Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
haben, oder denen man denselben leicht künstlich erteilen kann, da das Wasser eine Hauptsache bleibt, sowohl seines Daseins als seiner Beschaffenheit wegen. An solchen Stellen legt man nun gewöhnlich mehrere Blutegelkolonien an, die je voneinander durch 1 m breite Wege getrennt und außerdem so beschaffen sind, daß man sie mit Bequemlichkeit nach allen Seiten umgehen kann. Jede dieser Kolonien erfordert eine quadratische Grube von 3—5 m, deren Ufer etwa 1m hoch mit Rasen bedeckt werden und schief gegen den Boden geneigt sind. Diesen belegt man etwa 32 em hoch mit einem Gemenge von Thon und Moorerde. In der Mitte bringt man eine ½ m im Quadrat große Vertiefung an, um den Egeln in sehr trockenen Jahren hier eine letzte Zuflucht zu eröffnen. Wo die Natur nicht selbst die Regelung des Zu- und Abflusses übernimmt, thut man dies mittels hölzerner, mit einem feinen Siebe gesperrter Röhren, um durch jene das Entweichen der Egel zu verhüten. Vorteilhaft erscheint es, einige den Egeln, wie es scheint, angenehme Pflanzen zu setzen, z. B. einzelne Weidensträucher und hin und wieder eine Kalmuspflanze. Da nun die Kolonien angegebener Art ungefähr 6000 Egel fassen können und diese sich zum großen Teil längere Zeit darin aufhalten, somuß man auch für ihre Nahrung Sorge tragen, indem man kleine Fische und den Laich, am besten den des grünen Wasserfrosches, in den Teich thut, in dessen Ermangelung man Blut und dergleichen nehmen kann. Der Froschlaich an sich ist zwar zur Ernährung der Egel nicht tauglich, wohl aber die aus ihm entstehenden kleinen Kaulquappen und Frösche. Auf eine scheußliche Barbarei, die einige Blutegelzüchter ausüben, wurde kürzlich im Blatte des Tierschutzvereines aufmerksam gemacht. Man treibt dem Tode verfallene Pferde und Esel hinein, um Tausende von Egeln zu gleicher Zeit sich an ihnen letzen zu lassen. Sind jene jedoch zu ungebärdig dabei, so benutzt man Kühe. Da die Wasserdecke dieser Kolonien selbst im Winter nicht sehr hoch sein wird und daher gegen den Frost nur ein zweifelhafter Schutz ist, thut man unter allen Umständen gut, im Winter dieselben mit Tannenzweigen und Laub zu bedecken. Eine Vorsicht muß man noch bei Anlage dieser Kolonien beobachten, nämlich daß man sie nicht zu nahe an anderen Wassern anlegt, wo es leicht vorkommen dürfte, daß die Egel sich durch die Erde graben (2), um dann ihre Freiheit wieder zu erlangen. Erfahrungen stellen wenigstens fest, daß die Egel aus derartigen Kolonien, ohne daß sie eine Seuche ergriffen, verschwunden waren. Nach Landois besitzt oder besaß der Apotheker Engelsing in Altenberge bei Münster eine, wie es scheint, sehr rationell eingerichtete Blutegelzucht. Zur Fütterung der jungen Egel benutzt der genannte Herr Frösche, welche in einem lockeren Netze eingeschlossen in das Wasser gebracht werden. Um die Grausamkeit, lebende Säugetiere zur Ernährung der erwachsenen zu vermeiden, den Tieren aber doch die ihnen am meisten zusagende und für ihr Gedeihen förderlichste Kost zukommen zu lassen, füllt er flache hölzerne Tröge mit Flanelllappen, welche mit dem Blute frisch geschlachteter Säugetiere durchtränkt sind, und läßt dieselben auf den kleinen Kunstteichen schwimmen, wo sie sofort von den Egeln angenommen werden. Eine solche Fütterung braucht nur einmal im Jahre zu erfolgen. Engelsing sorgt noch dafür, daß der Stand des Wassers in den Zuchtbehältern das ganze Jahr hindurch der nämliche bleibt, namentlich nicht steigt, denn sonst würden die Eikokons der Egel, welche etwa 10—15 em über dem Wasserspiegel in den künstlich hergerichteten, mit Rasen bedeckten und mit lockerem Torf ausgelegten Rändern abgelegt werden, unter Wasser geraten, was sie für nicht längere Zeit als 24 Stunden ertragen, ohne daß die Brut zu Grunde geht. Bei der Aufbewahrung der Blutegel zum Handgebrauch ist zu beobachten, daß man sie am besten in einem weiten Cylinderglase hält, welches man bis zu einem Dritteil oder etwas darüber mit weichem Flußwasser anfüllt und mit Leinwand überbindet. Das
Wasser wird nur gewechselt, wenn man Zeichen seines Verderbens wahrnimmt, und dann hat man für eine möglichst gleiche Temperatur des frischen Wassers zu sorgen. Im Winter soll diese Temperatur nur wenige Grade über Null, im Sommer gleich der des fließenden Wassers sein. i Von der Einrichtung eines Behälters für eine größere Menge wollen wir uns wenigstens eine Methode erzählen lassen. Man nimmt ein Faß aus weichem Holze, welches vermittelst eines senkrechten, mit verschiedenen Löchern durchbohrten Brettes in zwei gleiche Abteilungen geteilt wird. Die eine Abteilung füllt man nun ungefähr 15 em hoch mit einem Gemisch aus Lehm und Torferde oder mit Rasen und begießt sie mit so viel Wasser, daß diese nicht nur vollkommen damit durchdrungen sind, sondern dasselbe auch in der leergelassenen zweiten Abteilung einige Zentimeter hoch steht. An dieser Seite des Fasses wird möglichst unten ein mit einem Korke verschlossenes Loch angebracht, aus welchem man von Zeit zu Zeit das Wasser zieht, um es durch neues zu ersetzen. Hierauf thut man die Egel, deren ein Faß von mäßiger Größe bis zu 1000 Stück fassen kann, in dasselbe und verschließt es dann mit einem Stück Leinwand.
Die beste Zeit, um den Egel zum Zwecke einer längeren Aufbewahrung zu fangen, ist der Herbst, wo die Egel am kräftigsten und gesündesten sind. Ferner kann man auch im Frühling gefangene, wenn auch mit verringerter Sicherheit, dazu benutzen. Ganz zu verwerfen sind indes solche, die während des warmen Sommers gefangen sind, da sich dieselben weder für den Transport, noch für eine längere Aufbewahrung eignen. Was nun den Fang der Egel an sich selbst betrifft, so geschieht derselbe, indem die Fänger mit bloßen Beinen in das von den Egeln bewohnte Wasser gehen und durch Umrühren des Untergrundes und auf andere Weise sie soviel wie möglich beunruhigen. Hierdurch kommen die Egel zum Teil an die Oberfläche des Wassers und können dann leicht mit der Hand oder mit einem sehr feinmaschigen Netze gefangen werden; oder sie setzen sich zum anderen Teil an die nackten Füße der Fänger, von denen sie dann mit der nötigen Vorsicht für die Saugorgane abgenommen werden. Diejenigen, welche sich schon wirtlich angesogen haben, was aber nicht häufig geschieht, sind zu verwerfen. Sind nun eine größere Anzahl Egel gefangen, so handelt es sich um den Transport derselben nach jenen Gegenden, in denen sie teils nicht vorkommen, teils schon ausgerottet sind, wobei die größte Vorsicht beobachtet werden muß.
Nach Deutschland gelangt der größte Teil der Egel aus Polen, von den Grenzen Rußlands, aus Ungarn und der Türkei. Die als die beste anerkannte Art ihres Transportes besteht darin, daß man nicht allzu viele Egel in die stets angefeuchteten leinenen Säckchen thut, und diese auf Hängematten legt, die auf einem in guten Federn ruhenden und nach allen Seiten verschließbaren Wagen befestigt sind. Von den größeren Handlungen in Deutschland nach nicht zu entfernt liegenden Verbrauchsorten transportiert man sie, indem sie zu 1— 2 Schock in ein leinenes Säckchen gethan werden, welches, von feuchtem Moose umgeben, in einem mit feinen Löchern durchbohrten Kistchen liegt.
Die in Europa gebräuchlichen Blutegel werden zwar in zwei Hauptarten, jede mit einigen Unterarten und Varietäten, unterschieden, den medizinischen oder deutschen
Blutegel (Hirudo medicinalis) und den offizinellen oder ungarischen (H. officinalis), aber abgesehen davon, daß anatomische Kennzeichen für die Verschiedenheit dieser Arten nicht gefunden werden können, gehen auch die Varietäten ihrer Färbung so ineinander über, daß die vermeintlichen Spezies und Unterspezies nur eine einzige wirkliche Art bilden. Die Hirudo medicinalis genannte Varietät hat einen schwarz gefleckten, zuweilen fast ganz schwarzen Bauch, und ihr Vaterland erstreckt sich über den größten Teil von Europa. indem sie in Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden, Rußland und England
gefunden wurde. Die andere Hauptvarietät, H. officinalis, hat einen olivengrünen, ungefleckten Bauch und gehört dem südlichen und südöstlichen Europa an. In ungeheuern Mengen lebt dieser Egel in den ausgedehnten Sümpfen bei Esseg in Slawonien.
Auch außerhalb Europa leben eine Reihe von Arten von Hirudo, welche gleichfalls zum medizinischen Gebrauche sich eignen. So findet sich in Algerien und der ganzen Berberei die H. troctina. Sie werden besonders im nordwestlichen Marokko regelmäßig gefangen und über Gibraltar nach England und Südamerika ausgeführt. In den französischen Besitzungen am Senegal bedient man sich der kleinen H. mysomelas, die fon: traktlich von den Negern an die Spitäler abgeliefert werden. Wiederum in Indien, in Ponditscherri, hat man eine dort einheimische Art, H. granulosa, zur Verfügung. Sie sind jedoch etwas kolossal und beißen 1 4 1 so stark zu, daß man oft Mühe hat, die Blutung zu stillen. Auch Nordamerika hat einige einheimische Arten.
Ein gleich ausgedehntes Ber: breitungsgebiet hat der Pferdeegel (Haemopis vorax), mit weniger flachem, an den Rändern nicht scharf gesägtem Leibe und stumpferen Zähnen. Auch kennzeichnet ihn seine dunklere, fast schwarze Farbe; die Längsbinden auf dem Rücken fehlen, die Seiten sind mit einer gelben Linie eingefaßt. In Nordafrika werden diese Tiere zu einer furchtbaren Plage für Pferde und Rinder, worüber der französische Arzt Der medizinische Blutegel (Hirudo medieinalis):1) von oben, 2) von Guyon genauere Mitteilungen der Seite, n Ae le geöffnete Schlund, ; „ vergrößert. gemacht hat. Bei einem Ochsen fanden sich 27 Stück im Maule, der Rachenhöhle, im Kehlkopf und in der Luftröhre. Noch 2 Stunden nach dem Tode des Ochsen hafteten fie an ihm und sogen eifrig Blut, den Kopf abwechselndin eine der zahlreichen Wunden senkend, die jeder einzelne Egel gemacht. Wenn es daher auch nicht buchstäblich zu nehmen ist, was das Volk sagt, daß sechs dieser Egel ein Pferd zu töten im stande seien, so können sie ihm wenigstens Todesqualen verursachen. Er wird oft mit einer mit ihm zusammenlebenden Gattung und Art, Aulacostomum gulo, verwechselt, deren schwärzlich grüner Körper sich nach vorn sehr verjüngt, deren Zähne noch sparsamer und stumpfer sind, und deren Magen nur am Ende ein Paar enge Blindsäcke hat. — Aus dieser Familie ist der häufigste Bewohner unserer Teiche und vieler fließender, schilfbewachsener und mit den Blättern der Teichrose bedeckter Gewässer, Nephelis, ein 5 em lang werdender Egel mit flachem Körper und undeutlicher Ringelung, vier Paar Augen und zahnlosem Schlunde, der sich neben animalischer auch von pflanzlicher Kost ernährt. Daß die jüngeren, rötlich durchschimmernden Exemplare der Nephelis vulgaris sich besonders gut zur Beobachtung des Blutlaufes eignen, wurde oben erwähnt. Bemerkt sei noch, daß sich die Blutegel weder freiwillig durch Teilung fortpflanzen, noch daß künstlich geteilte zu Individuen auswachsen, und daß sie verlorene Teile überhaupt nicht wieder zu ersetzen scheinen. Bedeutungsvoll dürfte es gleichwohl sein, daß R. Leuckart
einen Blutegel über 1 Jahr besaß, welchem der Kopf abgeschnitten war, und der trotzdem nach Berührungen munter umherschwamm.
Wir können dieses Kapitel nicht würdiger schließen, als mit der Schilderung jener kleinen verrufenen Blutsauger Ceylons, von welchen Schmarda in seiner „Reise um die Erde“ folgendes mitteilt. „Die Plagen, welche die Schaben und Mücken verursachen, find nichts gegen die viel größere, die den Wanderer überall verfolgt; denn in den Wäldern und Wiesen wimmelt es von kleinen Landblutegeln; es ist die Hirudo ceylonica älterer Berichterstatter. Sie leben im Grase, unter abgefallenen Blättern und Steinen, auch auf Bäumen und Sträuchern. Sie sind äußerst schnell in ihren Bewegungen und müssen ihre Beute schon aus einiger Entfernung wittern. Sobald sie einen Menschen oder ein Tier wahrnehmen, kommen sie aus der ganzen Nachbarschaft und stürzen sich auf ihre Beute. Das Aussaugen des Blutes merkt man oft kaum. Nach einigen Stunden sind sie vollgesogen und fallen dann von selbst ab. Die Eingeborenen, welche uns begleiteten, bestrichen solche Stellen mit Atzkalk, den sie in ihrer Betelbüchse mit sich führen, oder mit dem durch Betel und Kalk scharf gewordenen Speichel. Ich fand es natürlich, daß eine heftige Entzündung darauf eintritt, und erklärte mir leicht die tiefen Geschwüre, welche viele von den Eingeborenen an ihren Füßen haben. Viele betrachten den Saft einer Zitrone (Citrus tuberoides) als ein Spezifikum. Alle diese Dinge find recht gut, um durch Betropfen die Blutegel zum Abfallen zu bringen, müssen aber in der Bißwunde Reizung hervorbringen. Besonders unangenehm ist es, daß die Blutegel solche Stellen am liebsten aufsuchen, wo ihre Vorgänger schon eine gute Weide gefunden haben, da die entzündete, mit Blut unter: laufene und wärmere Haut sie lockt. Um sich gegen den Angriff dieses kleinen, aber fürchterlichen Feindes zu sichern, ist es unabweislich, besonders die Füße zu schützen. Dies geschieht durch lederne oder dicke, wollene Strümpfe, welche man über die Beinkleider an-zieht und unter dem Knie festbindet. Wir fanden die letzteren ausreichend und bequemer, führten jedoch immer ein Reservepaar mit, da sie sehr leicht im Dickicht zerreißen oder beim Gehen durchgerieben werden. Ich fand sie am Bunde oft zu Dutzenden sitzen, bemüht, durchzudringen. Während des Marsches litten wir viel weniger, am wenigsten leidet der erste in der Reihe. Haben die Blutegel einmal Witterung, so fallen sie die Nächstfolgenden um so gieriger an. Selbst bei aller Vorsicht hatten wir sie bald im Nacken, in den Haaren oder am Arme, da sie nicht nur im Grase und Laube, sondern auch auf Bäumen leben, von denen sie sich auf die vorübergehenden Menschen oder Tiere herabfallen lassen.“