Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die zahlreichen Gattungen weichen namentlich neben der Gesamtgestaltung des Leibes durch eine verschiedene Zahl der Füße und durch die Bildung der Ruderarme ab. Von ihnen gelten der gemeine Wasserfloh und der große Wasserfloh als die am weitesten verbreiteten Arten. Der Daphnia sehr nahe steht die abgebildete Gattung Acanthocercus. Durch Reduzierung der Schalen auf einen bloßen Brutraum erhalten die Gattungen Polyphemus und Bythotrephes ein eigentümliches Aussehen.
Wenn wir, auf das Verhältnis der Schale zum Körper Rücksicht nehmend, oben einige Gattungen in dieser Hinsicht „reduziert“ nannten, so ist dieser Ausdruck vielleicht nicht gut gewählt. Die Daphniden mit der Deszendenzlehre messend, wird man vielmehr das Richtige treffen, wenn man die Formen mit kleiner, „reduzierter“ Schale als diejenigen ansieht, welche die Ahnlichkeit mit ihren Vorfahren am getreuesten bewahrt haben. Hierin
bestärkt uns die Leibesbeschaffenheit einer der schönsten Daphniden, der Leptodora hyalina, welche, oberflächlich schon seit längerer Zeit bekannt, neuerdings durch Weismann gewissermaßen zum zweiten Male entdeckt wurde.
Das einige Millimeter lange Tierchen ist schlank und gestreckt, zeigt eine deutliche
Gliederung in Kopf, Brust und Leib, und der hintere Teil der sonst den Hinterkörper bergenden Schale läßt die letzten Hinterleibsabschnitte frei; die seitlich gestreckten äußeren Fühlhörner charakterisieren sich durch ihre Muskulatur und den Besatz mit Fiederborsten als Ruder; die nach vorn gestreckten Beine bilden einen Fangapparat. Da uns innerhalb der Klasse der Krebse wie in den anderen Tierklassen zahlreiche Beispiele zu dem sicheren Schlusse führen, daß das Zurücktreten der Körpergliederung eine im Laufe der Zeiten eingetretene Umwandlung bedeutet, so wird Weismann recht haben, wenn er die gegliederte schlanke Gestalt der Leptodora für ein konserviertes Erbteil der Vorfahren hält. Über ihre Lebensweise hören wir Weismann: „Obgleich erst von wenigen Forschern gesehen, scheint Leptodora hyalina doch ein sehr weites Verbreitungsgebiet zu besitzen und da, wo fie vorkommt, auch in Menge zu leben. Zwar kann sie, als vom Raube lebend, niemals in solchen Maf-sen auftreten wie die Tiere, von welchen fie sich ernährt, haupt: sächlich also Cyklopiden, doch führt sie schon P. E. Müller als häufig an, und ich selbst habe zwar manchmal vergeblich nach ihr gefischt, dafür aber auch = unter günstigeren Verhältnissen Leptodora hyalina. 12 mal vergrößert. über 100 Individuen in Zeit von 1—2 Stunden erhalten. Ich fischte meistens dicht unter der Oberfläche mit dem feinen Netze und halte die Ansicht von Müller, nach welcher sie überhaupt niemals in große Tiefen hinabsteigen soll, für richtig, und zwar deshalb, weil ihre geringe Ruderkraft eine so weite Reise als schwer ausführbar erscheinen läßt und jedenfalls nicht täglich zurückgelegt werden könnte. Dies müßte aber der Fall sein, wenn die Tiere, sobald sie von der Oberfläche verschwinden, in große Tiefen hinabstiegen; denn ich fand, daß sie während des Tages nur ausnahmsweise an der Oberfläche bleiben, nachts hingegen immer dort anzutreffen sind. Stärkeres Licht meiden sie offenbar, und bei hellem Sonnenschein kann man sicher sein, kein einziges Individuum an der Oberfläche zu finden. Auch bei Vollmond hatte ich regelmäßig nur eine schlechte Beute, die beste bei trübem Wetter oder in dunkeln Nächten. |
„Übrigens könnte diese Lichtscheu auch nur scheinbar fein, insofern die Cyflopiden, von denen die Leptodora lebt, ganz dieselben Eigentümlichkeiten im Auf- und Niedersteigen zeigen, und es also denkbar wäre, daß diese empfindlich gegen Licht wären und die Leptodora ihnen nur nachzöge. Daß Cyklopiden sehr stark durch Licht beeinflußt werden, läßt sich im Aquarium leicht feststellen, indem sich die Tierchen stets da sammeln, wo das Licht einfällt oder an sich einen starken Lichtreflex bildet. Direktes Sonnenlicht und zu scharfes diffuses Licht scheinen sie zu meiden. „P. E. Müller hat bereits die Kladoceren nach ihrem Aufenthalt in zwei Gruppen geteilt: pelagische und Uferformen; Leptodora gehört zu der ersten Gruppe, fie ist ihrem ganzen Körperbau nach auf das Schwimmen in reinem, von Pflanzen freiem Wasser angewiesen, und demgemäß findet sie sich nicht in der Nähe des Ufers, sondern, wenigstens im Bodensee, erst dort, wo der See tiefer wird. Sie rudert nur mit den Antennen, und zwar ruckweise, wie alle Daphniden, auch bringt sie sich nur langsam vom Flecke, und ihre große Durchsichtigkeit und deshalb fast vollständige Unsichtbarkeit mag für sie wohl Existenzbedingung sein, da sie zur Jagd auf Beute viel zu schwerfällig ist. Sie lauert auf ihre Beute und hat in dieser Hinsicht viel Ahnlichkeit mit der durch ihre Durchsichtigkeit berühmten Larve von Corethra plumicornis (einer Mücke), welche jedoch im Punkte der Unsichtbarkeit von ihr noch bei weitem übertroffen wird. „Gerade wie die Corethra-Larve, so liegt auch die Leptodora horizontal ausgestreckt ruhig im Wasser und harrt, bis ihr die Beute zwischen die aufgesperrten Fangbeine gerät. Während bei Corethra besondere hydrostatische Apparate, die großen Tracheenblasen, dem Körper die horizontale Lage sichern, ist bei Leptodora der Magendarm so weit nach hinten gerückt, daß er dem schweren Thorax und Kopf das Gleichgewicht hält. „Wie sehr das Tier nur auf das Schwimmen angewiesen ist, sieht man am besten an gefangenen Individuen. Sobald Algen oder Schmutzteile im Wasser sind, hängen sie sich an die Ruderarme der Leptodoren, die dann oft eine ganze Schleppe nach sich ziehen und dadurch am Schwimmen sehr gehindert werden. Trotzdem aber versuchen sie nie, sich der Füße zum Laufen oder Klettern zu bedienen, und nur im äußersten Notfall, wenn sie irgendwo festhängen, suchen sie sich mit dem Abdomen vorwärts zu helfen, indem sie die Spitze desselben bis unter den Kopf schieben, dort festhaken und dann gerade strecken. „Nur in ganz reinem Wasser dauern die Tierchen aus; deshalb gelingt es auch nicht, dieselben länger als 14 Tage im Aquarium zu halten, und auch während dieser Zeit pflegen sie zur Untersuchung unbrauchbar zu werden, weil Massen von Vorticellen sich an sie setzen und ihre Durchsichtigkeit zerstören. Nicht selten auch werden sie von einem Pilze (Saprolegnia) befallen, der durch die Haut nach innen wuchert und allmählich den Tod herbeiführt.“ Gefunden wurde Leptodora bis jetzt außer im Boden- und Genfer See auch in den dänischen und schwedischen Seen, bei Cahne und, um vollständig zu sein, im Bremer Stadtgraben. In Amerika kennt man sie aus dem Oberen See.
Nur wenige das Meer bewohnende Kladoceren sind bisher bekannt geworden.
Die Würmer.
Die Würmer.
Dem Kreise der Wirbeltiere und Gliederfüßer reiht sich als dritter der der Würmer (Vermes) an. Kein Tierkreis hat eine so bewegte Geschichte, und von keinem ist sie auch in der Gegenwart noch jo wenig abgeschlossen wie von diesem. Einerseits hat man seit Linnés Zeiten allerlei Formen abgebröckelt, anderseits aber auch wieder allerlei hinzugefügt und noch zur Zeit ist kein Typus der Wirbellosen weniger in sich abgeschossen, und es ist von keinem schwieriger, eine gemeinsame Charakteristik zu geben, als von dem der Würmer. Was man nirgends sonstwo von Tieren unterzubringen wußte, hat man seit je unter die Würmer gesteckt. Wie haben sich doch seit Linné die Zeiten geändert! Damals lernte man, daß es sechs Tierklassen gäbe: Säuger, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und — Würmer. Was war nicht alles in diesen großen Topf „Würmer“ hineingeworfen! Und wie sicher wußte man, daß die Würmer „ein Herz mit nur einer Kammer, ohne Vorkammer besäßen, kaltes, weißliches Blut und keine Fühlhörner, sondern bloß Fühlfäden“. Auf Regenwurm, Schnecke, Seestern, Polyp mußten jene Worte passen. Auch in dem System Cuviers sind die Würmer eine sehr verwundbare Stelle. Eine Abteilung, die Gliederwürmer, deren Körper unverkennbar aus Ringeln zusammengesetzt ist, reihte er an die Gliederfüßer und nannte die so gebildete Tiergruppe Gliedertiere; die anderen, Eingeweidewürmer und dergleichen, verwies er zu den Strahltieren, zu denen nur einzelne verborgene und höchst problematische Beziehungen obwalten.
Die Urtiere, Hohltiere, Stachelhäuter, Weichtiere und zusammen die Salpen und See: scheiden bilden jetzt besondere Tierkreise; das Lanzettfischchen (Limax lanceolata bei Pallas) ist als am tiefsten stehendes Wirbeltier erkannt, der Inger (Myxine glutinosa), den Linns gleichfalls zu den Würmern stellte, hat sich als ein merkwürdiger Fisch aus der Gruppe der Rundmäuler entpuppt. Auf der anderen Seite sind die lange erst als Infusorien, dann als Gliederfüßer angesehenen Rädertiere und die Armfüßer, die während mehrerer Jahrhunderte als Muscheln galten, unter die Würmer versetzt worden, und man hat versucht, ihnen die Moostierchen folgen zu lassen.
Ebenso schwankend sind die Meinungen über die verwandtschaftlichen Beziehungen der einzelnen Wurmklassen zu einander und des ganzen Kreises zu den anderen Tierkreisen. Man hat, indem man sich wieder auf den Cuvierschen Standpunkt stellte, die Analogie gewisser Würmer mit den Gliederfüßern, anderer mit den Quallen betont. Nein, sagt ein anderer, die nächsten Verwandten sind die Stachelhäuter, gewissermaßen aus Verwachsung hervorgegangene Wurmkolonien. — Weit gefehlt! meinen die dritten, die nächsten Beziehungen bestehen zwischen Wirbeltieren und Würmern, und zwar Ringelwürmern. Ein Vierter und Fünfter lassen die Ansicht näherer Verwandtschaft zwischen Wurm und Wirbeltier
gelten, aber der eine von ihnen sieht in den Schnurwürmern (Nemertini), der andere gar in den Pfeilwürmern (Sagitta) die verbindenden Glieder.
Eine andere Hypothese stützt sich auf die unbestreitbare Ahnlichkeit, welche zwischen den Larven von vielen Moostierchen, Ringel-, Stern- und Strudelwürmern und Mollusken sowie den ausgebildeten Rädertieren existiert, und nimmt als Ahnen der ganzen Gesellschaft ein rädertierartiges Geschöpf, die Trochophore, an. Freilich wird dabei vorausgesetzt, daß es unmöglich sei, daß Larven sehr verschiedener Tiere durch weitgehende Ahnlichkeit in der Lebensweise auch in ihrer Organisation eine weitgehende Ahnlichkeit erlangen könnten. Eine Voraussetzung, der man untrügliche Richtigkeit doch keineswegs zusprechen kann.
Mit dem Worte Wurm verbindet jedermann die Vorstellung eines seitlich symmetrischen, mehr oder weniger gestreckten Körpers, welcher bald walzenförmig ist wie beim Regenwurm, bald eine ausgeprägtere, platte Bauchseite hat wie beim Egel, bald völlig platt ist, wie wir an den Bandwurmgliedern sehen. Im allgemeinen find die Hautbedeckungen von weicher Beschaffenheit, und sehr allgemein sind wenigstens in einer gewissen Lebensperiode gewisse Stellen der Oberfläche mit Flimmerhärchen versehen. Der Mangel dieser mikroskopischen Organe bei allen Insekten, Spinnen, Tausendfüßern und Krebsen gegen: über den so reichlich damit ausgestatteten Würmern ist sehr bemerkenswert. Unmittelbar mit der Haut pflegt ein zusammenhängender Schlauch der Quere und Länge nach sich kreuzender Muskeln verbunden zu sein. Die Zusammenziehungen des Körpers, die schlängelnden Schwimmbewegungen, die Bewegungen einzelner Körperabschnitte, z. B. der Hautstummeln, auf denen die Borsten stehen, werden von diesem Hautmuskelschlauch und seinen Teilen besorgt, und es beruht die Möglichkeit dieser Bewegungen darin, daß nicht, wie bei den Gliederfüßern, die Hautbedeckungen zu einem Skelett verhornen. Daß ein Wurm keine Beine hat, mit diesem wichtigen Charakter ist auch der Laie befreundet. In Abwesenheit derselben schlängelt eben der Körper, einige Würmer mit horizontalen Wellenbewegungen gleich den Schlangen, andere, z. B. die Egel, mit vertikalen. Auch bedienen sich viele Würmer beim Kriechen stummelartiger Hervorragungen der Haut und des Hautmuskelschlauches, in welche einzelne Borsten oder ganze Borstenbündel eingepflanzt find. Endlich treten Saugnäpfe als Hilfsbewegungsorgane bei parasitischen und frei lebenden Würmern auf.
Wenn der Wurmkörper eine Gliederung zeigt, so ist dieselbe von der der echten Glieder: füßer dadurch wesentlich verschieden, daß diese Glieder gleichförmig (homonom) sind. Die anfänglich bei den Gliederfüßern als gleichförmig auftretenden Segmente sind im fertigen Tiere sehr verschieden ausgebildet, nach dem Prinzip der Arbeitsteilung. Die niedrige Stellung selbst des gegliederten Wurmes offenbart sich in der nicht oder weniger durchgeführten Arbeitsteilung und damit verbundenen Gleichförmigkeit der Körperglieder. Beim Insekt folgen hinter dem Kopfe die Brustsegmente, welche vorzugsweise die mächtigen Beinund Flügelmuskeln beherbergen, und dann kommen jene Leibesglieder, in welchen der größte Teil des Darmkanales und die Fortpflanzungsorgane ihren Platz finden. Zu dieser scharf ausgeprägten Trennung in verschiedene Körperabschnitte hat sich der Wurm nicht aufgeschwungen, oder noch richtiger müssen wir wohl sagen, soweit er sich dazu aufgeschwungen hat, ist er allmählich zum echten Gliederfüßer geworden.
Das Nervensystem der höheren Würmer ist von demjenigen der Gliederfüßer nicht zu unterscheiden, sobald man nur von jenem äußersten Zusammenziehen der Bauchganglienkette absieht, welche mit der Konzentration des Körpers bei Krabben, Spinnen ꝛc. Hand in Hand geht. Zahlreiche niedere Würmer besitzen nur einen oder zwei Nervenknoten in der Nackengegend mit zwei davon abgehenden, längs des Bauches verlaufenden Nerven. Die Sinneswerkzeuge, namentlich die Augen, sind in dem Maße entwickelt, wie die Lebensweise der betreffenden Würmer eine mehr oder weniger freie und umherschweifende
ist. Wie bei den Höhlen bewohnenden Käfern und Krebsen eine Verkümmerung des Gesichtes Platz griff, haben auch die in das Innere anderer tierischer Organismen sich zurückziehenden Würmer mit dem Bedürfnis den normalen Bestand der Sinneswerkzeuge verloren.