All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 27 of 170

Manche Formen legen ihre Eier ab, andere tragen sie an ihren Leib geheftet mit sich herum, und die dritten endlich sind lebendig gebärend. So der gemeine Rotifer vulgaris. Hier durchlaufen die Eier in der Leibeshöhle ihre Entwickelung und werden so groß, daß

7

sie vom Gehirn der Mutter bis in den Anfang des Fußes reichen. Bald fangen sie an in dem Leibesraum herumzutasten und legen sich so, daß ihr Kopf neben der Kloake des elterlichen Individuums zu liegen kommt, deren Wandung sie, da eine besondere Geburtsöffnung nicht vorhanden ist, durchbrechen, um durch den After den mütterlichen Körper zu verlassen.

Unter den Hydatinaeen befinden sich mehrere Riesen der Klasse, und zwar in der Gattung Rückenauge (Notommata), zu deren Kennzeichen das große eine Auge gehört. Sehr verbreitet ift die Notommata myrmeleo, ein gefräßiges Raubtier, dessen Charakter sich auch in dem einer Spitzzange gleichenden Kiefergerüste ausspricht. Die wichtigeren Organe liegen in diesem Tiere, das man auf seinen rastlosen Fahrten sehr gut mit bloßem Auge verfolgen kann, überaus klar zu Tage (s. Abbild. S. 101). Die Fangzange (g) wird aus einer trichterförmigen Mundvertiefung vorgeschoben. Daran schließt sich ein dünner Schlund. Am Ende desselben liegen ein Paar Doppeldrüsen (a), die Speicheldrüsen. Der unregelmäßig kugelige Körper (b) ist der Magen. Der Darm (c) mündet gemeinschaftlich mit dem Eierstock (d) in die Kloake, welche in dem abgezeichneten Exemplare gerade ein durchpassierendes Ei enthielt. Höchst entwickelt, wie bei den meisten großen Rückenaugen, sind die Wasser⸗ oder Ausscheidungsgefäße (e) mit der kontraktilen Blase (k).

Eine sehr merkwürdige Form ist die vom vielgereisten Schmarda in Oberägypten aufgefundene Hexarthra polyptera, welche allerdings mit ihren drei Paar symmetrisch angeordneten, an der Bauchseite stehenden beweglichen Anhängen ganz ungemein an einen Gliederfüßer erinnert.

Die am meisten besprochenen und gemeinsten aller Rädertiere, an welchen die Radbewegung am frühesten gesehen wurde und am öftesten und leichtesten sich beobachten läßt, gehören in die Familie der Weichrädertierchen (Philodinaea). Unter ihnen zeichnet sich die Gattung Rüsselrädchen (Rotifer) durch zwei auf einer Art von Stirnrüssel befindliche Augen und einen gabelartig endenden Fuß aus, welcher, wie in der ganzen Familie, nach Art eines Fernrohres ein- und ausgezogen werden kann. Der eigentliche Aufenthalt des Tieres sowie der meisten seiner Genossen sind stehende Gewässer, in denen es sich zwischen den Wasserfäden und Algen so anhäufen kann, daß es die kleinen Pflanzen wie ein Schimmel überzieht. Doch leben viele auch im Meere und hier in der Regel entweder auf der Oberfläche des Wassers oder parasitisch auf Krebschen, bei Ringelwürmern, in Hautgrübchen von Synapten ꝛc. Andere leben zwar im Feuchten, aber doch nicht eigentlich im Wasser und find auch in der Regel Schmarotzer. Eine Art (Drilophaga bucephalus) haust äußerlich auf der Haut eines kleinen Regenwurms (Lumbriculus variega-tus) des süßen Wassers, kann sich aber von seinem Wirte loslösen, davonkriechen oder, indem sie ihr Räderorgan entfaltet, elegant von dannen schwimmen. Andere wohnen in der Leibeshöhle von Regenwürmern und Nacktschnecken. In der seltsamen Kugelalge (Volvox globator) findet sich ein Rädertier (Notommata parasitica), welches die in derselben enthaltenen Tochterkolonien frißt und an ihre Stelle seine Eier legt. Eine räderlose

Art (Acyclus inquietus) siedelt sich in Kolonien anderer festsitzender Rädertiere (Megalotrocha) an, welche es an Größe weit übertrifft, und sie ist nun nicht in dem Sinne parasit, daß fie sich von dem Körper ihrer Genossen ernährt, fie geht bloß als sogenannte Kommensale bei ihnen zu Tisch. Sie ragt wie ein Riese über die anderen hervor, zieht sich aber oft zusammen, um mit ihrem Maule in das Niveau des von den Megalotrochen erzeugten Wimperstromes zu gelangen, welcher die Nahrung auch für fie mit herbeiwirbelt. Notommata petromyzon heftet sich an die Kolonien der Glockentierchen und legt hier seine Eier ab.

Von hervorragendem Interesse sind aber einige Verhältnisse, welche zwischen Pflanzen und Rädertierchen vorkommen, und die man erst in neuerer Zeit kennen gelernt hat. Auf

einer Süßwasseralge (Vaucheria geminata) leben in Nordamerika Rotatorien, welche wahrscheinlich durch irgend einen Reiz an den Fäden derselben Auswüchse hervorbringen, in denen sie hausen und ihre Eier ablegen. Die interessantesten Mitteilungen in dieser Beziehung verdanken wir aber dem Dr. Zelinka in Graz.

760 00%N % INN Zu

Rückenauge (Notommata myrmeleo) von der Seite. (Nach dem Leben von Simroth.) 200 mal vergrößert.

Gewisse, auf feuchten Plätzen wachsende Lebermoose aus der Familie der Jungermanniaceen, und zwar zu den Gattungen Lejeunia und Frullania gehörig, besonders aber

Radula complanata, werden von zahlreichen Individuen einer Rädertierart (Callidina parasitica) bewohnt. Die betreffenden Moose finden sich auf der Rinde von Eichen und Buchen und find auf der Unterseite mit glockenartigen Bildungen oder Kappen (besonders Frullania dilatata) versehen, in denen je 1—3 Rädertiere stecken, aber mehr an den Nebenzweigen und nach der Spitze derselben zu. Die abgestorbenen Kappen vermeiden sie, weil

Rückenauge (Notommata myrmeleo) von der Seite. (Nach dem Leben von Simroth.) 200 mal vergrößert.

entweder an diesen die Sauerstoffabscheidung aufgehört hat, oder weil diese, in Verwesung begriffen, die umgebende Feuchtigkeit verderben. Wenn die Kappe beschädigt wird, dann wandern die Tiere aus, kriechen hastig an der Pflanze herum, bis sie eine unbeschädigte neue aufgefunden haben. Bei feuchter Witterung und bei heller zufolge des nächtlichen Taues sind die Moosrasen meist feucht genug, daß die Rotatorien sich in ihnen entfalten können; dann schauen sie mit ihren Räderapparaten aus den Kappen heraus und wirbeln eifrig. Sollte die Pflanze ja einmal zu trocken werden, nun — so ist das auch noch kein Unglück. Unsere Callidina zieht sich dann in den Grund ihres Häuschens zusammen, versinkt in ein latentes Leben und träumt dahin, auf bessere, feuchtere Zeiten wartend.

Aber das Rädertier hat, abgesehen von der Wohnung, noch einen Vorteil von der Pflanze, welcher aber zugleich einer für diese ist. Diese Moose werden nämlich von parasitischen Algen heimgesucht, welche denselben sehr beschwerlich fallen und ihr Wohlsein wesentlich beeinträchtigen, von diesen aber ernähren sich die Rotatorien, welche somit große Wohlthäter für die Jungermanniaceen werden. Wieder ein ausgezeichneter Fall von Symbiose, wie wir schon welche von Einsiedlerkrebsen und Seeanemonen kennen lernten, und Zelinka ist geneigt, die Entwickelung der Kappen auf die Gegenwart der Rädertiere zurückzuführen, welchen die Pflanzen dadurch gewissermaßen entgegenkommen. Es sind Lockmittel, damit sich die gern gesehenen, weil nützlichen Gäste wohl fühlen und sich gern niederlassen.

Die betreffenden Rädertiere sind blind und führen hauptsächlich ein nächtliches Leben, und sollte ja einmal Dürre eintreten, dann können sie dieselbe, wie gesagt in einer Art Lethargie befangen, vergessen. Noch nach Monaten, vielleicht Jahren kann man sie durch Anfeuchtung der aufbewahrten Moosstückchen zu friiher Thätigkeit entfachen. Eine Kälte von 26 Grad Celsius war den Callidinen ebenfalls gleichgültig. Brachte man Moosrasen im Winter in nicht zu warme Lokale und befeuchtete sie mit frischem, kaltem Wasser, so zeigten sich ihre Gäste ebenso reichlich wie in anderen Jahreszeiten.

Über das berühmte Eintrocknen der Rotatorien verdanken wir besonders einem anderen Forscher, Dr. Plate, nähere Mitteilungen, aus denen hervorgeht, daß dieser Vorgang zwar auftritt, früher aber in seiner Verbreitung und Bedeutung überschätzt worden ist.

Schon Davis hatte nachgewiesen, daß eine Callidine nur dann zum Leben zurückkehrt, wenn sie nicht ganz eingetrocknet war, dieses Eintrocknen geht aber sehr schwer vor sich, da sich die Tiere vorher mit einer Schleimschicht umgeben. Plate wies nun nach, daß kein Rädertier, das dauernd im Wasser lebt, im stande ist, nach dem Eintrocknen wieder bei neuer Befeuchtung zu sich zu kommen. Umgekehrt vermochte Callidina magna, und wahrscheinlich verhält es sich so mit allen Moosphilodinen, nicht auf die Dauer im Wasser zu existieren, obwohl doch dieses ihr eigentliches Lebenselement von Haus aus ist. Sie haben sich im Laufe der Zeiten nun einmal so angepaßt, daß nur ein intermittierendes Dasein, kurz abwechselnde Periode von Feuchtigkeit und Dürre, von aktivem und latentem Leben ihnen zusagen. Früher hatte man die Verhältnisse der geographischen Verbreitung unserer Tiere, die eine enorm weite ist, auf die Fähigkeit zurückgeführt, daß sie eben auf ein Minimum zurückgezogen eintrocknen und dann vom Winde überallhin verschlagen werden könnten. Es scheint aber, daß diese Erscheinung mehr auf ihren Wintereiern beruht. Allerdings ist es richtig, zwischen den Flechten und dem Moose auf Dächern und im Sande der Dachrinnen sind sie zu finden, und sie scheinen fast überall fortzukommen. Ehrenberg traf dieselben Arten in Moos von Potsdam und Berlin wie in solchem von den Zedern des Libanon, und dieselben Callidinenarten scheinen ganz Europa, Nordamerika und Neuseeland zu bewohnen. Schmarda fand Rädertiere in dem konzentrierten Salzwasser des Teiches el Kab in Oberägypten und in den Höhen der Kordilleren, Ehrenberg wies fie nach (Philodina

roseola) im Schnee der Alpenspitzen, wo sie von besonderen Algen leben, und in Erdproben, welche die Gebrüder Schlagintweit im Himalaja in einer Höhe von 18,000 Fuß gesammelt hatten, und Dr. Joseph entdeckte neun Arten in den Höhlen Krains.

Als einen Repräsentanten aus einer letzten großen Familie, welche man als die röhrenbewohnenden Rädertiere bezeichnen kann, da wenigstens die meisten in Hülsen stecken, führe ich noch das Blumentierchen (Floscularia) vor. Das auf: fallendste an ihm ist eine extreme Umbildung des Räderorgans. Statt desselben erblicken wir auf den fünf kegelförmigen Hervorragungen des Kopfrandes Büschel langer, zarter Fäden, die schon deshalb nicht Wimpern genannt NCHA7 0Ir ö7 eM 1 V il Aa werden können, weil sie 19 NI starr und fast unbeweglich sind. Fast im Mundtrichter findet sich der die Nahrung zuwirbelnde Wimperbesatz. Das Tier ist von einer feinen, gallertigen Hülle umgeben, in welche es sich, wie ähnliche Gattungen, durch Zusammenschnellen des Fußes zurückziehen kann. Am merkwürdigsten verhalten sich wegen einer gemeinschaftlichen Hülle die Kugeltierchen (Conochilus), indem eine ganze Anzahl weiblicher Individuen in einer frei schwimmenden Gallertkugel so stecken, daß sie mit den

Köpfen über die Oberfläche Blumentierchen (Floscularia ornata). 200 mal vergrößert. der Kugel hervorragen und durch gemeinsame Wimperthätigkeit mit vereinten Kräften die einen Teil ihrer Welt bedeutende Kugel in gemessene, drehende Bewegung versetzen. Die Männchen dieser Art leben aber einzeln und ohne Hülle. Manche (z. B. Melicerta pilula) bauen sich sehr elegante Wohnhülsen aus Ballen ihres eignen Kotes.

Blumentierchen (Floscularia ornata). 200 mal vergrößert.

Am besten läßt sich an die Rädertiere eine wenig zahlreiche Gesellschaft kleiner Geschöpfe anschließen, deren umfassendste Untersuchung wir wieder Zelinka verdanken. Es find dies Bauchhärlinge (Gastrotricha oder Ichthydinae). Diese Tiere find von abgeflachter flaschen-bis wurmförmiger Gestalt, haben unten zwei Längsreihen von Wimpern, welche wieder in queren Reihen stehen. Auf dem Rücken haben sie Hornschüppchen oder Borsten, ebenso stehen in der Nähe des Mundes verlängerte Wimpern. Ihre Nahrung besteht aus kleinen tierischen oder pflanzlichen Organismen. Oft fangen sie ziemlich große Infusorien, welche sie durch schlagende Bewegungen ihres Kopfes zerstoßen. Sie schwimmen bald nach Nahrung herum, bald bleiben sie ruhig vor Anker liegen und wimpern sich mit ihrem Wimperkleide die Nahrung zu. Meist verschlucken sie dieselbe hastig mit bedeutenden Quantitäten Wasser, das der Vorderdarm rasch hinabstürzt bis zum Enddarm, während die Nahrung durch eine Art Reusenapparat im Mitteldarm angehalten wird und langsam oder bisweilen mit ruckweiser Bewegung, wie sie verdaut wird, dem After zu wandert. Die Tiere schwimmen aber immer nur nach vorn, können dabei allerdings rasche Wendungen ausführen. Von Sinnesorganen sind nur Tastapparate vorhanden.

Die Gastrotrichen scheinen Zwitter zu sein, doch konnte Zelinka niemals männliche Geschlechtsorgane finden. Die Individuen, welche ihre Eier ablegen wollen, suchen in Algenbündelchen oder leeren Schälchen von Muschelkrebschen geeignete Verstecke für die: selben, welche aber immer erst sehr sorgsam von allen Seiten betastet und gemustert werden. Die Eier selbst haben auf ihrer Schale allerlei Ankerapparate, Stacheln, mit Widerhaken versehene Säulchen und Pyramiden, durch welche sie fest verankert werden können.

Man kennt nur Süßwasserarten.

Zweite Klasse. Die Sternwürmer (Gephyrei).

Auch die Sternwürmer (Gephyrei) haben betreffs ihrer Systematik eine ziemlich bunte Geschichte hinter sich. Die älteren Naturforscher sahen in ihnen bald Ringelwürmer (Pallas), bald Seewalzen (Fabricius) oder gar Kratzer; Cuvier zählt sie zu den Echinodermen, aber schon Rolando (1821) betrachtet sie als Bindeglieder zwischen diesen und den Ringelwürmern, in welcher Anschauung ihm der französische Zoolog Quatrefages folgt, der die Klasse zuerst als Gephyrea (nach dem griechischen Wort für Brücke, also Brücken⸗ oder Verbindungstier) benennt.

Später hat man gelegentlich wohl einmal die Rädertiere oder gar, als man das Männchen von Bonellia näher kennen gelernt hatte, die Strudelwürmer für verwandt angesehen, gegenwärtig dürfte wohl ziemlich allgemein die Ansicht verbreitet sein, daß die Sternwürmer entartete Ringelwürmer seien. Selenka definiert die Klasse jo: „Anneliden mit degenevierter Segmentation und ohne äußere Gliederung, ohne Fußstummel und ohne Rückenkiemen. Das Gefäßsystem ist geschlossen, es find 1—3 (selten 6) Paar Segmentalorgane vorhanden. Selten finden sich zahlreiche Borsten, meist keine. Die Geschlechter sind getrennt.“

Continue reading
Page 27 of 170