Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Einer der gefährlichsten Binnenschmarotzer des Menschen gehört gleichfalls zu den
Strongyliden, es ist das der Dünndarm-Palissadenwurm (Dochmius duodenalis,
s. Abbild. S. 162), der in den tropischen und subtropischen Gegenden der Alten und Neuen Welt, aber auch in Italien, Ungarn, Sachsen, am Rhein ꝛc. und in den letzteren Ländern und Landstrichen besonders in Bergwerken, bei Tunnelbauten, in großen Ziegelstreichereien beobachtet wurde. Der Wurm erreicht eine Länge von 10—18 mm und findet sich an den genannten Orten im Dünndarm des Menschen, namentlich wenn dieselben dicht bei einander wohnen, in Menge dieselben Aborte benutzen und auf schlechtes, verunreinigtes Wasser angewiesen find. Der Wurm erzeugt, wenn er bei einem Individuum massenhaft auftritt, durch Verwundungen der Darmschleimhaut und ihrer Gefäße, von deren Blut er saugend sich ernährt, schwere, mit Darmblutungen verbundene Erkrankungen, welche zum Tode führen können und unter dem Namen der ägyptischen Chlorose, der Tunnelkrankheit, Dochmiose ꝛc. bekannt sind. Die Infektion geschieht dadurch, daß seine Nachkommenschaft, mit den Stuhlgängen nach außen gelangt, in Pfützen sich entwickelt und mit deren Wasser beim Trinken in den Menschen geraten, wo sie wachsen und ihre Geschlechtsreife erreichen. Natürlich wird sich die Häufigkeit der Infektionen fortdauernd steigern, da die Wahrscheinlichkeit derselben um so größer wird, je mehr Individuen des N Schmarotzers durch den Menschen nach und nach aufgenommen werden. Die Arbeiter im Gotthardtunnel hatten unter den von Dochmius duodenalis erzeugten Krankheitszuständen ganz außer: ordentlich zu leiden, denn unter den bei diesem Bau herrschenden Verhältnissen waren Infektionen einfach nicht zu vermeiden.
Ein sehr naher Verwandter des Dochmius ijt Eustrongylus, nur durch den großen Palissadenwurm (Eustrongylus gigas) vertreten, dessen Weibchen eine Länge von Im erreichen. Wolf, Hund, Fuchs, Rüsselbär und Vielfraß find die Tiere, in deren Nieren er sich am liebsten aufhält; aber (CucullanusTopf vom Kappenmwurnt.1 Vergr. auch der Mensch ist nicht vor ihm sicher. Glücklicherweise sind diese Fälle sehr selten, zumal da ein Teil auf Täuschungen und Unpollstägdiger Untersuchung beruht. Der berühmte Wurmarzt Dr. Bremser in Wien hat in seinem Buche: „Lebende Würmer im lebenden Menschen“, in sehr drastischer Weise eine Reihe solcher teils absichtlicher, teils unabsichtlicher Täuschungen beschrieben, welche immer wieder vorkommen und in das Kapitel der wunderlichsten Verirrungen des menschlichen, namentlich des weiblichen Geistes führen. Sauber sind sie meist nicht. Eins der Wesen, welches für einen Palissadenwurm erklärt war, und womit ein Frauenzimmer behaftet gewesen zu sein vorgab, erwies sich als ein Entendarm.
Ein etwas verändertes Bild des Entwickelungsganges zeigt der ebenfalls zur Familie der Strongyliden gehörige kleine Ollulanus tricuspis. Männchen und Weibchen, letztere I mm lang, leben in größeren Mengen im Darme der Katzen; ihre Jungen gelangen auf dem natürlichen Wege nach außen. Hier harren sie, wahrscheinlich eingetrocknet, ihrer Erlösung durch die Maus, aus deren Magen sie trichinenartig in die Muskeln und andere Organe einwandern, um dort zu einer abermaligen kürzeren oder längeren Rast sich einzukapseln. Ist die Maus so glücklich, nicht von einer Katze verspeist zu werden, so erreichen die eingekapselten Ollulanen nicht ihr Lebensziel. Wandert aber die Maus in den Magen einer Katze, so ist der Bann von den Ollulanen genommen, die Berührung mit dem Magensaft der Katze erweckt sie zu einem neuen Anlauf des Lebens, welches in sehr unpoetischer Weise im Darme der Katze sich schließt und den Grund zu einem neuen Kreislaufe legt. Die Maus ist der Zwischenwirt für den Ollulanus.
Ganz ähnlich, aber etwas appetitlicher, ist der ebenfalls von Leuckart ergründete
Lebenslauf des in Fischen schmarotzenden Kappenwurmes (Cucullanus elegans, I
s. Abbild. S. 163), dessen Mundhöhle eine elliptische Kapsel mit dicken, braunen Wandungen enthält. „Die weiblichen Kappenwürmer gebären lebendige Junge, die schon im Mutterleibe aus den zarten Eihüllen auskriechen und bei den größeren Exemplaren (von 1—2 cm) zu vielen Tausenden angetroffen werden. Durch eine derbe Haut geschützt, bleiben die nach außen gelangten Würmer nicht selten mehrere Wochen lang im Wasser lebend und beweglich, Zeit genug, um auch im Freien einen passenden Zwischenwirt zu finden und zu infizieren. In der Regel sind es die unsere Wässer massenhaft bewohnen: den kleinen Cyklopen, in welche die Würmer einwandern. In kleineren Aquarien geschieht die Einwanderung gewöhnlich schon nach wenigen Stunden und oftmals in solcher Menge, daß man die Eindringlinge nach Dutzenden zählen kann. Ist die Zahl der Parasiten eine größere, so gehen die Wirte gewöhnlich nach Abschluß der Embryonalentwickelung zu Grunde, ohne dadurch den Tod ihrer Parasiten herbeizuführen. Mitunter werden diese noch mehrere Tage später lebend angetroffen.“ Die winzigen Tierchen erreichen in ihrem ersten Wirte unter mancherlei äußeren und inneren Veränderungen noch nicht die Länge von 2 mm. Ihre vollständige Entwickelung tritt aber erst ein, nachdem sie mit den Cyklopen von einem Fische verschluckt worden sind, welche Vermittelung am häufigsten der Flußbarsch übernimmt. Eine letzte Strongylide, mit welcher wir uns beschäftigen müssen, dürfte manchem Vogelfreunde unter unseren Lesern unliebsam bekannt geworden sein. Es ist Syngamus trachealis, der Luftröhrenwurm der Vögel, ein höchst fataler Gast in Volieren und Hühnerhöfen. Der Gattungsname bezieht sich auf die Eigentümlichkeit, daß an dem Orte, wo die geschlechtsreifen Tiere sich aufhalten, in der Luftröhre a b sehr verschiedener Vögel, zumal junger
Luftröhrenwurm (Syngamus trachealis). a) Weibchen und und schwächlicher Individuen, der Pa-b) Männchen. 18mal vergrößert. rasit immer paarweise angetroffen wird, das Männchen dem Weibchen zu unlöslicher Ehe angekittet. In geringerer Anzahl scheint der Syngamus häufig vertragen zu werden. Er kommt aber oft in solchen Mengen bei einem Vogel vor, daß er nicht bloß die ganze Luftröhre durch Reizen und Blutsaugen in Entzündung versetzt, sondern sie auch bis zum Ersticken seines furchtbar gequälten Wirtes
verstopft. Ich nahm aus der Luftröhre einer Alpendohle nicht weniger als 65 Syngamus- Paare heraus. Wir haben von Ehlers über die einfache Wanderung des Tieres Aufschluß erhalten. Das sicherste Kennzeichen, wenn man nicht schon durch den eigentümlichen, mit dem Auswerfen einzelner Parasiten verbundenen Husten des Vogels von der Anwesenheit des verheerenden Gastes sich überzeugt hat, sind die Eier im Kote der Vögel. Die reifen Eier werden ohne Zweifel durch das Husten, Schreien und Würgen aus der Luftröhre in die Mundhöhle gebracht und verschluckt und entwickeln sich, sobald genügende Feuchtigkeit und Wärme vorhanden, im Freien im Laufe von 8 Tagen zu kleinen, fadenförmigen Embryonen mit stumpfem Kopf: und spitzem Schwanzende. Damit sie auskriechen, bedarf es der direkten Einwanderung in die Vögel, welche wahrscheinlich so geschieht, daß bei der Aufnahme von Nahrung die Eier beim Eingange in den Kehlkopf hängen bleiben und die Entwickelung zur Geschlechtsreife inden Luftwegen erfolgt. „Es ist damit einigermaßen ein Weg gezeigt, auf dem man durch Vorbeugungsmaßregeln Geflügelzuchten oder Volieren vor der massenhaften und dann verderblichen Verbreitung dieser Parasiten schützen kann. Ein genaues Beobachten hustender Vögel, bei denen die Untersuchung des Kotes nach Eiern den sichersten Aufschluß über die Anwesenheit dieser Parasiten geben wird, ein sorgfältiges Isolieren der erkrankten Vögel, Sicherheitsmaßregeln, daß in häufig von dieser Wurmkrankheit ergriffenen Gegenden beim Ankauf neuer Vögel keine Syngamen eingeschleppt werden, können zunächst prophylaktischen Wert haben. Tritt die Krankheit in größerer Ausdehnung auf, so wird man je nach den Lokalitäten ungleiche Wege einzuschlagen haben, um zu verhüten, daß mit dem Kot oder Auswurf die Futtergeschirre nicht verunreinigt werden, oder daß sich nicht im Boden an feuchten Stellen Brutstätten bilden, von denen stets aufs neue Infektionen der Vögel stattfinden können. So ist auch der Brauch mancher Vogelzüchter, in die Mehlwurmsätze Vogelleichen zu werfen, um „die Würmer fett zu machen“, sehr wohl geeignet, mit syngamushaltigen Vogelkörpern die Eier, welche sich in dem feuchten und warmen Satze wohl entwickeln können, zu verbreiten und gelegentlich mit dem Füttern der Würmer in die Vögel zu übertragen.“
Kein Eingeweidewurm hat seit dem Jahre 1860 so viel von sich reden gemacht, als der gefährlichste von allen, die Trichine (Trichina spiralis, s. Abbild. S. 166), welche mit einigen anderen Gattungen, darunter dem ebenfalls unter den Schmarotzern des Menschen vertretenen Peitschenwurme, die Familie der Trichotracheliden bildet. Der Lebensgang der Trichine weicht zwar in einem wichtigen Punkte (daß sie nämlich als junges Tier nicht erst ins Freie gelangt, um sich weiter zu entwickeln, sondern gleich aus dem Darme des Menschen oder des Tieres, welchen sie bewohnt, in die Muskeln überwandert), in diesem Punkte, sage ich, weicht die Trichine von den bisher behandelten Nematoden ab; im wesentlichen aber reihen sich ihre Lebensverhältnisse in das allgemeine Bild ein, welches man sich aus den vorausgegangenen Darstellungen hat entwerfen können. Die Gefahr, vor der sich plötzlich alle Welt durch die Trichine bedroht sah, trug vorzüglich dazu bei, jene Scheu zu überwinden, welche man vor der näheren Betrachtung und Kenntnisnahme der Eingeweidewürmer hegte. Man kann dreist behaupten, daß eine Zeitlang, nächst dem Wetter, die Trichinen zu den am häufigsten gepflogenen Tisch- und Bierhausgesprächen herhalten mußten. Eine Reihe Trichinenepidemien entrollten wahre Schreckbilder menschlichen Leidens, und das bisher fast unbeachtet gebliebene Tier wurde nun durch die eifrigsten Nachforschungen über seine Natur und Entwickelung und die Art, wie man sich praktisch vor ihm schützen könnte, zum genau bekanntesten seiner Klasse. Es erschienen mehrere wissenschaftliche Monographien, unter denen wir die von Leuckart und Pagenstecher obenan
zu stellen haben, populäre Abhandlungen zur Beruhigung und Belehrung der Menge, darunter eine vortreffliche von Virchow, wurden in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet, die Regierungen erließen Instruktionen zur Überwachung des Fleischhandels, sogar ein neues Amt, das des „Trichinenbeschauers“, wurde gegründet, zum Besten vieler Dorfschullehrer, denen die Trichinen (das einzige Gute, was man
SS ihnen nachrühmen kann) zu einer Gehaltszulage für die fleißige
| 7 Beschau der im Dorfe geschlachteten Schweine verholfen haben.
. Sichere Fälle von dem Vorkommen der Trichinen im Zustande . der Einkapselung in den Muskeln des Menschen sind erst etwa 40 0 5 % Jahre alt, und der Name Trichina spiralis wurde ihnen 1836 von = dem englischen Naturforscher Owen gegeben. Er deutet auf die S\ Ahnlichkeit des in der Kapsel zusammengerollt liegenden Würmchens
N mit einem spiraligen Härchen, von dem griechischen Worte Thrix, nN Trichos, das Haar. Die Parasiten, obschon in großer Anzahl vor: il1 \ = I kommend, erschienen unschädlich, wie denn in der That mit der Ein—
Aa mulul1NN kapselung die Krankheit überwunden werden kann. Erst 8 Jahre
N später kam man zur Erkenntnis, daß jene Trichinen der JugendiMel———; zustand eines Rundwurmes seien; ihr Vorkommen im Menschen er: . schien jedoch als eine „Verirrung“; man übertrug auf sie eine An: = sicht, die eine Zeitlang auch für andere Eingeweidewürmer des 5 Menschen und der Tiere gegolten, daß sie nämlich in einem ge—
F wissen Stadium ihrer Entwickelung oft den rechten Weg verfehlten, in unrechte Wirte und ihrem weiteren Wachstum nicht zusagende \ Organe gelangten, darum ausarteten und eingekapselt würden. 3 Daß die Trichinen ihre Kapsel selbst ausschwitzen, erfuhr man da: bei. Auch stellte sich später durch eigens zu diesem Zwecke angestellte
IMMINaaa Versuche heraus, daß sowohl im Darme der Mäuse als in dem der Hunde die mit dem Fleische eingeführten Trichinen ihre Kapsel verließen, wuchsen und in kurzer Zeit geschlechtsreif wurden; ferner ergab sich die für die Ansteckung mit Trichinen wichtigste Thatsache, — daß die im Darmkanal des Wohntieres geborenen Trichinen nicht \ \ nach außen wandern, sondern die Muskeln des Wirtes heimsuchen. Der erste eklatante Fall einer tödlich verlaufenden Trichinenkrankheit beim Menschen wurde am 27. Januar 1860 in Dresden bekannt und FIRE vom Professor Zenker in seiner ganzen Bedeutung gewürdigt; die völlige Aufklärung folgte rasch, leider begünstigt durch eine ganze Reihe von Einzelfällen und schweren Epidemien, welche zahlreiche Opfer verlangten. Eine der am meisten berüchtigten ist die von Hettstädt, bei welcher auf 159 Erkrankungen 28 Todesfälle kamen. 8 5 a Die große Verbreitung des Parasiten zeigte ein in Hamburg beobpin Vergröße. achteter Fall, durch welchen sich ergab, daß das die Ansteckung verursacht habende Schwein in Valparaiso gekauft und während der Überfahrt von der Schiffsmannschaft verzehrt worden war. Überhaupt aber wurde bald offenbar, daß die fast ausschließliche Quelle für die Importierung der Würmer in den Menschen das Schwein sei. Zu diesem werden wir zurückkehren, indem wir uns näher mit den Lebensverhältnissen der Trichine bekannt machen.