schnepfe, wenn wir sie, mit gewissen Bestandteilen des Vogels zubereitet, als Delikatesse genießen.
Erste Ordnung.
Die Bandwürmer (Cestodes).
Wir gehen also frisch daran und verständigen uns zuerst über die Bestandteile, die Zusammen setzung und die Bedeutung des sogenannten „Bandwurmes“, einer Kolonie oder eines Tierstockes, wie wir sehen werden, dessen Bedeutung freilich auch erst wieder durch die Entwickelungsgeschichte ins rechte Licht gesetzt wird. Wir halten uns dabei zunächst an die Gruppe der eigentlichen Bandwürmer (Taeniadae), zu welcher auch einige den Menschen bewohnende Arten gehören, da ihre Naturgeschichte in allen Einzelheiten bekannt, während für die übrigen Gruppen vollen Aufschluß zu geben der Zukunft vorbehalten ist.
Es ist jedermann geläufig, an dem Bandwurm, wie er im Menschen und in vielen Tieren sich aufhält, den „Kopf“ mit einem kurzen, fadenförmigen „Halse“ und die „Glieder“ zu unterscheiden, wobei man sich keine Rechenschaft gibt, was man denn eigentlich mit dem Ausdruck „Glied“ bezeichnet. Der Kopf des Bandwurmes trägt bei einer Abteilung von Arten einen Kranz von Haken auf einem kleinen rüsselartigen Vorsprunge, die ihm natürlich zur größeren Sicherung und Befestigung im Darme seines unfreiwilligen Gastgebers dienen. Man würde jedoch sehr irren, zu meinen, daß die nicht mit dem Hakenkranz versehenen Arten darum weniger hartnäckig sind. Den besten Beleg dazu gibt der hakenlose Bandwurm des Menschen, die Taenia saginata, der man im allgemeinen stärker zusetzen muß, um sie „abzutreiben“, als der bestachelten Taenia solium (s. Abbild. S. 176). Rings um den Kopf sind vier Saugnäpfe angebracht, welche als Haftorgane wie die Bauchnäpfe der Trematoden wirken. Nach einer Mundöffnung sowie nach einem Darmkanal suchst du beim Bandwurm vergeblich; er ist in derselben glücklichen Lage wie die Kratzer, nicht einmal essen zu brauchen und sich doch mittels der durch seine ganze Oberfläche vor sich gehenden Aufsaugung, durch Osmose, gut zu nähren.
Aufsaugung von Flüssigkeiten durch die Haut ist zwar bei den höheren Tieren kaum nachweisbar, bei den niederen aber nach der Beschaffenheit ihrer Körperbedeckungen vielfach vorhanden. Wir werden die Vorstellung nicht abweisen können, daß die Vorfahren der Bandwürmer, indem sie allmählich Parasiten wurden, die Aufnahme der Nahrung durch den Mund mit der unwillkürlichen Aufsaugung durch die Haut vertauschten, und daß der
Darmkanal nicht nur nach und nach außer Dienst gesetzt wurde, sondern auch zum vollständigen Schwunde kam.
Man pflegt, wie oben gesagt, den unmittelbar aus dem Kopfe hervorgehenden, gänzlich ungegliederten Körperteil „Hals“ zu nennen. Wir werden sehen, daß er aufs engste zum Kopfe gehört. Auf den Hals folgen die sogenannten „Glieder“. Die unmittelbar am Halse sitzenden sind kaum andeutungsweise voneinander getrennt, sie scheiden sich, je mehr sie sich entfernen, immer schärfer und hängen am Ende des „Bandwurmes“, wo sie, wie man sagt, „reif“ werden, nur noch lose aneinander, so daß sie einzeln oder auch zu zweien und dreien verbunden aus dem Wirte ausgestoßen werden. Es ist jedem, der mit dem Bandwurm eine Erfahrung gemacht hat, klar, daß die Glieder sich loslösende Knospen des vorderen Endes des Bandwurmes, namentlich des Kopfes und Halses, sind, daß alles Abtreiben des Tieres nichts hilft, solange der Kopf nicht zum Vorschein gekommen, der die ganze Kette aufs neue sprossen läßt. Man nahm aber Anstand, den Bandwurm als einen Tierstock aufzufassen, da gerade die „Glieder“ der am häufigsten zur Beobachtung kommenden Arten so wenig den Eindruck selbständiger tierischer Individuen machen. Sie bewegen sich kaum oder nicht anders als losgelöste Organe, sie haben ebensowenig wie das ganze Gebilde, von dem sie sich losreißen, einen Mund und Verdauungskanal, sie erscheinen mitunter, z. B. beim Frosch-Bandwurm, als bloße Eierschläuche. Etwas anders verhält es sich bei manchen Band wurmgattungen der Fiaesche, wo die losgelösten Glieder tagelang unter lebhaften Bewegungen ii fortleben. Aller Zweifel wird aber gehoben, wenn man diese jo:
NN genannten Glieder in der Kette der ganzen Entwickelung betrachtet and. Und dieselbe mit dem Generationswechsel vieler anderen Tiere und wurm (Taenia solium). besonders auch der Saugwürmer vergleicht. Es ergibt sich dann, daß 50 off ue der Bandwurm aus zwei ganz verschiedenen Sorten von Individuen besteht. Beim Bandwurm ist die eine, die Ammengeneration, der Kopf mit seinem ungegliederten Halse, dessen Herkommen wir bald verfolgen werden, und welcher eine Zeit hindurch isoliert besteht, d. h.ohne Knospen. Nachdem aber die Bandwurmamme sich bei ihrem Wirte häuslich eingerichtet und mit dem Kopfe fixiert hat, schreitet sie zur Bildung einer Nachkommenschaft, die sie als Knospen nach und nach aus dem Hinterende sprossen läßt; und diese sogenannten Bandwurmglieder, jo wenig selbständig fie auch oft erscheinen, repräsentieren in jedem Falle die Geschlechtstiere, die höchste Form, mit welcher der Kreis der Zeugung und Entwickelung abschließt. Die freiwilligen Lebensäußerungen der Band: würmer sind auf allen Stufen der Entwickelung so gering und beschränkt, daß es in der That nur des Willens bedarf, sich von einer althergebrachten Ansicht loszusagen, um nicht mehr das ganze Bandwurmgebilde, sondern das reife Glied desselben als ein Individuum zu betrachten. Die Thätigkeit des Bandwurmes geht über gemeinschaftliche Verlängerung, Verkürzung, eine sich über alle Glieder fortsetzende Wellenbewegung nicht hinaus. Der Kopf, als ein Individuum niederer Ordnung der Erzeuger der Gliederkette, ist zugleich als eine Art von Organ im Dienste des Stockes, der mithin aus zweierlei Individuen von verschiedener Gestalt und Leistung zusammengesetzt ist und in dieser Vereinigung allerdings auch eine Einheit bildet. Diese Anschauung, mit der man sich zum Verständnis vieler Vorkommnisse der niederen Tierwelt vollkommen vertraut machen muß, läßt sich durch den Hinweis auf die Tiergesellschaften der Bienen und anderer Hautflügler illustrieren. Das
Bienenwesen, der „Bien“, wie man es auch genannt hat, ist eine Einheit, zu welcher mehrere Sorten von Individuen in ganz verschiedener Thätigkeit beitragen. Von dieser in seinen Gliedern mehr freiheitlichen Gemeinschaft steigt die Vorstellung leichter zu jenen organisch verbundenen Kolonien der „Bandwürmer“ und vieler polypenartigen Wesen herab, wo das Individuum mehr der Idee nach als in Wirklichkeit besteht, und statt der freien, selbständigen Wesen sehr unvollkommene, unselbständige Surrogate derselben uns entgegentreten. Wir erinnern uns denn auch bei diesem geringen Anlaß an des Dichters Worte:
„Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes dich an.“ Allen jenen tierischen, vielgestaltigen Gemeinschaften fehlt „die angeborene Farbe der Entschließung“, welche die höhere staatliche Ordnung charakterisieren soll. Allein wohin geraten wir doch vom Bandwurm! Wir stehen bei seinen „dienenden Gliedern“, insofern sie, zur Reife gelangt, durch eine äußerst ergiebige Eiproduktion für die Erneuerung des Entwickelungskreises sorgen, in welchem die Art sich bewegt.
Man sieht in den ersten platten Bandwurmgliedern gewöhnlich schon mit bloßem Auge den Eihalter, der aus einem mittleren Stamme und nach beiden Seiten abgehenden, unregelmäßigen Asten besteht. Dieses Organ ist dicht mit Eiern erfüllt. Durch die dicke, oft doppelte Schale derselben erkennt man ein kleines, kugeliges Wesen, welches mit drei Paar Häkchen bewaffnet ist. Wenn jemand, mit der Kenntnis der Entwickelungsgeschichte der übrigen Eingeweidewürmer ausgerüstet, an die ihm bisher unbekannten Bandwürmer käme, er würde aus der Festigkeit der Ei: hüllen und der Bewaffnung der Embryonen und aus der N Beobachtung, daß diefe Eier massenhaft ins Freie gelangen, es bakige chertennb bo. den Verdacht hegen, daß auch die Bandwürmer allen Unbilden der Witterung, der Nässe und Trocknis, der Berührung mit gärenden und faulenden Substanzen ausgesetzt sein können, ohne diese Einflüsse bis zu ihrem Inhalt gelangen zu lassen, daß sie bestimmt sind, durch einen jener tausend möglichen Zufälle in ein Tier zu geraten, daß dann der sechshakige Embryo frei wird und mit Hilfe seiner sechs Spießchen sich in seinem Wirte nach einem bestimmten Organ hin auf die Wanderung begibt. So ist es. In den Kreis dieser Entwickelung, zu welcher die eingewanderten, sechshakigen Larven fortschreiten, gehören nun jene Zustände und Formen, welche man fast ein Jahrhundert hindurch unter dem Namen der „Blasenwürmer“ als selbständige Tiergattungen im System verzeichnet hatte, die auch dem Laien bekannten Finnen und Quesen. Blasenwürmer nannte man sie, weil ihr Leib blasenförmig durch eine wässerige Flüssigkeit aufgetrieben ist, und über ihre sehr nahe Verwandtschaft mit den Bandwürmern gab die oberflächlichste Vergleichung ihrer Köpfe längst Aufschluß, die eben nichts anderes als wahre Bandwurmköpfe find. Als man vor etlichen 40 Jahren anfing, den Wanderungen der parasitischen Würmer auf die Spur zu kommen, verfiel man auf die Vermutung, die so offenbar mit den Bandwürmern verketteten Blasenwürmer seien nichts anderes als verirrte, auf ihrer Wanderung in unrechte Organe gelangte Individuen, welche dort krank und wassersüchtig geworden. Die Finnen also, die bekanntesten aller, seien statt in den Darmkanal in das Fleisch gelangt, wo sie eigentlich eine recht elende Existenz hätten und ihren Lebenszweck vollständig verfehlten.
Es ist das Verdienst Küchenmeisters, die Frage über das Verhältnis der Blasenwürmer zu den Bandwürmern in das rechte Geleise gebracht und durch überzeugende Nachweise und Experimente dahin entschieden zu haben, daß die Blasenwurmform der normale,
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 12
einer ganzen Reihe von Bandwürmern eigentümliche Entwickelungszustand sei. Daß Mißgriffe, zum Teil tragikomischer Natur, unterliefen, ist nicht zu verwundern. Als unser Freund Küchenmeister auf der Naturforscherversammlung in Gotha im Jahre 1851 mit dem Fanatismus der Überzeugung seine Theorie vortrug, nachdem es ihm schon wiederholt gelungen war, die Finne des Kaninchens im Darme des Hundes zu einem schönen Bandwurm zu erziehen, erbot er sich zu demselben Experiment während der Tage der Versammlung. Mit noch einem jüngeren Naturforscher hatte ich die Ehre, Küchenmeister zu assistieren. Kaninchenfinnen waren da, aber kein Hund. Küchenmeister meinte, es würde wohl auch mit einer Katze gehen, und einen ungeheuern, sehr störrischen Kater in einem Sacke, begaben wir uns in einen Keller des Theaters, dessen Räume den Naturforschern zur Disposition standen, um diesem Kater die Finnen beizubringen. Der Kater hatte eine Ahnung, daß er nicht der rechte Wirt sei, kratzte und biß und spuckte wiederholt die Finnen aus, die wir ihm ins Maul gesteckt. Endlich gelang die gewaltsame Fütterung; nach zwei Tagen wurde das Opfer der Wissenschaft geschlachtet, aber von Finnen und beginnenden Bandwürmern keine Spur in ihm gefunden. Natürlich that dieser unbedeutende Zwischenfall dem Fortschritte der richtigen Erkenntnis dieser Verhältnisse keinen Eintrag. Man sah eben ein, daß gewisse Finnen nur in gewissen Tieren ihre Ausbildung zum Bandwurm erlangen. Die durch Küchenmeister angeregten Versuche, welche die in der Natur mehr oder weniger dem Zufall anheimgegebenen Vorgänge unter die Kontrolle und Leitung des Beobachters stellen, wurden nun hundertfältig nach beiden Richtungen hin fortgesetzt. Einmal galt es, sich zu überzeugen, in dem Darme welches Tieres , ID ih der in einem anderen Tiere lebende Blasenwurm zur Band— 8 9 wurmkolonie erhebt, und umgekehrt hatte man den Weg zu er—