Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Auch zur Bekanntschaft mit einer zweiten Familie, den Rüsselegeln (Clepsinidae), geben unsere süßen Gewässer Gelegenheit. Die Angehörigen derselben sind an ihrem kurzen, flachen Körper kenntlich, der nach vorn sich allmählich verjüngt und hier mit der die Augen tragenden Haftscheibe endigt. Der kieferlose Schlund kann wie ein Rüssel vorgestreckt werden. Verschiedene Arten der Gattung Clepsine trifft man an den Blättern der Wasserpflanzen und an der Unterseite von Steinen. Sie sind von grauer, gelblicher oder weißlicher Färbung, und das beste Erkennungszeichen ist, daß, sobald man fie abnimmt, fie ihren Körper einrollen, wobei zugleich die Seitenränder etwas eingebogen werden. Eine besondere Sorgfalt verwenden sie auf die Brutpflege. Ihre Eier tragen sie am Bauche, und auch die ausgekrochenen Jungen halten sich hier noch lange bei der Mutter auf, indem sie sich mit der hinteren Haftscheibe ansaugen. Es ist ein ganz liebliches Schauspiel, wie die 10 —15 Tierchen gleich den Küchelchen unter der Henne ihre Kopfenden unter der Mutter hervorstrecken, oder sich, wenn man sie vorsichtig entfernt hat, sofort wieder unter dieser sammeln. Die Rüsselegel ernähren sich hauptsächlich von niederen Tieren, aber nicht bloß von deren Blut, und die verschiedenen Arten haben besondere Leibgerichte, so Clepsine
complanata Wasserschnecken, C. flaya aber zieht Mückenlarven allen anderen Ge: nüssen vor.
Eine mit den Rüsselegeln nahe verwandte Form (Haementeria mexicana) wird in Mittelamerika ähnlich benutzt wie unser Blutegel, auch gehören möglicherweise einige von
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Rochenegel (Pontobdella muricata). Natürliche Größe.
den vielen Egelarten, welche die Chinesen bekanntlich medizinisch verwenden, zu den Clepsinen, denn es sollen „kleine“ Arten darunter sein.
Ein Rüsselegel ist auch der Rochenegel (Pontobdella muricata), auffallend durch die starken Saugscheiben und die Höcker feiner Körperoberfläche. Die Farbe ist ein grünliches Grau. Er liebt es, sich auf Rochen aufzuhalten. Nach seinem Verhalten in der Gefangenschaft zu schließen, ist er ein träges, stumpfsinniges Tier. Seine starke Muskulatur
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 10
gestattet ihm, sich längere Zeit horizontal ausgestreckt zu halten, nur vermittelst des hinteren Saugnapfes angeheftet. Am liebsten aber läßt er sich hängen, das Kopfende nach Art der Murmeltiere eingebogen. Möglicherweise thun wir dem Rochenegel Un: recht, ihn der Trägheit zu bezichtigen. Auch die Rochen liegen bei Tage fast regungslos, während sie in der Dämmerung munter und beweglich werden. Also teilt wahrscheinlich ihr Wohngast diese Manieren mit ihnen.
Jünfte Klasse.
Die Rundwürmer (Nemathelminthes).
Der vornehmlichste Zweck dieses Werkes, das „Leben“ der Tiere zu schildern, ist bei den höheren Klassen mehr oder weniger zu erreichen, ohne daß die infolge der äußeren Lebensverhältnisse wechselnden Veränderungen der inneren Organisation berücksichtigt zu werden brauchten. Gleichwohl ist bei allen charakteristischen Gruppen, selbst der Säugetiere, dasjenige Maß anatomischer Einzelheiten vorgeführt worden, welches eine Folie für die Lebensäußerungen abgeben konnte. Selbstverständlich mußten Zähne, Bekleidung, Geb: werkzeuge, kurz alle jene unmittelbar in die Augen fallenden Eigentümlichkeiten ganz genau beschrieben werden, nach welchen auch das Auge des naturwissenschaftlichen Laien unwillkürlich seine Unterscheidungen und Vergleiche macht.
Je tiefer wir in die niedere Tierwelt hinabsteigen, desto mehr hört jener nicht ungerechtfertigte Unterschied zwischen äußeren und inneren Kennzeichen, insofern sie für die Schilderung des „Lebens“ notwendig find, auf. Wo vorwaltend das Mikroskop zur wissenschaftlichen Feststellung hat angewendet werden müssen, kann man fast behaupten, daß „keine Kleider, keine Falten“ den Leib umgeben. Wenigstens reichen fie in keiner Weise aus für das Signalement. Wir werden bei der nunmehr zu behandelnden Klasse zu dieser Notwendigkeit, das Innere aufzuschließen, um den äußeren Wechsel zu verstehen, mehr noch als bisher gedrängt sein. Wir werden die verschlungenen und oft nicht sehr ästhetischen Pfade der Entwickelungsgeschichte wandeln müssen, da das „Leben“ sehr vieler Rundwürmer in der allmählichen körperlichen Vervollkommnung besteht, welche mit dem Wechsel des Aufenthaltsortes verknüpft ist. Wir werden sie aus dem Fleische eines Wesens, ihres Wirtes, in den Darm eines anderen, selbst des Menschen, aus dem Wasser in den Leib eines Tieres, aus dem feuchten Boden in eine Froschlunge, aus der Leibeshöhle einer Raupe oder Heuschrecke in die Erde zu verfolgen haben. Ist die natürliche Scheu vor diesen natürlichen Dingen aber einmal überwunden, so sind gerade diese Verwandlungen und Wanderungen der Eingeweidewürmer in hohem Grade fesselnd und lehrreich. Auch zeigt es sich, wie die Wissenschaft im stande gewesen, durch mühsame Experimente und zeitraubende Nachforschungen fast alle jene Parasiten des menschlichen Leibes zu entlarven und ihr Herkommen aufzuklären, von denen einige zu unseren lebensgefährlichsten Feinden gehören. In der Schilderung dieser und der verwandten Würmer haben wir uns vorzugsweise an das ausgezeichnete Werk von Rudolf Leuckart: „Die Parasiten des Menschen“, sowie an die Monographien von Schneider, Bütschli und anderen anzuschließen. Das Gebiet ist von ihnen in einer Weise nach allen Richtungen ausgebaut, daß, um mich klassischer Worte zu bedienen, „mir zu thun fast nichts mehr übrigbleibt“, als sie wörtlich zu citieren oder ihre Darstellungen zu umschreiben.
Entwickelung eines Nematoxys. 147—
Die Rundwürmer (Nemathelminthes) haben einen faden- oder schlauchförmigen Körper, der immer ungegliedert und ohne Füße ist. Die Haut ist derb und prall, der unmittelbar mit ihr verbundene Muskelschlauch oft sehr entwickelt. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Geschlechter getrennt.
Wir wollen einmal, um der Einförmigkeit schulmäßiger Darstellung aus dem Wege zu gehen, und weil es uns für das Verständnis der Lebensverhältnisse gerade dieser Würmer
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Entwickelung eines Nematoxys. 400 mal vergrößert.
sehr passend scheint, vom Ei anfangen und in demselben vor den Augen der Leser einen Fadenwurm entstehen lassen. Wir nehmen dazu eins jener spulwurmartigen Tiere, welches mit fast absoluter Regelmäßigkeit in dem Märtyrer der Wissenschaft, dem Frosche, angetroffen wird, Nematoxys.
Das Ei ist von ellipsoidischer Form. Der in ihm enthaltene Embryo hat auf eine kurze Zeit einen lichten Pol, ist aber bald darauf von einer gleichförmigen, aus größeren Zellen bestehenden Keimschicht allseitig umgeben. Dabei zeigt er schon eine Knickung, den Beginn einer immer weiter schreitenden Biegung und Streckung, wobei das künftige Schwanzende sich auf den Vorderleib umlegt. Indem jene größeren Zellen der anfänglichen Keimschicht zurücktreten und kleineren Zellen nebst einer krümeligen Substanz Platz machen, scheidet sich an der Körperoberfläche des sich immer mehr streckenden, krümmenden 10*
und einrollenden Embryos eine völlig durchsichtige, zarte Haut aus, eigentlich das erste bleibende Organ. Bald bemerkt man in dem abgestutzten Vorderrande eine Vertiefung, welche zur Mundöffnung wird, und in dem zum Auskriechen reifen Würmchen ist außer der Haut und dem durchsichtigen Hautmuskelschlauche nichts weiter fertig als der Darmkanal. Er beginnt mit der von drei lippenartigen Vorsprüngen umgebenen Mundöffnung, auf diese folgt ein gerader, gestreifter Schlund, dann der durch seine körnigen Wandungen hervortretende Magendarm, der mit einem kurzen Endrohr vor der Schwanzspitze an der Bauchseite mündet. In diesem Zustande werden die meisten Fadenwürmer geboren, und wir haben nun ihre weitere Ausbildung, welche sie teils an einem und demselben Aufenthalte, meist jedoch unter mehrfachem Wechsel der äußeren Verhältnisse durchmachen, in ihrer Allgemeinheit ins Auge zu fassen. Die Veränderungen, welche der Darmkanal erleidet, beziehen sich. vor: züglich auf die Umgebungen des Mundes und den Schlund; allerlei Lippen, Zähnchen, Leisten, kropfartige Anschwellungen der Schlundröhre können sich bilden und geben charakteristische Merkmale für die einzelnen Familien. Nie entwickelt sich ein Gefäßsystem, das farblose Blut ist frei in der Leibeshöhle. Ein für die ganze Abteilung sehr wichtiges Organ ist aber in den sogenannten Seitenlinien enthalten,ein Paar Stränge von Zellen, die wenigstens in der Nähe des Vorderendes unter Bildung von zwei Kanälen sich fortsetzen und unter dem Schlunde eine gemeinsame Mündung haben. Es ist ein Absonderungsorgan, etwa der Niere zu vergleichen. Die Geschlechter sind meist an äußeren Zeichen kenntlich. Die Männchen sind gewöhnlich kleiner, haben auch verschiedene Anhangsorgane am Hinterleibe. Die meisten Nematoden legen Eier. Bei nicht wenigen geht aber noch in den Eileitern die Entwickelung der Embryonen so weit vor sich, daß das Auskriechen mit dem Eierlegen zusammenfällt, die Jungen also, wie man sagt, „lebendig geboren werden“. Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Vorgange und dem Gelegtwerden der Eier findet so selten statt, daß bei einer und derselben Spezies beides abwechselnd vorkommen kann. Auch diese Verhältnisse gehören ganz eigentlich in das „Leben“ der Nematoden, wie wir z. B. sehen werden, daß einzelne Nematodenmütter schließlich zu einem bloß leblosen Sacke werden, in welchem ihre Sprößlinge eine gewisse Periode ihrer Jugend zubringen.
Wir teilen die Rundwürmer in zwei Ordnungen ein: 1) Die Kratzer (Acanthocephali) und 2) Faden würmer (Nematodes), denen sich eine weitere Gruppe, die Pfeilwürmer oder Borstenkiefer (Chaetognathi) wahrscheinlich als besondere Ordnung zugesellt.
Die Kratzer oder Hakenwürmer (Acanthocephali) gehören alle der Gattung Echinorhynchus an und sind gekennzeichnet durch einen mit mehreren oder vielen Reihen von Häkchen besetzten Rüssel. Wenn derselbe nicht etwa kolbig oder kugelig aufgetrieben ist, was bei einigen Arten geschieht, so kann er von dem Tiere wie ein Handschuhfinger ein⸗ und ausgestülpt werden, wobei die nach rückwärts gerichteten Zähnchen zugleich sich aus: und einhaken. In der Prallheit und Derbheit der Hautbedeckungen und durch die Trennung der Geschlechter stimmen die Kratzer mit den übrigen Rundwürmern überein; ein wesentlicher Unterschied besteht in dem Mangel eines besonderen Darmkanales und Verdauungsapparates. Im geschlechtsreifen Zustande leben sie nur im Darmkanal von Wirbeltieren, so der größte, Echinorhynchus gigas, von der Länge und Dicke des Spulwurms, im Dünndarm des Schweines. Um aber an diesen Aufenthaltsort zu gelangen, haben sie ganz ähnliche Wanderungen durchzumachen, wie fie oben erwähnt wurden. So lebt der eben: genannte Kratzer des Schweines als Jugendform in den Engerlingen von Maikäfern und
verwandter Käferarten, welche die Schweine gern auswühlen und fressen. Durch Leuckart weiß man, daß der in verschiedenen Fischen gemeine Echinorhynchus proteus seine Jugend im Darme des Flohkrebses (Gammarus) zubringt, der ihn, noch von der Eihülle umschlossen, verschluckt. Der bei verschiedenen Nagern (Hamster, Feldmaus, Siebenschläfer) vorkommende
Kratzer (Echinorhynchus monoliferus) lebt als Larve in Käfern, fo in einem südeuropäischen Trauerkäfer (Blaps mucronata). Diele Larve kann aber auch im Menschen zur Entwickelung gelangen: ein italienischer Forscher, Calandruccio, infizierte sich damit
D40.
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N1j Riesenkratzer (Echinorhynchus gigas). a) Natürliche Größe; b) Vorderende vergrößert.
und konnte sich 8 Wochen später nicht weniger wie 33 Stück der betreffenden Kratzerart abtreiben. Gelegentliche und mehr zufällige Infektionen des Menschen mit Kratzern dürften öfters vorkommen, aber nur selten zur Untersuchung gelangen. So fand Lambl einmal einen noch unreifen, daher nicht bestimmbaren Echinorhynchus im Dünndarm eines Kindes. Ein anderer, Echinorhynchus polymorphus, bedarf einer Versetzung aus dem Flohkrebs in den wärmeren Leib der Ente, um in ihr zum Abschluß seiner Entwickelung und seines Lebenslaufes zu gelangen. Bei verschiedenen Seefischen, z. B. der Scholle, finden sich auf dem Darmgekröse und im Zellgewebe um die Leber im Februar bis April sehr kleine, 1— 2 mm große, eingekapselte Kratzer, deren Herkunft aber noch nicht aufgeklärt if. Die Möglichkeit, daß fie von außen durch Haut und Fleisch ein: dringen, ist weniger vorhanden wie die andere, daß sie vom Darme aus die Wanderung
angetreten haben und erst im Darme eines anderen Fisches oder eines Wasservogels zu Erwachsenen werden.
Eine kleine, höchst merkwürdige Gruppe der Würmer, welche vielleicht Anspruch auf den Rang einer eignen Klasse, sehr wahrscheinlich aber auf den einer Ordnung hat und dann am besten vor die Rundwürmer gestellt wird, bilden die Pfeilwürmer (Chaetognathae). Es sind dies glasartig durchsichtige Würmer, welche ausschließlich dem Meere angehören, auf dessen Oberfläche fie, geschickt schwimmend, oft in großen Mengen sich herumtreiben. Bald stehen fie lauernd wie ein Hecht wagerecht auf einem Flecke, bald schießen fie pfeilschnell auf ihre Beute, allerlei kleine, pelagisch lebende Seetierchen und deren Larven, los. Zu solcher Jagd sind sie aber vorzüglich geeignet; ihr schlanker Leib, der ihnen schon vom alten Martin Slabber, einem holländischen Naturforscher, vor fast anderthalbhundert Jahren den Namen Sagitta (Pfeil) eintrug, hat in der hinteren Körperhälfte eine breite, horizontale Flosse jederseits, welche durch festere Einlagerungen wie eine Fischflosse durch ihre Strahlen gestützt wird und sich nach hinten an eine große, breite Schwanzflosse an—
Pfeilwurm (Sagitta bipunctata). 25mal vergrößert.
schließt. Die Lebensweise, welche eine so bedeutende Beweglichkeit bedingt, erfordert natürlich zugleich auch einen gut entwickelten Orientierungsapparat, und da sehen wir denn, daß unsere Tiere an ihrem runden, gegen den übrigen Körper scharf abgesetzten Kopfe ein Paar Augen und ein Paar Fühler haben. Zur Bewältigung ihrer Beute sind sie mit einem kräftigen, aus mehreren einander gegenübergelegenen Haken bestehenden Kieferapparat ausgerüstet. Diese seltsamen Wesen, welche in einer Art (Sagitta bipunctata) auch in den westlichen Teilen der Ostsee vorkommen, erinnern bei oberflächlicher Betrachtung entfernt an Fische, wie sie denn auch Georg Meißner seiner Zeit für Wirbeltiere hielt.