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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Formen der Tiefsee können natürlich unter allen Umständen nicht von pflanzlicher Kost leben, denn dort hat die Vegetation längst ihr Ende erreicht. Aber fie fressen, wenn sie sich nicht vom Raube größerer und kleinerer Tiere ernähren, Schlamm und Sand, aus denen sie, ähnlich wie unsere Regenwürmer, die darin enthaltenen organischen Subtanzen assimilieren.

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Zu den Ringelwürmern stellt man jetzt allgemein eine kleine Familie sehr merkwürdiger Wesen, welche vor den grundlegenden Untersuchungen von L. von Graff von dem einen Forscher zu den Lochwürmern oder Trema— =: toden, von den anderen zu den Asseln und von dritten gar zu den Milben gerechnet wurden. Es sind das die Myzostomatiden. Ihre Sonderbarkeiten beruhen auf Rückbildungen, welche die Folge schmarotzender Lebensweise sind. Die Tiere sind nicht groß, der Riese der Sippe (Myzostoma gigas) mißt nur 7—8 mm. Ihr Rand ist in 10 Paar fingerförmige Anhänge ausgezogen, und an der Bauchseite stehen 5 Paar ungegliederte, am freien Ende mit je einem Chitinhaken und häufig auch einzelnen Borsten besetzte Stummelfüße, je 5 Stück im Halbkreis an jeder Seite, und zwischen ihnen stehen jederseits je 4 Saugnäpfe. Die Oberseite der weichen, oft sehr bunten, gelb oder orange, bisweilen auch gefleckt und sonst gezeichneten Tiere ist durchaus mit Wimpern bedeckt. Sie alle schmarotzen auf Haarsternen und Seelilien (Krinoiden) und nur auf solchen, und da diese sehr altertümliche Tiere sind, werden wir wohl nicht fehlgreifen, wenn wir auch den Myzostomatiden einen bis in die graueste Vorzeit zurückreichenden Stammbaum zuschreiben. Die Krinoiden sind aber zugleich wesentlich Bewohner der Tiefsee, woraus folgt, daß die Mehrzahl ihrer Gäste auch den abyssischen Regionen angehört.

Die Grade des Parasitismus sind bei ihnen verschieden: die einen kriechen frei auf ihren Wirten hin und wieder, andere find die Veranlassung, daß ) Mvrostoma gigas, von unten. B) Durch an den Armen der Krinoiden und an deren An- diesen Parasiten gallenartig umgebildete Armteile hangsgebilden besondere gallenartige Gebilde auf— V treten, und die dritten endlich leben paarweise, je ein männliches und ein weibliches Individuum in blasenartigen Wucherungen der heimgesuchten Tiere. Interessant ist es, daß auch echte, degenerierte Ringelwürmer parasitisch auf Haarsternen (Actinometra) vorkommen.

Zweite Unterklasse.

Die Glattwürmer (Hirudinae).

Es ist leichter, den Anwalt der Regenwürmer zu machen, die nicht ganz unliebenswürdig sind, oder der Schmarotzerkrebse, welche als Karikaturen und Beispiele der wundersamsten Rückbildungen ergötzen und interessieren, als den Egeln Freunde zu gewinnen. Stehen doch jedermann, wenn von Egeln die Rede ist, gleich die eigentlichen Blutsauger vor Augen, die zwar nicht unschön anzusehen sind, aber im ganzen nur widerliche Vorstellungen

) Mvrostoma gigas, von unten. B) Durch dieſen Paraſiten gallenartig umgebildete Armteile V

erregen. Indessen bilden diese allbekannten und besonders gierigen Vertreter ihrer Abteilung doch nur eine geringe Zahl, und unter den übrigen können viele durch Eleganz der Form und Zeichnung eine lebhaftere und befriedigendere Berücksichtigung beanspruchen. Als Teil vom Ganzen betrachtet, füllen aber die Egel auch ihre Stelle im großen Haushalt der Natur aus, und wenn auch weniger durch auffallende und eigentümliche Lebensgewohnheiten ausgezeichnet, helfen sie uns unter anderem zum Verständnis einer großen Gruppe von wahren Eingeweidewürmern. Ja, so eng ist die aus dem Bau und der Lebensweise hervorgehende Verbindung der Egel mit den sogenannten Saugwürmern, daß man mit vollem Rechte diese letzteren, ungegliederten Würmer mit den Egeln zu einer Klasse vereinigen kann. Daß übrigens die Egel wahre gegliederte Würmer sind, lehrt die oberflächliche Betrachtung der Körperringelung irgend eines derselben, und die Anatomie weist ferner nach, daß auch jene charakteristische Eigenschaft der Borstengliederwürmer ihnen im vollen Maße zukommt, wonach auch die wichtigeren inneren Organe sich in den aufeinander folgenden Segmenten wiederholen. Die gänzliche Abwesenheit von Fußstummeln und Borsten sowie der Besitz von Saugnäpfen meist am Vorder- und immer am Hinterende charakterisiert sie als besondere Abteilung, als welche sie auch oft Glattwürmer genannt werden.

Wissenschaftlich und praktisch liegt es nahe, mit der Familie der eigentlichen Blutegel (Hirudinea) zu beginnen. Nicht die schmalen, äußerlich sichtbaren Ringel find bei diesen und anderen Egeln die eigentlichen Segmente, sondern, wie aus der Verteilung und Wiederholung der inneren Organe hervorgeht, bilden erst 4 — 5 Ringel ein solches. Der Kopflappen ist mit dem Mundsegment zu einer geringelten Haftscheibe verschmolzen. Der hintere Saugnapf ist meist deutlich vom Körper abgeschnürt, und oberhalb desselben mündet der Darm. Der Schlund kann so weit umgestülpt werden, daß drei, oft gezähnelte muskulöse Falten zu Tage treten.

Wir beschäftigen uns zunächst etwas eingehender mit den medizinischen Blutegeln, den Arten von Hirudo, die zur Offnung der Wunde, aus der sie Blut saugen wollen, mit zahlreichen spitzen Zähnchen auf den halbkreisförmigen Kieferfalten ausgestattet sind, wie sie sich ferner durch die bedeutende Weite ihres mit zahlreichen Seitentaschen versehenen Magens auszeichnen. Wir müssen jedoch diese und andere Eigentümlichkeiten ihres Baues näher betrachten. Die medizinischen Blutegel besitzen zehn Augen, welche, wie der nebenstehende Umriß (Fig. 2) zeigt, über die vorderen acht Ringe paarweise verteilt sind. Das Mikroskop lehrt, daß der Kopfrand des Egels noch eine Menge sehr eigentümlicher, becherförmiger Organe trägt, welche, nach ihrer Beschaffenheit und ihrem Nervenreichtum zu schließen, besondere Sinneswerkzeuge zu sein scheinen. Ob damit die Kopfscheibe zu einem sehr empfindlichen Tastorgan gemacht ist, oder ob die Becher eine Art von Geruchs- oder Witterungsorganen find, it schwer zu entscheiden, doch ist das letztere das wahrscheinlichere. Die sogenannten Kiefer der Blutegel bestehen aus einer halbkreisförmigen, festen Muskelmasse. Die Muskelfasern kreuzen sich jo, daß die Kiefer nach Art einer Schrotsäge bewegt werden und die 60— 70 auf der Kante befestigten Zähnchen zugleich stechen und reißen. Die Kiefer sind gegenseitig so gestellt, wie die charakteristische, dreistrahlige Wunde es zeigt. Auf den Schlund (vgl. nebenstehende Abbildung, Fig. 1a) folgt der mit elf Paar Blindtaschen versehene Magen (Fig. 1b). Natürlich müssen wir den ganzen Raum zum Magen rechnen, welcher beim Saugen auf einmal gefüllt wird, und diese Füllung geschieht bis in die äußersten Zipfel jenes langen, letzten Paares der Blindsäcke (Fig. le), welche noch neben dem kurzen, engen Darme bis nahe ans Hinterende sich erstrecken. Und da

sowohl die Körperwandungen als die Magenwände elastisch und dehnbar sind, begreift es sich, wie der Blutegel feinen ganzen Umfang durch Saugen um das Drei- bis Vierfache vermehren kann. Der medizinische Blutegel hat ein sehr verwickeltes Blutgefäßsystem. Wen diese Verhältnisse interessieren, welche am Blutegel schwer zu explizieren sind, suche sich helle, durchscheinende Exemplare der weitverbreiteten Egelart Nephelis vulgaris (S. 143) zu verschaffen. In einem engen Glasrohr und gegen das Licht gehalten, sieht man an dem ganz unversehrten Tiere mit der Lupe sehr deutlich den ganzen Blutumlauf, der hauptsächlich in einer Fluktuation von einer Seite zur anderen besteht.

Der Blutegel ist wie alle Egel Zwitter; die männliche Geschlechtsöffnung liegt zwischen dem 24. und 25. Ringe, die weibliche zwischen dem 29. und 30. Die Beschreibung des Eierlegens und die Bildung der Eikapseln verlangt eine Berücksichtigung der Lebensweise überhaupt, wobei wir der guten Darstellung von Salzwedel (im „Ausland“ 1862) folgen können. Unsere Blutegel leben gern in Teichen mit Lehm- oder Thonuntergrund, in Tümpeln und Sümpfen mit schlammigem Boden, können aber nie in

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Bau der Blutegel. i 1) Darmkanal, a) Schlund, b) die mittleren Magenblindsäcke, c) die letzten Blindsäcke. 2) Vorderende mit den Augen. 3) Ein Kieferwulst des Pferdeegels. Alles stark vergrößert.

solchen mit Sandboden gehalten werden. Alle diese Gewässer müssen sehr ruhig und mit Pflanzen bewachsen sein. Außer dem Wasser vermögen sie nicht lange zu leben und sterben sofort, sobald ihre Oberfläche trocken geworden ist, wogegen sie sich indes durch die Schleimabsonderung von innen heraus eine kleine Weile zu schützen vermögen. Am Tage, und namentlich bei warmem Wetter, schwimmen sie lebhaft umher, während sie sich bei trübem, nebligem Wetter oder an kalten Tagen derart zusammenrollen, daß fie den Kopf in die Höhlung des Fußes stecken und so eine leierförmige Gestalt annehmen. Dasselbe geschieht nachts und im Herbst, in welcher Jahreszeit sie sich so tief wie möglich in den Schlamm vergraben. Ihre Nahrung finden sie ausschließlich im Blute der Wirbeltiere und ähnlichen Säften der Wirbellosen. Man hat behauptet, daß sie sich im Notfall einander selbst angreifen sollen, jedoch können diese Fälle nur äußerst selten sein. Ebenso unsicher wie diese Behauptung ist auch die, ob sie das Blut toter Tiere einsaugen. Jedenfalls greifen sie in der Regel nur lebende Tiere an, die aber zum Teil wieder ihre eignen Feinde sind, wie unter anderen die Wasserschnecken, von denen sie sich zeitweilig nähren sollen, ihnen, namentlich den Jungen, nachstellen. Die Häutung, welche nach einigen Beobachtern in Zwischenräumen von einigen Tagen sich wiederholen soll, sah Martini bei alten, ausgewachsenen Tieren in mehreren Monaten nur einmal erfolgen. „Das Häutungsgeschäft dauerte gegen 2 Wochen, und die Egel waren dabei ruhig und matt, drängten sich dicht aneinander, lagen oft auf dem Boden des Gefäßes und zwar auf dem Rücken, Mund und

Bau der Blutegel. i

Afterende nach oben gekrümmt, gleich wie dies in der Regel an toten Egeln zu sehen ist. Ich sah keinen während dieser Periode sterben; sämtliche häuteten sich zu gleicher Zeit; oft erneuertes Wasser schien ihnen dabei nicht nachteilig und nicht unangenehm zu sein. Die abgelöste Haut ist ein sehr feines, nach dem Reinigen fast durchsichtig weißes Oberhäutchen, welches bei näherer Betrachtung alle Erhöhungen und Vertiefungen des Egelkörpers darstellt und zuweilen in einzelnen Stücken, zuweilen fast in der ganzen Ausdehnung des Egels sich ablöst. Zu unterscheiden von der Häutung ist die ständig in Egelbehältern erfolgende Gerinnung des Schleimes, welcher oft in Fäden und Streifen das Tier einhüllt. | „Nach der im Frühjahr erfolgenden Begattung sucht der Blutegel ein Lager höher als der Wasserspiegel in feuchter, lockerer Erde, worin er mit dem Kopfe bohrend sich Gänge bildet. An den Ufern der Teiche und Sümpfe, in denen viele Egel sind, findet man oft mehrere Hundert auf diese Weise beisammen, einige Zentimeter unter der Oberfläche der Erde liegend. Sie bereiten sich einige Tage nach der letzten Begattung sogleich ihr Lager; man kann annehmen, daß sie von den letzten Wochen des Mai bis Anfang Juli diesem Geschäft obliegen. Zu Ende Juni fangen sie an, ihre Kokons oder Eikapseln zu formen, die ungefähr die Größe und Gestalt einer Eichel haben. Der Egel läßt zu diesem Zwecke eine schleimige, zusammenhängende, grüne Feuchtigkeit aus seinem Munde fahren und zieht sich bis zur Mündung des Eierganges durch diese ringförmige Hülle durch, welche nur so lang ist, wie die Kapsel werden soll. In dieselbe werden mit einer grünlichen oder bräunlichen schleimigen Masse 10— 16 kleine, mit bloßem Auge nicht bemerkbare Dotterchen gelassen. Zu gleicher Zeit macht er mit dem von der Schale befreiten Maule um jene herum einen weißen, speichelähnlichen Schaum, der gewöhnlich den Umfang eines kleinen Hühnereies einnimmt. Hierauf zieht er sich rückwärts in die Kapsel hinein, dreht die verlassene Offnung inwendig förmlich zusammen und zieht sich ganz aus dem Kokon heraus, wonach er wieder das eben verlassene Löchelchen von außen zudreht. Er bleibt hiernach noch einige Tage bei dem Kokon liegen.“ Derselbe nimmt nachher durch Eintrocknen des Schaumes zu einem schwammigen Überzuge seine bleibende Größe an, und 4—6 Wochen nach dem Eierlegen kriechen die Jungen aus. Sie find fadenförmig und hell, gleichen aber im wesentlichen den Alten. Ihr Wachstum geschieht sehr langsam. Frühestens im dritten Jahre sind sie zum medizinischen Gebrauche tauglich; erst im fünften haben sie ihre volle Größe erreicht. Sein Leben soll der Blutegel auf 20 Jahre bringen. Da wir selbst noch keine Anstalt für Blutegelzucht gesehen, halten wir uns auch dafür an den Gewährsmann im „Ausland“. Die günstigste Art, eine große Menge Blutegel aufzubewahren und sie gleichzeitig fortzupflanzen, ist ein natürlicher Teich, dem jedoch folgende Eigenschaften nicht fehlen dürfen. Er muß einen moderigen, leichten oder thonigen Untergrund haben, weiches, klares und warmes Wasser führen, welches jedoch genügenden Zu: und Abfluß hat, und namentlich dürfen in ihm keine Bäume stehen, die dem Wasser einen eignen Geschmack mitteilen, z. B. Erlen. Ihr Vorhandensein lieben die Egel auch im freien Zustande nicht. Ferner dürfen solche Teiche keine Raubfische und große Frösche enthalten, die beide dem Egel nachstellen, müssen auch vor Sumpf- und Wasservögeln, allen Entenarten, den großen und kleinen Wasserhühnern, den Land- und Wasserratten und großen Schnecken und Muscheln geschützt sein. Indessen sind solche Teiche, die man dann, wenn bevölkert, Blutegelteiche nennt, sehr selten, und man muß seine Zuflucht zu künstlichen Anlagen, Blutegelkolonien, nehmen, die man nach vielen Erfahrungen am besten und zweckmäßigsten in folgender Art herstellt. Zur Anlage derselben kann man nur solche Stellen wählen, die einen natürlichen Zufluß von weichem, warmem Wasser

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