Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Wenig Tiergruppen haben für den Menschen ein so unmittelbares Interesse wie die Fadenwürmer (Nematodes), denn zu ihnen gehören gerade feine meisten und gefährlichsten Binnenschmarotzer.
Die Mehrzahl dieser Tiere, d. h. soweit sie uns bekannt sind, führen überhaupt ein parasitisches Leben, meist in Tieren, nicht wenige aber auch in Pflanzen, doch gibt es daneben genug frei lebende Formen in feuchter Erde, im Süßwasser und im Meere, der großen Mutter alles Lebens. So birgt dasselbe die Mehrzahl einer erst zum geringsten Teil bekannten Familie: die Urolaben (Urolabea), schlanke, durchsichtige, mikroskopische Tierchen, von denen einige Gattungen durch einzelne kleine Borsten am Vorderende an die in der See so reich vertretenen Borstenwürmer erinnern. Die meisten, von einer Reihe Autoren unter verschiedenen Namen beschriebenen Gattungen würden nach Schneider in einer Gattung, Enoplus, zu vereinigen und ein wesentlicher Charakter in winzig kleinen, über die Haut sich erhebenden Tastwärzchen zu suchen sein, zu welcher Art von Organen auch jene oben erwähnten Härchen gehörten. Manche Arten haben kleine, hohle Stacheln
im Munde, und eine große Anzahl hat im Schwanzende eine eigentümliche Spinndrüse, welche sich unterhalb des Schwanzes öffnet. „Sobald das Tier seinen Schwanz auf einer Unterlage fixiert hat, bewegt es sich weiter und zieht nun das Sekret als einen oft mehrere Linien langen glashellen Faden nach sich. Das eine Ende des Fadens klebt fest, und am andern schwebt das Tier frei im Wasser.“ (Schneider.) Die meerbewohnenden Enoplus scheinen sich im geschlechtsreifen Zustande tiefer aufzuhalten als im Larvenzustande. Die Larven wurden nämlich von dem oben genannten Forscher bei Helgoland in geringen Tiefen bis zur Oberfläche auf allen Tangarten kriechend angetroffen, die erwachsenen Individuen erst bei 2— 3 Faden Tiefe.
An die marinen Arten reiht sich eine Anzahl Süßwasserbewohner, welche mit anderen, unten zu berührenden mikroskopischen Nematoden von älteren und neueren Zoologen mit dem wissenschaftlich nicht mehr zu brauchenden Namen „Wasserälchen“ bezeichnet worden sind. Sie schlängeln sich auf dem schlammigen Grunde der Teiche oder zwischen den Wurzeln der Wasserlinsen umher, und das geübte Auge entdeckt sie leicht, wenn man eine kleine Portion solchen Pflanzenreste und Infusorien enthaltenden Grundschlammes in einem Uhrglase ausbreitet. Wie Bütschli gezeigt hat, läßt sich die von dem englischen Naturforscher Bastian versuchte systematische Trennung der meerbewohnenden von den Süßwasser-Nematoden nicht aufrecht erhalten. Die Systematik ist eben immer an der Einteilung irgend welcher Orgaan MW)DLLD) DD D1.2000eee a de 1— „an NINO) eee10 00% DD)Ne 0 e DD 75 1 80 3 A een
Vorderende von Enoplus. Stark vergrößert.
nismen nach dem Aufenthaltsorte gescheitert. Über die Widerstandskraft dieser winzigen Würmchen sagt Bütschli: „Ich habe eine Beobachtung anderer Art über die Verwandtschaft der Land- und Meeresarten beizubringen, die gleichzeitig auf die verschiedenen Lebens: bedingungen, unter welchen diese Tiere zu existieren vermögen, einiges Licht wirft. Während meiner Untersuchungen erhielt ich von befreundeter Seite eine Partie Gras, das im Hafen von Kuxhaven zwischen Steinen an einem Orte, der bei der Flut unter Wasser gesetzt wird, sich fand. In der den Wurzeln dieses Grases anhängenden Erde gelang es mir nun, fünf echte landbewohnende Nematoden zu finden, hierunter den bei uns verbreitetsten landbewohnenden Dorylaimus, D. papillatus. Hieraus zeigt sich, daß eine zeitweise Durchtränkung des Erdreiches, in welchem die Tiere leben, mit Meerwasser denselben nichts schadet. Es können sich demnach auch Süßwasserformen wohl nicht unschwer an das Leben im Meere gewöhnen, und scheint es mir nicht unmöglich, daß manche Süßwasserformen sich auch im Brackwasser finden mögen.“
Über das Vorkommen der nicht in faulenden Substanzen lebenden, nicht parasitischen Fadenwürmer, zu welchen, wie Bütschli angibt, so ziemlich alle Gattungen mit Ausnahme von Rhabditis (Pelodera, Leptodera; man vergleiche unten) gehören, faßt der Genannte seine Erfahrungen in Folgendem zusammen: „Ich suchte diese frei lebenden Nematoden mit ganz geringen Ausnahmen vergeblich in Wasser, Schlamm oder Erde, die schon durch den Geruch sich als deutlich faulend erwiesen. Gewöhnlich fand ich den Schlamm stark riechender Gewässer ganz frei von unseren Tierchen, ebenso die schon angefaulten Konservenmassen auf der Oberfläche derartiger Gewässer. Eine reiche Fauna unserer Tierchen entwickelt sich hingegen in reinem und vorzugsweise fließendem Wasser, sowohl im Schlamme und sonstigem Grunde wie auch auf Steinen, Wasserpflanzen ꝛc., in dem
grünen Besatze von Algenfäden, der sich hier gebildet hat. Die in der Erde sich auf: haltenden Arten hat man hauptsächlich an den Wurzeln verschiedener Pflanzen zu suchen, und haben mir hierunter Moose und Pilze, jedoch auch die Wurzeln mancher phanerogamischen Gewächse eine ziemliche Ausbeute gewährt.“ Wir sehen ferner, wie Lehmboden von diesen Tieren gemieden, dagegen mit Sand gemengter Lehm oder reiner Sandboden ihnen sehr zusagt. Alle diese Beobachtungen sowie die weiter unten mitzuteilenden von Schneider sind in Mitteldeutschland angestellt; doch wissen wir aus den Untersuchungen anderer, daß nicht nur in Frankreich, sondern auch in Ostindien und Nordamerika ganz ähnliche Formen vorkommen.
Ohne uns an die überaus minutiösen Charaktere der beschreibenden Zoologie zu halten, berichten wir nun über einige allverbreitete mikroskopische Fadenwürmer, welche fast ausnahmslos sich wenigstens während Einer Lebensperiode in faulenden Substanzen aufhalten. Auch auf unserer beistehenden Zeichnung fehlen jene feineren Unterscheidungsmerkmale. Wir sehen die mit kleinen Knötchen bewaffnete Mundhöhle mit einer in eine kugelige Anschwellung übergehenden Schlund—
Kleister-Essigälchen (Anguillula aceti-glutinis). Stark vergrößert. röhre, auf welche der Darmkanal folgt. Die Eier, es ist ein Weibchen, liegen ungefähr in der Mitte des Leibes in zwei Röhren, welche zu einer deutlichen Mündung sich vereinigen.
Das berühmteste, schon im vorigen Jahrhundert vielfach beobachtete Tierchen dieser
Gruppe ist das Essigälchen (Anguillula aceti der Schriftsteller), welches man bis in die neueste Zeit für verschieden hielt vom Kleisterälchen (A. glutinis der Schriftsteller), bis wir durch Schneider erfahren haben, daß wenigstens das von ihm vielfach untersuchte Tierchen in beiden Substanzen sich aufhalten kann. Nicht der Kleister selbst ist Bedingung für die Alchen, sondern die sich schnell einfindenden mikroskopischen Pilze, deren Entstehung sehr begünstigt wird, wenn man etwas Essig in den Kleister schüttet. „Bei längerer Beobachtung des Essigs fällt es auf, wie die Essigälchen weit seltener sind, als ältere Beobachter angeben. Man hat den Grund darin zu finden geglaubt, daß der Essig nicht mehr aus Wein dargestellt wird. In gewissem Sinne ist dieser Grund richtig. In dem früher gebräuchlichen Wein- oder Bieressig blieb wahrscheinlich noch viel Zucker und Eiweiß, also ein günstiger Boden zur Bildung von Pilzen und somit auch für Essigälchen. Denn die Geschlechtsreife und Fortpflanzung der letzteren kann nicht in reinem Essig eintreten, sondern nur zwischen Pilzen, wo ihnen eine stickstoffhaltige Nahrung geboten wird. Der Essig, wie er jetzt in den Handel gebracht wird, enthält wohl nie geschlechtsreife Tiere, sondern nur Larven. Ja, die letzteren sind oft sogar abgestorben, und man darf sich nicht täuschen lassen, wenn man beim Schütteln einer Essigflasche unzählige lebendige
Wesen zu sehen glaubt; es find nur die herumschwimmenden Hautskelette. Die Essigmutter in den sogenannten Essigbildnern enthält jedoch heute noch alle Entwickelungsstufen der Essigälchen in großer Menge. Im Kleister, welcher durch Kochen von reinem Stärkemehl bereitet ist, hat mir die Zucht der Alchen nie gelingen wollen, ein Zusatz von Leim, überhaupt einer stickstoffhaltigen Substanz, ist notwendig.“ (Schneider.) Eine ausgezeichnete Fundgrube für dieselben sind die bierdurchtränkten Filzuntersetzer schmutziger Schänken. Der wissenschaftliche Name, den dieses Kleister-Essigälchen heute führt, ist Anguillula aceti-glutinis.
Fast alle übrigen Arten leben in feuchter Erde und faulenden Substanzen. Schneider unterhielt jahrelang in Blumentöpfen und irdenen, mit Erde gefüllten Gefäßen Kolonien derselben, um ihre merkwürdigen Lebensverhältnisse zu beobachten, die während einer Wanderung sich abspinnen. „Legt man in irgend ein Gefäß mit Erde ein Stück faulendes Fleisch, oder gießt man Blut, Milch oder dergleichen darauf, so kann man sicher sein, eine der hierher gehörigen Spezies zu erhalten; indem ich die Erde aus den verschiedensten Orten entnahm, Schlamm der Gewässer, faulendes Holz aus hohlen Bäumen, Garten-, Ackererde ꝛc., habe ich mir diese verschiedenen Spezies verschafft. Um die nötige Feuchtigkeit zu unterhalten, muß man die Erde immer befeuchten oder das Gefäß bedeckt halten. Dabei ist zu berücksichtigen, daß man die Fäulnis nicht bis zu einem zu hohen Grade gelangen läßt. Auch sterben die Tiere, wenn man die Erde mit mehr Wasser bedeckt, als sie auf—
Larve von Pellodera papillosa, umhüllt von der embryonalen Haut. 400mal vergrößert.
saugen kann.“ In diesen Versuchsstationen können die Tiere alle drei Altersstufen durchmachen, d. h. der Embryo geht durch eine Häutung in das Larvenstadium über, welches sich durch andere Bildung des oft verschlossenen Mundes und den Mangel der Fortpflanzungsorgane von der Stufe der Geschlechtsreife unterscheidet und in diese wiederum mit einer Häutung eintritt. In der freien Natur aber, wie gesagt, gehen diese Wandlungen während einer Wanderung vor sich. „Überall in der Erde und im Wasser finden sich geschlechtslose Larven dieser Tiere in großen Mengen zerstreut, aber sobald sich in ihrer Nähe ein Fäulnisherd bildet, fo kriechen fie, vielleicht durch den Geruch geleitet, danach hin, werden geschlechtsreif, und die Jungen, welche sie gebären, entwickeln sich an Ort und Stelle ebenfalls zu geschlechtsreifen Tieren. Haben nun geschlechtsreife Tiere einige Zeit in solcher faulenden Substanz gelebt, so erwacht in ihnen ein Wandertrieb, der sie veranlaßt, den Herd der Fäulnis zu verlassen und nach allen Richtungen weiter zu kriechen. Dabei gebären sie Junge, welche sich der Wanderung ebenfalls anschließen. Die Dauer dieser Wanderung auf trockenem Boden wird dadurch unterstützt, daß die Embryonen sich in Scharen zusammenfinden und durch ihre eigne und durch die an ihrem Körper haftende Feuchtigkeit sich gegenseitig vor Verdunstung schützen. Auf dieser Wanderung treten die Embryonen in das Larvenstadium; sie werden dabei vor dem Eintritt wohl doppelt so groß als die, welche bis zum Eintritt in das Larvenstadium sich in faulenden Substanzen aufhalten. Die Embryonalhaut löst sich zwar ab, aber die Larve verläßt dieselbe nicht, welche nunmehr eine vollständig geschlossene Hülle für die Larve bildet. Die Larve kann sich jedoch mit der Hülle noch ungehindert bewegen und ihre Wanderung fortsetzen;
endlich aber erstarrt sie und streckt sich dabei linear. Hält dieser Zustand längere Zeit an, so stirbt die Larve ab. Anders gestaltet sich der Lauf der Dinge, wenn die Embryonen auf ihrer Wanderung eintrocknen. Dieses Ereignis, weit entfernt, ihnen zu schaden, ist vielmehr für ihre Erhaltung von wesentlichem Nutzen; sie treten mit dem Eintrocknen in das Larvenstadium, und die Embryonalhaut bildet ebenfalls eine Hülle für die Larven. Beim Eintritt von Feuchtigkeit leben sie wieder auf, und beim Schwinden derselben vertrocknen sie. Damit die Larven wachsen und in das geschlechtsreife Stadium treten, müssen sie unbedingt in eine feuchte, stickstoffhaltige Substanz gelangen. Dann wird die Cystenhülle gesprengt, sie nehmen Nahrung zu sich, und es gehen alle die Veränderungen vor sich, welche sie zum geschlechtsreifen Tiere machen. Frei bewegliche Larven wittern von weitem einen solchen Fäulnisherd. Läßt man in einem größeren, mit Erde gefüllten Ge-fäße eine Kolonie solcher Tiere sich entwickeln, so verteilen sich die Larven darin nach Ablauf der Fäulnis. Gießt man nun, wenn die Erde feucht ist, auf einen Punkt derselben z. B. einige Tropfen Milch, so wird man dieselbe schon nach einer Stunde mit Tausenden von Larven bedeckt finden.“ Dieser die Anwesenheit kleinster Organismen so überraschend bekundende Versuch ist, nach Schneiders Bemerkung, schon vor fast 100 Jahren von einem gewissen Roffordi angestellt worden. Er kochte Weizenmehl in Wasser mit Essig gemischt und legte den Kleister, in ein Leinwandsäckchen eingeschlossen, in einen Blumentopf mit feuchter Erde, worauf nach 10— 12 Tagen der Kleister regelmäßig mit Alchen gefüllt war.
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a) Weibchen der Leptodera-Form der Ascaris nigrovenosa. b) Brutschlauch. Vergrößert.
Jan de Man fand in sandiger, mit Moospflänzchen bedeckter Erde vom Großen Ettersberg bei Weimar nicht weniger wie 36 Arten frei lebender Nematoden, von denen 32 auch in Holland von ihm entdeckt wurden. „Auffallend ist es aber“, jagt unser Gewährsmann, „daß in dieser Erde keine Arten gefunden wurden, welche in den Niederlanden ausschließlich die Dünengegenden bewohnen; sollten diese Formen vielleicht wirklich ausschließlich diese ans Meer grenzenden Dünengegenden bevölkern?“ Und er hält es nicht für unmöglich, daß die betreffenden Würmer marinen Ursprungs seien.