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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Arenia fragilis. Natürliche Größe.

Körperringe nehmen nacheinanderan Umfang ab, so daß jeder ganz in den nächstfolgenden eingeschoben werden kann. Sind sie alle zurückgezogen, so erscheint das Vorderende abgestutzt; im anderen Falle bilden sie einen regelmäßigen Kegel, und damit ist der Bohrapparat hergestellt. Nachdem die Ringe eingezogen, stemmt der Wurm den Kopf gegen den Sand und öffnet sich durch kräftiges Vorstrecken des Kegels einen weiteren Weg. Da der so gewonnene Raum aber zu eng und der Entfaltung der Kiemen hinderlich sein würde, so wird er durch eine unmittelbar auf das Vorstrecken erfolgende Anschwellung der Ringe erweitert. Nun rückt der Körper nach, und die einzelnen Arbeiten wiederholen sich. Während dieses Eindringens sondert der Vorderkörper eine klebrige Masse ab, durch welche die innerste Sandschicht zu einer zarten Röhre verkittet wird, die jedoch ausreicht, den Einsturz der Höhlung zu verhindern. Diese ist nun also so weit, um dem weder durch Sand noch Schlamm verunreinigten Wasser den Zutritt zu den Kiemen zu gestatten. Das Aufsteigen der Arenicola in der Röhre geschieht natürlich mit Hilfe der Borstenbündel.

Eine ähnliche, obwohl nicht tief eingreifende Verschiedenheit der Körperregionen, wie die Sandwürmer, zeigt auch die Familie der Clymenien, zu welcher Arenia gehört, eine Gattung, deren Körper nicht, wie bei den meisten anderen, drei, sondern nur zwei Abschnitte zeigt. Der vordere, schmutzig rötlich gefärbte Teil verändert durch Einschnürungen und Kontraktionen vielfach seine Form. Der hintere, lange Körperteil ist gelblichrot. Quatrefages, welcher dieses Tier an der französischen Küste beobachtete, erzählt, daß er es sehr häufig in einem so ausgewaschenen, reinen Sande gefunden, daß die Möglichkeit

Arenia fragilis. Natürliche Größe.

einer Ernährung gar nicht vorhanden zu fein schien. Der ganze Darmkanal war mit solchem feinen Sande angefüllt, wodurch die schon an sich große Zerbrechlichkeit des Körpers noch erhöht wurde. Es war kein einziges Exemplar ganz zu erhalten.

Eine sehr merkwürdige Familie der röhrenbewohnenden Borstenwürmer ist die der Chätopteren (Chaetopteridae). Sie besteht aus der einzigen Gattung Chaetopterus, dessen Körper drei ganz verschiedene Regionen zeigt. Der Vorderteil läßt sich mit dem ebenfalls eigentümlich gestalteten Vorderteil der unten zu berührenden Sabellen vergleichen. Der Kopf bildet einen am Rücken ausgerandeten Trichter. Dann folgen neun Segmente mit flachen, verlängerten Fußstummeln, welche auf dem oberen Rande ein Bündel brauner Borsten tragen. Höchst auffallend ist die Umbildung der fünf den Mittelteil des Körpers zusammensetzenden Segmente. Vom ersten derselben erstrecken sich die Fußstummel gleich einem Paar platter Fühler weit über den Vorderkörper, während die unteren Aste dieser Füße zu einer auf der Bauchseite sich vereinigenden Krause verbreitert sind. Die oberen Fußstummel des zweiten Ringes bilden einen mit den vorhergehenden Stummeln sich verbindenden Rückenkamm, und zwischen ihnen und den in dreiseitige Lappen umgewandelten unteren Asten ist die Haut auffallend aufgeschwellt und violettschwarz gefärbt. An den drei folgenden Segmenten treten nur die dreiseitigen unteren Fußlappen hervor. Die hintere Körperhälfte endlich wird aus etwa 50 Segmenten gebildet, welche durch die verlängerten Fußstummel ausnehmend breit erscheinen.

Die beschriebene Art (Chaetopterus pergamentaceus) findet sich an der Küste der Normandie und im Mittelmeer. Sie Chaetopterus. Natürliche Größe. erreicht eine Länge von 22 cm und bewohnt die größeren Tiefen in Röhren von etwa 32 em Länge. Dieselben bestehen aus mehreren Lagen und gleichen einem groben, gelblichen Pergament. Gewöhnlich sind sie gewunden und auf irgend einem festen Gegenstand angeheftet. Herausgezogen aus seiner Röhre, ist der Wurm für den Beobachter wegen seiner Apathie sehr wenig belustigend und erschwert die nähere anatomische Untersuchung durch reichliche Absonderung eines dicken, zähen, sich an die Finger und Instrumente anlegenden Schleimes.

Chaetopterus. Natürliche Größe.

Die genannte und andere Arten des Chaetopterus, welcheim Golf von Neapel vorkommen, zeichnen sich durch ihr Leuchten aus. Nach Panceris Beobachtungen muß man die Tiere reizen, wenn das Phänomen eintreten soll. Dann verbreitet sich der Leuchtstoff wolkenartig im Wasser. Das Tier glänzt in lebhaftem bläulichen Lichte, und zwar im dunkeln Raume so stark, daß man die umstehenden Personen erkennen und die Uhr ablesen kann. Der Neapolitaner Naturforscher, der seit Jahren die Leuchterscheinungen der niederen Tiere unermüdlich untersuchte, hat in Chätopteren, namentlich in Chaetopterus variopedatus, welcher sich seine Röhre aus Sandkörnern zusammenleimt, gewisse Zellen und Drüsen als Erzeuger der leuchtenden Materie nachgewiesen.

Über die Art, wie Chaetopterus pergamentaceus lebt und wie man sich feiner bemächtigt, ohne Röhre und Tier zu verletzen, verdanken wir Lacaze-Duthiers genaue Angaben. Folgt man an flachen Küsten der Ebbe, so trifft man ihn oft auf Wiesen von

Seegras (Zostera marina) im Sande mit schlammigem Unterboden. Beim tiefsten Wasserstande der großen Ebben läuft auch hier das Wasser ab, und man findet nun zwischen den über den Boden hervorragenden, durch Länge und braune Farbe ausgezeichneten Röhren der schönen Sabella pavonina die wegen ihrer grauen Färbung und Kürze viel schwerer kenntlichen Röhrenenden des Chaetopterus. Das Tier verfertigt eine Röhre, welche weit länger ist als sein Körper, an beiden Enden offen und u-förmig in den Boden gesenkt. Sie bleibt daher auch während des Zurücktretens des Meeres mit Wasser gefüllt, und der Wurm kann ununterbrochen seine Atembewegungen in seiner geräumigen Wohnung fortsetzen. Will man Tier und Röhre ganz und unverletzt haben, so darf man sich natürlich nicht auf das Schleppnetz oder die Gabel verlassen, sondern muß die Röhre frei legen und ausgraben, während ein Gehilfe die beiden Enden festhält.

Somit können wir, mit abermaliger Umgehung von Familien, welche die Zoologen zwar Kopfkiemer nennen, aber mit der etwas befremdlichen Erklärung, daß sie eigentlich gar keine Kiemen besäßen, zu einigen Familien fortschreiten, welche diesen Namen endlich verdienen. Ihre Kiemen sind in Form von Bäumchen oder Fadenbüscheln am Kopfende befindlich. Ihr weder mit Zähnen noch mit vorstreckbarem Rüssel versehener Mund deutet auf eine friedlichere Lebensweise als die der meisten „irrenden“ Rückenkiemer, und wir werden in dieser Vermutung dadurch bestärkt, daß Ro in Röhren haufen, aus welchen fie nur mit Gewalt sich entfernen lassen. git frisch von der Austernbank losgelösten Austern ist uns ein unregelmäßiger Fladen von Sand und Sandröhren gebracht worden, eine Kolonie der Hermella alveolata. Die Röhren, aus feinen Sandkörnchen zusammengekittet, liegen ohne Regel übereinander, nur daß die Mündung einer jeden frei geblieben ist. Jede ist unabhängig von der anderen durch ihre Inwohnerin gebaut worden, dann hat sich der Sand auch in die Zwischenräume gelegt und ist durch eine von den Tieren ausgeschiedene, ihn durchdringende Klebemasse ziemlich fest geworden. Infolge der unangenehmen Störung haben sich die Tiere in ihr Versteck zurückgezogen, und hinter dem Eingang jeder Röhre sieht man einen metall-glänzenden Deckel. In ein Gefäß mit Seewasser gethan, fühlen sie bald das Bedürfnis, mit der Außenwelt in Verkehr zu treten, der Deckel schiebt sich über den Eingang hervor, lüftet sich, und unter ihm treten zwei Büschel feiner Fäden heraus. Der Kopf ist sichtbar ge: worden, schreckt aber bei der leisesten Berührung wieder zurück. Es hilft nichts, um die Wißbegier zu befriedigen, muß die Röhre ganz zerbrochen, das ungebärdig sich krümmende Tier in ein kleineres Gefäß gebracht werden, wo es sich bald ziemlich ruhig in sein Schicksal ergibt.

Die auffallende Form des Kopfes wird dadurch bedingt, daß die zwei großen Fühler miteinander verschmelzen und auf ihrer abgestutzten Fläche einige Reihen breiter zum Teil gezähnelter Plattborsten tragen; sie sind damit zu einem den Eingang der Röhre verschließenden Stöpsel oder Deckel umgestaltet. Wahrscheinlich versehen auch die beiden

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  1. Röhren der Hermella alveolata. 2) Hermella. 3) Terebella emmalina. 1) und 3) natürliche Größe, 2) vergrößert.

Fadenbüschel unten zu beiden Seiten des Mundes die Stelle von Atemorganen; allein die wahren Kiemen treffen wir nochmals in der Form und Stellung wie bei den Rückenkiemern an. Es sind jene Züngelchen auf allen mit Fußstummeln versehenen Segmenten. Der Körper endigt mit einem drehrunden, ungeringelten, borstenlosen Abschnitt.

Eine der umfangreichsten und variabelsten Familien der Unterordnung der Kopfkiemer ist die der Terebellen (Terebellacea). Ihr gestreckter, aber sehr zusammenziehbarer

1) Röhren der Hermella alveolata. 2) Hermella. 3) Terebella emmalina. 1) und 3) natürliche Größe, 2) vergrößert.

und weicher Körper ist rund und vorn meist am dicksten. Am Kopfe sitzt eine Querreihe oder zwei seitliche Büschel von Fühlfäden, bei einigen, z. B. der im Mittelmeer gemeinen Terebella nebulosa, in so großer Menge, daß man sie schwer zählen kann. Diese Organe befinden sich nämlich in einer fortwährenden schlangenartigen Bewegung, verkürzen und verlängern sich und scheinen wie für sich lebendig durcheinander zu kriegen, daß man, wenn ihre Anzahl steigt, jede Kontrolle der Zählung verliert. Da sie meist gelblich oder rötlich gefärbt sind, geben sie in diesem Durcheinander einen sehr lieblichen Anblick. Sie nehmen übrigens nach den Beobachtungen von Dalyell mit dem Alter zu: bei jungen Individuen von Sabella penicillus von etwa 8 mm Länge waren bloß 6, aber bei einem völlig ausgewachsenen, 40 mm großen 90 vorhanden. Da dieselben so sehr zart sind, gehen sie leicht verloren, aber ohne großen Nachteil für das Tier, welches sie leicht wieder regeneriert. Bei den eigentlichen Stammarten der Terebellen stehen auf den vorderen Körpersegmenten mehrere Kiemen. Bei der auf S. 125 abgebildeten Art sind es drei zierlich verzweigte Bäumchen. Die oberen Fußstummelaller Te: rebellen tragen Büschel von Haarborsten. Alle verwenden Material aus ihrer Umgebung, um es zu ihren Wohnröhren zusammenzukitten. Terebella emmalina, aus der Bai von Pig: caya, baut aus Muschelstückchen und Sand sehr zerbrechliche Röhren. Von ihrer Vorliebe für Muschel—

Vorderende der Röhre der Terebella conchilega. 3½ mal vergrößert. fragmente zu ihrem Bau hat die in allen mitteleuropäischen Meeren gemeine Terebella conchilega ihren Namen. Daß fie jedoch auch mit anderem Material bauen, lehren die neuerlichen Beobachtungen von Ehlers. Die Röhren sind vorn mit zahlreichen hohlen Fortsätzen zur Bergung der Fühlfäden versehen (s. oben: stehende Abbildung). Ehlers erzählt: „Auf der unweit Spiekerooge gelegenen, zur Ebbezeit frei laufenden ‚Krabbenplate‘, einer Bank, welche fast ganz von den Bauten der Sabellaria spinulosa bedeckt ist, desgleichen am Wattstrande ragen solche Röhren mit ihren sehr mannigfaltig gestalteten Anhängen mehr oder minder hoch, gerade aufrecht gerichtet über die Oberfläche des Bodens hervor, scheinbar leer; gräbt man aber vorsichtig den Grund, aus welchem sie hervorragen, auf, so befördert man die sehr tief in den Boden dringenden Röhren heraus und erhält damit den meist bis in den Grund der Röhre zurückgezogenen Insassen, die Lanice (Terebella) conchilega. „In einem kleinen, gut durchlüfteten Aquarium ließen sich dann die in den Röhren eingeschlossenen Tiere sehr gut am Leben erhalten und gaben mir Gelegenheit, die Art und Weise zu beobachten, in welcher die Würmer ihre Röhren bauen. Insofern allerdings unterschied sich der Anbau, welchen die beobachteten Tiere an ihren Röhren machten,

Vorderende der Röhre der Terebella conchilega. 3½ mal vergrößert.

von den Verhältnissen im Freien, daß im Aquarium, in welchem die Röhren ihrer ganzen Länge nach frei lagen, die Tiere bisweilen an beiden Eingängen in die Röhre fadenförmige Anhänge anbauten, während im Freien nur der über den Boden vorragende Teil solche Anhänge erhält. Gelegentlich baute auch einmal ein Wurm eine cylindrische Röhre wieder über die mit Anhängen besetzte Mündung hinaus; das geschieht im Freien wie im Aquarium. — In der Wahl der Stoffe, welche die Würmer zum Bau verwenden, waren sie im Aquarium nicht wählerisch, während an allen Wurmröhren, welche ich ausgrub, der im Boden steckende Teil der Röhre ausschließlich von Sandkörnchen zusammengesetzt und nur das frei vorragende Stück mit den verschiedenartigsten Fragmenten bekleidet war. „Die Tiere streckten aus der einen Offnung der Röhre die langen Fühler hervor und suchten mit diesen nach dem zum Bau zu verwendenden Material. Gab ich dem Wurme nun ein etwas größeres Stückchen, ein Steinchen oder ein Bruchstück einer Muschel (Glasscherben wurden meistens verschmäht), so wurde dieses mit einer mehr oder minder großen Zahl von Fühlern ergriffen und in die Röhre hinein, zu dem in dieser verborgenen Tiere. gezogen, wobei meistenteils sämtliche Fühler mit eingezogen wurden. Nach einer kurzen Zeit quoll dann die ganze Masse der Fühler aus der Röhre hervor, und ihr folgte das Vorderende des Tieres; dieses trug dann das vorher eingezogene Stückchen zum Teil mit dem Kopflappen, besonders aber mit den wie eine Sohle abgesetzten Bauchschildern der vorderen Segmente, auf denen das Stückchen meistens derartig auflag, daß die Ränder der Schilder es zum Teil umfaßten. Nun hob sich wie tastend der Wurm an den Rand der Röhre und setzte das Stückchen an den erwählten Ort; es erfolgte ein meist ruckweises Loslassen des Stückchens, und wie sich der Wurm nun schnell in die Röhre zurückzog, sah man das Stückchen fest an seinem Platze angekittet. In solcher Weise wurden Sandkörnchen und kleinere Fragmente am Umfang des Röhreneinganges in der mannigfaltigsten Weise aufgekittet; in selteneren Fällen, wie es schien dann, wenn die aufgekittete Scherbe nicht genügend befestigt war, schob sich der Wurm zu wiederholten Malen mit dem Kopflappen und den vorderen Bauchschildern über die neuangebaute Strecke, augenscheinlich, um durch Auflagerung neuer Kittmassen der Verbindung der Teilchen größere Festigkeit zu geben. Wurde dem Wurme aber ein Stück geboten, welches zu groß war, als daß es in die Röhre hineingezogen werden konnte, etwa eine halbe Muschelschale, so trat das Vorderende des Wurmes an dieses durch die Fühler an den Röhreneingang herangezogene Stück, strich mit der ventralen Fläche des Vorderkörpers über dasselbe, und danach klebte das Stück an der Röhre fest. „Aus meinen Beobachtungen geht hervor, daß bei dem Bau der Röhren die Fühler, welche über ihre ganze Länge eine flimmernde Rinne tragen, nur insofern verwendet werden, als der Wurm mit ihnen das zum Bau zu verwendende Material aufsucht und ausliest, wie man das besonders erkennt, wenn das Tier mit ihnen einzelne Sandkörner aus feinem Schlamme heraussucht, und ferner mit ihnen das erwählte Stück ergreift und an das Kopfende des Wurmes heranbringt. Zum weiteren eigentlichen Bauen werden die Fühler nicht verwendet. Vielmehr vollführt das Ankitten der einzelnen Teilchen das Tier in der Weise, daß es zunächst einen klebenden und schnell erhärtenden Stoff, der mit der Grundlage der fertigen Röhre übereinstimmt, auf das ergriffene Stück bringt. Der Stoff ist das Sekret von Hautdrüsen, welche besonders zahlreich auf den flimmernden Flächen des Kopflappens und der Seitenlappen der anderen Segmente, dann auch auf den Bauchschildern und an den Fühlern sich finden. Er wird wahrscheinlich unter Mitwirkung der den Mundeingang umgebenden Lippen auf das ergriffene Stück gebracht, während dieses vom Kopflappen gefaßt ist. Davon überzeugte ich mich, indem ich einen aus der Röhre herausgenommenen Wurm, der dann eifrigst bestrebt ist, sich eine neue Umhüllung zu

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