Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
ihr Rüssel hervorragt. Derselbe ist hohl und soll am vorderen Ende nach den Beobachtungen einiger Forscher eine feine Offnung haben. Durch diese soll das Tier Atemwasser aufnehmen, das in den vorderen Darmabschnitt übertritt und, des mechanisch in ihm enthaltenen Sauerstoffes beraubt, durch die Kiemenspalten abfließen. Die sonderbare, allerdings an gewisse Manteltiere, ja an niedere Fische erinnernde Bauart der Respirationsorgane hat Veranlassung gegeben, die Binnenatmer als nahe Verwandte der Wirbeltiere anzusehen. Im Darm der Enteropneusten wird nichts als Sand gefunden, welchen die Tiere verschlingen, um sich von den geringen in ihm enthaltenen kleinen Organismen und Organismenresten zu ernähren. Balanoglossus clavigerus aus dem Golf von Neapel soll leuchten. Man kennt zwei Arten aus dem Mittelmeer, eine von der dänischen und eine weitere von der nordamerikanischen Küste. Ein fünfte wurde auf der Challenger-Expedition aus dem Atlantischen Ozean in der Nähe des Aquators aus einer Tiefe von 4500 m gedredscht.
Vierte Klasse.
Die Ningelwürmer (Annelides).
Der Name besagt, daß der Körper der in diese oberste Klasse gehörigen Würmer aus einer Reihe äußerlich sichtbarer Ringe oder Segmente zerfällt, von deren Zwischenfurchen häutige Scheidewände sich mehr oder weniger tief in die Leibeshöhle erstrecken. Die Zahl dieser einander gleichgebildeten Ringe ist völlig unbestimmt. Der Mund liegt immer hinter dem ersten Segment am Bauche, und bei den meisten kann der Anfangsteil des Darmes in Gestalt eines zum Graben oder zum Fangen der Beute geschickten Rüssels vorgestreckt und ausgestülpt werden. Die höhere Stellung der Ringelwürmer zeigt sich vor allem in der Form und Entfaltung ihres Nervensystems, worin sie sich den echten Gliedertieren vollständig anschließen. Man hat daher auch in der Energie und Mannigfaltigkeit ihrer Lebensäußerungen den entsprechenden Anschluß an die höher organisierten Gliedertiere zu erwarten. Es ist kaum geraten, noch mehr in allgemeinen Redensarten von ihnen zu sprechen, ehe wir uns nicht mit einer mäßigen Anzahl von Formen und Gruppen so weit bekannt gemacht haben, daß wir an ein genügendes Material von Anschauungen und Vorstellungen unsere weiteren Mitteilungen knüpfen können. Zwei nach ihren Bewegungsorganen zu unterscheidende Hauptabteilungen finden wir im Regenwurm und in dem Blutegel repräsentiert. Der erstere freilich ist dieser Würde insofern nur unvollkommen gewachsen, als man ihn sehr genau befühlen und von rückwärts nach vorn durch die Finger gleiten lassen muß, um sich von dem Vorhandensein der für seine Abteilung charakteristischen Borsten zu überzeugen. Er gehört zu den Borstenwürmern, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie entweder unmittelbar in die Haut oder in hervorstehende, fußartige Stummeln eingepflanzte Borsten besitzen, welche bei den Bewegungen als Stütz-, Stemm- oder Ruderorgane dienen. Ihnen gegenüber gruppieren sich um den Blutegel die Glattwürmer.
Erste Unterklasse. Die Vorstenwürmer (Chaetopoda).
Die Borstenwürmer sind namentlich gekennzeichnet durch seitliche Bündel oder Kämme von Borsten, in denen uns das Mikroskop eine Reihe der zierlichsten Bildungen offen: bart. Haken, Spieße, Sägen, Pfeile, Messer, Kämme, glatte und geriefte Ruder und andere stechende und schneidende Instrumente sind in diesen Miniaturborsten zu finden. Die einfacheren Formen, welche den Namen von Haken und Borsten schlechtweg verdienen, werden von den bescheideneren regenwurmartigen Tieren getragen; die feineren, mit besonderen Spitzen, Zähnen, Zähnchen, Klingen und Schneiden versehenen Borstengestalten sind ein Schmuck der meisten Meeresbewohner der Abteilung. Nur einzelne der räuberisch lebenden Seeringelwürmer dürften in der Art von ihren Borsten Gebrauch machen, daß sie gelegentlich ihre Beute schlangenartig um—
Borftengruppe der Borstenwürmer. 100 mal vergrößert. stricken und mit den Borsten verwunden; durch die Stellung der Borsten in Bündeln und breiten Kämmen wird es vielmehr offenbar, daß sie wesentlich Bewegungswerkzeuge sind.
Die höchste Stelle unter den Ringelwürmern nehmen die Wenigborster oder Regenwurmartigen (Oligochaeta s. Lumbricidae) ein, welche keine Gliedmaßenstummel und Kiemen an den Seiten der Ringe und keine Anhänge, weder Fühler noch Cirren am Kopfe besitzen. Ihre einfachen Borsten stehen in geringer Zahl zu seitlichen Reihen angeordnet in Hautgrübchen. Den Stamm bilden natürlich die Regenwürmer. Die zoologischen Merkmale dieser Familie sind die zahlreichen, kurzen Segmente, ein kegelförmiger, eine Oberlippe bildender Kopflappen, die Hakenborsten, welche in 2 oder 4 Zeilen stehen und sehr wenig aus der Haut hervorragen. Außer jener sogenannten, die Körperspitze bildenden Lippe haben die Regenwürmer keine besonderen Sinneswerkzeuge, namentlich weder Augen noch Ohren, gleichwohl sind sie für Lichtreiz empfänglich. Hören wir, was W. Hoffmeister, welcher die Regenwürmer Deutschlands in einer Monographie geschildert hat, hierüber sagt. „Wer sich mit der Beobachtung der Lebensweise dieser Tiere beschäftigt hat, wird ein mächtiges Hindernis für die Beobachtung in der großen Empfindlichkeit der Würmer gegen Lichtreiz gefunden haben. Eine noch so vorsichtig genäherte Flamme treibt sie schnell in ihre Höhle zurück; doch scheint es immer erst einer gewissen Zeit zu bedürfen, bis der Eindruck perzipiert wird. Denn im ersten Moment pflegen sie ihre Bewegungen trotz der Lichtflamme fortzusetzen, dann halten sie plötzlich inne, gleichsam um zu lauschen, und dann erst ziehen sie sich mit einem schnellen Ruck in ihre Löcher zurück. Ist der Eindruck einmal aufgenommen, dann kann ein rasches Fortnehmen des Lichtes den eiligen
Rückzug nicht aufhalten, scheint ihn im Gegenteil durch den Kontrast noch zu beschleunigen. Nicht der ganze Körper, wie begreiflich, empfindet den Eindruck, sondern nur die zwei ersten Ringe, an denen die vom Schlundringe ausgehenden Nervenbündel liegen. Ein Wurm, der mit dem Kopfe in das Loch eines Nachbars gedrungen oder unter einem Stückchen Holz versteckt war, vertrug die allerstärkste Annäherung der Flamme, verschwand aber sogleich, sobald er den Kopf erhoben hatte. Versucht man bei Sonnenlicht die Mundteile eines Wurmes zu zeichnen und setzt ihn zu dem Ende in eine Schale mit Wasser, so wird man allezeit finden, daß er stets nach der dem Lichte abgekehrten Seite sich wendet.“
Die meisten Regenwürmer füllen ihren weiten Darmkanal ähnlich wie die Sandwürmer, nehmen jedoch nur darum die großen Portionen humusreicher Erde zu sich, um die darin enthaltenen, in der Zersetzung begriffenen tierischen und vegetabilischen Stoffe zu ihrer Nahrung zu verwenden. Von dem Lumbricus agricola, der größten und stärksten Art
Gemeiner Regenwurm (Lumbricus agricola). Natürliche Größe.
Deutschlands, welche in üppigem Boden, bei nicht zu starker Dehnung, nicht selten die Länge von etwa 40 em erreicht, sagt unser Gewährsmann: „Die humusreiche Erde genügt ihnen nicht allein; sie suchen nach vermoderten Vegetabilien, und wenn sie diese nicht finden, so präparieren sie sich ihren Fraß, indem sie, was ihnen vorkommt, in ihre Löcher herunterziehen. Jedermann weiß, daß die Strohhalme, Federn, Blätter, Papierstreifen, welche man des Morgens auf den Höfen und in den Gärten in der Erde stecken sieht, als wären sie von Kindern hingepflanzt, während der Nacht von Regenwürmern verschleppt werden. Wenige jedoch werden gesehen haben, wie mit so schwachen Werkzeugen ein Wurm im stande ist, so große Gegenstände zu überwältigen. Wenn man jedoch den Widerstand erprobt hat, den der Wurm dem entgegensetzt, der ihn aus dem Loche hervorzuziehen versucht, so wird man sich über die Muskelkraft eines nur aus Muskeln und Haut bestehenden Tieres nicht so sehr verwundern. Ein starker Strohhalm wird in der Mitte gefaßt und so scharf angezogen, daß er zusammenknickt, und so ins Loch hinabgezogen; eine breite Hühnerfeder mit der Fahne war ohne Schwierigkeit in ein enges Loch gezerrt; ein an der Spitze gefaßtes grünes Blatt von einer Himbeerstaude wurde abgerissen.“
Darwin hat in einem nach allen Seiten hin bewunderungswürdigen Büchlein die Bedeutung der Regenwürmer für die Menschheit und ihre Rolle, welche sie in der Geschichte der Erde spielen, dargethan und ist an ihnen, den mit Vorurteil Betrachteten und viel Verfeindeten, gewissermaßen zum Ehrenretter geworden. „Die Regenwürmer“, sagt der große Brite, „haben in der Geschichte der Erde eine bedeutungsvollere Rolle gespielt, als die meisten auf den ersten Blick annehmen dürften. In beinahe allen feuchten Ländern sind sie
außerordentlich zahlreich und besitzen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße eine bedeutende Muskelkraft. In vielen Teilen von England geht auf jedem Acre von Land (0,405 Hektar) ein Gewicht von mehr als 10 Tonnen (10,516 kg) trockener Erde jährlich durch ihren Körper und wird auf die Oberfläche geschafft, so daß die ganze oberflächliche Schicht vegetabilischer Ackererde im Verlauf weniger Jahre wieder durch ihren Körper durchgeht. Infolge des Zusammenfallens der alten Wurmröhren ist die Ackererde in beständiger, wenn schon langsamer Bewegung, und die dieselbe zusammensetzenden Teilchen werden hierdurch gegeneinander gerieben. Mittels dieser Vorgänge werden beständig frische Oberflächen der Einwirkung der Kohlensäure im Boden, ebenso auch der der Humussäure ausgesetzt, welche bei der Zersetzung des Gesteins noch wirksamer zu sein scheinen. Die Erzeugung der Humussäure wird wahrscheinlich während der Verdauung der vielen halb zersetzten Blätter, welche die Regenwürmer verzehren, beschleunigt. In dieser Weise werden die Erdteilchen, welche die oberflächliche Humusschicht bilden, Bedingungen ausgesetzt, welche ihrer Zersetzung und ihrem Zerfall ganz eminent günstig sind. „Würmer bereiten den Boden in einer ausgezeichneten Weise für das Wachstum der mit Wurzelfasern versehenen Pflanzen und für Sämlinge aller Art vor. Sie exponieren die Ackererde periodisch der Luft und sieben sie so durch, daß keine Steinchen, welche größer sind als die Partikeln, die sie verschlucken können, in ihr übrigbleiben. Sie mischen das Ganze innig durcheinander, gleich einem Gärtner, welcher feine Erde für seine ausgesuchtesten Pflanzen zubereitet. In diesem Zustand ist sie gut dazu geeignet, Feuchtigkeit zurückzuhalten und alle löslichen Substanzen zu absorbieren, ebenso auch für den Prozeß der Salpetererzeugung. „Die Blätter, welche zur Nahrung in die Wurmröhren gezogen werden, werden, nachdem sie in die feinsten Fäden zerrissen, teilweise verdaut und mit den Absonderungsflüssigkeiten des Darmes und der Harnorgane gesättigt sind, mit viel Erde gemischt. Diese Art bildet dann den dunkelgefärbten reichen Humus, welcher beinahe überall die Oberfläche des Landes mit einer ziemlich scharf umschriebenen Schicht oder einem Mantel bedeckt. V. Hensen brachte zwei Würmer in ein Gefäß von 18 Zoll Durchmesser, welches mit Sand gefüllt war, auf welchen Blätter gestreut wurden; dieselben wurden sehr bald bis zu einer Tiefe von 3 Zoll in die Wurmröhren gezogen. Nach ungefähr 6 Wochen war eine beinahe gleichförmige Schicht von Sand in einer Dicke von 1 em dadurch in Humus umgewandelt, daß er durch den Darmkanal dieser zwei Würmer hindurchgegangen war. Von einigen Personen wird angenommen, daß die Wurmröhren, welche häufig den Boden beinahe senkrecht bis zu einer Tiefe von 5 oder 6 Fuß durchbohren, wesentlich zu seiner Entwässerung beitragen, trotzdem daß die über den Mündungen der Röhren angehäuften Exkrementmassen das Regenwasser abhalten, direkt in die Röhren zu dringen. „Die Archäologen sollten den Regenwürmern dankbar sein, da fie für eine ganz unbestimmt lange Zeit jeden, nicht der Zersetzung unterliegenden Gegenstand, welcher auf die Oberfläche gefallen ist, durch das Eingraben desselben unter ihre Exkrementmassen schützen. „Es ist wohl wunderbar, wenn wir uns überlegen, daß die ganze Masse des ober: flächlichen Humus durch die Körper der Regenwürmer hindurchgegangen ist und alle paar Jahre wieder durch sie hindurchgehen wird. Der Pflug ist eine der allerältesten und wertvollsten Erfindungen des Menschen; aber schon lange, ehe er existierte, wurde das Land durch Regenwürmer regelmäßig gepflügt und wird fortdauernd noch immer gepflügt. Man kann wohl bezweifeln, ob es noch viele andere Tiere gibt, welche eine so bedeutungsvolle Rolle in der Geschichte der Erde gespielt haben, wie diese niedrig organisierten Geschöpfe.“
So viel von den auf die allergründlichsten Untersuchungen gestützten Angaben Darwins, aus denen gewiß hervorgeht, daß nichts verkehrter sein kann als die Verfolgung der Regenwürmer seitens des Menschen, und es ist als ein ungeheures Glück zu preisen,
daß ihre versteckte, unterirdische Lebensweise es mit sich bringt, daß diese Verfolgungen ziemlich oder ganz wirkungslos bleiben.
Die Sinnesthätigkeiten des Regenwurmes haben uns veranlaßt, schon auf seine Lebensweise einzugehen. Wir kehren jedoch nochmals zu seinen anatomischen Eigenschaften zurück, welche vielleicht mancher Leser sich von einem befreundeten Arzt oder Naturforscher an einem frischen Tiere darstellen läßt. Was wir oben über die Blutgefäße gesagt haben, erläutert sich an kleineren, weniger gut genährten Individuen unserer Regenwürmer sehr gut. Mit bloßem Auge sieht man durch die Haut die oben auf dem Darmkanal verlaufende Hauptader und ihren rötlichen Inhalt durchschimmern. Trotz seines roten Blutes hat der Regenwurm fast 2000 Jahre im System unter den „blutlosen“ Tieren figuriert, bis ihm Linné eine Stelle unter den Tieren „mit weißlichem kalten Blute und einem Herzen mit Kammer, aber ohne Vorkammer“ einräumte. So will alle Erkenntnis, auch die scheinbar nächstliegende, gezeitigt sein. Jenem Rückengefäß korrespondiert am Bauche ein zweites Hauptgefäß, mit dem ersten durch eine Reihe von Querschlingen verbunden. Eine Menge kleiner Adern kann man an einem schnell in starkem Weingeiste getöteten und geöffneten großen Regenwurm aus den Stammgefäßen ihren Ursprung nehmen sehen, um in feinsten Verteilungen den Körper zu durchtränken und zu ernähren. Als Atmungsorgane treten die Hautbedeckungen ein. Die Regenwürmer und Verwandte sind Zwitter. Nicht alle Gattungen der Lumbrieina besitzen den drüsigen Gürtel von weißlicher oder gelblicher Farbe, welcher etwa mit dem 25.— 29. Ringe anfängt und sich 4—10 Glieder weit erstreckt. Er dient zum gegenseitigen Festhalten während der Begattung. Die Eier befestigen sich zunächst in einem Sekret von Hautdrüsen, welches ringförmig den Körper des Regenwurmes umgibt. Dieses Sekret erstarrt zu einer hornigen Masse, aus welcher der Wurm herauskriecht, und die dann als Ringkokon zurückbleibt.