Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die männlichen Larven, deren Wachstum, wie wir sahen, unterbrochen war, häuten sich, indem sie sich zunächst von der früheren Larvenhaut zurückziehen, wieder schmächtig werden und die Gestalt von Fadenwürmern unter Auftreten verschiedener Neubildungen in ihrer Organisation zurückerlangen. Wenn sie fertig ausgebildet sind, durchbohren sie die alte Larvenhaut und die Epidermis der Wurzel mit ihrem Stachel, wandern nach außen und suchen die bewegungslosen Weibchen an ihren Ruhestellen zur Begattung auf. Die ganze Entwickelung vom Ei bis zum geschlechtsreifen Tiere richtet sich wesentlich nach äußeren Umständen und wird durch feuchte Wärme beschleunigt, so daß innerhalb eines Jahres durchschnittlich ö—7 Wurmgenerationen angenommen werden können.
Diese Würmer werden dem Anbau der Zuckerrüben oft sehr verderblich, ja können denselben zeitweilig ganz in Frage stellen.
Es ist wiederholt von dem Wiederaufleben der Rotiferen und der mikroskopischen Fadenwürmer die Rede gewesen, es wird aber nicht unzweckmäßig sein, diese merkwürdige Erscheinung noch etwas weiter zu besprechen. Der berühmte Needham, der Entdecker des Weizenälchens, hatte dem englischen Naturforscher Baker 1744 einige der Weizengallen gegeben, und noch nach 27 Jahren, 1771, gelang es Baker, die Weizenälchen daraus wieder durch Anfeuchten zum Leben zu bringen. Das Wiederaufleben nach 20 Jahren der Eintrocknung ist bestätigt worden. Sicher kommt das meiste auf die Art und Sorgfalt der Aufbewahrung an. Einer der größten Gegner der sogenannten freiwilligen oder Urzeugung im vorigen Jahrhundert, der scharfsinnige Spallanzani, wußte schon, daß eine der wesentlichsten Lebensbedingungen für die im Dachmoos befindlichen Rädertiere und Anguillulen die sei, daß ihr Körper mehr oder weniger vom Moose oder Sande bedeckt sei. Er trocknete oder befeuchtete dieselben Tierchen 3 mit gleichem Erfolge, nur wurde die Zahl der wieder auflebenden immer geringer, und bis AN 2 zum sechzehnten Aufleben brachte es keins. In! der That halten die Tierchen ganz außerordent⸗ I — Gi liche Verationen aus. Davaine, welcher die V | — | - Naturgeschichte des Weizenälchens aufgeklärt 8 ee SS hat, legte 3 Jahre alte Larven unter die Luft: I | _ \ pumpe, nachdem er auch für abjolute Austrd D | — Sg nung der Luft gejorgt, und ließ fie 5 Tage N. 8 | 2 im luftleeren Raume. Die meisten der Larven gaopf von Ascaris, Spulwurm. Vergrößert. lebten dann auf, nachdem sie 3 Stunden in reinem Wasser zugebracht hatten. Ganz anders wie die Larven verhalten sich aber die ausgewachsenen Weizenälchen, die nur in geringem Grade jene Lebenszähigkeit besitzen, und im allgemeinen ist diese Eigenschaft nur bei denjenigen Anguilluliden zu finden, deren Wohnorte überhaupt dem Wechsel des Austrocknens und Feuchtwerdens ausgesetzt sind. Ein Hauptgrund, weshalb man, um günstige Erfolge zu erzielen, die Alchen beim Trocknen mit feinen Sandkörnern umgeben muß, liegt nach meiner Ansicht darin, daß die Tierchen bei der Unregelmäßigkeit der Oberfläche und der davon abhängigen unregelmäßigen Verteilung des Wassers Zeit haben, der allmählich verschwindenden Feuchtigkeit nachzugehen und sich selbst allmählich zusammenzuziehen. Will man sie dagegen auf einem glatten Glase nach Verdunstung eines Tropfen reinen Wassers trocknen, so geht, wenn man in einem warmen Raume den Versuch anstellt, das letzte Stadium der Verdunstung so schnell vor sich, daß die Würmchen (und Rädertiere) plötzlich wie angeleimt sind, und bei weiterem Fortschreiten der Austrocknung die Haut und andere Organe reißen müssen.
Den Mittelpunkt einer folgenden Familie bildet der Spulwurm. An jedem etwas größeren Spulwurm sieht man die erwähnten, scharf gegen den Körper abgesetzten Lippen mit unbewaffnetem Auge. Die eine nimmt die Mitte der Rückenseite ein (a in obenstehender Figur), die beiden anderen berühren sich in der Mittellinie des Bauches (b). Die mikroskopische Untersuchung zeigt dazu, daß die Oberlippe in zwei seitlichen Grübchen je ein kegelförmiges, winziges Tastwerkzeug trägt und die beiden Seitenlippen je eins dieser Organe. Bei allen Spulwürmern ist der Größenunterschied zwischen Weibchen und Männchen sehr bemerkbar, und die letzteren, die kleineren, sind außerdem an dem hakenförmig umgebogenen Hinterleibsende kenntlich. Leider ist gerade die Lebensgeschichte der Spulwürmer und darunter die der wichtigsten Art, der den menschlichen Darmkanal bewohnenden Ascaris lumbricoides, noch nicht vollständig aufgehellt. N
Die genannte Art ist einer der häufigsten Schmarotzer des Menschen und begleitet wenigstens die kaukasischen und Negerrassen über die ganze Erde. Gewöhnlich nur einzeln oder in geringerer Anzahl vorkommend, ist eine Ansammlung von einigen Hunderten doch nichts Seltenes, und in einzelnen Fällen zählte man über 1000, ja 2000 dieser unangenehmen Gäste. Ihr gewöhnlicher Aufenthalt ist der Dünndarm, von wo sie mitunter in den Magen eintreten. Kleinere Exemplare (die größten werden 16— 18 em lang) haben sich sogar in die Leber verirrt. Die Schilderung der Umstände, unter welchen sogar eine Durchbohrung der Darm- und Leibeswandung, ein Eintreten in die Harnblase und so fort erfolgen kann, erlassen wir uns. Die wichtige Frage, wie der Mensch sich mit dem Spulwurm anstecken könne, ist noch nicht vollständig gelöst. Die mit dem Tiere ins Freie gelangenden Eier haben eine große Widerstandskraft gegen alle Unbilden der Witterung und allerlei Arten von Flüssigkeiten. Sie entwickeln sich sowohl im Wasser wie in feuchter Erde und scheinen nach der Weise des Katzen⸗-Bandwurmes als ein kleines Wesen von noch nicht einem halben Millimeter Länge in den menschlichen Darmkanal zu gelangen. Über die Vermutung, daß die jungen Parasiten, noch von der Eischale umschlossen, einwanderten, spricht sich Leuckart so aus: „Bei der großen Häufigkeit des Spulwurmes und der immensen Fruchtbarkeit seiner Weibchen (jährlich etwa 60 Millionen Eier) sind diese Eier natürlich überall verbreitet. Wir brauchen nicht einmal auf die Aborte und Miststätten zu verweisen, auch ebensowenig, wie man gethan hat, die geheimen Kommunikationen unserer Brunnen und benachbarten Kloaken oder den Dünger auf unseren Feldern zu Hilfe zu rufen, um diese Behauptungzu motivieren. Von zahllosen kleineren Infektionsherden aus werden die Eier des menschlichen Spulwurmes durch Regen und andere Kräfte in immer weitere Kreise verbreitet. Da dieselben nun trotz aller Ungunst der äußeren Verhältnisse, trotz Frost und Trocknis jahrelang ihre Keimkraft behalten, auch wegen ihrer Kleinheit leicht auf diese oder jene Weise ver: schleppt werden, bietet Feld und Garten, ja Haus und Hof vielfache Gelegenheit zur Übertragung. Es ist nicht nötig, die Einzelheiten weiter auszumalen. Die Früchte, die wir aufheben, die Rübe, die wir aus der Erde ziehen, um sie roh zu genießen, ja selbst das Wasser, das wir dem Bache entnehmen, um unserenSpulwurm des Menschen (Ascaris lumbricoides). Natürl. Größe. Durst zu löschen — das alles und viel mehr noch wird gelegent- 1) Männchen. 2) Weibchen. 3) Ei, ftart lich den Träger eines keimfähigen Eies abgeben. Je verbreiteter vergrößert. die Eier, oder was so ziemlich dasselbe besagt, je dichter die Bevölkerung, die vom Spulwurm heimgesucht ist, je geringer die Sorgfalt, mit der die Nahrung überwacht wird, je weniger reinlich die Umgebung, in der man lebt, desto häufiger wird diese Gelegenheit wiederkehren.“ Grassi will auch den Beweis der direkten Einwanderung von Ascaris lumbricoides experimentell geliefert haben, indessen sind gerade bei solchen Untersuchungen Selbsttäuschungen ungemein schwer zu vermeiden, und jedenfalls verhalten sich nicht alle Arten von Spulwürmern so, indem z. B. derjenige der Katze erst einen Zwischenwirt bezieht.
Nächst dem Menschen wird auch das Schwein mit dem Besuche von Ascaris lumbricoides beehrt, wie in seltenen Fällen der Hunde- und Katzen-Spulwurm (Ascaris mystax) sich in den Menschen versteigt. Die Widerstandsfähigkeit der Eier des Katzen⸗Spulwurmes ist ganz außerordentlich, da ihre Entwickelung selbst dann vor sich geht, wenn sie in Spiritus oder Chromsäure als mikroskopische Präparate aufbewahrt werden. Von einer anderen Spulwurmart, Ascaris megalocephala, werden auch unsere Pferde und Rinder viel heimgesucht. Die Weibchen ihres bis zu 1000 Stück vorhandenen Gastes erreichen eine Länge von 36 cm.
Ein zweiter, sehr gemeiner Parasit des Menschen, der Pfriemenschwanz, gehört der Gattung Oxyuris an. Alle Oxyuriden find kleine, höchstens 2 — 3 em messende Würmer mit pfriemenförmigem Schwanze und wenig ausgebildeten Lippen. Die Weibchen des im Menschen wohnenden Oxyuris vermicularis werden 10 mm, die Männchen 4 mm lang. Sie kommen ungemein häufig bei Kindern und Erwachsenen, bei Hoch und Niedrig vor und gehören zu den unangenehmsten und zudringlichsten Parasiten. Auch für sie ist es so gut wie erwiesen, daß im normalen Entwickelungsgange die Eier nach außen gelangen und durch den Mund wieder aufgenommen werden müssen. Die Luftströmungen können sie auf die verschiedenartigsten Gegenstände führen, wie schon Leeuwenhoek vermutete. „Selbst Tier und Mensch können in mannigfaltigster Weise zu einer Verschleppung beitragen, zumal diese durch die Kleinheit und Leichtigkeit der Eier noch besonders begünstigt wird. Um ein naheliegendes Beispiel hervorzuheben, brauche ich hier nur die Fliegen zu nennen und an die Beziehungen zu erinnern, welche diese Tiere ebensowohl zu den menschlichen Nahrungsmitteln wie den unsaubersten Gegenständen darbieten.“ Wirklich schützen kann also nur die penibelste Reinlichkeit, und auch diese offenbar nicht unbedingt. Mit dem Genusse von nicht sorgfältig abgewaschenem Obst droht die Gefahr der Ansteckung, ja Leuckart will selbst das Mehl, mit dem die Bäcker ihre Waren zu bestreuen pflegen, von der Schmuggelei mit Pfriemenschwanzkiemen nicht völlig freisprechen, da die Eier, die etwa dem Getreide anhängen, wegen ihrer Kleinheit die Prozeduren des Dreschens und Mahlens ungefährdet zu überstehen vermögen.
Der berüchtigte Medinawurm gehört in die Gattung Filaria, für welche die ausgesprochene Fadenform des Körpers einen Hauptcharakter bildet, während die Beschaffenheit des Kopfendes je nach Anwesenheit oder Mangel von Lippen und Knötchen sehr verschiedenartig ist. Die Männchen zeichnen sich durch ein schraubenförmig gewundenes Schwanzende aus. Wir kennen an 40 Arten solcher Filarien aus Säugetieren und Vögeln und können vorderhand nur vermuten, daß die Jungen in mikroskopischer Größe einwandern. Auch über die Lebens- und Entwickelungsgeschichte des so viel genannten Medina- oder Guinea-Wurmes (Filaria medinensis) sind wir noch nicht ganz im klaren. Er erreicht, nachdem er im Zell- Pfriemenschwanz gewebe des Menschen sich eingesiedelt hat, eine Länge von 3—4 m bei ee, einer Dicke von 2 mm und erzeugt durch seine Anwesenheit bösartige Geschwüre. In den feuchten tropischen und subtropischen Gegenden, mit Ausnahme Amerikas, werden Weiße und Farbige von ihm heimgesucht. Nachdem man ihn in der offenen Wunde
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hat fassen können, sucht man ihn über ein Röllchen aufzuwinden, eine Operation, welche mehrere Tage in Anspruch nimmt und, wenn fie durch das Zerreißen des Wurmes unterbrochen wird, sehr üble Entzündungen zur Folge haben soll. Daß dies nicht immer eintritt, zeigt ein vor einer Reihe von Jahren in Pest vorgekommener Fall, wo die beiden einem Tataren auszuziehenden Medinawürmer zerrissen und die Heilung doch schnell erfolgte. Der Medinawurm ist lebendig gebärend, und man sagt, daß die in die Wunde geratenden Jungen die erneuerte, heftige Entzündung verursachten. Daß sie dazu beitragen können, ist nicht unwahrscheinlich, ihre Entwickelung wird aber aller Analogie nach erst im Freien vor sich gehen. So viel scheint nach den Untersuchungen Fedschenkos festzustehen, daß ihre Embryonen in kleine Süßwasserkrebschen einwandern und in diesen zunächst sich häuten; ob fie nun aber unmittelbar mit dem Krebschen beim Trinken unsauberen Wassers verschluckt werden, oder ob ihnen das in freiem Zustande widerfährt, steht noch nicht fest, und ob sie sich nach Art der Trichinen aus dem Magen entfernen oder sich direkt in die Haut einbohren, bleibt noch nachzuweisen. Ein verwandter Parasit des Menschen in tropischen Gegenden ist die im Unterhautzellgewebe vorkommende Filaria Bancrofti, die als Larve im menschlichen Blute lebt,
| mithin ein sogenannter Hämatozoon ist
0 und den selbständigen Namen Filaria = | sanguinis hominis, bevor man den wah—
IS — 92 In. ren Sachverhalt kannte, erhalten hatte.
AHORN: I). Ob der sogenannte Loawurm eine Fi-ea Ns N AlleN larie fei, ift ungewiß. Er wird bis 5 cm
| Dochmius: * b) Schwanzende 95 rößert, e) Mundkapsel 1 e sichKuh 118 a 12
br 50dd nee Veit Augapfel der Neger, wo er sehr heftige Schmerzen verursacht. Man hat sogar wiederholt in der Linse starkranker Europäer kleine, einige Millimeter lange Würmchen gefunden, welche Filarien zu sein schienen, über deren Herkommen man aber auch nichts weiß.
Mehr Licht ist, dank den Forschungen Leuckarts, über die Geschichte der strongylusartigen Rundwürmer (Strongylidae) verbreitet, indem man wenigstens die Lebensperioden einzelner Arten direkt verfolgen konnte. Ein wichtiges Kennzeichen dieser Familie ist, daß das Hinterende der Männchen von einer eigentümlichen, napf- oder schirmförmigen Krause umfaßt wird, welche oft von rippenartigen Verdickungen gestützt ist. Sie bewohnen vorzugsweise Säugetiere und werden nicht nur im Darme, sondern auch in den Lungen und anderen Organen angetroffen. Ein ziemlich häufiger Gast des Hundedarmes ist Dochmius trigonocephalus. Seine Eier entwickeln sich in feuchter Erde binnen wenigen Tagen zu kleinen, kaum 0,5 mm langen Würmchen, deren „ziemlich gedrungener Körper vorn etwas verjüngt und hinten in einen ziemlich langen und schlanken Schwanz ausgezogen ist, dessen Spitze sich inForm eines eignen Anhanges absetzt. Unter einer mehrmaligen Häutung wachsen sie, verlieren aber dann ihre eigentümlichen Schlundzähne und hören damit auf zu fressen und zu wachsen, obwohl sie in dem Schlamme, in dem man sie hält, noch wochen- und monatelang am Leben bleiben.“ Ihr weiterer Lebenslauf hängt davon ab, daß sie direkt inden Magen und Darm des Hundes gelangen, wo sie unter abermaligen Häutungen ihre bleibende Gestalt und Größe annehmen. a