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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Wenden Sark berg rößerk, mehrmaligem Durchsuchen der oben erwähnten Lokalitäten erhielt ich 50—60 Stück solcher Fadenwürmer. Sie beitan-den aus den beiden Arten Gordius aquaticus und Gordius subbifurcus, unter denen sich aber die erstere nur sehr sparsam vorfand. Bei beiden Arten waren die männlichen Individuen vorherrschend. Es erforderte übrigens das Auffinden dieser Würmer eine gewisse Aufmerksamkeit, indem man sie einzeln in ausgestrecktem Zustande bei ihren trägen, schlangenförmigen Bewegungen oder zu mehreren in einen Knäuel aufgewickelt, bei ihrer dunkeln Farbe zwischen den verschiedenen auf dem Grunde des Wassers liegenden macerierten Pflanzenfasern leicht übersehen konnte. Manche ragten zwischen Steinen und Wurzeln nur mit ihrem Vorderleibsende hervor oder steckten an den Ufern des Flusses teilweise im Schlamme und waren dann noch schwerer zu bemerken. „Da ich wußte, daß ich es hier mit ausgewanderten Parasiten zu thun hatte, so sah ich mich in der Umgebung des Fundortes dieser Würmer nach ihren ehemaligen Wohntieren um und konnte auch verschiedene Laufkäfer im Thale bemerken, von denen mehrere im Wasser ertrunken lagen; ich brach allen diesen Käfern den Hinterleib auf und erhielt wirklich aus einer Feronia melanaria einen männlichen Gordius aquaticus. „Wie häufig übrigens die Gordiaceen in der Umgebung von Streitberg vorkommen, konnte ich noch aus einem anderen Grunde entnehmen. Der Posthalter und Gastwirt im Dorfe Streitberg kannte nämlich die Fadenwürmer, denen ich mit jo vielem Interesse nachspürte, recht gut, da sie, wie er mir mitteilte, nicht selten in dem Brunnentroge hinter seinem Hause gefunden würden; auch wußte derselbe, daß diese Würmer mit dem

laufenden Wasser seines Röhrenbrunnens dort hinein gelangten, weshalb er seiner Dienerschaft zur besonderen Pflicht gemacht, bei dem Herbeiholen von Trinkwasser stets nachzusehen, ob nicht ein solcher Fadenwurm in das dem Brunnenrohr untergehaltene Gefäß mit dem Wasser hineingespült worden sei. Ich nahm hiernach Veranlassung, einige Brunnentröge des Dorfes zu untersuchen, und erhielt auf diese Weise wirklich noch einige Gordien.“ Dadurch wurde von Siebold in seiner Vermutung bestärkt, daß eine Sennerin, die ein einige Zentimeter langes Wasserkalb ausgebrochen hatte, dasselbe mit dem Trinkwasser verschluckt haben mochte.

Wie schon oben gesagt, sind die Gordien im geschlechtsreifen Zustande nicht Parasiten, wohl aber bringen sie den größten Teil ihres Lebens bis zur letzten Periode in gewissen Tieren zu. Wir sind zuerst durch die fleißigen Beobachtungen von Meißner über das Einwandern der Larven in Insekten unterrichtet worden. Die aus dem Eie kriechenden kleinen Gordien, /s mm lang, find sehr sonderbare Wesen, welche, wie der Beobachter sich ausdrückt, sowohl durch ihre äußerst geringe Größe, im Verhältnis zu fußlangen ausgewachsenen Gordien, als ar aLE „ e durch ihre Gestalt und Organisa— ee BL am tion in Erstaunen fegen. Ihrey EN2 W i SS So A N 0 lindrischer Leib besteht aus einem m h et a \—.— Ir N dickeren Vorderteil und einem — 8 a. dünneren schwanzartigen An⸗. ” hange. Aus dem Leibe kann eine | Art Kopf herausgestülpt werden, welcher mit zwei Kreisen von je 6 Häkchen besetzt ist, und bei dessen völliger Entfaltung noch ein horniger Rüssel hervortritt. Mit die⸗ 155 N 1555 des e 15 1 8; a) Mit ausgestülptem, b) mit eingezogenem Stachel; e) zwei Exemplare ser Bewaffnung durchbohren die im Beine der Eintagsfliegen-Larve. Stark vergrößert. Tierchen zuerst ihre Eihülle. Da sie aber zu Hunderten ruhig am Boden des Aquariums liegen blieben und es offenbar wurde, daß sie nicht auf einer Wanderung ihre Wirte aufsuchen, sondern abwarten werden, bis diese selbst unmittelbar sich ihnen nähern, that Meißner eine Menge Larven von Eintagsfliegen und Frühlingsfliegen in die Gefäße, worin die jungen Gordien sich befanden, und die Einwanderung ging vor sich. Sie suchen die zarteren Stellen an den Gelenken der Beine auf, zwängen sich hier durch ein mit ihrem Hakenapparat gebohrtes Löchelchen und steigen unter häufigem und kräftigem Aus- und Einstülpen des Kopfes zwischen den Muskelfasern in den Füßen empor, um sich im ganzen Körper der Insektenlarven zu verbreiten. Sie gehen dann in einen Zustand der Ruhe über, indem sie sich ähnlich wie die Muskeltrichinen einkapseln. Daß sie für die zarten Insekten übrigens durchaus die Bedeutung der Trichinen haben, ergab sich daraus, daß jene nach Einwanderung von etwa 40 jungen Gordien zu Grunde gingen.

Über die weiteren Schicksale und Wanderungen sind wir erst 1874 durch Villot belehrt worden, der mehrere Arten in seiner Heimat (Grenoble) untersuchte. Im Freien scheinen die Larven der Eintagsfliegen verschmäht zu werden. Die Gordius-Larven begeben sich in die Larven von Mücken aus den Gattungen Corethra und Chironomus. Diese aber werden eifrig verfolgt von verschiedenen Fischen, z. B. Pfrelle und Bartgrundel, und so geraten die eingepuppten jungen Gordien in den Darmkanal unserer Süßwasserfische. Hier in der Schleimhaut des Darmes umgeben sie sich nun mit einer neuen Schale oder Cyste und verharren nun in diesem Zustande 5—6 Monate, um dann die

letzte Verwandlung zu bestehen, oder richtiger, zu begehen; nach anderen Forschern würden sie aber in Raubinsekten des Wassers (Schwimmkäfer ꝛc.) gelangen und in diesen ihre Metamorphose durchlaufen.

Eine verwandte Familie find die Mermitidae, welche gleichfalls ziemlich lang, im größeren weiblichen Geschlecht bis 10,5 cm, werden. Die viel selteneren Männchen find kleiner als die Weibchen, beide Geschlechter aber afterlos. Sie erscheinen besonders im Sommer nach warmem nächtlichen Regen, kommen zu Tausenden zum Vorschein und haben durch ihr plötzliches Auftreten Veranlassung zur Sage vom Wurmregen gegeben. Meist liegen sie sonst zusammengerollt einzeln oder knäuelweise miteinander verwickelt in der Erde, setzen sich, wenn diese befeuchtet wurde, langsam in Bewegung und erscheinen für einige Zeit auf der Oberfläche derselben. Gegen Berührung wehren sie sich durch rasche, ausweichende Bewegung. Ihre Eier haben ein sehr auffallendes Ansehen, es sind nämlich linsenförmige Kapseln, welche an den abgeflachten Seiten quastenförmige Anhänge tragen. Bei Mermis albicans kriechen aus den im Sommer gelegten Eiern die Larven erst im nächsten Frühjahr aus. Nach kurzem Aufenthalt in der Erde suchen sie Insekten und Insektenlarven auf, in deren Leibeshöhle sie sich einbohren, um hier ihre Verwandlung bis

Eier und Larven von Mermis. Vergrößert. zur Geschlechtsreife zu bestehen. Sie können im Verhältnis zu ihrer Größe (8 mm) weite Wanderungen machen, selbst bei feuchter Witterung an Bäumen hinaufklettern und sogar in die im

Inneren von Birnen und Äpfeln hausenden Raupen des Apfelwicklers (Carpocapsa po-mana) geraten. Am häufigsten finden sich die Larven überhaupt in Schmetterlingsraupen, dann besonders in Heuschrecken, aber auch in anderen Insekten. In diesen kapseln sie sich nicht ein, wandern, wenn sie geschlechtsreif sind, aus, und begatten sich im Freien, wo auch die Eier abgelegt werden.

Sechste Klasse. Die Plattwürmer (Plathelminthes).

In allen denjenigen Klassen des Tierreiches, deren Mitglieder uns nicht aus der Begegnung im täglichen Leben, durch augenfälligen Nutzen oder Schaden in aufdringlicher Weise bekannt werden, orientieren wir uns nicht durch allgemeine Beschreibungen, welche eben eine Menge von Einzelbeobachtungen voraussetzen, sondern indem wir jenen Weg durchmachen, auf welchem die Wissenschaft zu ihren Zusammenfassungen gelangt ist. Daß die Plattwürmer in der Regel platte Würmer sind, besagt gerade so viel, als daß die Rundwürmer in der Regel einen rundlichen Körper haben. Das „in der Regel“ ist ein sehr notwendiger Zusatz, denn viele Plattwürmer sind auf dem vertikalen Durchschnitte rund. Auch wird die Vorstellung nicht besonders belebt durch die weitere Erklärung, daß die Plattwürmer einen weichen, leichter zerreißlichen Körper haben. Da die meisten Leser wahrscheinlich nie einen Plattwurm gesehen, ist es durchaus notwendig, wenigstens eine

Eier und Larven von Mermis. Vergrößert.

Art dieser wiederum unglaublich schmiegsamen großen Abteilung der niederen Tiere zuerst tot oder lebendig vor Augen zu haben. Wir brauchen glücklicherweise nicht zu einem in Spiritus aufbewahrten Bandwurme zu greifen, sondern können die gewünschte Bekanntschaft an zierlichen und appetitlichen Wesen in der schönen freien Natur machen. Wer in der Nähe von Teichen und anderen stehenden Gewässern wohnt, die mit Schilf bewachsen sind, oder auf deren Oberfläche die breiten Blätter der Seerosen sich wiegen, wer zu einem Bache lustwandeln kann, dessen Bett mit größeren Kieseln und Rollsteinen bedeckt ist, der lasse sich von einem Kundigen begleiten, um dort eine Planaria zu suchen und in ihr den richtigsten Plattwurm anzuschauen. Bei Graz z. B., meinem früheren Wohnorte, findet man sowohl in der Mur als in mehreren in diesen Bergstrom einmündenden Bächen und Wiesen-gewässern eine ausgezeichnete Art zu Tausenden. Wo das Wasser nicht so reißend ist und die Geröllsteine längere Zeit ruhig liegen können, braucht man gewöhnlich nur einige umzuwenden, um auf der unteren Seite die grünliche oder braungrüne Planaria gonocephala (s. Abbildung) zu finden. Die breitere Bauchfläche oder Sohle an den Stein gedrückt, öfters den Kopf mit den ohrenartigen Seitenlappen ein wenig lüftend, gleitet sie über ihre Unterlage hin. Man könnte sie etwa für ein den Nacktschnecken verwandtes Tier halten, auf die meisten Beobachter wird sie aber auch ohne nähere Untersuchung den Eindruck eines Wurmes machen, und von der verhältnismäßigen Zartheit ihres Körpers wird man oft sich überzeugen, wenn man bei dem Versuche, mit den Fin⸗ Planaria gonocephala. Vergrößert. gern oder einer Pinzette die kleineren Exemplare in eine bereit gehaltene Flasche zu thun, sie beschädigt. Bei solchen unfreiwilligen Zerreißungen oder einer planmäßigen Zergliederung der erbeuteten Planarien zeigt es sich auch, daß ihre inneren Organe nicht, wie bei den meisten Ringel- und Rundwürmern, in einer mehr oder weniger geräumigen, vom Hautmuskelschlauche umgebenen Leibeshöhle enthalten, sondern von einer den ganzen Körper ausfüllenden flockigen und faserigen Substanz dicht umgeben sind. Man nennt diese Würmer deshalb mit einem kaum noch etwas bezeichnenden Namen „parenchymatös“.

Dieselben Erfahrungen, wie an der von uns gewählten Planarie, macht man an den anderen Formen der Plattwürmer, an den Bandwürmern, Leberegeln und anderem Getier. Nicht der Aufenthaltsort, nicht der beiläufige Umstand, ob sie auf oder in anderen Tieren schmarotzen, sondern jene auf Gestalt und den Bau bezüglichen Merkmale geben ihnen den Rang einer eignen Klasse innerhalb des „Typus“ der Würmer. Was aber die Vereinigung frei lebender und schmarotzender Familien angeht, so machen wir an ihnen dieselbe interessante und zum Nachdenken über die eigentliche Natur dieser Verwandtschaftsverhältnisse dringend auffordernde Wahrnehmung wie an den Rundwürmern und, wie wir vorläufig andeuteten, an den Egeln. Die Übergänge sind so unmerklich zwischen frei lebenden Formen und parasitischen, die Perioden freien und parasitischen Lebens wechseln bei einer und derselben Art in solcher Weise, daß man den Schlüssel zur Erklärung des Schmarotzertums überhaupt ungezwungen in der Annahme findet, es sei durch allmähliche Angewöhnung und Anpassung entstanden. Verweilen wir noch einige Augenblicke bei diesen Betrachtungen, welche dem Grunde der Mannigfaltigkeit des Lebens uns näher führen sollen, und nehmen wir dazu eins der unverfänglichsten Beispiele: den Frosch und seine parasitischen Gäste. Er beherbergt deren etwa 15 Arten. Dabei sind folgende Fälle

Planaria gonocephala. Vergrößert.

möglich. Erster Fall: Es entstand auf unbegreifliche, d. h. wunderbare Weise ein Froschpaar, und in ihm fanden sich auch zugleich die sämtlichen Parasiten. Zweiter Fall: Es entstanden, wie L. Agassiz einmal aufgestellt hat, ungefähr zu derselben Zeit an vie: len Orten, wo die Bedingungen dazu sich erfüllten, viele Frösche und mit ihnen in dem einen dieser, in dem anderen jener Eingeweidewurm. Dritter Fall: Weder die Frösche noch ihre Eingeweidewürmer entstanden plötzlich und auf unbegreifliche Weise, sondern die Frösche durch allmähliche Umbildung niederer, fischähnlicher Wirbeltiere, und ihre Eingeweidewürmer ebenso allmählich durch Angewöhnung anfänglich freier Würmer an die schmarotzende Lebens: weise, wobei diese Eingeweidewürmer zum Teil schon in den anders gestalteten Vorfahren der Frösche, zum Teil erst in den Fröschen, wie sie jetzt sind, sich eingefunden haben mögen.

Nur über den dritten Fall läßt sich reden, die beiden anderen müßten eben geglaubt werden. Denn auch die Theorie von Agassiz über die Ursachen der Entstehung und der geographischen Verbreitung der Tiere entbehrt jeder wissenschaflichen Grundlage. Um aber zu begreifen, daß ein Eingeweidewurm vor vielen Jahrtausenden frei lebende Vorfahren hatte, ist es nicht zweckmäßig, gleich eine der kompliziertesten Arten in ihrem Entwickelungsgange sich klar machen zu wollen. Dagegen ist die Vorstellung sehr plausibel, wie eine gelegentlich auf Fischen sich aufhaltende Egelart zu einem vollkommenen PBara-siten werden kann. Man denke sich diesen Egel, der bisher in fischarmen Gewässern lebte und genötigt war, da und dort auf Brot auszugehen, teilweise in ein höchst fischreiches Gewässer versetzt. Es wird sich eine Varietät bilden, welche an das faule Leben auf den Fischen sich sogewöhnt, daß in ihrem Ernährungs- und Bewegungsorganismus erhebliche und vollkommen erklärbare und vorauszusehende Veränderungen vor sich gehen. Dauert die Isolierung der Varietät unter den gleichen günstigen Bedingungen fort, während möglicherweise die Stammart in den fischarmen Gewässern sich mehr und mehr das Schmarotzen hat abgewöhnen müssen, so kann im Laufe der Jahrtausende die anfangs wenig unterschiedene Abart zu einer durch Lebensweise und Bau wohl gekennzeichneten neuen Art, und zwar zunächst zu einem Außenschmarotzer (Ektoparasit), geworden sein. Wer diese einfachen Schlußfolgerungen zugibt (und etwas Stichhaltiges läßt sich in der That nicht einwerfen) muß mit unerbittlicher Konsequenz sämtliche parasitische Würmer von ursprünglich freien Formen ableiten.

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