Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
verschaffen, ein Stückchen Dickglas bot und sah, wie dasselbe vom Kopflappen ergriffen und gegen die Mundöffnung gedrückt wurde, und wie dasselbe, als ich es sofort von dort entfernte, einen häutigen Überzug trug, der mit dem beim Bau benutzten Kitte übereinstimmt und den vom Tiere bereiteten Teil der Röhrenwand darstellt. Das mit Kitt versehene Stück aber wird von den Bauchschildern und dem Kopflappen an die vom Wurme erwählte Stelle eingesetzt, sei es, daß der Rand des Röhreneinganges im ganzen vergrößert oder mit fadenförmigen Anhängen besetzt wird, sei es, daß Verletzungen in der Röhre, wie ich solche durch Ausschneiden kleiner Strecken herstellte, auszubessern sind.“ 5
Die seltsamen selbstverfertigten Anhänge am Eingang der Röhre haben bei manchen Arten ein merkwürdig symmetrisches Ansehen und bestehen dann hauptsächlich aus dem verhornten Sekret der Hautdrüsen mit nur wenig Fremdkörpern. Ein solches Gebilde ist einmal als Hornschwamm beschrieben worden, ein Schicksal, das übrigens auch den Eikokkons der Blutegel widerfahren ist.
Lassen wir uns noch eine Terebellenart, die Töpferin (Terebella figulus), bei ihrem Röhrenbau schildern, und zwar von Rymer Jones. Ihr Baumaterial ist Schlamm. Nimmt man das Tier aus der Röhre, jo zieht und wickelt es sich eng zusammen. Sehr bald aber beginnen die Fühlfäden rundum zu suchen, alles, was sie erreichen können, heranziehend. Hatte sie, wie andere Arten, am Morgen der Ruhe gepflegt, so arbeitet die Terebelle in der Zeit des Tages, am emsigsten gegen Abend. Eine Anzahl Fühlfäden ergreifen Schlamm, andere Sandkörner, andere langen nach Muschelstückchen, und das auf diese Art Gesammelte wird durch die Zusammenziehung der einzelnen Fühler an den Körper herangebracht. Während dieser Arbeit der Fühlfäden bläht sich der Vorderkörper etwa 15 — 20 mal in der Minute auf, und ebenso oft geht eine wellenförmige Bewegung von hinten nach vorn. Dann kommen 10—12 Partikelchen des Baumaterials zum Bor: schein, wahrscheinlich, nachdem sie im Munde zugerichtet worden sind, und werden an den Rand der Röhre angefügt. Dabei scheint die Unterlippe den neuen Teil auf und ab zu glätten oder auch mit der übrigen Röhre zu verleimen. So viel scheint außer Zweifel, daß die Baumaterialien zuerst verschluckt werden. „Die Fühlfäden der Töpferin wechseln an Zahl zwischen 25 und 50; sie sind ziemlich stark und messen vollständig ausgedehnt wenigstens 9 Zoll, ungefähr zweimal die Länge des Körpers, jo daß fie über einen bedeutenden Raum umherlangen können. Mehr zu: sammengezogen haben sie eine bräunliche oder karminrötliche Farbe, ausgedehnt gleichen sie einem weißlichen Pferdehaar. „Es ist erstaunlich, wie die Aufmerksamkeit einer so kleinen Künstlerin zu gleicher Zeit auf so verschiedene Verrichtungen gewendet sein kann. Ein Teil der Fühler sucht Material, ein anderer sammelt und ergreift es, ein dritter bringt es nach dem Gehäuse; einige setzen ihre Ladung ab, wieder andere erfassen die Last, die sie haben fallen lassen, und die Künstlerin selbst ist während dieser ganzen Zeit eifrig beschäftigt, Material im Munde zu kneten, es wieder von sich zu geben und an seinen Platz zu bringen oder die noch rohe, eben aufgeführte Wand zu glätten.“
Die ebenfalls sehr gemeine Terebella nebulosa, fo genannt, weil fie sich mit dem Gewirr ihrer rötlichen Fühlfäden wie mit einer deckenden Wolke umgeben kann, leimt sich zu temporärem Aufenthalt unter den Ufersteinen sehr zerbrechliche Röhren und laubenartige Gänge, die man häufig verlassen findet. Geschickter und beweglicher als ihre Schwestern, kann sie, in einem Gefäß gehalten, ihre Fühlfäden, wie Quatrefages sich ausdrückt, als lebendige Seile benutzen und sich daran wie Münchhausen an seinem Zopfe in die Höhe ziehen.
In der Familie der Serpulaceen (Serpulacea) find die Kiemen vollständig an das vordere Ende gerückt, und das durch die Flimmerhärchen derselben in Strömung versetzte Wasser bringt der unmittelbar darunter gelegenen Mundöffnung die Nahrung zu. Der bei anderen Ringelwürmern getrennte Kopflappen ist hier mit dem durch die Mundöffnung ausgezeichneten ersten Segment verschmolzen, und der so gebildete Kopf ist durch eine Art von breiter Krause vom übrigen Körper abgesetzt. Merkwürdig ist der sogenannte Borstenwechsel, indem auf der vorderen Körperhälfte am Rücken Haarborsten, am Bauche Hakenborsten, auf der hinteren dagegen die Haarborsten am Bauche stehen. In der großen Gattung Serpula sehen wir einen oder auch zwei der Kiemenfäden in einen, von einem Faden
Serpula contortuplicata. Natürliche Größe.
getragenen keulenförmigen Deckel umgewandelt, der beim Zurückschlüpfen in die Röhre immer zuletzt zum Verschluß eingezogen wird. Das mikroskopische Detail dieser Deckel ist sehr wichtig für die Artunterscheidung und an sich hübsch anzusehen, da Zähnchen, kronenartige Aufsätze, bewegliche Stacheln und dergleichen organisches Schnitzwerk sie bei der einen Art so, bei der anderen so, zierlich kennzeichnen. Ein anderes Feld der Mannigfaltigkeit derselben Gattung ist in der Bildung der kalkigen Röhre gegeben. Alle Arten beginnen mit einem freien Leben in einer einer Verwandlung unterliegenden Gestalt. Noch lange, bevor diese Verwandlung vollendet, schwitzt das junge Tier eine Kalkröhre aus, welche anfänglich cylindrisch und an beiden Enden offen ist. In dem Maße, als das Tier wächst, verlängert und erweitert es sein Gehäuse. Dasselbe liegt anfänglich der ganzen Länge nach auf der Unterlage auf, plattet sich auf der unteren Seite ab und erhält auf der freien Oberfläche Streifen, Falten und Kanten und bei einigen Arten Zähne und Einkerbungen an der Kopföffnung. Bei manchen Arten erhebt sich der später wachsende Teil spiralig frei über der Unterlage. Bei der Absonderung und Formierung der Röhre ist vorzugsweise der
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Grundteil der Kiemen und der Kopfkragen beteiligt, welche dabei eine ähnliche Rolle spielen, wie der sogenannte Mantel der Weichtiere bei der Schalenbildung derselben.
Die überaus zahlreichen Arten der Serpulen finden sich über alle Meere zerstreut und gewähren, wenn sie den Kopfteil hervorstrecken und den Kiemenfächer entfalten, einen sehr anziehenden Anblick. Den stärksten Anteil daran haben die meist gelb oder rot oder bunt gefärbten Kiemenfäden. In einigen Fällen sitzen auf den Tentakeln eigentümliche, rote oder violette Pigmentfleckchen, welche, wie Koellicker nachgewiesen hat, Augen sind. Unterhalb eines jeden liegt ein gestieltes, blattförmiges Organ, ein Augenlid, welches sich beim Einziehen der Fühler über die Augen wegschlägt und dieselben schützt. Auch die durchscheinenden Blutgefäße geben liebliche Zeichnungen. Bei einigen ist das Blut grün, bei anderen rötlich oder gelblich, bei noch anderen ist es völlig farblos. Die der Serpula nahe verwandte Gattung Sabella baut durch Ausschwitzung einer klebrigen Masse biegsam bleibende Röhren, die mitunter, z. B. bei der schönen Sabella unispira des Mittelmeeres, lederartig aussehen, in anderen Fällen, indem sie sich mit Sand und Muschelstücken bedecken, ganz denen der Terebellen gleichen. Zu den merkwürdigsten Tieren, nicht nur speziell den Würmern, gehören die Arten der Gattung Amphicora, welche an unseren Küsten auch wieder in ganz unglaublichen Mengen vorkommen, freilich nur dem auf sie fahnenden Zoologen bemerkbar, indem sie nur einige Linien lang sind und in dem dichtesten Gewirr der Wasserpflanzen, besonders der sich verfilzenden Algen, leben. Hat man einen Büschel dieser Bflan-zen mit dem anhaftenden Sand und Schlamm ruhig 1—2 Stunden in einem flachen Gefäß stehen lassen, so kommen, durch das Atembedürfnis getrieben, eine Menge von kleinen Krebschen und reizenden Würmchen hervor, die sich fast alle am Rande des Tellers ansammeln, um dort des Sauerstoffes der Luft teilhaftig zu werden. Man kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß auch die Amphicora darunter ist, auf deren spezifische Unterschiede hier nichts ankommt. Sie hat, was sonst die Serpulaceen nicht thun, ihre häutige Röhre verlassen, wie sie auch im normalen Zustande pflegt, um sich nach Futter und Gesellschaft umzusehen. Wir führten an, daß es mit dem Gesichte der Kopfkiemer im allgemeinen schlecht
Amphicora sahella. 30 mal ver⸗ stehe; allein davon macht Amphicora die überraschende Aus: größert. nahme, daß sie nicht nur vorn, sondern auch hinten Augen besitzt. Als ich 1848 dieses von Ehrenberg bei Helgoland entdeckte Tier bei Thorshaven auf den Faröern anhaltend beobachtete, mußte ich das nicht Kiemen tragende Ende für den Kopf halten. Es marschiert nämlich am liebsten mit diesem Ende voraus, die Kiemen wie einen tüchtigen Besen nachschleppend. Häufig aber wechselt es die Richtung, und es ist in dem sonderbaren Vorteil, nicht wenden zu brauchen, da auch gleich hinter den Kiemen ein Paar ihm den Weg zeigende Augen (à) stehen und die Fußstummel und Borsten ihren Dienst vor- und rückwärts thun. Man kann leicht den Schwanz für den Kopf nehmen, was in
Amphicora. Lebensweise der See-Borstenwürmer. lan!
der That auch schon von Zoologen geschehen ist, indessen ergeben sich die wahren Verhältnisse aus der Beschaffenheit des Darmkanals. Auch spricht die Lage der beiden als Gehörwerkzeuge zu deutenden Bläschen (g) dafür. Dem Liebhaber mikroskopischer Gemütsund Augenergötzung ist bei einem Aufenthalt im Seebade die lebhafte Amphicora nicht genug anzuempfehlen.
Wir haben jetzt dem Leser eine im Verhältnis zur Gesamtmenge zwar ausnehmend geringe, aber doch vielleicht zu dem Zwecke genügende Anzahl von Formen der im Meere lebenden Rückenkiemer und Kopfkiemer vorgeführt, um es wagen zu dürfen, ihre Lebensweise in einem Gesamtbilde zu schildern. Es mag erlaubt sein, zunächst wiederum dem ausgezeichneten Kenner Quatrefages zu folgen.
Eine große Anzahl dieser Ringelwürmer ist im stande, von einer Flutzeit bis zur anderen im vom Wasser entblößten Schlamm oder Sand oder auch in den frei liegenden Röhren zuzubringen, kein einziger aber lebt oberhalb des Flutstriches oder etwa in jener Zone, welche beim Flutstande von den Wellen bespült wird. Unter die am höchsten wohnenden gehören die Aphroditen, Nereiden und Sandwürmer. Erst in den unteren Etagen der Ebbezone trifft man einige Arten der Glyceren und Clymenien. Mit Ausnahme einer Anzahl von Arten, welche, wie die Serpulen und Hermellen, feste Röhren bewohnen, bohren sich die meisten Ringelwürmer in den Boden und halten sich im Sand, Schlamm, besonders aber in dem eine Beimischung von Schlamm enthaltenden Sande auf, welchen die Flut zweimal des Tages bedeckt und entblößt. Dies gilt jedoch nur von denjenigen Gestaden, an denen die Fluthöhe eine beträchtliche ist. Im Adriatischen Meere, wo sie kaum 1—2 Fuß beträgt, bleiben die meisten Gliederwürmer immer unter dem Wasserspiegel. Jedenfalls wühlen in dieser oberen Zone die meisten, und zwar ist ihnen der Boden am liebsten, welcher durch eine richtige Mischung von Sand und Schlamm eine gewisse Festigkeit erlangt hat, welche jedoch den Minierarbeiten keine Schwierigkeiten entgegensetzt. In schönster Weise vereinigen sich diese Bedingungen in den untermeerischen Wiesen von Seegras (Zoster); sie geben eine reiche Ausbeute, wenn man sie geradezu abgräbt. Indem von ihnen die pflanzenfressenden Arten angelockt werden, folgen letzteren die fleischfressenden nach. Sehr beliebte Schlupfwinkel sind Felsenritzen, und eine Menge der zartesten, weiter unten zu erwähnenden Syllideen und der kleinen Nereiden bergen sich mit den Amphicorinen zwischen Tangen und Korallinen. Überall, wo diese Pflanzen im stärksten Wellenschlage sich angesiedelt haben, ist man sicher, jene kleinen Ringelwürmer anzutreffen. Frei im Wasser, in unmittelbarer Nähe der Küste, halten sich, wie leicht begreiflich, keine Arten auf. Das hohe Meer jagt aber einer Anzahl zu, der durchsichtigen Torrea vitrea, vor allen den Heteronereiden, deren breite Ruder der hinteren Leibeshälfte sie zu guten Schwimmern stempeln.
Aber auch diese pelagischen Arten bleiben nicht immer auf hohem Meere. Wenigstens beobachtete Quatrefages, daß mehrere für gewöhnlich fern vom Strande lebende Arten von Heteronereis zur Zeit der Fortpflanzung das Gestade suchten und nach Art der übrigen Strandbewohner sich einrichteten. Umgekehrt scheinen diejenigen Ringelwürmer, welche in der Regel am Strande angetroffen werden, während der schlechten Jahreszeit und wenn sich viel Regenwasser mit der oberen Wasserschicht mischt, sich tiefer hinab und weiter hinausziehen. Auf viele wirkt das süße Wasser wie Gift, manche sterben augenblicklich darin, manche nach einigen konvulsivischen Krümmungen.
Für den Beobachter und Sammler hat das Bauen und Bilden der Gänge und Röhren großes Interesse. Einzelne Züge dieser Verrichtungen haben wir oben schon angeführt. Die
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Gänge im Sande und Schlamm werden mit dem Rüssel gebohrt. Durch Zusammenziehung des Leibes preßt der Wurm die blutartige Leibesflüssigkeit nach vorn und stößt damit den Rüssel gewaltsam hervor. Derselbe dringt so lang, wie er ist, in den Boden, und da er in der Regel beim Hervorstrecken dicker wird als das Tier, rückt dieses beim Zurückziehen leicht vor. Dieses Manöver kann sehr schnell wiederholt werden, und so gräbt sich ein mehrere Zentimeter langer Wurm binnen Sekunden und Minuten ein. Bei der Mehrzahl der auf solche Weise minierenden Arten wird gar nicht für den Bestand der Röhren gesorgt, einige Nereiden und andere kleiden dieselben aber mit einem dünnen, vom Körper abgesonderten Überzuge aus, der im wesentlichen sich wie die Röhren der Sabellen und Chätopteren verhält. So verschiedenartig alle diese wahren Röhren, von den schleimigen und gallertigen einzelner Sabellen bis zu den äußerst harten der Serpulen, sind, in allen Fällen entstehen sie durch Ausschwitzungen der Tiere. Nie aber besteht eine solche innige Verbindung zwischen dem Tiere und der Röhre wie etwa zwischen dem Schneckengehäuse und der Schnecke oder der Muschelschale und der Muschel, welche letzteren mit den von ihnen abgesonderten festen Wohnungen verwachsen find. Eine Nereis (Nereis fucata) hat sich dem Bernhardkrebs (Pagurus Prideauxii) angeschlossen und lebt friedlich neben ihm in seiner Schneckenschale, vielleicht von seinem Kot sich ernährend und ihm so dienstlich werdend.