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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Der gemeine Regenwurm verlebt den Winter, einzeln oder mit seinesgleichen zu langem Schlafe zusammengeballt, 6—8 Fuß unter der Erde. Die Frühlingswärme weckt auch ihn und lockt ihn wieder empor. Er ist des Tages Freund nicht, aber in der Früh- und Abenddämmerung und bis tief in die Nacht hinein, besonders nach warmem, nicht heftigem Regen, verläßt er seinen Schlupfwinkel, teils um seiner Nahrung nachzugehen, teils um mit einem der Freunde und Nachbarn ein intimes Bündnis zu schließen.

Bei dieser Friedfertigkeit und Bescheidenheit lauert tausendfacher Tod auf die armen Regenwürmer. Unterdrückten kann man sie vergleichen, denen man selbst ihre nächtlichen, geräuschlosen Zusammenkünfte nicht gönnt. „Der Regenwurm“, sagt Hoffmeister, „gehört zu den Tieren, die den meisten Verfolgungen ausgesetzt sind. Der Mensch vertilgt sie, weil er sie beschuldigt, die jungen Pflanzen unter die Erde zu ziehen. Unter den Vierfüßern sind besonders die Maulwürfe, Spitzmäuse und Igel auf sie angewiesen. Zahllos ist das Heer der Vögel, das auf ihre Vertilgung bedacht ist, da nicht bloß Raub-, Sumpfund Schwimmvögel, sondern selbst Körnerfresser fie für raren, leckeren Fraß halten. Die Kröten, Salamander und Tritonen lauern ihnen des Nachts auf, und die Fische stellen den Flußufer- und Seeschlammbewohnern nach. Noch größer ist die Zahl der niederen Tiere, die auf sie angewiesen sind. Die größeren Laufkäfer findet man beständig des Nachts mit der Vertilgung dieser so wehrlosen Tiere beschäftigt, die ihnen und noch mehr ihren Larven eine leichte Beute werden. Ihre erbittertsten Feinde scheinen aber die größeren Arten der Tausendfüßer zu sein. Diesen zu entgehen, sieht man sie oft am hellen Tage aus ihren Löchern entfliehen, von ihrem Feinde gefolgt.“

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 8

Die Familie der Lumbricinen zerfällt nach der Beschaffenheit des Kopflappens und der Stellung der Borsten in eine Reihe von Gattungen, unter denen Lumbricus allein über 20 Arten zählt. Jedoch nur 2—3 Arten, wie Lumbricus anatomicus und L. agricola, sind in Deutschland allgemein verbreitet. L. foetidus, die am schönsten gefärbte Art, mit gelb und rot bandiertem Leibe, liebt die Sandgegenden und findet sich besonders häufig in der Mark unter Lauberde. Der braunrote, heller bandierte L. puter bewegt sich sehr geschwind unter und im morschen und faulen Holze, der grünliche L. chloroticus ist bis jetzt nur am Harz im Grunde stehender Gewässer, auf thonigen Angern und an den sandigen Ufern von Bächen und Flüssen gesehen worden. Manche Arten (z. B. L. rubellus) haben zwei Farbstoffe: einen grünen, im Wasser löslichen und einen roten, durch Ather ausziehbaren. Durch Einfluß von Säure verändert sich übrigens der grüne augenscheinlich inden roten. Man hat auch leuchtende Regenwürmer beobachtet.

Die Tiere sind kosmopolitisch verbreitet, und man findet sie, merkwürdig genug, auf den einsamsten Inseln, wenn nur sonst die Existenzbedingungen für sie dort günstig sind.

Phreoryetes Menkeanus, Natürliche Größe.

Noch an der Mündung der Lena hat man Arten gefunden, und manche sind zirkumpolar verbreitet und in Nordamerika ebenso häufig wie in Europa oder Sibirien. In den Tropen der Alten und Neuen Welt findet man riesige Formen (Megascolex) von mehr als 1 m Länge, welche entsprechend tiefe und weite Gänge in den Boden bohren und bisweilen sehr lebhaft (z. B. himmelblau) gefärbt sind.

Den höchst schlanken Phréoryctes Menkeanus (s. obige Abbildung), einen der selteneren der deutschen Regenwürmer, haben wir nach Bau und Lebensweise durch Leydig genauer kennen gelernt. Die Tiere halten sich am liebsten in Brunnen auf, vorzugsweise in Süddeutschland. In der Winterzeit scheinen fie sich gleich den in der Erde lebenden Lumbric inen zurückzuziehen, am häufigsten sind sie im Mai und Juni zu haben. „Im Aquarium, dessen Schlammboden mit Steinen bedeckt ist, hielten sie sich längere Zeit gut. Meist hatten sie sich unter die Steine zurückgezogen und zwar gern gesellschaftlich und ineinander gewirrt. Bei kühler Witterung sowie bei Regenwetter blieben sie unter ihren Steinen verborgen, hingegen bei recht warmen Tagen sowie bei Gewitterluft krochen fie regelmäßig hervor und unkuhig hin und her.“ Den ganzen Herbst und Winter blieben sie unsichtbar, und erst in den wärmeren Märztagen erschienen sie wieder. Da die im Aquarium gehaltenen Valisnerien nach und nach ihrer Wurzeln beraubt wurden, ohne daß ein anderes Tier der Thäter hätte sein können, darf man auf die pflanzliche Nahrung des Phreoryetes schließen. Wegen der dicken Haut und der dünnen Hautmuskelschicht fallen die schlangenförmigen Bewegungen des Tieres etwas steif und ungelenk aus. Die Bemerkung Leydigs, daß das Tier keineswegs bloß in Brunnen lebe, sondern auch in seichteren Wassergräben, kann ich damit bestätigen, daß ich es in ziemlicher Anzahl in einem Bassin des botanischen Gartens in Krakau ganz oberflächlich zwischen den Wasserfäden gefunden.

Wir sehen also, daß in nächster Nähe des Regenwurmes stehende Gattungen, wie Phreoryctes und, fügen wir hinzu, der im Tegeler See bei und in der Spree innerhalb

Phreoryetes Menkeanus, Natürliche Größe.

Phreoryctes. Tubifex rivulorum. Gezüngelte und zungenlose Naide. 11 oT

Berlin, in der Donau (Linz, Belt), im Po ꝛc. lebende Criodrilus lacuum, wirkliche Wasserbewohner sein können, andere Formen sind salzliebend oder halophil und finden sich im Schlamme am Meeresufer oder gelegentlich in der Sole der Salinen. Diesen reihen sich noch ein paar durch ihre Kleinheit und das gelegentliche Vorkommen von Haarborsten ausgezeichnete Familien an. Die erste find die Röhren würmchen (Tubificina). Eine höchst gemeine Art derselben ift Tubifex rivulorum, ein 1—2 cm langes, rötliches, durchscheinendes Würmchen, das man zu Tausenden und Abertausenden auf dem schlammigen, fauligen Grunde von Gräben und Bächen findet. Sie stecken mit dem Vorderteil im Schlamme, wo sie sich eine geräumige Röhre gewühlt haben. Das herausstehende Hinterende ist unausgesetzt in schwingender und schlängelnder Bewegung, wohl der Atmung wegen. Gewöhnlich sind sie so dicht bei einander, daß die Oberfläche des Schlammes rot gefärbt erscheint, und bei leiser An: näherung lassen sie sich im Wedeln nicht stören. Sobald man aber einen Schlag aufs Wasser thut, verschwindet die ganze Gesellschaft im Nu einige Zentimeter tief in ihre übelriechenden Verstecke. Ganz anders verhalten sich die völlig durch- 8 | sichtigen, sauberen Wasserschlängler oder Naiden (Naidina). Man —_ kann aufs Geratewohl aus au - einem mit Wasserlinsen Z— Ha er =. — (Lemna) beftandenen Wei: =._ her oder Graben eine kleine — — Partie dieser Pflanzen schö—

Gezüngelte Naide (Nais proboseidea). 10mal vergrößert. pfen und wird daheim, wenn — man sie in einem etwas weiten Glasgefäße sich wieder entfalten und ebnen läßt, gewiß einige, oft zahlreiche dieser zierlichsten aller Würmer finden, wie sie mit Hilfe ihrer Hakenund Haarborsten zwischen den Wurzeln der Wasserlinsen oder im Gewirre der Wasserfäden sich schlangenartig herumwinden.

Weitverbreitet und schon im vorigen Jahrhundert beschrieben ist die gezüngelte

Naide (Nais proboscidea), jo genannt von einer schmalen, fühlerähnlichen Verlängerung des Kopflappens, mit dem sie tastend und züngelnd ihren Weg sondiert. Zwei Augen trägt, gleich ihr, die noch häufigere zungenlose Naide, mit einfach abgerundetem Kopfsegment. Diese und noch einige andere Arten haben am Bauche zwei Reihen Hakenborsten, an jeder Seite aber eine Reihe zu je 1—4 stehender, langer Haarborsten. Bei diesen beiden und verwandten Arten ist die Mundöffnung unter dem Vorderende, noch überragt von den vorderen Schlingen der an dem gelblichen Blute leicht erkennbaren, pulsierenden Blutgefäße. Anders ist das Vorderende der Gattung Chaetogaster beschaffen, von welcher eine fast kristalldurchsichtige Art, Chaetogaster diaphanus, im Jugendzustande als häufiger

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Schmarotzer auf unseren Wasserschnecken angetroffen wird. Ihr Kopf ist quer abgestutzt und endigt mit der Mundöffnung, hinter welcher ein mit vielen winzigen Papillen besetzter und zum Teil hervorstülphbarer Schlund liegt. Ein ferneres Unterscheidungszeichen der Gattung ist, daß sie bloß Reihen von Hakenborsten hat. Alle diese Würmchen sind für die mikroskopische Beobachtung angelegentlich zu empfehlen, da am lebenden Tiere, das man leicht in einem Wassertröpfchen, bedeckt mit einem leichten Glasblättchen, unter das Mikroskop bringen kann, eine Menge von feinen Organisationsverhältnissen zu erschauen sind, und die Mühe durch die Lieblichkeit des Anblickes reichlich aufgewogen wird.

Die Regenerationsfähigkeit ist bei Oligochaeten eine ganz bedeutende, wie man schon seit dem vorigen Jahrhundert weiß, und werden bei derselben sowohl Kopf- als Schwanzende neu gebildet. Gelegentlich kommen auch Afürmige Regenwürmer vor, deren Gestalt vielleicht auch auf einen Regenerationsprozeß oder auf seitliche Sprossung, wahrscheinlicher indessen auf eine Entwickelungsstörung zurückzuführen ist.

Mit der Regeneration Hand in Hand geht das Vermögen einer Anzahl von im Wasser lebenden Formen, sich durch freiwillige Teilung fortzupflanzen, wie es bei Lumbriculus, Ctenodrilus, Chaetogaster und Dero beobachtet worden ist. Bei Chaetogaster geht die ungeschlechtliche Fortpflanzung während der Wintermonate an allen geschlechtslosen Individuen, auch wenn fie bloß 155—2 mm lang find, vor sich und wiederholt sich jo rasch und häufig, daß Ketten von 16 hintereinander gelegenen Individuen gelegentlich zur Beobachtung kommen. Diese Individuen bestehen anfangs aus nur drei, nach Neubildung des sich einschiebenden Kopfes aus vier Segmenten oder Ringen. Dero besitzt die Fähigkeit spontaner Teilung in der Jugend, bildet aber keine Ketten, sondern es entsteht in der Mitte ein neuer Kopf, und nur zwei Individuen bleiben geraume Zeit, während der ihre Geschlechtsorgane unentwickelt sind, hintereinander im Zusammenhang.

Weit zahlreicher ist die ausschließlich das Meer bewohnende Ordnung der Vielborster (Polychaetae), welche in der Regel jene ansehnlichen und so verschieden, oft recht kompliziert gebauten Borsten in besondere seitliche Fußstummel eingefügt tragen, mit wenig Ausnahmen getrennten Geschlechtes sind und sich immer mit einer, meist dazu noch recht komplizierten Metamorphose entwickeln.

In gewissem Sinne bildet die kleine Familie der Kopfringler (Capitellidae), über welche Eisig eine vorzügliche Monographie herausgegeben hat, einen Übergang von den Oligochaeten zu den Polychaeten. Die getrennt geschlechtlichen Tiere sind im Verhältnis zu ihrer Breite lang, wenn auch meist nicht von bedeutender Größe (von 3,5 mm bis 15 em), nur Dasybranchus caducus erreicht eine Länge von 1 m. An ihrem Körper lassen sich deutlich zwei Abschnitte unterscheiden, ein lebhaft roter, kürzerer, vorderer mit ganz rudimentären anhangslosen Fußstummeln, und ein blasserer, längerer, hinterer, an dem die Fußstummel auch nur wenig vorspringende Wülste bilden und die bald einfachen, bald verzweigten Kiemen tragen. In der Mundhöhle befindet sich ein mächtiger, vorstülpbarer Rüssel, der bloß mit Papillen besetzt, sonst aber unbewaffnet ist. Die Augen sitzen als Pigmentflecke am Kopflappen und treten bei manchen Arten in ziemlich ansehnlicher Zahl zeitlebens, bei anderen nur in der Jugend auf, um sich im erwachsenen Zustande auf ein Paar zu reduzieren. Die Gattung Capitella hat zeitlebens nur ein einziges Paar, was offenbar der neueste Zustand ist. Die Augen spielen bei der Lebensweise dieser Tiere, die sich inSand und Schlamm einbohren, eine nebensächliche Rolle.

Sehr interessante Untersuchungen machte Eisig über die Anpassungsfähigkeit der Kopf: ringler an das süße Wasser. Er brachte eine Anzahl von Capitella in Gesellschaft anderer Borstenwürmer (Spio) in Aquarien mit Seewasser, dem er nach und nach von Anfang Januar bis Ende April Süßwasser zusetzte. Die Exemplare von Spio starben schon bei einem Gemisch von 1000 Teilen Süßwasser auf 600— 700 Seewasser, die Kapitelliden ertrugen aber eine Mischung von 1000 Teilen Süßwasser auf 400 Teile Seewasser, in dieser fingen sie erst an abzusterben. Bemerkenswert ist es, daß die Tiere, wenn sie aus reinem Seewasser in ein solches brackiges Gemenge gebracht wurden, sofort starben, und daß solche, welche sich an dasselbe einmal gewöhnt hatten, die unmittelbare Zurückführung in Seewasser nicht zu ertragen vermochten.

Durch dieses Experiment wird eine interessante Perspektive auf die Anpassung der Meeresanneliden an das süße Wasser eröffnet, bei welcher die Natur, die über eine unendlich lange Zeit verfügt, viel langsamer zu Werke gegangen ist und mit vielen Generationen anstatt mit einzelnen Individuen arbeiten konnte.

Eine Reihe von Familien find als frei lebende Rückenkiemer (Errantia) zu bezeichnen, lauter Seebewohner, deren Kiemen, wenn sie überhaupt vorhanden, an den Fußstummeln des Rückens angebracht sind, und deren Ringe sehr häufig geringelte Fühl: fäden tragen. Ihrer meist freien, umschweifenden Lebensweise entsprechend trägt der Kopflappen, d. h. das den kund überragende und im allgemeinen einem Segment entsprechende Vorderende, Augen und Tastwerkzeuge, und sie packen, soweit sie nicht Pflanzenfresser sind, ihren Raub mit scharfen, hakenförmigen Kiefern und Zähnen, welche bei Ausstülpung des Rüssels zu Tage treten. Die meisten der frei lebenden Rückenkiemer glänzen in metallischen Farben; ihre Haut schillert wie ein Atlaskleid, und die Borsten werfen wechselndes, farbiges Licht zurück. In welcher Weise sich die seitlichen und Rückenhänge der Borstenhöcker von Heteronereis Oerstedii (vergr.). Natürl. Größe S. 120. Segmente entfalten, wollen wir an der beigegebenen Abbildung des Seitenteiles eines Segments von Heteronereis Oerstedii erläutern, welche wir, gleich den folgenden, einem Werke des französischen Forschers Quatrefages entlehnen. A ist der obere, B der untere Ast des Fußstummels; a ein

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